Pontypool – Radio Zombie

Originaltitel: Pontypool (Kanada 2008)
Regie: Bruce McDonald
Drehbuch: Tony Burgess
Kamera: Miroslaw Baszak
Schnitt: Jeremiah Munce
Musik: Claude Foisy
Darsteller: Stephen McHattie (Grant Mazzy), Lisa Houle (Sydney Briar), Georgina Reilly (Laurel-Ann Drummond), Hrant Alianak (Dr. Mendez), Beatriz Yuste (Nancy Freethy), Tony Burgess (Tony/Lawrence), Boyd Banks (Jay/Osama), Hannah Fleming (Maureen/ Faraj), Rachel Burns (Colin/Daud), Laura Nordin (unheimliche Frau) u. a.
Label: MIG Film (www.mig-film-gmbh.com)
Vertrieb: Eurovideo
Erscheinungsdatum: 12.11.2009 (DVD u. Blu-ray)
EAN: 4009750239681 (DVD) bzw. 4009750390313 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 u. 2.0 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 95 min. (Blu-ray: 99 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Grant Mazzy ist der lederhäutige Veteran einer versunkenen Radio-Kultur, die noch nicht von Infotainment und manischer Moderatoren-Fröhlichkeit, sondern durch Sachkenntnis und den Willen zur diskussionsanregenden Provokation bestimmt war. Als Störenfried wurde der einstige Star-Moderator gefeuert und fristet nun sein berufliches Dasein bei einem Lokalsender in der kanadischen Kleinstadt Pontypool.

Im Untergeschoss einer ehemaligen Kirche treibt der unbelehrbare Mazzy am Mikrofon sein Unwesen und steht erneut kurz vor dem Rauswurf, als ausgerechnet am Valentinstag ein mysteriöses Virus die Bürger von Pontypool heimsucht. Wer von der Krankheit befallen wird, erstarrt geistig in der ewigen Wiederholung eines letzten Gedankens. Gleichzeitig werden die Opfer aggressiv. Sie fallen ihre Mitmenschen an und fressen sie, verhalten sich also wie Zombies, obwohl sie nicht sterben.

In ihrem Studio versuchen Mazzy, seine Produzentin Sydney Briar und die junge Assistentin Laurel-Ann Drummond verzweifelt, die bruchstückhaften Informationen zu einem Situationsbild zusammenzusetzen. Das kanadische Militär riegelt den Ort ab. Pontypool steht unter Quarantäne. Mazzy bleibt auf Sendung; er sieht seine große Stunde gekommen. Doch bald belagern Zombies das Studio. Laurel-Ann zeigt erste Anzeichen der Krankheit. Mazzy und Sydney müssen sich im Senderaum verbarrikadieren.

Der Arzt Dr. Mendez flüchtet sich ins Studio. Er konnte das Virus identifizieren: Es greift den Körper nicht direkt an, sondern verankert sich an gesprochenen Worten und dringt so in die Gehirne seiner Opfer ein. Ungewollt hat auch Mazzy seiner Verbreitung Vorschub geleistet. Er ist es auch, der ein Gegenmittel findet, doch inzwischen hat das Militär damit begonnen, den Seuchenherd Pontypool buchstäblich auszubrennen …

Was geht da draußen vor?

Die Idee ist bestechend – und zwar für beide Seiten: Der Filmemacher spart sich das Geld, die Apokalypse kostspielig zu bebildern, indem er nur über sie erzählen und sie sich dabei in den Gesichtern der Schauspieler widerspiegeln lässt. Gelingt dies, ist auch der Zuschauer fasziniert, der auf der Leinwand oder im Fernsehen schon so viele (und viel zu oft kümmerlich in Szene gesetzte) Weltuntergänge gesehen hat, dass er sich über eine ungewöhnliche Variante durchaus freut. Dritter im Bunde ist der Kritiker, der hoffnungsfroh Kunst wittert, wo Unterhaltung nicht einfach präsentiert, sondern aus dem Kontext gerissen und verfremdet als intellektuelle Herausforderung dargeboten wird.

Die Rechnung des ersten ging auf, der zweite ist nur bedingt begeistert, und der dritte schwärmte in den Medien so ausgiebig, dass „Pontypool“ bereits als Geheimtipp und Kultfilm gehandelt wird. Beides trifft nicht zu – leider, denn obwohl die Ausgangsidee interessant ist und mit guten Darstellern umgesetzt wird, geht dem Film aufgrund eines durchhalteschwachen und unentschlossenen Drehbuchs spätestens in der zweiten Filmhälfte die Luft aus.

Bis es soweit ist, hat sich definitiv herausgestellt, dass eine Zombie-Epidemie kein Ereignis ist, von dem man nur erzählt bekommen möchte. Wir wollen die gruseligen Unholde sehen, und als der Drehbuchautor sich nicht gar nicht mehr zu helfen weiß, tauchen sie tatsächlich auf. „Pontypool“ mutiert vom abstrakten Kammerspiel zum konventionellen Horrorfilm. Die bisher scharfe Charakterzeichnung der Figuren verschwimmt, nun müssen sie flüchten und Menschenfresser zusammenhauen.

Innen kann nicht ohne Außen sein

Als die Außenwelt sich Eintritt verschafft, verschwindet jener Isolationsfaktor, der „Pontypool“ bisher zu einem ‚anderen‘ Film gemacht hatte. Möglicherweise ist dies eine legitime Flucht nach vorn, denn die Geschichte begann schon vor dem leibhaftigen Erscheinen der Zombies spürbar zu holpern. (Anmerkung: Regisseur McDonald erklärte im Interview, dass die Virusinfizierten gar keine Zombies seien, was einerseits Sinn so macht, wie ihre ‚Entstehung‘ später interpretiert wird; andererseits fragt sich der Zuschauer natürlich, wieso diese „Konversionalisten“ – wieder McDonald – exakt so aussehen wie Zombies und sich genauso kannibalisch benehmen.)

