Originaltitel: The Devil’s Chair (GB/USA 2006)
Regie: Adam Mason
Drehbuch: Adam Mason u. Simon Boyes
Kamera: Ole Birkeland
Schnitt: Hasse Billing u. Adam Mason
Musik: Zoe Keating, Mortiis
Darsteller: Andrew Howard (Nick West), Elize du Toit (Rachel Fowles), David Gant (Dr. Willard), Louise Griffiths (Melissa), Matt Berry (Brett Wilson), Polly Brown (Sammy), Olivia Hill (Krankenschwester), Nadja Brand (Dr. Clairebourne), Eric M. Breiman (Anstaltsangestellter), Gary Mackay (Fahrer), Graham Riddell (Dämon)
Label u. Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment (www.sphe.de)
Erscheinungsdatum: 18.11.2008 (Leih-DVD) bzw. 18.12.2008 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1 – anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
Länge: 84 min. („geänderte“ = gekürzte Fassung) bzw. 87 min. (ungekürzte Fassung)
FSK: keine Jugendfreigabe (gekürzte Fassung) bzw. JK/SPIO (ungekürzte Fassung)

Das geschieht:

Irgendwo im Hinterland der englischen Grafschaft Cambridgeshire liegt das Blackwater Asylum, eine ehemalige, vor vier Jahrzehnten unter sorgfältig vertuschten Umständen aufgelassene Irrenanstalt. Dr. Blackwater, einst ein brillanter Wissenschaftler, war hier selbst dem Wahnsinn verfallen und hatte an seinen Patienten grässliche ‚Experimente‘ vorgenommen.

Diese traurige Geschichte ist längst vergessen, als Hallodri Nick West seine neue Freundin Sammy in ein leerstehendes Gebäude der Anstalt schmuggelt. Das geplante Liebesabenteuer wird allerdings zur Tragödie: Ein uralter Behandlungsstuhl verwandelt sich plötzlich in eine Todesfalle, die Sammy in einer fremden Welt verschwinden lässt. Nick gilt als übergeschnappter Mörder und vegetiert die nächsten vier Jahre in einer Nervenheilanstalt dahin.

Dort findet ihn Dr. Willard, ein Psychologe, der ein Buch über Blackwater und sein Institut schreiben möchte. Er hat dessen Aufzeichnungen studiert und glaubt, dass Nicks Erlebnis den Tatsachen entspricht. Deshalb ‚übernimmt‘ Willard Nick und bringt ihn zurück ins Blackwater Asylum, wo er und sein aus den Studenten Rachel, Melissa und Brett bestehendes Team ihn beobachten und seine Reaktionen festhalten wollen.

Nick fügt sich, denn der Preis ist seine Freiheit. Er hat sich dazu durchgerungen zu glauben, was man ihm in der Anstalt klarmachen wollte – dass er Sammy tatsächlich ermordet und sich ihr Verschwinden nur eingebildet hat. Doch in der Nacht beginnt er zu zweifeln. Seltsame Erscheinungen deuten in der Tat auf die Präsenz  einer unheimlichen Macht hin. Der mysteriöse Stuhl taucht wieder auf und fordert bald ein neues Opfer. Willard ist nicht der neugierige alte Mann, der zu sein er vorgibt. Von allen Seiten muss Nick sich bedroht fühlen – endlich ergreift er die Initiative, was dem Geschehen eine völlig unerwartete Wendung gibt …

Der Einbruch der Realität in die Fiktion

„The Devil’s Chair“ ist in mehrfacher Hinsicht ein ungewöhnlicher Film. Er entstand unter schwierigen Bedingungen, die zu erläutern es ein „Making of“ von 60 Minuten Länge benötigt. Adam Mason ist ein Filmemacher, der am liebsten mit einem kleinen Team und unabhängig arbeitet. Nach dem Erfolg seines Thrillers „Broken“ stand ihm dieses Mal ein höheres Budget zur Verfügung, während ihm gleichzeitig Hollywood mit ‚Anregungen‘ und Bedingungen im Nacken saß.

Gleichzeitig ging Masons langjährige Ehe mit seiner Gattin in die Brüche, die gleichzeitig seine Produzentin war. Er geriet in eine Krise, die ihn an den Rand des Nervenzusammenbruchs führte und die Arbeit an seinem Film lange Zeit unmöglich machte. Außerdem war Mason mit dem gedrehten und geschnittenen Material unzufrieden. Er kehrte deshalb nach seiner Genesung noch einmal in die Ruinen des „Blackwater Asylum“ – tatsächlich ein ehemaliger Stützpunkt der „Royal Air Force“ – zurück und drehte u. a. eine völlig neue Eingangssequenz. Auch dem Rest des Films ließ er eine grundlegende Neubearbeitung angedeihen.

