Inglourious BasterdsInglourious Basterds

USA 2009
Regisseur: Quentin Tarantino
Drehbuchautor: Quentin Tarantino

Darsteller: Brad Pitt (Lt. Aldo Raine), Mélanie Laurent (Shosanna Dreyfus), Christoph Waltz (Col. Hans Landa/Cannes Film Festival 2009, Bester Darsteller), Eli Roth (Sgt. Donny Donowitz), Michael Fassbender (Lt. Archie Hicox), Diane Kruger (Bridget von Hammersmark), Daniel Brühl (Pvt Fredrick Zoller), Til Schweiger (Sgt. Hugo Stiglitz), Gedeon Burkhard (Cpl. Wilhelm Wicki), Jacky Ido    (Marcel), B.J. Novak (Pfc. Smithson Utivich), Omar Doom (Pfc. Omar Ulmer), August Diehl (Major Dieter Hellstrom), Denis Menochet (Perrier LaPadite), Sylvester Groth (Joseph Goebbels)

Länge: 153 Min
Land: USA, Deutschland
Sprache: Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch
Altersfreigabe: USA:R (certificate #45325), UK:18, Neuseeland:R16, Irland:16, Schweden:15, Finnland:K-15, Australien:MA, Deutschland:16 (bw), Kanada:13+ (Quebec), Kanada:18A (Alberta/British Columbia/Manitoba), Kanada:14A (Ontario), Niederlande:16, Norwegen:15, Singapur:M18, Portugal:M/16 (Qualidade), Frankreich:-12, Hong Kong:IIB (cut), Hong Kong:IIB, Südkorea:18, Island:16
Drehorte: Babelsberg, Potsdam, Brandenburg, Deutschland; Bad Schandau, Saxony, Deutschland; Berlin, Deutschland; Elbe Sandstone Mountains, Saxony, Deutschland; Görlitz, Saxony, Deutschland; Krampnitz, Brandenburg, Deutschland; Nauen, Brandenburg, Deutschland; Paris, Frankreich; Rüdersdorf, Brandenburg, Deutschland; Sebnitz, Saxony, Deutschland; Studio Babelsberg, Potsdam, Brandenburg, Deutschland; (Studio)
Fördergelder: Deutsche Filmförderfonds (6,8 Millionen Euro), Medienboard Berlin-Brandenburg (600.000 Euro), Mitteldeutsche Medienförderung (300.000 Euro)

Tarantinos Abrechnung mit Nazideutschland – Schrott, Genial oder einfach nur Durchschnitt?

In den 40er Jahren macht sich ein Trupp jüdischer US-Soldaten (Inglourious Basterds genannt) auf den Weg nach Frankreich, um Nazis auszuschalten und den Deutschen so richtig schön in den Hintern zu treten. Sie erfahren von einer Filmpremiere, bei der hochrangige Naziführer anwesend sind. Unter dem Kommando von Lt. Aldo Raine (Brad Pitt) treffen sich die Basterds mit der Agentin Bridget von Hammersmark (Diane Kruger) und erfahren brisante Neuigkeiten.

Beinahe zeitgleich plant die untergetauchte Jüdin Shosanna Dreyfus (Mélanie Laurent) ebenfalls einen Anschlag. Immerhin soll genau in ihrem kleinen Kino die Filmpremiere stattfinden. Das verdankt sie dem liebeskranken Kriegshelden Fredrick Zoller (Daniel Brühl), der gleichzeitig auch Hauptdarsteller des gezeigten Films ist.

Allen stets auf der Spur ist Kommandant Hans Landa (Christoph Waltz), der auch als Judenjäger bekannt ist. Er ist ein bösartiger Kerl, ein mieses Schwein, ein wahnsinniger Mörder und allen Beteiligten dicht auf den Fersen …

Historie adieu!

Quentin Tarantino erschafft mit „Inglourious Basterds“ eine alternative Zeitlinie. So braucht er sich um historische Fakten kaum zu scheren, die ansonsten als katastrophale Regiefehler erscheinen würden. Allerdings meinte Brad Pitt in einem Interview, der Tod Hitlers im Film hätte ein für allemal mit der deutschen Geschichte aufgeräumt und die Sache wäre nun endlich abgeschlossen. Diese Aussage schlägt in die gleiche Kerbe wie David Hasselhoffs Aussage, sein Lied („Looking for Freedom“) hätte den Deutschen die Wiedervereinigung gebracht. Nun, in einer alternativen Zeitlinie haben vielleicht beide Aussagen tatsächlich eine gewisse Daseinsberechtigung.