Dabei hat Tony Burgess das Drehbuch nach seinem eigenen Roman („Pontypool Changes Everything“, erschienen 1998) verfasst und müsste deshalb am besten wissen müsste, welche Elemente der Geschichte zu wahren sind. Womöglich funktioniert manches im Buch besser. Die ‚Erklärung‘ der Viruserkrankung mag beschrieben eindringlicher wirken als ellenlang im Film vorgetragen.

Dass der Faktor Paranoia schwach ausgeprägt bleibt, liegt dagegen an einem Regisseur, der nie zu verschleiern vermag, ob eine Figur infiziert ist oder nicht. Wir Zuschauer wissen es in der Regel sofort, und den Belagerten geht es ebenso. Und wieso die Handlung den Tatbestand der „politischen Satire“ erfüllt, wie in einigen Rezensionen zu lesen ist, bleibt bei nüchterner Betrachtung vollends rätselhaft.

Demontage eines (Anti-) Helden

„Pontypool“ beginnt als Psychogramm eines Außenseiters, der im Abseits gestrandet ist. Als wir Grant Mazzy das erste Mal sehen, setzt er gerade seinen Agenten unter Druck, der ihm einen Job besorgen soll, den Mazzy, der einstige Star-Moderator, für angemessen hält. Aber er ist nicht nur geografisch am Ende und weiß es auch, weshalb er bereits zum Frühstück Whiskey in seinen Kaffee gießt. Trotzig inszeniert er die Selbstzerstörung und sich als Zyniker, der „keine Gefangenen macht“.

In dieser ersten Filmhälfte funktioniert „Pontypool“ vor allem, weil Mazzy eine interessante Figur ist, der Stephen McHattie glaubwürdig Gestalt und Leben verleiht. Seine zynische Seite wird in der deutschen Fassung (sicherlich nicht absichtslos) verstärkt, indem man ihn mit der Stimme von Dr. House, dem König der TV-Misanthropen, sprechen lässt. Mazzy mag ein gefallener Star sein, aber er hat sein Charisma nicht verloren.

Als die Ereignisse in Gang kommen, wird ihm durch das Drehbuch diese Position genommen. Mazzy fällt ins Glied derer zurück, die vor den Zombies flüchten. Später hat er den Einfall, der dem Virus seine Wirkung raubt, doch fällt dieser so dumm aus, dass man sich für Mazzy – der nur wiedergibt, was der Drehbuchautor ihm vorgab – fremdschämt. Seine ursprüngliche Dominanz ist verloren und er nur noch der übliche Horrorfilm-Held.

Originalität ist ein seltenes Gut

Gemeinsam mit Mazzy sitzen zwei Frauen erst im Studio und dann in der Falle. Sowohl Sydney als auch Laurel-Ann sind mehr oder weniger fasziniert von dem ‚einsamen Wolf‘, den Sydney günstig eingekauft hat, um ihren Winz-Sender mit einer bekannten Radio-Stimme aufzuwerten. Ansonsten ist Sydney unfriedlich geschieden und Mutter zweier Kinder, um die sie genretypisch tüchtig barmt, obwohl sie sich derzeit fern von Pontypool aufhalten. Laurel-Ann war trotz ihrer Jugend schon in Afghanistan, aber was sie dort getan hat, darf sie nicht sagen; es bleibt unklar, ob Drehbuchautor Burgess dies als Witz einfließen lässt.

Irgendwann ist bekannt, was wir über die drei Hauptfiguren wissen sollen. Leider hat sie uns dies kaum ans Herz wachsen lassen. Als sie in Gefahr geraten, äußert sich diese zunächst nur als schattenhafte Umrisse hinter Milchglasscheiben. Das mutet künstlerisch an (s. o.) und ist vor allem kostengünstig zu bewerkstelligen, wirkt aber buchstäblich billig. Endlich naht Dr. Mendez mit Informationen von außen, dann gibt die Eingangstür nach, die Zombies strömen herein, und der Film bekommt endlich wieder eine Handlung.

Weder optisch noch akustisch vermag McDonald keine Glanzpunkte zu setzen. Während ersteres nicht auffällt in einem Film, der ohnehin in einer kanadischen Winternacht sowie in einem fensterlosen und spärlich beleuchteten Studio spielt, verwundert letzteres, da „Pontypool“ so ausgiebig um das gesprochene Wort kreist – und diese Verwunderung schließt die im originalsprachige, d. h. nicht durch Synchronisation eingeebnete Fassung (mit Stephen McHatties eindrucksvoller Natur-Stimme) ein.

Was „Pontypool“ zu einem etwas anderen Horrorfilm machen sollte und anfänglich auch machen konnte, hat sich schnell verflüchtigt. Mit einer absurden Coda möchte McDonald dieses Rad zurückdrehen: Mazzy und Sydney sitzen in einer 1940er-Jahre Bar zusammen und trinken auf neue Abenteuer. Dies zu deuten bleibt dem Zuschauer überlassen – ein hübscher Trick, der aber kaum vergessen lässt, dass „Pontypool“ nur leidlich gelungenes Film-Experiment darstellt.

DVD-Features

Erstaunlich und ärgerlich: Noch der allerdümmste „Mockbuster“ prunkt mit Making-of, Interviews oder Kommentaren, aber zu „Pontypool“, diesem angeblich so außergewöhnlichen Film, gibt es keinerlei Extras.

P. S.: Das Cover der deutschen DVD zeigt keineswegs einen zum Zombie mutierten Grant Mazzie – Stephen McHattie sieht in natura tatsächlich so aus!

[md]

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