Obwohl “Wings of Honnêamise” als wichtiger Klassiker und Kultfilm des Animes gilt, und 1984 zudem zu Gründung des bekannten Studio Gainax führte, wirkt der Film heutzutage irgendwie aus der Zeit gefallen. Ein allgemeines Urteil zu fällen ist keine leichte Sache, kommt es bei “Royal Space Force – Wings of Honnêamise” verstärkt auf den eigenen Geschmack an – und dem Umgang mit kontroversen Themen und Szenen.

Die Geschichte spielt in einer Welt die zeitlich und technisch an das Japan der Vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts erinnern. Das Königreich Honnêamise verfolgt ein Raumfahrtprogramm und träumt davon, den ersten Menschen überhaupt in den Weltraum zu schießen. Das Projekt wird jedoch von Pleiten und Pannen überschattet, zudem stehen Traditionen und verbohrte Ansichten dem Erfolg im Wege. Ganz davon abgesehen, genießen die Mitglieder der Royal Space Force, die angehenden Raumfahrer, einen schlechten Ruf. Den haben sie verdientermaßen, denn keiner von ihnen besitzt den Ehrgeiz der nächste Pilot zu sein – denn die Raketen explodieren stets beim oder nach dem Start.

Ein Mitglied der Royal Space Force ist Shirotsugh Lhadatt. Sein Traum war es Pilot zu werden, aber Dank schlechter Noten reichte es nur für den Weltraum – und somit zum Bodenpersonal. An die Eroberung des Weltraums glauben nur die Wenigsten. Auch Lhadatt zählt dazu. Als er jedoch die tief religiöse Riquinni Nonderaiko kennenlernt – und sich zu ihr hingezogen fühlt – erwacht sein Ehrgeiz. Er meldet sich freiwillig. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem es tatsächlich ernst wird. Lhadatts neu entflammter Enthusiasmus trifft auf die ersten wirklichen Erfolge des Programms. Der Flug in den Weltraum scheint zum Greifen nahe.

Lhadatt wir nun in einen Strudel der Ereignisse hineingezogen. Er wächst zum Medienstar heran, was ihn zum Liebling der Leute aufsteigen lässt. Die Situation kippt allerdings, als das gemeine Volk plötzlich mit Einsparungen konfrontiert wird, während sich das Raumfahrtprogramm aus dubiosen Geldquellen speist. Zudem spekuliert die Führung des Königreichs Honnêamise darauf, mittels dem Projekt den Nachbarstaat zu blindem Aktionismus zu verleiten, der dann wiederum zum gewünschten Krieg führen soll. In all diesem Trubel versucht Lhadatt sich selbst, seinen Weg und die Liebe zu finden…

“Royal Space Force – Wings of Honnêamise” ist – vor allem aus heutiger Sicht – ein schon recht spezieller Film. Auf der einen Seite wirkt er meistens recht langsam erzählt, dabei gewinnen seine Figuren aber nicht unbedingt an Tiefe. Vor allem Lhadatt wird von der Handlung getrieben. Nur in wenigen Situationen fällt er selbst Entscheidungen. So bleibt am Ende ein nur recht episodenhaftes Stück, in dem mehr der Wettlauf in den Weltraum im Mittelpunkt steht, als die Personage. Gleichzeitig offenbart sich hier aber auch, mit dem Werkzeug der Parallelwelt, die japanische Sicht auf den einstigen Kampf der Großmächte um die Hoheit zwischen den Sternen. Das ganze wird mit einer offensichtlichen Hommage an “2001: Odyssee im Weltraum” gekrönt.

Zwar gibt es die ein oder andere rasante und humorvolle Szene, aber durch seine langsame Erzählung, durch seine Zeichnungen und Farben, richtet sich der Film an ein eher erwachsenes Publikum. Dazu trägt auch die religiöse Verbundenheit bei, die einige der Figuren auszeichnet und die für den Protagonisten schlussendlich auch prägend ist. Ein wichtiger Schlüsselmoment ist dabei eine Szene, die in der japanischen und deutschen Veröffentlichung der 1990er herausgeschnitten wurde, nun aber wieder vorhanden ist. In dieser kann Lhadatt nicht an sich halten und versucht Riquinni Nonderaiko zu vergewaltigen. Das ist schon harter Tobak. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass sich das Opfer – von ihrem Glauben geleitet – beim Täter entschuldigt. Das führt bei diesem, also Lhadatt, zwar zu einer Wandlung, wird aber ansonsten nicht weiter aufgearbeitet oder gar als verwerflich hingestellt. Spätestens hier sollte klar sein, dass der Film nicht in Kinderhände gehört.

Dank der Musik des oscarprämierten Komponisten Ryuichi Sakamoto (“Der letzte Kaiser”), gewinnt der Film zusätzlich an Atmosphäre. Dazu tragen auch die exzellenten Zeichnungen bei, die bereits den hervorragenden Stil von Gainax aufweisen. Wie bei diesem Studio üblich, sind die Hintergründe starr und nur die wirklich wichtigen Elemente werden in Bewegung gesetzt. Das ist zwar günstig und zeitsparend, allerdings wegen der Qualität der Zeichnungen einfach stimmig umgesetzt und schön anzuschauen.

Was den Film ebenfalls hervorhebt ist zudem die deutsche Synchronisation. Diese wurde einst von Splendit Synchron angefertigt und nun von Nipponart übernommen. Was soll man sagen, die Synchronisation ist weitgehend richtig schlecht. Da mangelt es einfach an Emotionen. Hier fährt “Royal Space Force – Wings of Honnêamise” deutliche Minuspunkte ein.

Unterm Strich ist es so, dass der Film vor allem Geschmackssache ist. Wer mit den behandelten Themen und der Erzählweise gut klar kommt, der wird sich unterhalten fühlen und auch zum Reflektieren angehalten. Vor allem Animefans dürften Gefallen daran finden, hier ein Stück Animegeschichte in Form von Gainax’ erster Arbeit zu sehen. Dahingehend ist es Schade, dass es als Bonus nur einen Sticker und ansonsten kein weiteres Material gibt. Dennoch lohnt es sich, einen Blick auf den Film zu werfen.

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Bildmaterial © BANDAI VISUAL / GAINAX

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Royal Space Force – Wings of Honnêamise (Uncut)

Produktion: Japan
Erscheinungsjahr: 1987
Länge: 125 Minuten
Altersfreigabe: FSK 16

Regie: Hiroyuki Yamaga
Drehbuch: Hiroyuki Yamaga, Hiroshi Onogi
Produktion: Shigeru Watanabe, Toshio Okada
Musik: Ryuichi Sakamoto

Audioformat: Deutsch PCM Stereo, Japanisch DTS-HD MA 5.1
Bonusmaterial: Sticker