Neben den historischen Missgriffen (Tonfilm bevor der Ton in die französischen die Kinos kam, Juden die in Frankreich Land besitzen, Invasionskarten auf denen noch „Osmanien“ eingetragen ist, Orden die falsch sind oder gar nicht existierten, eine Baseballphrase die erst 1990 entstand und so weiter und so fort) startet der Film auch  mit tatsächlichen Regiefehlern, die einfach offensichtlich sind: Ein Milchglas das unterschiedliche Füllhöhen aufweist, eine Uhr mit falschen Angaben und eine Motte die mal da und dann wieder weg ist. Falls das die bereinigte Fassung ist, dann mag man sich kaum vorstellen, wie die Szenen zuerst aussahen. Aber scheinbar hat Tarantino einfach nur schluderig gearbeitet, wollte Spaß, keinen echten Job.

So flaniert Zoller durchs Kino obwohl die Türen geschlossen sind, wechseln Tätowierungen die Seite, da wird Gedeon Burkhards Geburtsstadt München mal nach Österreich verlegt oder steht auf einer Spielkarte Bridgitt Horney, wo zuvor noch Brigitte Helm stand. Das sind alles grobe und fahrlässige Fehler, da sie nicht am Rand des Geschehens, sondern im Mittelpunkt der Kamera, im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

Alles nur Geschichte

Tarantino hat lange gebraucht, um „Inglourious Basterds“ zu Papier zu bringen. Und wie üblich holte er sich die Inspiration aus bekannten und unbekannten Quellen. Diesmal hat er sich bei dem Streifen „The Inglorious Bastards“ bedient, der aus dem Jahre 1978 stammt und von Italowestern-Kultregisseur Enzo G. Castellari abgedreht wurde. Dieser wiederum hatte die Inspiration für seinen Film (im deutschen als „Ein Haufen verwegener Hunde“ erschienen) durch Robert Aldrichs „Das dreckige Dutzend“ (1967). Hier wurde also eine gesiebte Grundidee nochmals gesiebt und dabei ordentlich versiebt.

Immerhin waren beide Vorgängerfilme mit einer starken Geschichte versehen, von der Tarantino nur Teile der Grundidee übrigließ: US-Soldaten alleine hinter der Frontlinie schießen auf Nazis. Und diese Idee wurde dann mit schmalzigen und klischeebeladenen Szenen und Einstellungen versehen. Dabei sollte man im Hinterkopf behalten, dass viele der Szenen nur beim entsprechenden Publikum wirken. Und das sind eindeutig US-Bürger und die Alliierten im Allgemeinen. Die dürften auch wissen, woher der ein oder andere markige Spruch stammt, der im Film von sich gegeben wird. Einem Deutschen entzieht sich der Humor Tarantinos doch ein wenig – bei aller Objektivität.

Da die Deutschen auch von Deutschen gespielt werden und im Film oft und lange Deutsch gesprochen wird, kann man den Film auch problemlos im englischsprachigen Original anschauen. Das Verständnis bleibt weitgehend erhalten und auch die Sprüche der Hauptdarsteller kommen unverfälscht herüber. Die deutsche Synchronisation ist dennoch gut gelungen – vor allem, da eher wenig synchronisiert werden musste.

Kamera läuft, Action!

Was Quentin Tarantinos Filme auszeichnet, ist das große Maß an ausgefeilter und blutiger Action. „Inglourious Basterds“ stellt da keine Ausnahme dar und bei etlichen Szenen fragt man sich, woher das FSK 16 kommt. Es muss das Vöglein Kommerz sein, dass dort vom Baum trällert und mit deutschen Filmfördergeldern angefüttert wurde – immerhin mehr als 7,5 Millionen Euro.

