25 Stunden (KINOFILM)

– Darsteller: Rosario Dawson, Philip Seymour Hoffman, Brian Cox, Anna Paquin, Edward Norton, Barry Pepper
– Regie: Spike Lee
– FSK: 12
– Musik: Terence Blanchard
– Buch: David Benioff
– Produktion: USA 2002
– Label: Kinofilmverleih: Buena Vista
Zusatzinformationen:
O-Titel: 25th Hour
Kategorie: Spielfilm
Genre: Drama
Produktionsfirmen: 40 Acres and a Mule Filmworks, Industry Entert. u.a
Produzenten: Spike Lee, Jon Kilik, Tobey Maguire, Julia Chasman
Ausf. Prod.: Nick Wechsler
Kamera: Rodrigo Prieto
Schnitt: Barry Alexander Brown
Produktionsdesign: James Chinlund, Nicholas Lundy
Kostüme: Sandra Hernandez
Ton: Rolf Pardula
Casting: Aisha Coley
Kinostart: 15. Mai 2003
Laufzeit: 135 Min.
Einspielergebnis D: € 545.637 / Bes. (EDI) 91.190
Bes. (FFA) 84.538
USA-Start: 20. Dezember 2002, bei Buena Vista
Boxoffice USA: $ 12.837.540

Der in geschwungene Worte gefasste Ausdruck von Emotionen, Gefühlen und Leiden existiert unter der Begrifflichkeit der Poesie. Poetisch ist, was auf seine ganz eigene Weise das Leben dokumentiert, die jederzeit entfremdete Variation der Wirklichkeit, artifiziell veränderte Natürlichkeit beschreibt, wie in der malenden Kunst mal expressionistisch, mal naturalistisch und immer wieder surreal. Folgt man nur irgendeinem dieser groben Definitionsansätze erscheint Spike Lees sensibel erzähltes Drama „25th Hour“, wie auf Zelluloid gebannte Dichtung, ein traumatischer Bilderbogen, das visuelle Erlebnis einer scheinbar aus den Fugen geratenen Realität. Ein Gedicht für New York.

Mit der 25ten Stunde beginnt für Lees Charaktere eine neue, eine veränderte Wirklichkeit. »Nichts wird mehr so sein wie zuvor«, der Leitsatz des Films ist mehr bittere Erkenntnis als hoffnungsvolle Botschaft. Der eine, Monty Brogan (Edward Norton) wird dann für sieben Jahre wegen Drogenhandels im Gefängnis einsitzen. Seine Freunde Jakob Elinsky (Philipp Seymour Hoffman) und Frank Slaughtery (Barry Pepper) verlieren einen engen Vertrauten, Naturelle Rivieira (Rosario Dawson) den Mann an ihrer Seite, James Brogan (Brian Cox) gar den eigenen Sohn. Es verbleiben 24 Stunden für Monty um sich zu verabschieden, einige Dinge zurechtzurücken und verbittert auf sein Leben zurückzuschauen.

Es gibt keine Zukunft, nur eine unheilvolle Ansammlung aussichtsloser Möglichkeiten. Monty wird den Knast nicht überleben, soviel steht für ihn fest. Er sieht zu gut aus, um homosexuellen Übergriffen zu entgehen, ist zu gebildet, um nicht sogleich aufzufallen und ohne Freunde, ohne Beziehungen wird er es nicht lange durchhalten. Dennoch bleibt Zeit um seinem Hund eine neue Bleibe zu verschaffen, sich endgültig von den falschen, kriminellen Freunden zu lösen und sich letztlich von seinen Freunden zu verabschieden. Noch ein Tag.

