Der Jugendfilm „Rubinrot“ wird gerne einmal mit Hollywoods Glitzervampirschnulze „Twilight“ verglichen, aber das ist einfach unfair. Natürlich, es geht um die erste große Liebe, viel Phantastik, Action, Abenteuer und noch mehr Liebe; aber Fuchssteiners Film bedient sich aus so vieler bekannter Quellen, da spielt „Twilight“ nur eine kleine Rolle.

„Rubinrot“ ist die Verfilmung von Kerstin Giers Trilogie „Liebe geht durch alle Zeiten“. Jedenfalls des erstens Buchs. In den Film sind allerdings auch Einflüsse aus den beiden anderen Büchern („Saphirblau“ und „Smaragdgrün“) eingeflossen. „Rubinrot“ selbst ist wiederum ebenfalls als Teil einer Trilogie gestaltet, jedenfalls steuert alles auf eine Fortsetzung hin. Drücken wir dem Film ganz fest die Daumen, dass die Einspielergebnisse eine Fortsetzung auch rechtfertigen. Ansonsten dürfte es keine Auflösung dieser Zeitreisegeschichte geben.

Die Handlung ist zügig erzählt. Im Mittelpunkt steht Gwendolyn „Gwen“ Shepherd (Maria Ehrich), die ein Zeitreise-Gen in sich trägt. Dieses Gen wirbelt Gwen unkontrolliert durch die Historie, doch eine Geheimgesellschaft namens „die Loge“ kann ihr dabei helfen, die Zeitsprünge zu kontrollieren. Nicht ganz uneigennützig, denn Gwen soll für die Loge Missionen erfüllen. An ihrer Seite der smarte Gideon de Villiers (Jannis Niewöhner). Er wurde seit seiner Geburt auf die Sache vorbereitet und sollte eigentlich mit Charlotte (Laura Berlin) um die Häuser der Vergangenheit ziehen, Gwens Cousine. Aber die hat nun den Schwarzen Peter zugeschoben bekommen und guckt dumm aus der Wäsche.

Im Grunde soll in ein Gerät namens Chronometer Blut von Zeitreisenden gefüllt werden. So die Anweisung des Gründers der Loge, dem Grafen von St. Germain (Peter Simonischek). Ein ziemlich ungehobelter Geselle. Da Gwen sich selbst vor der Loge gewarnt hat und weitere Familienmitglieder involviert sind, gibt es allerlei Verwicklungen und Rätsel. Um alles aufzudecken, beschließt Gwen zu machen, was die Loge will. Ein blöde Idee? Klar.

Die Geschichte ist ziemlich simpel gestrickt und vollkommen vorhersehbar. Hintergrund und Personen klingen nach English Breakfast mit französischem Käse. Für die meisten Leser der Romane und normale Kinobesucher ist es das auch. Zielgruppe sind vor allem weibliche Teenager (oder Mitt-Dreißiger, die sich noch für jugendlich halten und Jannis Niewöhner anschmachten). Diese sollten die Romane bereits kennen, denn im Film zeigt keine der Figuren Charaktertiefe oder entwickelt sich großartig weiter. Alle Rollen sind ziemlich stereotyp.

Für solch einen großen (oder eher verhältnismäßig aufwädnigen) deutschen Jugend-Fantasyfilm wurde dann auch gleich mal alles verpflichtet, was Rang und Namen hat. Vorne weg die omnipräsenten Veronica Ferres (als Gwens Mutter) und Katharina Thalbach (als irre Tante). Beide sind derzeit so stark auf deutschen Bildschirmen vertreten, dass man sie nur noch als die Person hinter der Maske wahrnimmt; als die Personen, die sie tatsächlich sind. Hinzu kommt, dass beide schlecht schauspielern. Die Dialoge in den Romanen sind bereits grausig, im Film sind sie zeitweise der reinste Horror. Aber es ist auch kein Film für Cineasten. Wenigstens haben die Hauptdarsteller Maria Ehrich und Jannis Niewöhner einige wirklich gute Szenen und dürften dem Zielpublikum die Knie weich werden lassen. Darstellerisch wäre allerdings mehr zu erwarten gewesen.

Vor allem der Hintergrund bietet so viel mehr. Aber es handelt sich um die Verfilmung eines Romans und bereits der verfehlte seine Möglichkeit um Längen. Hinzu kommt simple, beinahe schon naive Tricktechnik. Glaubhaft ist etwas anderes, plausibel ist die Geschichte auf keinen Fall und dann gibt es noch diese großen Logiklöcher. Wenigstens der Herzschmerz wirkt über weite Strecken überzeugend, die Action ist dagegen an den Haaren herbeigezogen – ebenso wie Gideons Kampffertigkeiten scheinbar nur temporal sind.

Besonders irritierend ist der Sprachgebrauch, aber scheinbar wurde auf eine internationale Vermarktung abgezielt. Dafür sprechen bereits die Romane, denn die Geschichte spielt in London und die Namen gaukeln mit ihrem französischem Schmäh einen Hauch französische Renaissance vor. Der Film setzt noch eins drauf, denn die Schauspieler agieren förmlich steif, wie es deutsche Schauspieler heute leider an sich haben. Ein Blick auf englische Darsteller zeigt hier ganz deutlich die Unterschiede in den Nationalitäten. Es sind also erkennbar Deutsche in englischer Kulisse unterwegs, denn jedes geschriebene Wort im Film ist zudem auf Englisch. Lässt sich halt besser vermarkten. Die Sprache erster Wahl ist trotzdem Deutsch, doch Gwen singt irgendwann die englische Nationalhymne und zwar auf Englisch. Irgendwie sieht die ganze Sache aus wie ein mit deutschen Darstellern gedrehter englischer Film, der eine deutsche Synchro bekommen hat – mit den dazugehörigen Problemen bei Wortspielen und Gesangseinlagen. Das ist einfach nur schlecht gemacht und verwirrt.

Davon einmal abgesehen bietet „Rubinrot“ nur wenig Neues. Viel Ideen stammen aus bekannten Filmen, Serien und Büchern. Ein wenig „Twilight“, etwas „Harry Potter“ und ordentlich „Doctor Who“ (spätestens an dem kurzen Musikeinspieler zu bemerken, wenn der Chronometer von Gwen zum ersten Mal benutzt wird).

Das die Buchtrilogie ein Besteller wurde ist schon erstaunlich, aber der Film wird wohl trotzt qualitativer Mängel ebenfalls seine Zuschauer finden. Wenigstens sieht er ja schön aus und eine nette Optik täuscht gerne mal über einen dürftigen Inhalt hinweg.

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Rubinrot

Produktionsland: Deutschland
Erscheinungsjahr: 2013
Länge: 122 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12
Regie: Felix Fuchssteiner
Drehbuch: Katharina Schöde
Produktion: Katharina Schöde, Robert Marciniak, Markus Zimmer
Musik: Philipp F. Kölmel
Kamera: Sonja Rom
Schnitt: Wolfgang Weigl

Darsteller: Maria Ehrich (Gwendolyn „Gwen“ Shepherd), Jannis Niewöhner (Gideon de Villiers), Laura Berlin (Charlotte Montrose), Jennifer Lotsi (Leslie Hay), Veronica Ferres (Grace Shepherd), Josefine Preuß (Lucy Montrose), Florian Bartholomäi (Paul de Villiers), Axel Milberg (Lucas Montrose), Gottfried John (Dr. White), Kostja Ullmann: James Pimplebottom), Justine del Corte: Madame Rossini), Katharina Thalbach (Madeleine „Maddie“ Montrose), Peter Simonischek (Graf von St. Germain)