Die Legende der Weißen Schlange

Originaltitel: Bai she chuan shuo (China/Hongkong 2011)
Regie: Siu-Tung Ching
Drehbuch: Tan Cheung
Kamera: Kwok-Man Keung
Schnitt: Angie Lam
Musik: Mark Lui
Darsteller: Jet Li (Abt Fahai), Huang Shengyi (Susu/Weiße Schlange), Raymond Lam (Xu Xian), Charlene Choi (Qingqing/Grüne Schlange), Wen Zhang (Neng Ren), Vivian Hsu (Eisdämonin), Zheng Wen Jun, Wang Sheng Li, Bai Hai Long (Fahais Dämonenjäger) uva.
Label: NewKSM
Erscheinungsdatum: 16.04.2012/19.11.2012 (Uncut Edition)
EAN: 4260261433825 (DVD)/4260261433832 (Blu-ray)/4260261433849 (3D-Blu-ray)/4260261438974 (DVD, Uncut Edition)/4260261438981 (Blu-ray, Uncut Edition)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Mandarin)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 90 min. (Uncut Edition: 98 min.)/Blu-ray: 94 min. (Uncut Edition: 102 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Im alten China führt Kräutersammler Xu Xian aus der Stadt Hangzhou ein genügsames Leben. Er studiert die Heilkunde, denn er möchte Arzt werden. Um ein seltenes Kraut zu finden, scheut er auch nicht vor tiefen Wäldern und hohen Bergen zurück.

Als Xu Xian die Suche eines Tages wieder einmal in eine abgelegene Region führt, erregt er die Aufmerksamkeit der beiden Dämonen-Schwestern Susu und Qingqing, die in Gestalt einer weißen bzw. grünen Schlange eigentlich in die Geisterwelt verbannt sind. Qingqing spielt Xu Xian einen Streich und lässt ihn in einen See stürzen. Die mitleidige Susu verwandelt sich in eine junge Frau, zieht ihn aus dem Wasser und spendet ihm mit einem Kuss nicht nur die lebensrettende Atemluft: Xu Xian verliebt sich umgehend in die unbekannte Schöne, die spurlos verschwinden ist, als er aus der Ohnmacht erwacht.

Doch auch Susu hat Feuer gefangen. Obwohl ihre Schwester und Dämonenfreunde sie warnen, will sie Xu Xing wiedersehen. In Begleitung von Qingqing begibt sie sich nach Hangzhou – und kreuzt dort die Wege des Dämonenjägers Fahai. Im Auftrag Buddhas schützt der Abt des Jinshan-Tempels die Menschen vor übernatürlichen Heimsuchungen. Dämonen, Vampire und andere Kreaturen, die ihm im Kampf unterliegen, sperrt er in die Leifeng-Pagoge ein, wo sie über ihre Sünden meditieren sollen – eine fromme Mission, die von den Betroffenen allerdings nicht mitgetragen wird; die gefangenen Dämonen sinnen auf Flucht und Rache.

Fahai warnt Susu, die Xu Xing in Frieden lassen und in die Geisterwelt zurückkehren soll. Doch die verliebte Weiße Schlange findet den begeisterten Kräutersammler und wird seine Frau. Als Fahai naht, um auch sie in die Leifeng-Pagoge zu verbannen, kommt es zum Kampf, bei dem Susu schwer verletzt wird. Obwohl Xu Xing nun weiß, wen er geheiratet hat, will er die Wurzel der Unsterblichkeit finden, um seine Frau zu retten – ein Unternehmen, das eine Katastrophe auslöst …

Der alte, richtig gute Stoff, aus dem die Filme sind

Nicht nur im westlichen Kulturkreis schöpfen Filmemacher gern aus alten Legenden. Gute Geschichten, die womöglich in einer Zeit entstanden, als es noch keine Schrift gab, haben eine enorme Lebensdauer. Sie haben sich offensichtlich bewährt, basieren sie doch auf grundlegenden dramatischen Elementen und Gefühlen, die nicht veralten.

„Die Legende der weißen Schlange“ wurde erstmals Anfang des 17. Jahrhunderts aufgeschrieben, ist aber als mündlich überlieferte Geschichte wesentlich älter. Sie handelt spannungsreich von der Begegnung zwischen Menschen und Dämonen. Fürs Herz gibt es eine Liebesgeschichte, die faktisch unmöglich ist aber wider alle (natur-) gesetzlichen und moralischen Einwände Realität wird. Bis es soweit ist, gilt es für die Liebenden allerlei Hindernisse und Rückschläge zu überwinden.

