Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)

Mit dem sympathischen Drama “St. Vincent” schickt Regisseur Theodore Melfi das gealterte Rennpferd Bill Murray in die Startbox, nebst jüngeren und derzeit bekannten Rennern wie Naomi Watts und Melissa McCarthy. Dabei setzt Melfi bei Murray auf Sieg. Ob dieser das Rennen wirklich für sich gewinnen kann?

Immerhin spielt der erfahrene Bill Murray die ihm liegende Rolle des Vincent MacKenna, eines zynischen Charakterkopfs, der in die Jahre gekommen ist, raucht, wettet, säuft und sich von einer Sexarbeiterin bedienen lässt. Bei dieser handelt es sich um die adrette Daka (Naomi Watts mit starkem Akzent), die ihren Job zudem schwanger verrichtet und nebenbei noch ein paar Dollar an der Tanzstange verdient. Immerhin, sie braucht das Geld und der von Vincent ausgeschüttete Mammon reicht einfach nicht.

Schlussendlich hat der alte Griesgram keinen Verdienst mehr, das Haus ist mit einer Hypothek belastet und seine Ausgaben sind immens – nicht nur dem Wetten und der Hurerei wegen, sondern auch aus persönlichen, ergreifenden Gründen. Schließlich haben wir hier einen Hollywoodfilm. Also Auftritt der Nachbarin Maggie Bronstein (Melissa McCarthy, die bald im Ghostbusters-Reboot zu sehen sein wird) und deren Sohn Oliver (Jaeden Lieberher, Sohn des gut vernetzten Wes Lieberher).

Der erste Kontakt des Nachbarschaftstrios verläuft zwar problematisch, aber wie nicht anders zu erwarten, avanciert Vincent zum Kinderhüter und in Kürze auch zum besten Freund des kleinen Oliver. Der knallt unter der Obhut des Nachbarn frontal gegen die Realitätswand der Erwachsenen, erfährt aber dabei gleichzeitig auch ein paar harte Lektionen, die ihm helfen das Leben zu meistern. Allerdings geht das mit einem Lebensstil einher, den kein Kind pflegen sollte. Und so kommt der harte Schnitt, ausgeführt von Maggie, die als Mutter schließlich dringend eingreifen muss.

Ja, es stimmt, Bill Murray ist ein grandioser Exzentriker und wunderbarer Schauspieler. Vor allem in kleineren, ruhigeren Filmen weiß er zu brillieren. Kollegen müssen da ungeheuer aufpassen, damit ihnen nicht der Rang abgelaufen wird. In “St. Vincent” sind Melissa McCarthy und Naomi Watts allerdings die perfekte Ergänzung und wissen Murray zu nehmen. Das ergibt ein großartiges Zusammenspiel. Mitten in diesem Reigen, Jaeden Lieberher als Oliver. Schlussendlich ist er der Dreh- und Angelpunkt des Films. Sein Spiel ist natürlich und erfrischend, zudem wird er eindeutig von seinen erwachsenen Kollegen unter die Fittische genommen. Niemand hält den kleinen Jaeden am Boden, sie allesamt sind der Wind unter den Flügeln des Kinderdarstellers. Allen voran Bill Murray, der sehr behutsam seinen kleinen Spielpartner unterstützt. Menschlich und schauspielerisch Weltklasse!

Kein Wunder, dass der Film hervorragende Kritiken bekam und eine ordentliche Latte an Auszeichnungen und Nominierungen erhielt. Respekt. Trotzdem gibt es einige Punkte, die “St. Vincent” wieder auf den Boden der Tatsachen holen.

Zwar ist es erfrischend, dass hier nicht die Wandlung vom Saulus zum Paulus thematisiert wird, sondern nur Verständnis und Akzeptanz anderen Lebensentwürfen gegenüber, aber dennoch bleibt der Film absolut vorhersehbar. Wer großartige Überraschungen oder Wendungen erwartet, der ist hier an der falschen Adresse. Die Möglichkeit das bekannte Thema (zynischer Griesgram lässt durch Kind die emotionale Barrieren fallen und zeigt sein gutes Herz) aufzumischen, diese Möglichkeit lässt Theodore Melfi (der neben der Regie auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet) über den Jordan gehen.

Nein, ganz dem Klischee eines Familiendramas nach Vorbild Hollywoods entsprechend, steuert Melfi mit seiner Geschichte auf ein Patchwork-Happy-End zu. Hier hätte er einfach einen anderen Weg gehen, sich von der Masse abheben können. Unter dem Strich bleibt zwar ein schöner Film, ein kleines Familiendrama, das wie aus dem Leben gegriffen wirkt, schlussendlich dann doch den Konventionen erliegt.

Um die Eingangsfrage zu beantworten: Ja, Bill Murray gewinnt – und mit ihm auch “St. Vincent”. Allerdings nur um Nasenlänge.

Copyright © 2015 by Günther Lietz, all rights reserved

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)

St. Vincent

Originaltitel: St. Vincent
Produktionsland: Vereinigte Staaten (2014)
Länge: 102 Minuten
Altersfreigabe: FSK 6

Regie & Drehbuch: Theodore Melfi
Produktion: Theodore Melfi, Fred Roos, Jenno Topping, Peter Chernin
Musik: Theodore Shapiro
Kamera: John Lindley
Schnitt: Sarah Flack, Peter Teschner

Bill Murray (Vincent MacKenna), Melissa McCarthy (Maggie Bronstein), Jaeden Lieberher (Oliver Bronstein), Naomi Watts (Daka Paramova), Chris O’Dowd (Brother Geraghty), Kimberly Quinn (Ana), Donna Mitchell (Sandy), Terrence Howard (Zucko), Dario Barosso (Robert Ocinski), Ray Iannicelli (Roger), Scott Adsit (David)