Das Studio BONES hat es irgendwie an sich, das seine Hauptfiguren gerne einmal nervig beginnen. Das ist bei „Eureka Seven“ der Fall, ebenso wie bei „Scrapped Princess“. Zu letzterer Serie ist bei Nipponart nun die Collectors Edition erschienen, die auf vier Blu-rays alle erschienenen 24 Folgen enthält, was eine Gesamtlaufzeit von zirka 600 Minuten ergibt. Eine dicke Box voll mit den Geschichten einer nervigen Teenagerin? Kann das überhaupt Spaß machen? Ja!

Im Zentrum der Handlung steht die junge Pacifica Cassul, die allerorts als Prinzessin der Zerstörung bekannt ist. Diesen Titel verdankt sie einer Prophezeiung, laut derer Pacifica an ihrem sechzehnten Geburtstag die Welt vernichten wird. Das klingt nicht gut, denn selbst Pacifica befürchtet, dass die Prophezeiung wahr sein könnte. Und eigentlich sollte sie bereits als Säugling getötet werden. Aber die Sache lief anders. Deswegen ist sie nun mit ihren Stiefgeschwistern Raquel und Shannon unterwegs. Nun, ständig auf der Flucht trifft es eher.

Während Pacifica noch immer eine kindliche Naivität an den Tag legt, sind ihre Geschwister um einiges erwachsener und beschützen ihre Schwester – ohne Wenn und Aber. Dabei kann sich Raquel auf ihre Magie und Shannon auf seine Kampfkunst verlassen. Das Problem: Je näher Pacificas Geburtstag rückt, um so intensiver werden sie gejagt. Allen voran die Gläubigen des Mausers, einer Gottheit, die sich dem Schutz der Menschheit verpflichtet hat.

Tja, und damit entpuppt sich schon der erste spannende Knackpunkt. Pacificas Häscher sind eigentlich keine echten Bösewichte, sondern ihnen liegt das Wohl der Welt am Herzen. Auch wenn sie dabei übers Ziel hinausschießen. Aber dass Überleben der Gesamtheit ist es ihnen wert ein paar wenige Menschen zu opfern. Das ist moralisch gesehen sicherlich verwerflich, aber nachvollziehbar. Bereits hier kreisen die Gedanken dann schnell darum, wie man selbst die Situation bewerten und dann handeln würde. Gedanken, die sich auch Pacifica macht. Denn in ihren ernsten Momenten ist sie überaus melancholisch und depressiv, will auf keinen Fall, das wegen ihr Menschen sterben. Sie wäre bereit ihr Leben zu geben, wäre da nicht der natürlich verankerte Überlebenswille und die Unsicherheit, ob die Prophezeiung tatsächlich eintrifft. Und offensichtlich ist das noch etwas Anderes, etwas Größeres, das zu Beginn der Geschichte nicht greifbar ist. Und keine Angst, es gibt auch Figuren, die einfach Arschlöcher sind und von ganzem Herzen gehasst werden können. „Scrapped Princess“ bietet auch das, jenseits der Grautöne.

Während die Handlung in den ersten Episoden noch zusammenhanglos wirkt, entspannt sich bald ein dichtes Geflecht aus Zusammenhängen und Geheimnissen, die langsam gelüftet werden. Erfrischend ist dabei, das Pacifica keine große Charakterentwicklung durchmacht. Sie mutiert nicht zur gefährlichen Kampfsau oder altklugen Heroin. Nein, sie bleibt sich selber treu, denn darum geht es im Grunde ja. Die Entwicklung findet eher vor dem Bildschirm statt, denn Pacificas Marotten gewinnt man irgendwann lieb und versteht die Motivation und Gefühle dieses jungen Menschen, der weder den Glauben an die Menschheit, noch an die Unschuld verloren gibt. So schließt man Pacifica Episode für Epsiode mehr in sein Herz. Das gleiche gilt auch für die anderen Figuren, selbst wenn sie auf der vermeintlichen Gegenseite stehen. „Scrapped Princess“ hat einiges an Charakterzeichnungen zu bieten und schöpft dieses Schatz vollends aus.

