Einer der gegenwärtig bekanntesten fiktiven europäischen Ermittler der Neuzeit dürfte sicherlich Kurt Wallander sein, der von dem schwedischen Schriftsteller und Theaterregisseur Henning Georg Mankell (* 3. Februar 1948 in Stockholm; † 5. Oktober 2015 in Göteborg) erfunden und in zwölf Romanen niedergeschrieben wurde. Die Besonderheit an Mankells Wallandergeschichten ist dabei, dass sein Protagonist als normaler Mensch dargestellt wird, der Höhen und Tiefen durchlebt, in einer sich ständig veränderten Welt; einen Menschen, der sich weiterentwickelt, eine Evolution durchlebt, die manchmal in finstere Abgründe führt. Dem Helden haftet etwas Schwermütiges an, seine Romane lassen seine Leserschaft eigentlich nie zufrieden zurück. Happy End können andere, Kurt Wallander kann Menschlichkeit.

Die Wallandergeschichten wurden 1995 mehrmals filmisch aufbereitet, zuletzt bei Netflix mit “Der junge Wallander”. Die Filmreihe der BBC (2008–2016) sticht dabei besonders hervor. Das liegt unter anderem daran, dass sich die Filme weitgehend an die jeweilige Romanvorlage halten (natürlich gibt es Abweichungen, aber diese sind nachvollziehbar), aber auch an dem britischen Hauptdarsteller Sir Kenneth Branagh.

Branagh hat in so vielen bekannten Filmen mitgespielt, dass eine kurze Aufzählung ihm kaum gerecht wird. Aber vielleicht sorgt die Nennung einiger Titel dafür ungefähr zu begreifen, wie vielseitig dieser Mann ist: “Viel Lärm um Nichts” (1993), “Harry Potter und die Kammer des Schreckens” (2002), “My Week with Marilyn” (2011) und “Mord im Orient Express” (2017). Branagh war bisher auch schon fünf mal für einen Oscar nominiert, er wurde von Königin Elisabeth II: zum Ritter geschlagen und erhielt 2017 den International Emmy Award für “Kommissar Wallander”.

Edel Motion hat nun begonnen die Filmreihe auf DVD herauszubringen. Den Auftakt macht dabei Staffel 1 mit den ersten drei Fällen Wallanders: “Die falsche Fährte”, “Die Brandmauer” und “Mittsommermord”. Alle drei Filme haben hervorragende Eröffnungen, jene aus “Die Brandmauer” ist sogar ziemlich heftig und nichts für schwache Nerven. Kein Wunder, dass auch Wallander daran zu knabbern hat. Die Kriminalfälle sind zudem auch recht komplex und es braucht seine Zeit, bis Wallander und somit auch seine Zuschauer langsam die Zusammenhänge erkennen, die dann zur Lösung führen. Bis dahin gibt es jedoch einiges an Drama zu erleben und zu überstehen.

Die ersten beiden Fälle scheinen auf den ersten Blick wenig mit Wallander persönlich in Verbindung zu stehen. Doch im Mittelpunkt befinden sich jungen Menschen, vor allem junge Mädchen. Wallander, Vater einer Tochter im ungefähr gleichen Alter, kommt nicht umhin die Sache sehr, vielleicht sogar zu persönlich zu nehmen. Sein Versuch, in einem Sturm seiner persönlichen Dämonen Halt zu finden, ist dann auch noch zum Scheitern verurteilt. Und leider auch noch mehr.

Wallander, seelisch bereits stark angeschlagen, wird nicht nur mit einem bizzarren Mord an jugendlichen Erwachsenen konfrontiert, sondern erlebt zudem in seinem Kollegenkreis eine Tragödie, die ihm den Teppich unter den Füßen wegzieht. Und erneut ist eine junge Frau involviert, die ihn irgendwie an seine Tochter erinnert, zu der Wallander ein eher ambivalentes Verhältnis hat. Und auch wenn sich Wallander der Lösung Schritt für Schritt nähert, gibt seine persönliche Abwärtsspirale hier ordentlich Gas. “Kommissar Wallander” ist nichts für Krimifans, die eine seichte und lockere Art der Unterhaltung wünschen. Dafür geht einem das Schicksal der Hauptfigur zu schnell unter die Haut und krallt sich dort fest.

Und das liegt vor allem an der schauspielerischen Leistung von Kenneth Branagh, der seine Rolle überzeugend und menschlich spielt. Wallander steht im Mittelpunkt der Filme – und daran lässt Branagh keinen Zweifel aufkommen. Seine Darstellung ist omnipräsent, allen anderen Darstellern wird nur wenig Platz eingeräumt, um sich zu entfalten. Das ist diesen vielleicht beruflich gegenüber etwas unfair, macht die Geschichten und ihre Hauptfigur aber umso prägender und spannender. Wallander ist die Sonne (wenn auch eine sich langsam verdunkelnde und wohl irgendwann kollabierende) und alles andere dreht sich um ihn. Einzig die tollen Kulissen und Drehorte können hier vielleicht mithalten, die Schweden und seine grandiose Landschaft gelungen einfangen. Kein Wunder, wurde doch an Originalschauplätzen in und um die Kleinstadt Ystad gedreht.

“Kommissar Wallander – Staffel 1” ist der gelungene Auftakt zu einer grandiosen Kriminalreihe.

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Kommissar Wallander – Staffel 1

Alterseinstufung : Freigegeben ab 16 Jahren
Regisseur : Philip Martin, Niall MacCormick

Studio : Edel Germany GmbH
Medienformat : Dolby, PAL
Seitenverhältnis : 16:9
Laufzeit : 4 Stunden und 30 Minuten
Erscheinungstermin : 27. November 2020
Untertitel: : Deutsch
Sprache, : Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Darsteller : Kenneth Branagh, Sarah Smart, Sadie Shimming, Tom Hiddleston, Richard McCabe