Für den Film ist „Die Legende der Weißen Schlange“ deutlich vereinfacht worden, was nicht ohne Folgen bleibt. So irritiert die Figur des Abtes Fahai, der sich eher wie Buddhas Henker aufführt, auch wenn er die niedergerungenen Dämonen nicht tötet, sondern in die Leifeng-Pagoge schleift. Zwar zeigt Fahai sich im Finale plötzlich menschlicher, doch wirklich überzeugend wirkt das nicht – kein Wunder, denn laut der Legende war Fahai ursprünglich selbst ein Dämon, der dank Buddha zum Menschen und Geisterjäger wurde. Mit Susu hatte dieser Fahai aus Dämonen-Tagen noch eine Rechnung offen, was die Vehemenz, mit der die beiden streiten, viel besser erklärt.

Zudem endet die Legende nicht mit Susus und Xu Xians Trennung, sondern setzt sich auch nach der als Filmende inszenierten Trennung munter fort. Ebenfalls geklärt wird in der Legende die ‚Schwesternschaft‘ der Weißen und Grünen Schlange, die ihrerseits wichtiger für die Geschichte ist als im Film verdeutlicht.

Legende leicht verständlich gemacht

Seit jeher werden literarische Vorlagen für den Film vereinfacht. Einerseits ist dies einem ‚anderen‘ Medium geschuldet, das vor allem mit Bildern erzählt. Andererseits halten Filmproduzenten ihr Publikum vorsichtshalber für dumm, weshalb sie möglichst einfache Geschichten favorisieren: Jeder soll sie verstehen und gutheißen, denn nur so werden Eintrittsgelder fließen.

Für den westlichen Zuschauer wirkt der Kontrast zwischen Anspruch und Umsetzung im asiatischen Kino besonders hart. Die Erzählweise des Ostens ist kulturhistorisch bedingt anders. Sie sieht in den Darstellern weniger Menschen als die idealisierte Verkörperung fixierter Rollen. Huang Shengyi und Raymond Lam sind deshalb nicht Susu und Xu Xian, sondern DER LIEBENDE MANN und DIE LIEBENDE FRAU, Jet Li nicht Fahai, der Abt, sondern DER DÄMONENJÄGER. Als solche folgen sie keinem selbst gewählten oder gestalteten Schicksal, sondern bilden ein miteinander verwobenes Figurendreieck, das den Regeln höherer Mächte untersteht. Verstöße werden geahndet, weshalb Susu und Xu Xian im Grunde nie eine Chance auf gemeinsames Glück haben: Es ist im Plan der Götter nicht vorgesehen.

Gefühle werden in dieser Form der Darstellung nicht gespielt und erst recht nicht angedeutet, sondern zelebriert. Was den westlichen Zuschauer als Plumpwitz und Grimassenschneiderei irritiert und abstößt, zeigt dem östlichen Publikum, was in den Figuren vorgeht, die ihr Inneres buchstäblich nach außen kehren – kein Wunder, denn Geschichten wie die „Legende der Weißen Schlange“ wurden viele Jahrhunderte als Opern oder Theaterstücke aufgeführt, bevor der Film sich ihrer annahm.

Legende als Spektakel

Obwohl an entsprechender Überzeichnung nicht gespart wurde, lässt sie sich in der „Legende …“ ertragen, weil sie in keinem ‚realistischen‘ Umgebung spielt. Die Handlung ist der Wirklichkeit nicht verpflichtet, es darf übertrieben werden, wovon Regisseur Siu-Tung Ching weidlich Gebrauch macht! Er hat ein Händchen für ‚historische‘ und märchenähnliche Wuxia-Stoffe; berühmt ist er u. a. für seine Version der „Chinese Ghost Story“ (1987, dt. „Verführung aus dem Reich der Toten“) geworden, die zwei Fortsetzungen erfuhr.

Siu-Tung trennt nur flüchtig zwischen den Sphären der Menschen und Geister. Auch darin spiegelt sich ein Volksglaube wider, der eine solche Nähe lange für gegeben und selbstverständlich hielt. Zwar fürchtet der Mensch Eisdämonen, Vampiren oder Schlangenfrauen, wundert sich aber nicht über ihre Existenz. Schließlich verfügen auch die „Guten“ über (von Gott verliehene) Superkräfte. So kann Abt Fahai fliegen, himmelhohe Flutwellen abwehren oder im Bauch einer Riesenschlange überleben.

Diese und ähnliche Wunder inszeniert Siu-Tung als wahren Bilderrausch. Selbst in den ‚ruhigen‘ Szenen gelingen Kameramann Siu-Tung Ching großartige Bilder, die man freilich erst nach Abschalten des privaten Kitsch-Filters (oder in der ebenfalls erhältlichen 3D-Fassung) richtig genießen kann: Sie sind bonbonbunt, leuchtend und so offensichtlich künstlich, dass Absicht dahinterstecken muss.

