In einem einsam gelegenen Haus sucht der Geist einer kürzlich verstorbenen Frau ihre Freunde heim. Das Phantom scheint ein dringendes Anliegen zu verfolgen und reagiert zunehmend aufgebrachter, als man es nicht gebührend zur Kenntnis nimmt … – Die Neuverfilmung eines stimmungsvollen skandinavischen Gruselthrillers gerinnt den US-Epigonen zum routinierten, jedoch nicht nur zahmen, sondern lahmen Abklatsch, der durch willkürlich aufgepfropfte Schockeffekte endgültig ins Trudeln gerät: ein Film vieler verschenkten Möglichkeiten.

Das geschieht:

Traditionell begeht eine Gruppe von Freunden das Fest der Sommersonnenwende („Solstitium“, engl. „solstice“) im schönen Ferienhaus der Familie Thomsen. Es steht in den Sümpfen des US-Staats Louisiana, die jenseits der befestigten Wege recht unwirtlich sind und gefährlich werden können, was für diese Geschichte von Bedeutung sein wird. In diesem Jahr ist die Stimmung von Christian, Zoe, Mark, Alicia und Megan gedrückt, denn Sofie, Megans Zwillingsschwester, die zur Runde gehörte, hat sich vor einiger Zeit umgebracht, ohne ihrer Familie oder den Freunden einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Besonders Megan ist verständlicherweise angeschlagen, doch an dem Ausflug nimmt sie trotzdem teil.

Ferienlaune will sich indes nur schwer einstellen. Durch das Unterholz schleicht der alte Leonard. Nachdem im Vorjahr seine Enkelin spurlos verschwand, ist er garstig und wunderlich geworden und jagt unseren Städtern eine Heidenangst ein. Freundlicher wirkt da Nick, der im örtlichen Laden arbeitet. Als Cajun ist er bewandert in der Kunst, Kontakt mit den Toten aufzunehmen. Die sollen in der Nacht der Sommersonnenwende (= 21. Juni), nach der die Tage wieder kürzer werden, jenseits der Pforte zum Reich der Lebenden, die ihnen sonst verschlossen steht und sich nun kurz öffnet, Schlange stehen, um Angelegenheiten zu regeln, die durch ihr Ende ungeklärt blieben.

Schon bevor Nick seinen Job besser erledigt als er selbst gedacht hat, wähnt Megan sich vom Geist ihrer verstorbenen Schwester verfolgt. Hartnäckig trägt ihr Sophie einen Schlüssel hinterher, ohne freilich zu verraten, welches Schloss er öffnet. Seltsame Vorfälle häufen sich, doch sie betreffen nur Megan, die deshalb von ihren Freunden für geistesgestört gehalten wird. Die junge Frau lässt sich auf den Spuk ein, um in Erfahrung zu bringen, was ihre Schwester von ihr verlangt. Allerdings drücken sich Geister in der Regel unklar aus und sind außerdem schwer auseinander zu halten. Es könnte deshalb sein, dass Megan eine unschöne Überraschung bevorsteht …

Mysteriös = mystisch oder doch rational?

2003 überraschten Carsten Myllerup (Regie) und Rasmus Heisterberg (Drehbuch) mit dem kleinen, aber feinen schwedischen Thriller „Midsommar“. Fast ohne Spezialeffekte, sondern mit viel Gespür für Gruselstimmung erzählten sie die vertrackte Geschichte einer Heimsuchung, die zur angenehmen Abwechslung eine wirklich überraschende Auflösung erfuhr. „Midsommar“ fand sein Publikum und erregte Aufsehen sogar in den USA, wo europäische Filme indes nicht synchronisiert und aufgeführt, sondern hollywoodisiert, d. h. neu gedreht und dem Geschmack eines entsprechend konditionierten Publikums angeglichen werden.

