27 Missing Kisses (DVD)

– Darsteller: Nino Kuchanidse, Genia Sidischin, Schalwa Iaschwili
– Regie: Nana Djordjadze
– FSK: 12
– Musik: Goran Bregovic
– Buch: Irakli Kvirikadze
– Produktion: Deutschland/Georgien/Großbritannien 2000
– Label: Kinowelt
Zusatzinformationen:
• Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1)
• Untertitel: Deutsch
• Bildformat: 1.85:1
• Dolby, Surround Sound, PAL, Widescreen
• Laufzeit: 92 Minuten
• DVD Erscheinungstermin: 9. April 2002
DVD Features:
• Untertitel: Deutsch
• Interviews mit der Regisseurin und den Produzenten, Making of, Starinfos

Erotische Turbulenzen in Georgien.

Zur Handlung:
Im Mittelpunkt des episodenhaft erzählten Geschehens steht die quicklebendige Sibylla (Nuza Kuchianidze). Gerade mal 14 Jahre alt (die Darstellerin war 16), mischt sie das Liebesleben der verschlafenen Kleinstadt am Fuß der georgischen Gebirge gehörig auf, als sie aus dem Bus steigt, um den Sommer bei ihrer Tante Martha zu verbringen.

Ezählt wird die Geschichte von Sibyllas Aufenthalt vom gleichaltrigen Mickey, dem Sohn des alleinerziehenden Witwers Alexanders, 41. Als „blonder Tarzan“ ist der arbeitslose Astronom der Liebling der Frauen des Städtchens, seien diese nun verheiratet oder nicht. Auch Sibylla verliebt sich auf der Stelle in Alexander, was aber Mickey sofort eifersüchtig macht. Alexander will sich jedoch mit einer Minderjährigen nicht einlassen, was aber Mickey nicht ahnt. Er erbittet sich von Sibylla 100 Küsse.

Er fördert daher alle anderen Liebschaften seines Vaters nach Kräften, so etwa zu der rothaarigen Veronika, die sich von ihrem Mann, einem Artillerieoffizier, missachtet und vernachlässigt fühlt. Um ein Kind zu empfangen, treibt sie es zunächst mit Alexander, dann mit anderen, stets wachsam durchs Fernglas verfolgt von ihrem Offizier, der mit der einzigen Kanone des Ortes auf sie feuern lässt. Sibylla hingegen macht Alexander des öfteren einen Strich durch die amouröse Rechnung, denn sie will ihn ja ganz für sich haben.

Alexander fühlt sich von Sibyllas Avancen zunehmend bedrängt und heiratet die gesetzte Saffo. Das ficht Sibylla jedoch nicht an. Aber Mickey lässt nicht locker. Sibylla hat ihm schließlich 100 Küsse versprochen, und davon stehen noch eine Menge aus. Im Glauben, sein Vater habe mit der geliebten Sibylla geschlafen, begeht Mickey eine verhängnisvolle Tat…

Gesamteindruck:
Nach eigenem Bekunden möchte Nana Djordzadze „mit Humor traurige Geschichten erzählen“. Diese Geschichten schreibt meist ihr Ehemann Irakli Kvirikadze, der auch für diesen Film auf die skurrilsten Einfälle verfallen ist. Zuweilen mutet der Film wie eine erotische georgische Version von „Die Leute von Seldwyla“ von Gottfried Keller an. Allerdings zerfällt der Film nicht in divergierende Erzählstränge, sondern schafft es, stets dicht an der beiden zentralen Figuren dran zu bleiben, ihrer Liebe und ihrem Konflikt.

Es gibt jedoch ein durchlaufendes Motiv, das bislang nicht erwähnt wurde und das als Kontrast zum eher bodenständigen erotischen Reigen in der Kleinstadt fungiert: Ein alter Seemann, gespielt von Pierre Richard, dem „großen Blonden mit dem schwarzen Schuh“, möchte ein großes Motorboot zum Meer schaffen. Das Bild, wie er das Boot mit dem Traktor über die Felder zieht, sieht entweder absurd oder poetisch aus, je nach Einstellung des Zuschauers.

