Ein wenig Trash, viel Action, dazu eine Prise Humor, eine Menge Science Fiction und ein Haufen abgedrehte Ideen – das hat die englische Serie „Torchwood“ drei Staffeln lang ausgemacht. Die gelungene Mischung aus so vielen unterschiedlichen Elementen war Anfangs ein Garant für spaßige Unterhaltung, die sich dann langsam zu einem emotionalen Schwergewicht wandelte und geschickt mit großen Themen jonglierte. In der dritten Staffel konnte „Torchwood“ regelrecht als Erwachsen bezeichnet werden und stellte die Charakterentwicklung in den Mittelpunkt. Natürlich liegt dann die spannende Frage auf der Hand, ob die vierte Staffel ebenfalls eine Weiterentwicklung darstellt und in was für eine Richtung die Serie geht.

Vorab ist es gut zu wissen, dass die BBC mit dem US-Sender Starz kooperierte, um „Torchwood“ auch in den USA zu etablieren. Ebenso, wie es mit der Serie „Doctor Who“ geschah, aus der „Torchwood“ hervorging. Bei „Doctor Who“ ist das Experiment zwei Staffeln lang gescheitert und erst in den aktuellen Folgen (2012/2013) konnte sich der Doktor von der neuen Ausrichtung erholen und wieder Meter wett machen. Leider ist auch „Torchwood“ ein schlechtes Beispiel für die kulturellen Unterschiede, die zwischen Europa und den Staaten existieren.

Die Handlung selbst ist ziemlich schnell erzählt: Von einem Augenblick auf den anderen hört die Menschheit auf zu sterben und die englische Spezialeinheit Torchwood soll die Sache aufklären. Darum geht es. Alles andere drumherum ist schmückendes Beiwerk. Die Handlung ist für solch ein episches Thema ziemlich simpel erklärt, denn es gibt einfach keine echten Verwicklungen oder wichtige Elemente, die mit der Haupthandlung in Verbindung stehen und ein Mehr an Erklärung rechtfertigen würden.

Natürlich gibt es etliche Geschichten, die nebenbei erzählt und viele Personen, die mit in den Strudel der Unsterblichkeit gezogen werden. Und die Reste des alten Torchwood-Teams (Jack, Gwen und Rhys) sind auch dabei. Ganz zu schweigen von der Nebenfigur Oswald Danes – gespielt von dem bekannten Schauspieler Bill Pullman (Bsp.: Mel Brooks Spaceballs, 1987). Eigentlich sind alle Zutaten vorhanden, die eine verdammt gute Staffel ausmachen könnten. Aber irgendwie wurde die Flinte mit ordentlich Pulver geladen, aber nur wenige Schüsse treffen.

Auf der einen Seite liegt das sicherlich an der neuen Ausrichtung der Serie. Vor allem Fans von „Torchwood“ merken, dass es inhaltlich und handwerklich mehr in Richtung USA geht. Das verändert den Charakter der Serie massiv, da viele amerikanische Serien auf Schablonen setzen und die Art und Weise wie Handlung und Figuren inszeniert werden, sich oft gleichen und einfach nur eine etwas andere Ausprägung besitzen. Das ist hier der Fall und so stolpern plötzlich die aus US-Serien gewohnten Archetypen über den Bildschirm. Das ist eine Änderung gegenüber der bisherigen Produktion. Gleiches gilt auch für die Länge der Staffel, die mit zehn Folgen daherkommt. Hier wäre weniger mehr gewesen, denn so darf sich der Zuschauer plötzlich mit Füllfolgen abfinden. Leider schwappt dieses Übel aktuell auch in anderen Serienbereichen über den großen Teich, anstatt eine Staffel mit so viel Folgen zu versehen, wie die Geschichte tatsächlich braucht. Darunter leidet auch „Torchwood – Miracle Day“.

Auch bei den Figuren wurde die Ausrichtung geändert, um vor allem die neuen Rollen zu installieren. So rückt Captain Jack Harkness (John Barrowman) in den Hintergrund, obwohl er sonst Dreh- und Angelpunkt der Serie war. Immerhin war er auch in der Mutterserie „Doctor Who“ zugange und daher stammt auch seine Unsterblichkeit, die sich in „Torchwood – Miracle Day“ ins Gegenteil verkehrt. Jack tritt sozusagen zurück, um dem neuen Platzhirsch das Feld zu überlassen: CIA-Agent Rex Matheson (Mekhi Phifer), der als stereotypischer cooler US-Held daherkommt. Anfangs skeptisch, entwickelt er sich schnell zum inoffiziellen Torchwood-Mitglied und Leithammel, der auch noch gegen die Gefahr aus den eigenen Reihen antritt. Heutzutage ist es ja en vogue das Helden bei der CIA arbeiten und gegen das Verbrechen vorgehen. Ganz nebenbei wird Jacks offene Sexualität auf „schwul“ reduziert und dient als Stichwortgeber für entsprechende Scherze aus Macho Rex‘ Mund. Offensichtlich ein Zugeständnis an einen homophoben Kulturkreis, um die bisherige sexuelle Toleranz der Serie zu relativieren.