Dass ausgerechnet Daniel Myrick derjenige war, der sich des Stoffes neu annahm, wurde eine gelinde Überraschung. Noch immer identifizierte man ihn mit seinem Jugendwerk, der immens erfolgreichen, doch in der Rückschau nicht unbedingt subtilen Pseudo-Dokumentation „The Blair Witch Project“ (1999), der er einige deutlich weniger zur Kenntnis genommene Filme folgen ließ.

Was Myrick, der auch am Drehbuch mitschrieb, gereizt haben muss, ist eine Geschichte, die sich vom klischeetypischen Horrorgarn entfernt. „Midsommar“ und „Solstice“ setzen stark auf den psychologischen Aspekt des Geschehens. Zunächst herrscht Unsicherheit: Treibt hier wirklich ein Geist sein Unwesen, oder bildet sich die psychisch angeschlagene Megan dies nur ein? Während „Midsommar“ diese Ambivalenz bis ins Finale bewahren kann, verlässt Myrick viel früher der Mut. Offensichtlich traut er dem (US-amerikanischen) Durchschnitts-Zuschauer die intellektuelle Potenz oder die Geduld nicht zu, Filmvergnügen aus der Unsicherheit zu ziehen. Deshalb taucht rasch eine digitale Spukgestalt mit weißen Augenschlitzen auf; sie erinnert fatal an die Geisterpiraten aus John Carpenters „The Fog – Nebel des Grauens“ (1980). Sie soll den Traditionalisten unter den Zuschauern helfen, sich heimisch zu fühlen.

Original und tiefsinnfreie Fälschung

„Solstice“ ist ein Film, der solche Effekte nicht verträgt. Das Übernatürliche schleicht sich auf Katzenpfoten heran und wirkt gerade deshalb so erschreckend. Im schwedischen Original logierten die Freunde in einer kleinen Waldhütte, und nachts war es wirklich dunkel. Im Remake herrscht Hollywood-Perfektion. Das Haus ist riesig, die Wildnis gut ausgeleuchtet. Über diesen Aufwand geht der eigentliche Twist verloren. „Midsommar“ war ein ‚kleiner‘ Film, in dem die Auflösung als echter Höhepunkt für Überraschung sorgte. Die wird für „Solstice“ übernommen, jedoch so kontraproduktiv in Szene gesetzt, dass sie dem zuvor aufgebauschten Rätsel nicht gerecht werden kann und enttäuscht.

Gleichzeitig stößt Myrick die gleichermaßen angelockten Freunde des härteren Horrors vor die Köpfe. „Solstice“ leistet sich nur wenige und splatterarme Spezialeffekte. In Deutschland bekam der Film ursprünglich trotzdem keine Jugendfreigabe, was nur als schlechter Witz komisch ist: Man könnte Kindern ab 12 Jahren diesen ‚Horror‘ problemfrei zumuten. Sie würden allerdings die Reaktion der älteren Zuschauer teilen: Langeweile. (Übrigens ist „Solstice“ ab 16 Jahren freigegeben; die aufgespielten Trailer für andere Filme pushen die Freigabehöhe auf die für das Grusel-Publikum verheißungsvollere „ab 18“.)

Schade, denn handwerklich weist „Solstice“ jenen Grad der Perfektion auf, für den auch der B-Film aus Hollywood bekannt ist. Das Budget war im Vergleich mit den üblichen Blockbustern klein, doch es reichte für die Anstellung erfahrener Profis aus, die hinter der Kamera hervorragende Arbeit leisteten. Myrick drehte „Solstice“ im echten Breitwandformat. Kameramann M. David Mullen versteht, sein Arbeitsinstrument einzusetzen. Die Sumpflandschaft Lousianas ist ein beliebter Drehort, denn es bedarf relativ weniger Tricks, um sie gespenstisch wirken zu lassen. („Solstice“ war einer übrigens einer der ersten Filme, die nach dem verheerenden Hurrikan Katrina von 2005 wieder in Louisiana entstanden.)

