Die aus dem Jahre 2003 stammende Anime-Serie „Fullmetal Alchemist“ ist ein gezeichnetes Drama, voller Action, Spannung und – vor allem – tiefgehenden Emotionen. Bereits die erste Episode hat es in sich. Sie spielt zeitlich gesehen in der Gegenwart der beiden Brüder Edward und Alphonse Elric. Edward ist zu jener Zeit bereits Staatsalchemist und trägt den Beinamen „Fullmetal“. Das deutet vorrangig darauf hin, dass Edwards rechter Arm und sein linkes Bein durch metallene Vollprothesen ersetzt wurden, sogenannte Automails. Im Laufe der Serie erkennt der Zuschauer, dass die Übersetzung des japanischen Originaltitels („Hagane no Renkinjutsushi“) mit „Alchemist des Stahls“ oder auch „Vollmetall-Alchemist“ auf mehreren Ebenen wirkt, mehr einschließt als die bloße Tatsache, das Edward Automail-Träger ist.

Die nächsten Folgen erzählen nun rückblickend von der Kindheit der beiden Brüder, dem Leben und Tod ihrer Mutter, wie beide gegen das alchemistische Prinzip des äquivalenten Tausches verstießen und somit eine Katastrophe heraufbeschworen, die ihresgleichen an Dramatik sucht. Denn während Edward nur zwei Gliedmaßen verlor, verlor Alphonse seinen ganzen Körper und begleitet seinen älteren Bruder als lebende Rüstung, in die seine Seele gebunden wurde.

Nach der Ausbildung als Alchemisten treibt es die beiden Elrics zum Militär. Edward wird – trotz seiner Jugend – unter der Obhut von Oberst Roy Mustang zum Staatsalchemisten und macht sich mit seinem Bruder auf, um den Stein der Weisen zu suchen. Edward und Alphonse glauben mit diesem Artefakt ihre Schuld tilgen und die Fehler der Vergangenheit aus der Welt schaffen zu können. Dabei lernen die Brüder neue Menschen kennen und kommen einer Verschwörung auf die Spur. Schlussendlich erkennen sie die wahre Größe hinter ihrer Suche.

„(…)Man kann nichts gewinnen, wenn man nicht auch bereit ist, Opfer zu bringen.
Wenn man etwas Neues erhalten will, muss man etwas von gleichem Wert hergeben.
So lautet das alchemistische Prinzip des äquivalenten Tausches.
Zu jener Zeit hielten mein Bruder und ich dies für eine der Säulen der Welt.(…)“

Quelle: Vorspann von „Fullmetal Alchemist“

Je weiter die Serie voranschreitet, um so mehr lernen die Elrics über die Welt und werden langsam erwachsen. Das geschieht bei Edward mit großen Schritten, während Alphonse stets eine kindliche Naivität zurückbehält. Somit bildet er einen Kontrast, einen Gegenpol zu Edward. Gerade das sorgt für eine dramatische Spannung zwischen den beiden Brüdern, die – trotz mancher Gegensätzlichkeit – durch ihre große Liebe zueinander verbunden sind. Eine Bruderliebe, die über alle Fährnisse des Lebens zu siegen scheint. Doch ist dem Wirklich so?

Denn im Hintergrund ziehen umtriebige Gestalten die Fäden. Und es wird erkennbar, dass all die Abenteuer und Schicksalsschläge im Leben der Elrics kein Zufall, sondern Schicksal und Verknüpfungen sind. Während die ersten Episoden noch locker und fluffig daherkommen, erscheinen spätere Folgen um so düsterer. Der Humor wird langsam zurückgeschraubt und je weiter sich der Zuschauer dem Finale nähert, um so packender wird diese epische Geschichte.

Das liegt vor allem an den griffigen Charakteren, die zwar überzogen, aber genau dadurch so liebenswert oder auch verabscheuenswert sind. Sie laden zum Mitfühlen ein, nehmen den Zuschauer mit auf eine Reise durch eine fantastische Welt, in der die Macht der Alchemie wunderbare Dinge hervorbringt. Es ist ein fesselndes Fantasyspektakel, mit einer tiefgehenden, komplexen Geschichte, voller Gefühl und hintergründigen Figuren. Kein Wunder, dass die Serie erst ab 16 Jahren freigegeben ist.

„Fullmetal Alchemist“ umfasst einundfünfzig Folgen, mit einer Länge von jeweils fünfundzwanzig Minuten. Das macht 1275 Minuten voller Spannung. Selbst nach Abzug des Vor- und Abspanns bleiben noch mehr als eintausend Minuten pure Unterhaltung über. Überhaupt zählt der Vorspann zu den Glanzlichtern der Serie. Je nach Stand der Handlung variiert er im Aufbau, kommt mit einem anderen Offtext oder einer neuen Titelmelodie daher. Vor allem die Musik weiß hier zu begeistern.

Sie wurde von Michiru Oshima arrangiert und ist perfekt auf die Serie angepasst. Die japanischen Songs wissen zu gefallen und begleiten instrumental als Grundthemen die Serie. Das sorgt für schaurig traurige Augenblicke, vor allem für die Zuschauer, die sich die Mühe machen und nach einer Übersetzung der Lieder suchen. Auch ein Besuch bei Youtube.de lohnt sich, da dort etliche Coverversionen deutscher Fans zu finden sind. Vor- und Abspanntitel produzierte alle Aniplex. Der Hintergrundtitel „Bratja“ wurde übrigens – wie auch die anderen Songs – vom Moskauer Philharmonischen Orchester gespielt.