Aus diesem Prozess erwuchs ein Hauptfilm, der ursprünglich in Gestalt, Inhalt und Aussage ein völlig anderer war: ein Hollywood-kompatibles aber profilloses Horrorfilmchen, das mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit kaum für Furore oder gute Einnahmen gesorgt hätte. Ausschnitte aus dieser ersten Fassung (im „Making of“) lassen diese Ansicht sehr überzeugend wirken.

Inspiration plus Imitation

Mason besann sich letztlich nicht nur seiner ureigenen Qualitäten, sondern projizierte seinen eigenen Zorn und seine Unsicherheit auf den Film, dessen neue und endgültige Fassung ihn zumindest optisch zu einem Ausnahmewerk des Horrorfilms macht. Die eigentliche Story ist demgegenüber bei nüchterner Betrachtung bar jeder Originalität. Wie man das Schisma zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn ebenso sparsam aber subtiler und deutlich wirksamer inszeniert, belegte z. B. 2001 Brad Anderson mit dem (zu Unrecht unterschätzten) Thriller „Session 9“.

Dagegen wandelt Mason auf Spuren, die man leicht in diversen modernen Film-Klassikern abseits des Mainstream-Kinos wiederfindet. „Hellraiser“ und andere Horrorfilme der 1980er Jahre nennt der Regisseur selbst, auch der Titel „Trainspotting“ (1996) findet völlig zu Recht Erwähnung. Hinzu kommen mögliche ‚Anregungen‘ aus „Silent Hill“ (2006), die freilich Zufall sein mögen, weil dieser Film zeitgleich entstand und Mason ihn womöglich nicht kannte, als er „The Devil’s Chair‘ drehte, sowie die fast üblich gewordenen „Saw“-„Hostel“-„TCM“-etc.-Einschübe: Gewalt der dem Zuschauer möglichst unangenehmen Art und damit offene Konfrontation wird zum wichtigen Aspekt der Handlung.

Die Umsetzung ist, es klang schon an, selbst ein spannende Geschichte. Sogar mit Hollywood-Geld im Rücken war das Geld für „The Devil’s Chair“ knapp. Dem Film sieht man dies nie an. Selbst die zahlreichen Spezialeffekte, deren Qualität Rückschlüsse auf ein Budget zulassen, sind makellos, obwohl sie unter schwierigen Bedingungen entstanden, die durch intensives Nachdenken gemeistert wurden.

Dabei entstand „The Devil’s Chair‘ praktisch nur an einem Drehort: in den Ruinen des angeblichen „Blackwater Asylum“. Diese boten dem engagierten Team um Regisseur Mason indes alles, was sie benötigten. Als Kulisse ist das „Asyl“ eindrucksvoll genug. Dem bedrohlich wirkenden Verfall wurde geschickt nachgeholfen. Ausgeklügelte Licht- und Schatteneffekte sowie eine Farbpalette, die sich meist auf graubraune, ‚farblose‘ Töne beschränkt, unterstreichen den trostlosen Eindruck.

Die Gestaltung dient nicht nur der Gruselstimmung, sondern hilft dem Zuschauer bei der oft schwierigen Orientierung. Was sehe ich gerade? Befinde ich mich in der Realität? In der „anderen Welt“? In der ECHTEN Realität? Man kann die Existenz- und Verständnisebenen auseinanderhalten, wenn man das Konzept begriffen hat.

Ein Kammerspiel mit wandlungsfähigen Darstellern

Die Story benötigt relativ wenige Figuren. Das Ensemble besteht die meiste Zeit aus vier Personen. Schauspielerisches Talent ist deshalb wichtig, zumal sich die Bedeutung der Darsteller nicht auf die Funktion als Monsterfutter beschränkt. Alle spielen quasi mehrere Rollen. Dass sie darin überzeugen, ist für das Funktionieren des Film von grundsätzlicher Wichtigkeit.

Schon bevor sich die Welle bricht, lässt das Verhalten der Figuren darauf schließen, dass unter der Oberfläche des sichtbaren Geschehens etwas Seltsames vorgeht. Die Sprünge und Risse sind zunächst irritierend, später verbreitern sie sich, alle ‚Fakten‘, über die Nick uns, die Zuschauern, zuvor in Kenntnis setzte, erweisen sich als Täuschung.

Trotzdem verzichtet Mason nicht auf Klischees. Die weiblichen Rollen besetzte er mit ausnehmend hübschen Schauspielerinnen, die auch im Handeln bekannten Horrorfilm-Normen entsprechen. Zumindest Rachel geht im Verlauf des Geschehens der meisten Kleidungsstücke verlustig. Doch Mason narrt  die Erwartungen seiner Zuschauer. Mit Hilfe eines Off-Kommentars, der die gezeigten Bilder immer wieder begleitet (oder konterkariert), spricht er das Klischee gezielt an und setzt es als Dreh- und Angelpunkt ein, um der Story plötzlich eine völlig andere Richtung zu geben.