Ein weiterer Hauptdarsteller ist die Welt, in der die Geschichte spielt. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine kleine mittelalterliche Welt, in der einige Menschen sogar Magier wirken können. Die Leute sind oftmals religiös und die Kleriker des Mausers neigen dazu, Ketzer zu bestrafen. Immerhin ist es vorgeblich Gott Mauser, der die Welt und die Menschheit beschützt. Aber wie bei einer Zwiebel, entblättert sich alles Schicht um Schicht, so dass am Ende sogar etwas ganz anderes herauskommt. Unter anderem ist die Magie überaus technisch zu verstehen, entwickelt sich die Sachen hin in Richtung Science Fiction, ist das Genre schlussendlich eher Sword & Sorcery.

Rein von den Figuren, der Handlung und der Weltbeschreibung her, bohrt „Scrapped Princess“ richtig dicke Bretter. Da beißt der Mauser, sorry, die Maus der Sache keinen Faden ab. Technisch gesehen, sind da leider schon einige Abstriche zu machen, was den Gesamteindruck nicht wirklich schmälert, aber für Bodenhaftung sorgt.

Auch wenn das Bild mit 1080p HD daherkommt, es ist nun mal eine eine alte Serie aus den frühen 2000ern. Deswegen wirkt das Bild (Format 4:3) doch recht körnig. Die Primäranimationen sind sehr gelungen und strotzen vor Dynamik, leider trickst BONES trotzdem etwas herum und zeigt Regisseur Sôichi Masui auch mal die üblichen Stillleben, vor allem bei den sekundären Animationen und Hintergründen. Das fällt aber kaum auf. Im Gegenteil. Aus heutiger Sicht versprüht die Serie einen gelungenen Retrocharme.

Bei den Synchronstimmen wurden keine halben Sachen gemacht und „Scrapped Princess“ kann einige Knallersprecher vorweisen, ebenfalls vor allem aus heutiger Sicht, denn da haben einige der Sprecher im deutschen Synchronuniversum doch schon einen kleinen Kultstatus erreicht (unter anderem David Nathan). Was eher abfällt, das ist die Musik. Ein Akkorden? Ehrlich? Okay, dass muss man mögen. Während die Musik an sich weitgehend gelungen ist, klingt das Schifferklavier eher lustig als unterhaltsam oder angemessen. Über die paar Stellen kann man aber weghören – und sollte es auch.

Die Box selber ist schick aufgemacht und das Booklet enthält das übliche Material über die Figuren, die in der Serie vorkommen. Es sollte also erst am Ende der Serie gelesen werden, denn der Text verrät einfach zu viel. Und die Serie lebt vor allem von ihren Wendungen, Überraschungen und Enthüllungen. Dahingehend gibt es sogar auf dem Schuber und eine der Blu-rays einen kleinen Gag, ist dort doch eine Badeszene aus der Serie abgebildet. Sozusagen nackte Haut, denn jemand muss sich gedacht haben: „Sex sells“. Wer sich also vor allem wegen diesem Motiv auf die Box stürzt, der sei gewarnt: Für Animeverhältnisse bietet die Serie sehr wenig nackte Haut. Das Bademotiv ist dahingehend schon etwas irreführend.

Unterm Strich ist „Scrapped Princess – Collectors Edition“ eine gelungene Sache, die großen Spaß macht. Die paar Minuspunkte werden durch die vielen Pluspunkte mehr als ausgeglichen. Merkwürdigerweise steht das Finale der Serie nicht bei allen in der Gunst. Tatsächlich ist es aber überaus gelungen, folgt der Logik der Serie und weiß zu überraschen. Top!

Copyright © 2019 by Günther Lietz
Bildmaterial © Scrapped Princess Production Group. All Rights Reserved.

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Scrapped Princess – Collectors Edition

Originaltitel: Sukurappudo Purinsesu
Regie: Sôichi Masui
Genre: Fantasy, Drama, Mystery
Studio: BONES
Jahr: 2003
Land: Japan
Start: 12. Juli 2019
Publisher: Nipponart
Vertrieb: AV Visionen

Länge: ca. 600 Min.
Episoden: 24
Anzahl Datenträger: 4 (Digipack im Schuber)
Sprache: Deutsch, Japanisch
Tonformat: Dt.: DTS-HD MA 5.1, Jap.: PCM Stereo
Untertitel: Deutsch
Bildformat: 4:3 1080p High Definition
Extras: Sticker, Booklet
FSK: Ab 12 Jahren