„(…)Prosti menya, mladshiy brat!
Ya tak pred toboy vinovat.
Pyitatsya vernut‘ nyelzya
Togo, chto vzyala zyemlya.(…)

(…)Forgive me, little brother
I am so sorry before you.
It’s forbidden to try to return
One taken by the earth.(…)“

Bratja gesungen von Moscow Philharmonic Orchestra and Choir
Quelle: http://www.animelyrics.com

„Brothers“ ist eindeutig der stärkste Song des Soundtracks, voller Melancholie, voller Traurigkeit – einfach rührend. Ebenso wie die Serie selbst. Obwohl es für die deutsche Version der Serie keinen offiziellen deutschen Soundtrack gibt, kann sich aber die deutsche Synchronisation um so mehr hören lassen. Das beginnt mit David Turba als Edward Elric, der als deutsche Stimme von Shia LaBeouf bekannt ist. Noch bekannter ist sicherlich Alphonse Stimme, die ihm von Wanja Gerick geliehen wird. Dem Ohr gut bekannt als Anakin Skywalker aus „Star Wars: Episode II – Angriff der Klonkrieger“ und „Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith“. Gilmore-Girls-Fans dürfte er allerdings eher als Dean bekannt sein. Die prominenteste Stimme hat allerdings Roy Mustang, der von David Nathan gesprochen wird. Nathan ist derzeit vor allem als deutsche Stimme von Johnny Depp und Christian Bale zu hören; oder auch James Marsters („Buffy“). Bei den weiblichen Rollen punktet die Serie mit Marie Bierstedt (Kirsten Dunst, Kate Beckinsale, Kristin Kreuk) als Winry Rockbell. Im japanischen Original wechselten zur zweiten Staffel übrigens etliche der Stammsprecher, währen die deutsche Synchronisation durchweg mit den gleichen Sprechern aufwartet. Das sorgt für eine angenehme Kontinuität.

Das macht „Fullmetal Alchemist“ für deutsche Zuschauer natürlich zu einem wahren Fest. Überhaupt ist die deutsche Ausgabe des Animes sehr gelungen, allerdings auch ziemlich hochpreisig. Für Sammler empfiehlt sich hier die Gesamtbox, die es einmal mit und einmal ohne den Film („Fullmetal Alchemist – Der Film: Der Eroberer von Shamballa“) zu kaufen gibt. Wahre Sparfüchse können natürlich auch die Videoplattform MyVideo.de besuchen. Dort ist die Serie seit März 2011 anzuschauen (http://www.myvideo.de/channel/fullmetal-alchemist-die-serie). Allerdings müssen bei Ton und Bild – vor allem Letzterem – starke Abstriche gemacht werden. Bild und Ton sind auf der DVD natürlich von hervorragender Qualität.

„(…)afuredasu namida nara  ima wa tomenakute ii
kanashimi no saigo ni wa  hikari ga sashikomuhazu(…)

(…)It’s okay if I don’t stop my overflowing tears
At the end of this sadness, the light will surely shine me(…)“

4th Ending Theme gesungen von Sowelu
Quelle: http://www.animelyrics.com

Die Regie von Seiji Mizushima ist jedenfalls erstklassig und auch die Konzeption weiß zu überzeugen. Jedoch weicht die Serie ab Folge dreißig immer stärker von der Mangavorlage ab, die von der Mangaka Hiromu Arakawa stammt. Das liegt daran, dass zum Zeitpunkt der Produktion noch keine entsprechenden Mangas vorlagen, an die man sich hätte halten können. Dadurch hat der Anime ein alternatives Ende. Allerdings gibt es mit „Fullmetal Alchemist – Brotherhood“ seit 2009 eine zweite Serie, die der kompletten Mangavorlage folgen soll. Beide Serien können als vollkommen eigenständig angesehen werden.

„Fullmetal Alchemist“ ist eine exzellente Serie, die einiges zu bieten hat. Humor, Action, Spannung, Dramatik und – vor allem – viel Gefühl. Obwohl auch hier einige der üblichen überzogenen Stilelemente der Anime bemüht werden, halten sich diese in engen Grenzen und präsentiert sich eine sehr düstere Serie, die zum Finale hin immer mehr an Stimmung und Spannung gewinnt. „Fullmetal Alchemist“ ist erstklassiges Zeichentrickmaterial aus Japan in einer hervorragenden deutschen Synchronisation. Absolut Empfehlenswert!

Copyright © 2011 by Günther Lietz

Fullmetal Alchemist

Deutscher Titel: Fullmetal Alchemist
Originaltitel: Hagane no Renkinjutsushi

Produktionsland: Japan
Originalsprache: Japanisch
Produktionsjahr: 2003
Episoden: 51
Länge: je 25 Minuten

Idee: Hiromu Arakawa
Musik: Michiru Oshima
Erstausstrahlung: 4. Oktober 2003 (Japan) auf TBS, Animax
Deutschsprachige Erstausstrahlung: 3. August 2009 auf Animax

Sprecher: Edward Elric (Romi Park/David Turba), Alphonse Elric (Rie Kugimiya/Wanja Gerick), Roy Mustang (Toru Okawa/Shin’ichiro Miki/    David Nathan), Winry Rockbell (Megumi Toyoguchi/Megumi Takamoto/Marie Bierstedt), Riza Hawkeye (Michiko Neya/Fumiko Orikasa/Gabi Wienand),
Maes Hughes (Keiji Fujiwara/Simon Roden), Scar (Ryotaro Okiayu/Kenta Miyake/Stephan Schleberger), Lust (Yuko Sato/Kikuko Inoue/Ilja Welter),
Gluttony (Yasuhiro Takato/Tetsu Shiratori/Renier Baaken), Envy (Mayumi Yamaguchi/Minami Takayama/Julien Haggége)

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