Die Bodenhaftung geht vollständig verloren, wenn Siu-Tung die Elemente in Aufruhr versetzt. Naturgesetze verlieren ihre Kräfte, Straßenzüge und Kanäle werden in Stücke gerissen, die Leifeng-Pagoge wird in ihre Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt, atemlose Mönche führen auf dem Meeresgrund einen Exorzismus durch. Das ist prinzipiell eindrucksvoll, praktisch aber aufgrund minderwertiger digitaler Effekte kontraproduktiv. Abermals muss man relativieren: Schon in den 1980er Jahren waren Siu-Tungs damals noch ‚handgemachten‘ Effekte als solche offensichtlich. Es ging und geht nicht um die Realitätstreue der Tricks, sondern um die Andeutung eines Geschehens, das sich das Publikum in den eigenen Köpfen vorstellen soll. (Wie sonst hätte Godzilla so lange als Statist im Gummianzug bestehen können?)

Logik als Planspiel

Dieser Herausforderung ist nicht jeder Zuschauer gewachsen bzw. will sich ihr stellen. „Die Legende …“ polarisiert: Man liebt den Film, wenn man sich auf seine Eigenheiten einlässt, oder man hasst ihn, weil man seine Künstlichkeiten und Übertreibungen nicht akzeptieren kann. Das schließt die eigentlich rührende Liebesgeschichte ein. Sie mag manchem Betrachter unerträglich schnulzig vorkommen. In der Tat wird die Langmut mehrfach auf harte Proben gestellt. So erklingt im traurigen Finale plötzlich ein gruselig schmalziges Liebeslied, vor dem der Zuschauer gern an Susus Stelle in die aus dicken Mauern erbaute und akustisch gedämmte Leifeng-Pagoge flüchten würde.

Huang Shengyi und Raymond Lam wirken dennoch glaubwürdig als ungleiches Liebespaar, zumal ihnen die gröbsten Albernheiten erspart bleiben. Den im Asia-Kino unentbehrlichen ‚ulkigen‘ Tölpel gibt Wen Zhang als übereifriger aber notorisch ungeschickter Jung-Mönch Neng Ren. Als weiterer Sidekick fungiert u. a. eine digitale Ratte. Jet Li, der vor allem im Hinblick auf die internationale Vermarktung des Films engagiert wurde, sieht dank der ausgezeichneten Bildqualität erschreckend alt aus. Nach eigener Auskunft wurde er hereingelegt: Man versprach ihm eine ‚andere‘ Rolle, in der er nicht permanent Fäuste und Füße fliegenlassen müsse. Stattdessen wurde „Die Legende …“ zu einer seiner körperlich aufreibendsten Filme. Die Anstrengungen aller Beteiligten haben sich jedoch gelohnt. „Die Legende …“ mag inhaltlich verworren und formal pompös sein, ist etwas Schlimmeres jedoch nie: langweilig!

DVD-Features

Mit den Extras (Making of, Trailer, Bildergalerie) ist wenig Staat zu machen, aber es gibt sie. Interessanter und wichtiger ist der Hinweis, dass „Die Legende …“ in zwei Fassungen existiert. Die „internationale Version“ erschien als „Die Legende der weißen Schlange“. Ihr folgte eine „Uncut-Version“ mit dem ‚deutschen‘ Neutitel „Emporer of the White Snake“, die acht Minuten länger läuft. Wieso das humorvolle Treffen mit Susus ‚Familie‘ (chaotisch verkörpert durch ihre in Menschengestalt geschlüpften Dämonenfreunde) und ein epischer Kampf zwischen Fahai und Qingquing geschnitten wurden, ist rätselhaft. Die beiden Szenen sind nicht unbedingt handlungsrelevant, aber sie vertiefen bestimmte Aspekte der Gesamtgeschichte unterhaltsam. Auf jeden Fall ist die Langfassung vorzuziehen.

Kurzinfo für Ungeduldige: Schlangendämonin Susu verliebt sich in den naiven Kräutersammler Xu Xian, was Dämonenjäger Fahai auf den Plan ruft: Eine Verbindung zwischen Dämon und Mensch bringt stets Unheil, was sich wenig später eindrucksvoll bestätigt … – Bildgewaltig und actionlastig erzählt Regisseur Siu-Tung Ching eine tragische Liebesgeschichte, der selbst Grimassen-Schauspiel, schlechte CGI-Tricks und Bombast-Musik nicht den Garaus machen können: sehenswert.

[md]

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