Auch Gwen (Eve Myles) – bisher eine emotionale Granate die auch mal zur Waffe greift, aber ansonsten technisch nicht immer auf dem Laufenden ist – erfährt eine kleine Verwandlung. Nein, leider keine Weiterentwicklung. Zwar ist sie nun Mutter (was zu einigen tollen, lustigen Szenen mit dem Baby führt), aber gleichzeitig auch Powerfrau, die stets die Lage meistert und ordentlich austeilt. Zwar gibt es einen emotionalen Part, in dem ihr todkranker Vater eine Rolle spielt, aber dieser Abschnitt ist recht spannungslos, da schlussendlich keine Alternativen existieren, zwischen denen sich Gwen entscheiden müsste. Diese Vorhersehbarkeit sorgt halt für Langeweile. Die Gefühle und das Flennen wird jetzt Rex‘ Kollegin Esther Drummond (Alexa Havins) überlassen, die sich zur nervigen Nebenfigur mausert. Auch hier gibt es Nebenhandlungen, ohne echten Bezug zur Haupthandlung.

Schlussendlich ist es eher der Versuch mit Rex und Esther eine Kopie von Jack und Gwen ins Spiel zu bringen, falls es denn mal mit „Torchwood“ weitergeht und ein US-Ableger der Serie kommen soll. Allerdings ist derzeit die Zukunft von „Torchwood“ noch sehr ungewiss.

Größter Fehlgriff ist allerdings die Besetzung von Bill Pullman. Das liegt keinesfalls an Pullman, sondern an seiner Figur Oswald Danes. Dabei hat die Figur einen starken Einstand, denn Danes ist ein Kindermörder und wandert in die Todeszelle. Er ist sozusagen der erste Mensch, der nicht sterben kann. Eine grandiose Idee, vor allem in Anbetracht der Handlung aus Staffel 3 und Jacks unglaubliche Entscheidung im Finale. Und dann passiert – nichts! Danes ist ohne Belang für die Handlung. Es ist vollkommen egal, ob er da ist. Die Figur hat keine Relevanz. Wäre die Rolle gestrichen, es machte keinen Unterschied.

Das ist sehr bedauerlich, für die Staffel aber symptomatisch. „Torchwood – Miracle Day“ wirkt nicht wie aus einem Guss, sondern gleicht mehr einer Anthologie mit übergeordnetem Thema, zu der jeder der Drehbuchautoren eine Geschichte beitragen durfte. Also ein klassisches Muster, das Russel T. Davis als Showrunner zu keinem Zeitpunkt harmonisch vereinen kann. Schade, dabei steht vor allem er für gelungene Serienkonzeption. Aber hier zeigt Davis einfach Schwächen und es ist fraglich, ob er den Sprung über den großen Teich hätte wagen sollen.

Dabei ist „Torchwood – Miracle Day“ keinesfalls schlechte Sicience Fiction, aber es fehlt einfach der Charme, der „Torchwood“ bisher ausgemacht hat, das Besondere, die Alleinstellungsmerkmale. Jetzt fühlt sich die Serie wie amerikanische Massenware an, der einige englische Einlagen spendiert wurden.

Besonders ärgerlich sind allerdings die Löcher in der Handlung, die einem spätestens im zweiten Durchgang auffallen, meist aber bereits beim ersten Schauen. Da wurde im Vorfeld großmundig versprochen keine Fragen offen zu lassen, aber dann ist das Finale ein einziges großes Rätsel. Sozusagen ein gigantischer Cliffhanger, der auf eine weitere Staffel heiß machen soll. Fraglich, ob es eine geben wird. Ein rundes Ende wäre besser, aber nein, das wird dem Zuschauer vorenthalten. Zudem wird Drama in „Torchwood – Miracle Day“ vor allem durch dumme Handlungen erzielt. Es ist spannender sich die Serie mit einem Eimer Popcorn anzusehen und dabei den Verstand einfach auf Durchzug zu stellen. Dann funktioniert „Torchwood – Miracle Day“ prima und weiß für einige Stunden zu unterhalten, hinterlässt aber keinen bleibenden Eindruck.

Die Blu-ray-Box kommt in gewohnt guter Qualität daher und lässt weder bei Bild oder Ton Wünsche offen. Leider sind die Folgen manchmal etwas gekürzt und die deutsche Ausgabe hat deswegen gegenüber der internationalen Fassung ein paar Minuten weniger. Aber bereits im Vorfeld gab es da zeitliche Unterschiede bei der Ausstrahlung auf Starz und BBC. Auch das Bonusmaterial wurde etwas abgespeckt, ist aber mit ganzen 90 Minuten mehr als ausreichend. Witzig ist hier vor allem der animierte Torchwood-Comic, der die Vorgeschichte zu Miracle Day erzählt, aber erst im Nachhinein gesehen werden sollte. Dazu die obligatorischen „Deleted Scenes“ und „Behind the Scenes“. Noch ein wenig zu den FX und den Charakterprofilen, das war es aber auch schon. Nett, aber kein großer Schlag.

Unterm Strich bleibt eine anständige Box, die zu unterhalten weiß und Spaß macht. Dennoch hat sich Torchwood leider verändert und dem us-amerikanischem Geschmack angepasst, anstatt eine eigenständige und manchmal auch unbequeme Serie zu bleiben, die ihren eigenen Weg geht. Wem das egal ist oder wer damit leben kann, der bekommt aber handfeste Unterhaltung geboten und kann beruhigt zugreifen.

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Torchwood – Miracle Day

Produktionsland,-jahr: Großbritannien (BBC) / USA (Starz), 2011
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Spieldauer: 500 Minuten
Label Deutschland: Polyband

Bildformat: 16:9 – 1.77:1
Tonformate: Deutsch (DTS-HD 5.1), Englisch (DTS-HD 5.1)

Regie: Bharat Nalluri, Bill Gierhart, Guy Ferland, Gwyneth Horder-Payton
Showrunnner: Russel T. Davis

Darsteller: John Barrowman, Eve Myles, Mekhi Phifer, Kai Owen, Bill Pullman