2020 hätte das große Jahr der Black Widow werden sollen, mit einem gewaltigen Impact im April durch Marvels großen Black-Widow-Kinofilm der den Fans das liefern sollte, wonach sie seit Jahren lechzen: Natasha Romanova (also die Black Widow) in feinster Solo-Action. Doch die Welt ist derzeit eine andere und der Film verschoben auf den November 2020 (falls er dann tatsächlich irgendwo und irgendwie kommt). Im Aprilschatten des Marvel-Blockbusters kündigte Panini Comics einige tolle Publikationen an. Zum Glück für die Fans (wahrscheinlich aber weniger fürs Marketing), sind diese erschienen. Die beiden wichtigsten sind dabei die “Black Widow Anthologie” und “Marvel Knights: Black Widow – Tödliche Schwestern”. Ersterer Titel enthält grundlegende Storys aus dem Leben von Natasha Romanova und Sachartikel, letzterer Titel bietet drei besondere Geschichten, die sich vor allem um die neue Black Widow drehen: Yelena Belova. Diese Geschichten sind sehr intensiv, beleuchten die Verbindung der beiden Frauen und zeigen auf, wer und was Yelenas Charakter formte. Mit anderen Worten: Hier erwartet den Fan geiler und tiefgründiger Schreiß!

Die Comics aus der Marvel-Knights-Reihe richten sich verstärkt an ein erwachsenes Publikum. Die Altersempfehlung Paninis (14–17 Jahre) ist also durchaus angebracht. Einige Szenen, natürlich handelt es sich vorwiegend um Gewalt und harte Worte, sind recht explizit. Und die letzte Story des Sammelbands hat noch einen ganz eigenen Dreh. Doch von vorne.

Den Einstieg bildet “Tödlicher Wahnsinn” (Black Widow (1999) vol. 1, #1–3). Der Text stammt von Davin Grayson (die vor allem aus dem Batman-Comicuniversum bekannt ist) und die Zeichnungen von J. G. Jones. Dave Kemp erledigte die Farbarbeiten. Yelena Belova tauchte 1999 bereits bei “Inhumans” (vol. 2, #5) auf, aber erst in dieser Miniserie aus dem gleischen Jahr wurde sie vollwertig eingeführt.

In der Geschichte verschlägt es die Black Widow nach Raphastan, um im Fall einer gefährlichen Biowaffe zu ermitteln. An sich das normale Spionagegeschäft, aber gleichzeitig heftet sich ein Schatten an Natashas Fersen, die neue Black Widow. Die Auseinandersetzung der beiden Frauen, die sich vielleicht ähnlicher sind, als sie glauben, ist eine spannende Sache und stellt den eigentlichen Auftrag dann doch hinten an.

Das Verhältnis zwischen Natasha und Yelena wird dann in der Story “Identität” (Black Widow (2001) vol. 2, #1–3) noch intimer. Die Black Widows tauschen ihr Antlitz … und während sich die Romanova als Puppenspielerin in Szene setzt, wird die Belova in eine Identitätskrise gestürzt, die es in sich hat. Und, o ja, nicht vergessen, am Rande taucht sogar Daredevil auf. Geschrieben wurde die Story von Davin Grayson und Greg Rucka, Zeichnungen und Kolorierung stammen von Scott Hampton.

Den Abschluss des Sammelbandes bildet “Blasse kleine Spinne” (Black Widow: Pale little Spider (2002) #1–3). Greg Rucka (Daredevil, Wolverine, Punisher) schrieb die Story, Igor Kordey machte die Zeichnungen (unter anderem bekannt für X-Treme X-Men) und Chris Chuckry (Daredevil, Spider Man und viele andere) sorgte für die passenden Farben. Diesmal geht es um eine Mordermittlungen im Herzen Moskaus, die in einen Nachtclub der besonderen Art führt. Besonders ist hier auch, dass Natasha keinen Auftritt hat und sich die Story vor allem auf Yelena konzentriert, die im Schatten ihrer berühmten Vorgängerin noch immer versucht die neue Black Widow zu werden. Dabei ist die Handlung hier besonders düster und entwickelt nach hinten raus eine dominante sexuelle Note. Harter Stoff, der aber gefällt und tief ins Yelenas Psyche und Ausbildung blicken lässt. Die körperliche Action wird dagegen ein Stück zurückgefahren.

Alle drei Geschichten sind hervorragend erzählt und machen großen Spaß. Dabei sind auch die unterschiedlichen Zeichen- und Farbstile hervorzuheben, die jede der Story unverkennbar machen. Ist die erste Story noch eher Hochglanzmarvel, erscheint die zweite Story impressionistischer, während der Abschluss klassisch, dunkel und düster ist. Hier dominieren vor allem die schweren Rottöne und die Schatten – der Story mehr als angemessen. Supergeil!

Die Geschichten wurden übrigens chronologisch nach ihrem Erscheinungsdatum angeordnet. Ich persönlich tendiere allerdings dazu, mit “Blasse kleine Spinne” den Auftakt zu bilden.

Neben den drei Comicstorys gibt es noch ein Vorwort, in dem Marvel Knights behandelt wird. Den Abschluss bildet eine Doppelseite mit Illus aus dem Sketchbook von J. G. Jones und ein paar Informationen über die Autoren und Zeichner. Im Band selber gibt es dann jeweils noch passende Coverbilder zu bewundern. Alles sehr schick.

“Marvel Knights: Black Widow – Tödliche Schwestern” ist eine gelungene Black-Widow-Anthologie, die großen Spaß macht und großartige Bilder hat. Es sollte aber klar sein, dass es hier eigentlich gar nicht um Natasha als Black Widow geht, sondern sich die Geschichten vor allem auf Yelena als neue Black Widow konzentrieren. Dahingehend ist der Titelzusatz “Tödliche Schwestern” auf den ersten Blick vielleicht etwas irreführend. Aber hey, auch Yelena Belova ist eine starke Figur mit einem starken Charakter. Und sie ist durchaus eine Black Widow – vielleicht sogar irgendwann die Black Widow.

Copyright (c) 2020 by Günther Lietz

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Marvel Knights: Black Widow – Tödliche Schwestern

Enthält: Black Widow (1999) 1–3, Black Widow (2001) 1–3; Black Widow: Pale little Spider (2002) 1–3

Panini Verlags GmbH; Auflage: 1 (7. April 2020)
Softcover; 204 Seiten
Paninis Altersempfehlung: 14–17 Jahre
ISBN-10: 3741616354
ISBN-13: 978-3741616358

Texte: Devin Grayson, Greg Rucka
Zeichnungen: Igor Kordey, J. G. Jones, Scott Hampton

Trailer zum geplanten Kinofilm!