Filmstart in Deutschland: 30. 05. 2019

Wer sich Abseits von Heidi Klum mit der Welt der Models und deren Inszenierung und Werdung interessiert, der wird unweigerlich zu dem deutschen Fotografen Peter Lindbergh finden, der als charmanter Visionär Topmodels wie Naomi Campbell, Linda Evangelista und Cindy Crawford nicht nur fotografierte, sondern regelrecht erschuf. Denn wie hoch bemisst sich der Wert eines Models, dass niemand wahrhaftig sieht? Und eben jene Wahrhaftigkeit ist es, die Lindbergh stets einzufangen wusste und weiß. Der Künstler Jean Michel Vecchiet hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, Peter Lindbergh zu Lebzeiten ein visuelles Denkmal in Form einer Dokumentation zu setzen.

Diese Dokumentation ist dabei kein simpler Lebenslauf, sondern konzentriert sich vor allem auf das Wesen Lindberghs und wie er zu dem Künstler wurde, der er nun einmal ist. Vecchiet richtet den Blick nicht auf das Leben, sondern auf die Person. Ebenso wie Lindbergh selbst, wagt er sich an die Inszenierung der Seele in ästhetischer Umverpackung. Doch im Gegensatz zu Peter Lindbergh, scheitert Jean Michel Vecchiet hier kläglich. Lindberghs visuelle Aussagekraft ist bereits derart monumental, dass dem Versuch sich auf gleicher Ebene an das Thema zu wagen, kein Erfolg beschieden ist.

Vecchiet versteigt sich leider, erstellt eine wirre Collage an Bildern und Szenen in schwarzweiß, die weder Spur noch Rhythmus aufweisen, der es leider nur gelegentlich gelingt das Wesen Lindberghs einzufangen und zu reflektieren. Somit kommt die Größe und der Charakter dieses großartigen Fotografen nicht richtig zum Tragen und hinterlässt “Peter Lindbergh – Women’s Stories” den Eindruck, Zeuge eines Fests der Eitelkeiten zu sein, denn zu sehen ist eigentlich nur die Oberfläche, nie der Kern.

Wobei hier natürlich auch zu trennen ist. Denn wer zuvor für Lindbergh ein Auge hatte, der kann Vecchiets Dokumentation vielleicht etwas abgewinnen. Zumal sie bei unscharfer Betrachtung einen hochwertigen Eindruck macht, solange der Fokus nicht neu eingestellt wird. Solange sind diese Bilder des Kaisers neue Kleider.

Doch nüchtern betrachtet, abseits von Champagner und Eitelkeit, bleibt nicht mehr als ein wirrer, gar verwirrender Konzeptfilm, der seinem eigenen Ziel kaum gerecht wird und sich sogar den meisten ARTE-Dokumentationen geschlagen geben muss. Schade.

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Peter Lindbergh – Women’s Stories

Original-Titel: Peter Lindbergh – Women’s Stories
Filmstart in Deutschland: 30. 05. 2019
Regie: Jean Michel Vecchiet
Länge: 113 Min
Mit: Peter Lindbergh, Naomi Campbell, Charlotte Rampling, Linda Evangelista, Cindy Crawford