Dieser Erzählstrang überschneidet sich mit dem Rest der Geschichte: Als der Seemann in der Kleinstadt Rast macht, unterhält er sich mit Alexander. Und am Schluss gelangt er ans Meer und nimmt ein junges Mädchen mit…

Schon nach wenigen Minuten beherrscht die Figur der Sibylla den Film: Wir sehen sie nackt im Bade stehen, gewaschen von ihrer Tante, beobachtet von Mickey. Ihr 16-jähriger Körper schlägt ihre Umgebung ebenso in den Bann wie uns, doch es ist ihre Lebensenergie, ihre burschikose Art (sie raucht Zigarren), ihre selbsterwählte Rolle als Verführerin, die uns faszinieren. Sie schlägt selbst die im Dorfkino gezeigte „Emmanuelle“ aus dem Feld.

Die einzige Szene, die man für missglückt halten könnte, strapaziert die Gutgläubigkeit des Zuschauers doch ziemlich: Bei einem Rendezvous, an dem Sibylla ausnahmsweise nicht beteiligt ist, hat Pjotr zwecks besseren „Stehvermögens“ sein Glied mit einem Stahlring verstärkt. Leider lässt sich das Ding nicht mehr ohne weiteres entfernen. Nach Inspektion des „Standes der Dinge“ veranlasst eine resolute Dame, dass Pjotrs Männlichkeit in der Stahlpresse von ihrem unerwünschten Gefängnis befreit werde. Frauen lachen sich hierbei vielleicht halbtot, aber für Männer sieht die Sache doch relativ peinlich aus.

Rund 50 Minuten Hintergrundmaterial bieten die zwei Interviews und das Making-of. Dass die Regisseurin so gut Deutsch beherrscht, überrascht zunächst. Dass sie aber auch eine Freundin von Wim Wenders ist und so an ihren Kameramann aus Hollywood gelangte, verblüfft. Sie ist eine sehr sympathische, energische und einfallsreiche Frau, von der man hoffentlich noch viele Filme sehen wird.

Was die beiden Produzenten zu erzählen haben, grenzt an ein orientalisches Märchen und bildet das eigentliche Making-of zum Film. Sie berichten von den unzähligen Problemen bei den Dreharbeiten (begleitet von Fotos), aber auch von dem Entgegenkommen, diese Art von Film und Story zu finanzieren. Die Finanziers kommen aus ganz Westeuropa. Der Erfolg in Cannes war erheblich und Irakli, der Drehbuchautor, wurde ausgezeichnet.

Ergänzt wird diese Fülle von Informationen durch die Texttafeln, die die sogenannten „Starinfos“ liefern: Bio- und Filmografien zu den Machern und den wichtigsten Darstellern. Die Tafeln sind sehr schön gestaltet, der Text informativ.

Die Musik, die der Komponist der Filmmusik zu „Time of the Gypsies“ schrieb, wird durch Dolby Digital 5.0 sehr gut wiedergegeben (sofern die DVD-Anlage dafür ausgerüstet ist), ebenso alle Dialoge (zumindest die deutschen). Das Bild selbst ist klar, über Mängel kann man hier nicht meckern.

Fazit:
Ähnlich wie „Der Zauber von Malena“ schildert „27 Missing Kisses“ die Folgen, die sich aus erotischen Anziehungskraft einer jungen Frau für das Leben in einer kleinen geschlossenen Dorfgemeinschaft ergeben. Im Unterschied zu „Malena“ findet die Handlung innerhalb eines kurzen Zeitraums statt. Auch absurde, skurrile und unwahrscheinliche Motive wurden in den Film aufgenommen. Vermutlich gehört dies einfach zur Fabuliertradition Georgiens. Als Ergebnis ist der Film sehr abwechslungsreich, sinnlich und humorvoll geworden, obwohl er doch schließlich auf einen Tod hinausläuft. Doch der Tod gehört bekanntlich zum Leben. Man möchte auf jeden Fall mehr solcher Filme sehen.

Die DVD bietet überdurchschnittlich viel Hintergrundinformationen für Kinokenner. Actionfreunde werden hier leider nichts über Spezialeffekte erfahren.

Pro: unterhaltsam, sinnlich, gute Darsteller, poetisch, gutes Bonusmaterial.
Kontra: kein richtiges Making-of.

(c) 2003 by Michael Matzer

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27 Missing Kisses