Was als eine gewöhnliche Körpertauschkomödie mit Erwachsenwerdenmotiven beginnt, wandelt sich sehr schnell zu einer wunderbaren und faszinierenden Erzählung, die mit einer dramatischen überraschenden Wendung daherkommt (also Body-Switch meets Coming of Age with a Twist). Das Ganze wird dabei sympathisch und berührend erzählt, fasziniert ab der ersten Sekunde.

Dabei beginnt die Geschichte sehr simpel: Die Teenager Mitsuha und Taki (sie lebt auf dem Land sehr traditionell, er lebt in der Stadt sehr modern) wünschen sich manchmal, ein doch anderes Leben zu führen. Dieser Wunsch erfüllt sich tatsächlich – jedenfalls zeitweise. Mehrmals die Woche tauschen beide die Körper, wacht ihr Verstand im jeweils Anderen auf. Allerdings, stets verblassen die Erinnerungen zügig, wie die Überreste eines Traum. Doch beide arrangieren sich mit den Umständen, schreiben sich Notizen über die wichtigen Dinge, lernen voneinander und auch übereinander. Beide Charaktere sind dabei recht unterschiedlich, ergänzen sich aber und so können sich Mitsuha und Taki gegenseitig in vielen Lebenslagen helfen. Alles scheint ganz wunderbar, wie ein leichter Sommertraum. Doch dann, eines Abends, ist alles anders…

Die Geschichte ändert sich plötzlich, wird dramatischer, mysteriöser. Schien am Anfang noch Mitsuha im Mittelpunkt zu stehen, ist es nun Taki, der sich dann auch auf Spurensuche begibt. Obwohl die Handlung nun ihre Leichtigkeit aufgibt und an Schwere zunimmt, ist diese Wendung in der Erzählung harmonisch, passend, die zwangsläufige Weiterführung der Geschichte. Regisseur Makato Shinkai, der auch für die Idee und das Drehbuch verantwortlich zeichnet, zeigt hier ein ganz besonderes Feingefühl. Er bricht weder die Erzählung, noch die Figuren, sondern verwebt alte und neue Stränge und Erkenntnisse miteinander. Und dass alles in einem wunderbaren Zeichenstil, der sehr liebevoll und detailliert ist, voller Seele und Herz. Ganz großes Kino!

Was Makoto Shinkai ebenfalls beherrscht, ist der Einsatz von Symbolik. So sind die Erinnerungen wie ein Traum, sich wiederholende Ereignisse deuten auf ein unabwendbares Schicksal hin und im Verlauf des Filmes erscheint ein See als stilisierter Doppelkreis, dem Zeichen des ewigen Lebens und der Wiederkehr, deutet der Webstuhl darauf hin, dass alles miteinander zwar verwoben, aber von der Jugend nicht unbedingt zu durchschauen ist, zeigt ein Armband bereits an, dass sich Leben miteinander kreuzen und wieder auseinanderlaufen… Der Film bietet sehr viele solcher Details, die beim ersten Schauen nicht alle unbedingt zu erfassen sind, aber spätestens nach dem Abspann zum Reflektieren einladen.

Handwerklich setzt “Your Name. – Gestern, heute und für immer” Maßstäbe, mit denen sich andere erst einmal messen müssen. Die Farben und Formen sind intensiv, aber nicht bunt, die Animationen extrem flüssig und lebensecht, das Szenenbild detailverliebt. Wunderbar sind auch die Kamerafahrten und die visuell immer wieder spannenden Blickwinkel.

Zu den Stärken des Films gehört auch die hervorragende Synchronisation (die deutschen Stimmen sind sehr passend und tragen die Rollen hervorragend), die vor allem durch Maximilian Belle als Taki und Laura Jenni als Mitsuha überzeugt. Schaurig schön. Aber auch die den Film begleitende Musik ist wunderbar. Sie stammt von der J-Rockband Radwimp und wurde von deren Leadsänger Yōjirō Noda, auf Bitte Shinkais hin, auf die Dialoge und Monologe abgestimmt. Und auch das geschieht in einer besonders gefühlvollen Art und Weise, die einem den Atem raubt. Das Titellied “Zenzenzense” ist eindeutig ein Meisterwerk. Das Problem für deutsche Zuschauer ist jedoch, entweder japanisch zu verstehen oder an eine Übersetzung der Liedtexte zu kommen. Dennoch, selbst mit Sprachbarriere sind die Lieder wunderschön.

Makoto Shinkai hat aus den in Japan üblichen Stil- und Genreelementen etwas Wunderbares gestaltet, wirkt sein Film frisch und neu. Und auch hier gelingt Shinkai der Spagat zwischen der Tradition und Moderne, ebenso wie im Film.

“Your Name. – Gestern, heute und für immer” war an allen Kinokassen ein voller Erfolg, gewann verdient etliche Preise und wurde für viele weitere nominiert. Das hat der Film auch verdient, denn er ist eindeutig ein Meilenstein unter den Animes und des Films im Allgemeinen.

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Your Name. – Gestern, heute und für immer

Titel: Your Name. – Gestern, heute und für immer
Originaltitel: 君の名は。
Transkription: Kimi no Na wa.

Produktion: Japan (2016)
Originalsprache Japanisch
Studio: CoMix Wave Films
Länge: 107 Minuten
Genre: Coming of Age, Drama, Romantik
Altersfreigabe: FSK 6

Regie: Makoto Shinkai
Idee: Makoto Shinkai
Drehbuch: Makoto Shinkai
Produktion: Noritaka Kawaguchi, Genki Kawamura
Musik: Radwimps

Sprecher: Taki Tachibana (Maximilian Belle), Mitsuha Miyamizu (Laura Jenni), Miki Okudera (Laura Maire), Hitoha Miyamizu (Eva-Maria Lahl), Katsuhiko Teshigawara (Tobias John von Freyend), Sayaka Natori (Janne Wetzel)