Im Film werden Nazis skalpiert, zu Tode geprügelt, bekommen blutig Hakenkreuze in die Stirn geritzt, gibt es verrauchte Schussszenen und wird der Finger in die blutige Wunde gebohrt. Tarantino eben, doch diesmal mit einem faden Beigeschmack. Die Action scheint nur der Action wegen vorhanden zu sein, wirkt recht lieblos und wenig inspiriert. Das gilt auch für die Auswahl der Musik, die Tarantinos Filme ebenfalls auszeichnet. Sie ist mal wieder eingängig und hat ein paar Jahre auf dem Buckel, wirkt aber niemals so präsent wie es in „Kill Bill“ der Fall war. Dort scheinen allerdings etliche Ideen entliehen worden zu sein, die Tarantino in „Inglourious Basterds“ einbringt.

Das gilt vor allem für Kamerafahrten, Stoppszenen, bestimmte Einstellungen und Einblendungen. Die stammen nicht nur aus „Kill Bill“ & Co., sondern auch aus alten Italowestern. Viele der Szenen und Einstellungen werden einem versierten Kenner der Materie bekannt vorkommen. Und nun wird es deutlich, was geschehen ist: Mister Tarantino hat es einfach versäumt sich weiterzuentwickeln. Er stagniert, tritt auf der Stelle. Er bleibt an dem hängen, was ihn zum Kultregisseur machte, kann sich nicht lösen, ist wie gefesselt. Somit werden seine einst frischen Ideensteaks zum abgelaufenen Gammelfleisch.

Hilfe, Hilfe, ein Apache!

Was in „Iglourious Basterds“ besonders herausragt sind die Darsteller, die mit sehr großer Spielfreude agieren und sich offensichtlich richtig ausleben können. Das ist manchmal recht kitschig, aber eindeutig so gewollt. Am prominentesten ist natürlich Brad Pitt, der Lt. Aldo Raine spielt. Im Film führt er den Kampfnamen „Der Apache“. Das Thema wird nochmals bei der Kontaktaufnahme mit  Bridget von Hammersmark aufgenommen, denn diese spielt mit einigen Nazis am Tisch Personenraten. Ein Mitspieler hat „Winnetou“ auf seiner Stirn kleben und auch „Karl May“ kommt vor. Nun soll Raines Kampfname für die Deutschen furchteinflößend sein, allerdings sind Apachen durch die Bücher Mays und der Figur Winnetous für Deutsche positiv belegt. Das führt zum nächsten witzigen Detail im Film, denn als der Name erraten wird steht der Deutsche auf und vollführt eine ausladende Geste mit den Worten: „Ich bin Winnetou!“ („I am Winnetou!“ im Originalton).  Dieser Satz, in Verbindung mit dieser Darstellung, wurde in den 60er Jahren von Pierre Brice in den Karl-May-Verfilmungen uraufgeführt.

Die Arbeit der US-Darsteller ist also gut und voller Spielfreude, doch die deutsche Schauspielriege steckt die zumeist international sehr bekannten Kollegen locker in die Tasche und läuft ihnen problemlos den Rang ab. Man sieht jedem Einzelnen einfach an, mit wie viel Spaß er bei der Sache ist und jedes Quäntchen Zeit aus seiner Rolle quetscht, um sie mit Leben zu füllen. Allen voran der grandios mimende Christoph Waltz in der Rolle des Judenjägers Hans Landa. Er spielt im Film beinahe jede menschliche Emotion, kostet jeden Augenblick aus, besitzt eine Tiefe und Spielvielfalt, die erstaunlich ist. Prompt erhielt er in Cannes 2009 den Preis als bester Darsteller – wohlverdient. So durchschnittlich „Inglourious Basterds“ auch ist, alleine wegen Christoph Waltz ist der Film sehenswert. Für diesen Mann, für diese Rolle, kann es nur stehenden Applaus geben.

Die Antwort auf die Eingangsfrage:

Viele Elemente sind Tarantino einfach misslungen und dabei sollte er es besser können. Dennoch baut der Film leidlich Spannung auf und ist unterhaltsam. Das liegt vor allem an den guten Darstellern und einem genialen Christoph Waltz. Dadurch rückt der Film ins Mittelfeld vor, mit einem guten Passspiel der deutschen Riege und einem Herrn Waltz als Spielmacher, der beteiligte Schauspieler wie Brad Pitt und Eli Roth (mit einer schwachen Leistung) locker in seine Westentasche steckt.Den Film sollte man also sehen, aber die Erwartungen an Tarantino und großes Kino, die bleiben lieber niedrig.

Copyright © 2009 by Günther Lietz

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Das dreckige Dutzend
Ein Haufen verwegener Hunde