Alan Moore, Dave Gibbons, John Higgins
Watchmen

Panini Comics
436 Seiten, Softcover
ISBN 9783866076075

In den fiktiven USA der 80er Jahre steht die Weltuntergangsuhr kurz vor Zwölf, der kalte Krieg ist in vollem Gange und die einstigen Superhelden sind seit den 70er Jahren verboten. Noch immer ist Nixon an der Macht. Die Welt steht am Abgrund.

Zu dieser Zeit wird der ehemalige Superheld Comedian ermordet. Das ruft wiederum den untergetauchten Rorschach auf den Plan, der an keinen Zufall glaubt. Rorschach vermutet einen Plan hinter der Tat und sucht seine ehemaligen Kollegen auf. Doch jeder von ihnen führt ein neues, anderes Leben.

Ozymandias regiert sein Wirtschaftsimperium, Doctor Manhatten versucht die Welt zu retten, die zweite Silk Spectre steckt mit Doctor Manhatten in einer Beziehungskrise und Nite Owl II hat sich zur Ruhe gesetzt. Und niemand von ihnen schenkt Rorschach Glauben.

Als sich Silk Spectre von Doctor Manhatten trennt und dieser nach einem Skandal auf den Mars flieht, wird Rorschach in eine Falle gelockt und inhaftiert. Nite Owl II schlüpft nun wieder in sein Heldenkostüm, um mit Silk Spectre an seiner Seite den alten Kameraden zu retten. Das gelingt auch, doch die weiteren Ermittlungen ergeben, dass die Gefahr aus einer unvorstellbaren Richtung kommt und die Welt vernichten kann …

Doch zum Glück gibt es Superhelden – oder? Nein! Denn tatsächlich handelt es sich bei den Superhelden aus „Watchmen“ um einfache Bürger, die sich ein Kostüm anziehen und Selbstjustiz ausüben. Die meisten von ihnen sind zwar durchtrainiert oder haben spezielle Ausrüstung, aber nur Doctor Manhatten besitzt echte Superkräfte. Doch er verliert immer mehr den Bezug zur Realität, denkt in ganz anderen Dimensionen. Sein einziger Anker im Meer der Gleichgültigkeit ist seine Freundin Silk Spectre. Aber die kommt mit einem solchen Superwesen immer weniger zurecht, ist unglücklich und wendet sich lieber Nite Owl II zu, auch bekannt als der mopsige Daniel Dreiberg.

Und der ist im Grunde genommen ein Batman für Arme. In sich zurückgezogen und voller Selbstzweifel, dient ihm das Kostüm als Möglichkeit jemand anderes zu sein, sich stärker und vollwertig zu fühlen. Ohne seine Spielsachen und Kostüme bringt er kaum etwas zustande, ist gar impotent. Das Kostüm in seinem Schrank ist sein Viagra, seine geheime Potenzpille – körperlich und geistig.

Überhaupt sind sämtliche Personen in dieser alternativen Welt kranke Persönlichkeiten. Allen voran Rorschach, der sich hinter eine Maske aus Tintenklecksen verbirgt. Eine Maske, die scheinbar seine Emotionen widerspiegelt. Durch die Traumata seines Lebens ist die Maske sozusagen Rorschachs wahre Identität, wird seine reale Persönlichkeit zum Kostüm – ohne Maske ist er wirklich maskiert. Das kommt im Comic sehr gut zum Tragen, denn niemand erkennt Rorschach ohne diesen Fetzen Stoff; übrigens einer der Erfindungen von Doctor Manhatten.

Überhaupt sind es diese Erfindungen, die das Bild oftmals prägen. Luftschiffe gleiten am Himmel dahin, alternative Energien haben das Leben erleichtert. Und doch ist die Welt kurz vor dem Atomkrieg, obwohl es allen Menschen besser gehen müsste. Die Natur des Menschen sieht Krieg einfach vor, kann nicht zur Ruhe kommen. In der eitrigen Wunde zu kratzen schmerzt, aber der Mensch kann es nicht sein lassen.

Alan Moore (Text) und Dave Gibbons (Zeichnung) haben mit „Watchmen“ ein Superheldenuniversum erschaffen, dass sich der Realität stellen muss. Sie spinnen den Faden weiter, gehen über die Schmerzgrenze hinaus. In ihrer Welt gibt es keine Superheldencomics, stattdessen werden am Kiosk Piratengeschichten verkauft. Und das einzige wahre Überwesen verliert den Bezug zur Realität, denn es existieren einfach keine weltlichen Bindungen für einen Menschen, der ein Quasigott ist.

Doch neben dem ausgeklügelten Plot und der durchdachten Gesellschaftskritik, sind auch die künstlerischen Aspekte beachtenswert. Der Zeichenstil besitzt absichtlich einen leicht antiquierten Stil, der an die frühen Superheldencomics erinnert, trotzdem mit modernen Elementen ausgestattet ist. Auch das bekannte und seit jeher bekannte Neunerraster der Panels weckt nostalgische Erinnerungen, sorgt aber gleichzeitig für eine geordnete und übersichtliche Aufteilung. Doch den besonderen Reiz machen die vielen kleinen Details aus, die liebevoll im Comic verstreut sind, kleine Geschichten erzählen, Persiflieren oder Anekdoten der Zeitgeschichte beinhalten.

Diese vielen kleinen Details kann kaum jemand alle erfassen, und so findet sich im Anhang des Comics eine kleine Übersicht, um auf die Besonderheiten und verborgenen Kleinigkeiten einzugehen. Dadurch lenken Moore und Gibbons den Blick des Lesers auf relevante Dinge, die ansonsten vielleicht übersehen würden.

Ebenso wie Text und Zeichnung, so ist auch die Kolorierung dieses Meisterwerks einfach grandios. John Higgins zeichnet sich dafür verantwortlich, einer der ganz großen seiner Zunft. In „Watchmen“ drückt er dem Comic seinen Stempel auf, in dem er bei der Kolorierung auf Sekundärfarben baut und diese konsequent einsetzt. Dazu sein Spiel mit Licht und Schatten, das einfach hervorragend ist.

Jedes der Kapitel bietet zusätzlich noch einen kleinen Einschub mit fiktivem Zusatzmaterial in – überwiegend – Textform. Unter anderem Zeitungsausschnitte, Interviews oder Auszüge aus dem Buch von Hollis Mason, dem ersten Nite Owl.

Auch die deutsche Übersetzung ist vom Feinsten und sehr gelungen, ebenso das Lektorat. Es gibt kaum Fehler und taucht mal einer auf, so ist er zu vernachlässigen.

„Watchmen“ ist seit Jahrzehnten Comic-Kult – und zwar zu Recht.
(Günther Lietz)

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Link zur Filmbesprechung: Watchmen – Die Wächter
Link zur Besprechung des Comics: WATCHING THE WATCHMEN – Die Entstehung einer Graphic Novel