Es gibt Filme, die bleiben einfach hängen, die nisten sich tief in der Erinnerung ein. Dazu zählt eindeutig „Der Name der Leute“, der auf den ersten Blick als einfache französische Komödie erscheint, schlussendlich auch viel mehr zu bieten hat – ohne dabei irgendwie aufdringlich zu wirken.

Der Film von Regisseur Michel Leclerc erzählt die Geschichten zwei sehr unterschiedlicher Personen. Da wäre Bahia Benmahmoud (Sara Forestier), linke Aktivistin, jung, frech und zu allen Schandtaten bereit. Sie setzt ungeniert ihren Körper ein, um den Klassenkampf zu gewinnen: Bahia bekehrt die Anhänger der rechten Szene mittels Sex. Und sie kann ansehnliche Erfolge vorweisen. Ganz anders tickt da Arthur Martin (Jacques Gamblin), ein älterer Herr mit einem morbiden Beruf: Er ist Fachmann für tote Vögel und arbeitet fürs Seuchenamt. Die jüdische Vergangenheit seiner Mutter verschweigt er, ist ein Anhänger des  einstigen sozialistischen Premierminister Lionel Jospin und im Grunde ein ziemlich langweilger Kerl. Das er die Bekanntschaft von Bahia macht liegt einzig an einem Missverständnis seitens der Halbalgerierin.

Schon bald entwickelt sich aus der Zufallsbekanntschaft eine Romanze, in der die Leben der beiden Hauptfiguren unter die Lupe genommen werden. Leclerc seziert politische Einstellungen, reflektiert die französische Vergangenheit im Algerienkrieg, weist auf soziale Missstände hin und zeigt, dass ein wenig Liebe und Freundschaft manche Brücke schlägt. Als Vehikel dient ihm dabei das ungleiche Paar Bahia und Arthur.

In bester Woody-Allen-Manier präsentiert der französische Filmemacher spritzige und aberwitzige Dialoge, überzeichnete Figuren und stille, nachdenkliche Augenblicke. Leclerc versteht es Filme zu machen, Botschaften zu vermitteln und zum Nachdenken anzuregen – falls der Zuschauer es will. „Der Name der Leute“ meidet den erhobenen Zeigefinger. Der Film präsentiert eine satirische Komödie mit Tiefgang. Sie kann oberflächlich genossen werden. Aber wer möchte, der kann tiefer gehen, sich an der Vergangenheitsbewältigung der Figuren beteiligen, sich an ihrem Glück erfreuen und Gedanken über politische Strömungen machen.

Die Schauspieler Sara Forestier und Jacques Gamblin tragen natürlich ihr übriges dazu bei, um den Film derart anspruchsvoll und lustig zu gestalten. Sara Forestier („Milch und Honig“, „Vorsicht Sehnsucht“) ist eine sehr ansehnliche Person und hat eine freizügige Rolle übernommen, die natürlich auch entsprechende Nacktheit zeigt. Das sorgt für ein erotisches Knistern und trotzdem herzliches Lachen, denn die Rolle der Bahia ist absichtlich stark überzeichnet. Doch es gelingt Mademoiselle Forestier die perfekte Balance zu halten – die vollkommene Ernsthaftigkeit zu umgehen und gleichzeitig den Klamauk zu vermeiden. Das Ergebnis ist eine frische und freche Person, die einem sofort ans Herz wächst.

Jacques Gamblin („Holy Lola“, „Carnage“) ist der perfekte Gegenpol. Stets akkurat gekleidet, zurückhaltend, vielleicht etwas zu steif. Dennoch eine gleichwertige Rolle. Monsieur Gamblin und Sara Forestier ergänzen sich perfekt. Den beiden beim Spiel zuzuschauen macht großen Spaß. Michel Leclerc verbindet Komödie, Drama und Politik zu einem spannenden und unterhaltsamen Geflecht, seine Darsteller hauchen der ganzen Sache Leben ein. Zu Recht erhielt Sara Forestier für „Der Name der Leute“ den Étoile d’Or und den César als beste Hauptdarstellerin.

Aber auch die anderen Schaispieler wissen zu überzeugen und die Zuschauer für sich einzunehmen. Zwar in kleinen, aber für den Film dennoch in bedeutende Rollen, agieren Schauspieler wie Zinedine Soualem und Michèle Moretti. Vor allem letztere zeigt ein grandioses Spiel und ist wichtige Handlungsträgerin. Als kleinen Gag kommt sogar Lionel Jospin zu einem Cameoauftritt.

Während die Kamera von Vincent Mathias geführt wurde, stammt der Schnitt von Nathalie Hubert. Beide haben eine erstklassige Arbeit geleistet, sorgen für toll montierte Fahrten und Umschnitte. Mit beiden hat Michel Leclerc einen guten Griff getan, um spannende und auch überraschende Augenblicke zu schaffen.

„Der Name der Leute“ ist eine herzerfrischende und freche Satire mit gehaltvollem Inhalt. Ein Film mit unterschiedlichen Tönen, Ansichten und zwei wunderbaren Hauptdarstellern.

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Der Name der Leute

Originaltitel: Le Nom des gens
Frankreich (2010)
Länge: 100 Minuten

Regie: Michel Leclerc
Drehbuch: Michel Leclerc, Baya Kasmi
Produktion: Caroline Adrian, Fabrice Goldstein, Antoine Rein
Musik: Jérôme Bensoussan, David Euverte
Kamera: Vincent Mathias
Schnitt: Nathalie Hubert

Besetzung: Jacques Gamblin (Arthur Martin), Sara Forestier (Bahia Benmahmoud), Zinedine Soualem (Mohamed Benhmamoud), Carole Franck (Cécile Delivet Benmahmoud), Jacques Boudet (Lucien Martin), Michèle Moretti (Annette Martin), Zakariya Gouram (Hassan Hassini), Lionel Jospin