Darstellerische Höhepunkte fallen aus

Ein bekanntes Problem des US-Teenie-Kinos legt schon der erste Blick auf unsere Darsteller bloß: Sie sollen Männer und Frauen um die 18 spielen, haben diesen Geburtstag jedoch trotz sorgfältiger Schminke eindeutig hinter sich gelassen. Ausgerechnet Elisabeth Harnois und Shawn Ashmore, die beiden Hauptdarsteller, gehen bereits auf die 30 zu.

Wer das ignorieren kann, darf sich an einem Schauspiel erfreuen, das die meisten Teenie-Klischees des Horrorfilms durch Abwesenheit straft. Für Chauvinismen und Plump-Witze ist ausschließlich Mark alias Matt O‘Leary zuständig, und der lässt sich mit einem tüchtigen Arschtritt rasch zur Raison bringen. Die Schlafzimmertüren bleiben geschlossen, nicht einmal während der nächtlichen Seance im Teich fallen die Oberteile der Darstellerinnen. Als verstörte Schwester Megan weiß Elisabeth Harnois zu überzeugen, statt zu verärgern, und ihre Mitdarsteller müssen nicht allzu aufdringlich Blindheit gegenüber seltsamen Vorfällen demonstrieren. Einen zukünftigen Oscar-Preisträger mag man in ihnen freilich dennoch nicht erkennen.

Der einzige Darsteller, den man als prominent bezeichnen könnte, ist R. Lee Ermey. Er gibt die Rolle des „dirty old man“, die er im Schlaf beherrscht. Dass Ermey nicht nur autoritär und grantig sein, sondern auch emotionale Zwischentöne beherrscht, darf er dieses Mal zusätzlich unter Beweis stellen. Das macht aus „Solstice“ keinen guten, aber einen besseren Film.

DVD-Features

Die Ausstattung der Leihversion ist mager. Es gibt einen arg marktschreierischen und einen gänzlich anderen Film suggerierenden Kinotrailer und eine Bildergalerie. Dazu kommt eine „R-Roll“, die völlig unkommentiert und ohne Zusammenhang Aufnahmen der Dreharbeiten zeigt. Interessant ist dabei höchstens, dass diverse Szenen zwar gedreht wurden, es in den endgültigen Film aber nicht schafften.

Natürlich fehlen nicht die obligatorischen Interviews – obligatorisch deshalb, weil sie die Fortsetzung der Werbung unter dem Deckmäntelchen des Dokumentarischen sind. Immerhin dürfen die Interviewten weiter ausholen und einige objektive Fakten über die Entstehung und Hintergründe von „Solstice“ einflechten.

In Sachen Bild- und Tonqualität leidet der Film unter einer gewissen, heutzutage leider modischen künstlichen Ausbleichung des Bildes, das dadurch lebloser und bedrohlicher wirken soll. Dieser Trick fällt als solcher allerdings auf wie die (nicht immer) guten, alten Buh!-Effekte, mit denen Angst & Schrecken unter die Zuschauer gebracht werden sollen.

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Solstice
Originaltitel: Solstice (USA 2007)
Regie: Daniel Myrick
Drehbuch: Ethan Erwin, Marty Musatov u. Daniel Myrick
Kamera: M. David Mullen
Schnitt: Mathilde Bonnefoy
Musik: Jane Antonia Cornish
Darsteller: Elisabeth Harnois (Megan/Sofie), Shawn Ashmore (Christian), Tyler Hoechlin (Nick), Amanda Seyfried (Zoe), Matt O’Leary (Mark), Hilarie Burton (Alicia), R. Lee Ermey (Leonard), Jenna Hildebrand (Malin), David Dahlgren (Mr. Thomsen), Lisa Arnold (Mrs. Thomsen), Mark Krasnoff (Cop), Gary Michael Smith (Sheriff) u. a.
Label/Vertrieb: Koch Media Home Entertainment
EAN: 4020628982799 (DVD)
Erscheinungsdatum: 08.02.2008 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1 anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min.
FSK: keine Jugendfreigabe

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Abattoir – Er erwartet dich!

Before I Wake – Fürchte seine Träume

Dead Silence – Ein Wort. Und du bist tot.

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