Das entscheidende letzte Drittel

Der Zuschauer darf sich in dieser Hinsicht auf eine Überraschung und einen Schock gefasst machen. Das hoffen Mason und seine rührigen Kollegen hinter der Kamera zumindest. Freilich geht diese Rechnung nicht wirklich auf: Der Bruch als solcher verblüfft, doch stellt er für den erfahrenen Zuschauer keine Offenbarung mehr dar.

An dieser Stelle bietet sich eine Reflexion über das Thema Gewalt im Film an, die a) im Horror-Genre stets von politisch korrekten Kritikern aufs Korn genommen wird, und b) im Fall von „The Devil’s Chair‘ zumindest die Freiwillige Selbstkontrolle dazu veranlasste, selbst ein „Keine Jugendfreigabe“-Siegel zu verweigern, bis knapp drei Minuten aus dem Film geschnitten wurden.

Selbstverständlich handelt es sich dabei um angeblich jugendgefährdende Szenen exzessiver Gewalt. In der von der Juristenkommission der SPIO (Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft) freigegebenen Version – die man nur in deutschen Videotheken finden wird – kann man sich dem Risiko des unzensierten Werkes aussetzen. Man stellt verblüfft (jedenfalls gilt das, wenn man mit den rätselhaften Praktiken der deutschen Zensur unvertraut ist) fest, dass die Gewalt in diesen ominösen drei Minuten primär Imagination ist: Geschlachtet wird ausschließlich im Off. Die erschreckende Intensität dieser Szenen entsteht stattdessen durch das (Minen-) Spiel der Schauspieler, eine geschickte Kameraführung und viel Filmblut auf dem Fußboden.

Einmal mehr ist die „geänderte Fassung“ von „The Devil’s Chair“ ein Armutszeugnis für die deutsche Zensur, deren ‚Denken‘ und Handeln dem normalen Menschen generell verschlossen bleibt. Im Rahmen der Handlung ist die integrale Fassung jedenfalls als Voraussetzung für das Verständnis wichtig. Sie macht aus „The Devil’s Chair“ kein Meisterwerk, doch sie belegt, was sich und dass sich der Regisseur und Drehbuchautor Adam Mason etwas mit seiner Geschichte gedacht hat.

DVD-Features

Über das „Making of“ zum Film wurden bereits anerkennende Worte geäußert. Es nennt sich „Blut, Schweiß und Angst“, dauert insgesamt knapp eine Stunde und gliedert sich – der Grund ist unklar – in zwei Teile: „Etwas aus Nichts“ (31:11 Min.) und „Auf Beutezug“ (26:38 Min.).

Regisseur Mason, Co-Autor Boyes und die Produzenten sprechen ungewöhnlich offen über den komplizierten Weg, den „The Devil’s Chair“ zwischen dem ersten Drehtag und dem Kinoverleih ging; dass der bereits 2006 entstandene Film erst zwei Jahre später gezeigt wurde, ist ein deutlicher Hinweis auf Schwierigkeiten. Die werden im Filmbusiness normalerweise vertuscht und totgeschwiegen. Hier nicht, was eine angenehme Abwechslung vom üblichen Phrasendreschen und Eigenwerben darstellt (obwohl zumindest die Produzenten nicht widerstehen können und Anmerkungen über die Genialität des Werkes einfließen lassen, das man unbedingt gesehen haben muss).

Die Geschichte von „The Devil’s Chair“ wird plötzlich zur Geschichte eines Mannes in der Krise: Adam Mason erleidet erst privat und dann beruflich Schiffbruch. Das ist ebenso spannend wie der Hauptfilm, zumal in diesem „Making of“ keine schmutzige Wäsche gewaschen sondern informiert wird. Mason spricht ausführlich und überzeugend darüber, wie er von Hollywood überrumpelt und von seinem Weg abgebracht wurde, sodass er einen Film drehte, mit dem er sich nicht identifizieren konnte. Die private Misere verhinderte zunächst, dass er die notwendige Konsequenzen zog, d. h. sich des Films noch einmal annahm und ihn überarbeitete. Genau dies geschah schließlich doch, wobei ihm seine Produzenten glücklicherweise freie Hand ließen. Das Ergebnis ist „The Devil’s Chair“, die zweite Fassung, die zwar nicht das Zeug zu einem Klassiker des Horrorfilms hat aber neue Wege immerhin versucht.

In einem Filmkommentar vertiefen Adam Mason und Co-Autor Simon Boyes die Hintergrundinformationen zum Film und seiner Entstehung. Außerdem gibt es noch einen Trailer.

Im Internet findet man eine Website zum Film: www.thedevilschair.com

(c) 2009 by Dr. Michael Drewniok

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The Devil’s Chair
The Devil’s Chair (Geänderte Fassung)