Ein Klassiker des Kriminalfilms und der Kriminalgeschichte im Allgemeinen ist sicherlich Agatha Christies „Mord im Orientexpress“. Der Stoff wurde bereits mehrmals aufgegriffen und verfilmt, großartige Überraschungen sind in diesem Ensemblekrimi also kaum zu erwarten. 2017 wagte sich dann auch Kenneth Branagh an die Geschichte. Die Chance sich kreativ auszutoben und dem Klassiker neues Leben einzuhauchen, die nutzte er leider nicht. Also gibt es auch diesmal keine Überraschungen, im Gegenteil, orientiert sich Branagh doch an der Verfilmung aus dem Jahre 1974 – nicht nur in Aufbau und Kamera, sondern auch in der Zusammensetzung des Casts aus gegenwärtigen Stars der Filmbranche. Buhlen in anderen Filmen nur zwei oder drei großen Namen um die Gunst der Zuschauer, so donnert hier eine gewaltige Lawine an eindrucksvollen Leinwandpräsenzen auf den Zuschauer danieder. Wahrhaft profilieren kann sich dann jedoch niemand.

Branagh selbst führt nicht nur Regie, sondern schlüpft auch gleich in die Rolle des exzentrischen und genialen Detektivs Hercule Poirot. Dessen Marotten werden dann sogleich exzessiv und überzogen herausgestellt, stehen stellvertretend für den Rest des Films, der sodann Figuren und Handlung den Eindruck von Wichtigkeit gibt. Doch mehr als ein Eindruck bleibt leider auch nicht. Zudem versteigt sich Brannagh in die mannigfaltigen Möglichkeiten seiner Produktion und es gelingt ihm leider Kunst durch Künstlichkeit zu ersetzen. Kamera, Licht und digitale Kulissen sind derart poliert, dass es ihnen an Lebendigkeit mangelt. So ist der Film schön anzusehen, aber auch nur ein Bild und keine Geschichte.

Kurzweilig bleibt der Streifen dennoch, immerhin glänzt er durch Schauwerte und der Möglichkeit einer netten Kriminalgeschichte zu folgen. Wer diese noch nicht kennt, der mag sogar ein wenig miträtseln. Auch ist Branaghs Poirot zwar etwas schwergängig, hat aber auch seine Glanzmomente. Denn immerhin: gelegentlich versprüht er sogar Witz und Charme.

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Mord im Orient Express

Originaltitel: Murder on the Orient Express
Produktion: USA 2017
Originalsprache: Englisch; vereinzelt auch Französisch, Deutsch, Niederländisch
Länge: 114 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12

Regie: Kenneth Branagh
Drehbuch: Michael Green
Produktion: Ridley Scott, Mark Gordon, Simon Kinberg, Kenneth Branagh, Judy Hofflund, Michael Schaefer
Musik: Patrick Doyle
Kamera: Haris Zambarloukos
Schnitt: Mick Audsley

Besetzung: Kenneth Branagh (Hercule Poirot), Penélope Cruz (Pilar Estravados). Willem Dafoe (Mr. Hardman), Judi Dench (Fürstin Natalia Dragomiroff), Johnny Depp (Edward Ratchett), Josh Gad (Hector MacQueen), Derek Jacobi (Edward Masterman), Michelle Pfeiffer (Caroline Hubbard), Daisy Ridley (Mary Debenham), Lucy Boynton (Gräfin Elena Andrenyi/Helena Goldenberg), Sergei Polunin (Graf Rudolph Andrenyi), Olivia Colman (Hildegarde Schmidt), Marwan Kenzari (Pierre Michel), Leslie Odom Jr. (Dr. Arbuthnot), Manuel Garcia-Rulfo (Biniamino Marquez), Tom Bateman (Bouc)