25th Hour erzählt keine gewöhnliche Geschichte, es gibt keinen Anfang und kein Ende, selbst die angepeilten 24 Stunden, die Monty in Freiheit verbleiben signalisieren keine zeitliche Limitierung. Spike Lee beschreibt, er schwelgt mit seinem Film in Erinnerungen der Charaktere, wechselt Ort und Zeit, so dass jene scheinbar willenlose Verknüpfung von Begegnungen und Menschen ein fast traumatisches Abbild der Wahrheit ergibt. Im Zentrum steht Monty Brogan, ein gebrochener Mann, verbittert, perspektivlos, verzweifelt, doch in diesem Zustand verweilt nicht er allein. Das Schicksal von Monty zieht seine Umwelt sukzessive hinein in diesen Sog der Depressionen, dem kaum jemand etwas entgegenzusetzen hat als die entmutigende Erkenntnis ihrer ganz eigenen Hilflosigkeit, dem Verlorensein in der Gesellschaft, zwischen Anspruch und Realität.

Der Film kreiert eine bedrückende Stimmung, die Spike Lee durch distanzierte Bilder herstellt, die sich ihren Charakteren nähern, um doch nur die Oberfläche ihrer inneren Empfindungen zu offenbaren. Albtraumhaft und surreal gestaltet 25th Hour ein apokalyptisches Ambiente einer verschobenen Wirklichkeit, die sich nicht mehr auf ihre Vergangenheit stützen kann, denn »Nichts wird mehr so sein wie zuvor«. Für Monty gibt es kein Entkommen, keinen rettenden Ausweg auch wenn der Film dies für wenige Augenblicke suggerieren möchte, um seine Hauptfigur danach doch ihrer schmerzlichen Realität zu überlassen. Diese Realität findet in New York ihr kummervolles Spiegelbild.

Für Spike Lee ist die Stadt mehr als nur filmische Kulisse. Monty leidet wie New York leidet. Der Schmelztiegel unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen, Nationalitäten und Klischees erfährt mit 9/11 so etwas wie die Apokalypse und hinterlässt die Stadt in einem posttraumatischen Schockzustand. Lee versucht diese Ohnmacht, dieses Gefühl der offenliegenden Verwundung einzufangen, zu visualisieren, um letztendlich aus dem Einzelschicksal des Monty Brogan, das Schicksal einer Stadt zu machen. Ein problematischer Versuch für ein sensibles Thema. Nicht immer zwingend erscheint die Parallelität zwischen Lees Hauptfigur und ihrer Umwelt, fast glaubt man der unausweichlichen Wahrheit des 11. Septembers auf äußerst penetrante Art ausgeliefert zu sein. Doch vielleicht liegt gerade darin die Stärke von „25th Hour“. Ein bewusstes Erkennen der Leiden, die Akzeptanz des Verlusts, ohne Kompromisse. David Benioff, dessen gleichnamigen Roman Lee für seinen Film adaptierte, hatte diese Allegorie nicht im Sinn als er weit vor den Anschlägen auf das World Trade Center das Porträt zerrissener Figuren entwarf. Eine Tatsache, die man dem Film in Teilen anmerkt.

Dennoch ist Lee ein eindrucksvolles Werk gelungen, das sich nur zum Teil auch als Aufarbeitung eines gesellschaftspolitischen Traumas versteht. Der kontroverse und provokante Regisseur orientiert sich in „25th Hour“ auf das mitunter brillante Spiel seiner Schauspieler, von denen Norton und Pepper herausragen, und die langsame Entfaltung einer künstlerisch ausgesprochen wirkungsvoll inszenierten Leidensgeschichte. Die Handlung lebt von der Atmosphäre, dieser stilistischen Mixtur aus Unsicherheit und Angst, Abschied und Aufbruch in eine neue Wirklichkeit, dieser nachdenklichen Poesie, die Spike Lee in expressionistischen Bildern festhält. „25th Hour“ will keine kurzweilige Unterhaltung sein, sondern tiefer greifen, in das Bewusstsein einer Gesellschaft eindringen, die nicht auf ewig von Traumata gekennzeichnet bleiben will, sondern auch von der Sehnsucht nach Freiheit lebt.

(4,5 von 5 Punkten)

(c) 2004 by Patrick Joseph

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25 Stunden