Bei Amazon.deEl Violin
Die Violine (deutsch)
The Violin (englisch)

Mexiko 2006
FSK: ab 12 Jahren
Format: 35mm. s/w
Länge: 98 Minuten
Ton: Dolby Digital
Originalsprache: Spanisch
Untertitel: Deutsch

Produktion: Cámara Carnal Films,(2006); Ángeles Castro; Hugo Rodríguez; Francisco Vargas Quevedo
Co-Produktion: FIDECINE-MÉXICO (Fondo de Inversión y Estímulos al Cine); Centro de Capacitación Cinematográfica, A.C.
Regie und Drehbuch: Francisco Vargas Quevedo
Kamera: Martín Boege, Oscar Hijuelos
Musik: Armando Rosas, Cuauhtémoc Tavira
Schnitt: Ricardo Garfias, Francisco Vargas Quevedo
Darsteller: Ángel Tavira (Don Plutarco), Dagoberto Gama (El Capitán), Gerardo Taracena (Genaro), Fermín Martínez (El Teniente), Mario Garibaldi (Lucio), Silverio Palacios (Jefe Rebelde), Justo Martinez (Hacendado)

„El Violin“ ist die Geschichte einer kleinen Familie, die sich einem Regime widersetzt und dafür bitter zahlen muss. Gleichzeitig ist der Film eine Metapher für die Hoffnung und den ewigen Kampf gegen die Unterdrückung. Da aber zwei Seiten der Medaille beleuchtet werden könnte man auch sagen, es ist eine Metapher für den Kampf gegen die ewig Gestrigen und ein Aufruf den Widerstand bis ins letzte Glied zu vernichten, da seine Ideologie ansonsten überlebt und für weitere Unruhen sorgt. Ob Regisseur Francisco Vargas Quevedo diese Botschaft übermitteln wollte ist fraglich. Ohne Frage hat er aber mit „El Violin“ einen Film gedreht, der neutral und zeitlich unabhängig erzählt wird.

Die Familie Hidalgo hat sich dem Kampf gegen ein brutales Militärregime verschrieben. Diese Brutalität wird schon zu Beginn des Films thematisiert, denn die Militärs foltern ihre Gefangenen und es wird eine Vergewaltigung gezeigt. Zu einem späteren Zeitpunkt kommt eine Erschießung hinzu und wirft die Frage auf, ob der Film tatsächlich eine Freigabe ab 12 Jahren verdient. Ein FSK „ab 16 Jahren“ wäre angebrachter. Es sind zwar wenige, aber dafür um so eindringlichere Gewaltaufnahmen.

Im Mittelpunkt des Films stehen drei Generationen der Hidalgos. Da wäre der einhändige Großvater und Violinenspieler Plutarco (Ángel Tavira), sein Sohn Genaro (Gerardo Taracena) und Enkel Lucio (Mario Garibaldi). Es gibt noch eine Mutter und eine Schwester, doch werden diese im Film nur am Rande erwähnt und haben keine eigene Rolle.

Während die männlichen Mitglieder der Familie als Musiker auftreten, ziehen sie unauffällig umher und helfen dem Widerstand – sie pflegen Kontakte und kaufen Waffen. Als sie nach einem ihrer Ausflüge zurückkehren beobachten sie, wie das Militär ihr Dorf stürmt und die Rebellen festnimmt. Genaros Frau und Tochter werden verschleppt und El Capitán (Dagoberto Gama) hält das Dorf von nun an besetzt.

Oberstes Ziel ist die Befreiung der Dorfbewohner, doch dem Widerstand mangelt es an Munition. Die wurde im Dorf versteckt, aber scheinbar gibt es keine Möglichkeit an die begehrten Patronen heranzukommen. Da zieht Plutarco mit seiner Violine los, um zu helfen. Natürlich wird der alte Mann erwischt. Doch er hat Glück, denn El Capitán findet Gefallen an der Musik und bittet Plutarco ihn zu unterhalten. Dieser nutzt die Gelegenheit und birgt einen Teil der Munition. Zufälligerweise belauscht er auch vertrauliche Informationen, die er sofort an den Widerstand weitergibt. Doch es stellt sich die Frage, ob El Capitán dem Violinenspieler tatsächlich vertraut oder ob der erfahrene Soldat aus ärmlichen Verhältnissen mit seinem musizierenden Gast nur spielt …

„El Violin“ wurde von Francisco Vargas Quevedo zuerst als Dokumentation gedreht, dann als Kurzfilm zusammengestellt und schlussendlich als vollwertiger Film herausgebracht. Diese drei Stufen der Entwicklung sieht man dem mexikanischen Streifen auch an. Die Aufnahmen sind meist unruhig, was an der Handkamera liegt. Es gibt nur wenig Dialog und oftmals stehen dokumentarische Aufnahmen und Einstellungen im Zentrum, die militärische Aktionen oder einfache Landschaftsbilder zeigen. Zusammengenommen sorgt das für einen stillen, aber um so eindringlicheren Stil. Da viel mit Gesten und Gesichtsspiel gearbeitet wird, erzeugt der Film eine sehr bedrückende und spannende Atmosphäre, die zum Ende hin eine gelungene Krisis findet.

Als weiteres Stilmittel setzt Regisseur Francisco Vargas Quevedo auf eine Darstellung in Schwarzweiß. So kann sich der Blick des Zuschauers auf das Wesentlich konzentrieren, ohne von einem Farbspektakel abgelenkt zu werden. Die Landschaftsfotografien sind zwar noch immer prägender Teil des Films, halten sich aber im Hintergrund. Zusätzlich sorgt diese Wahl der Farben für einige pointierte Aufnahmen, die an Scherenschnitte erinnern und sehr bewegend wirken. „El Violin“ ist ein Film der leisen Töne und der besinnlichen Augenblicke.

Töne sind auch das zentrale Element des Films und Plutarcos Violine ist auch das Instrument, das im Titel enthalten ist. Obwohl der alte Mann seine rechte, seine starke Hand verlor, spielt er trotz seiner Behinderung weiterhin Violine. Er verdient damit seinen Lebensunterhalt. Plutarco erfreut die Menschen die ihm lauschen und er setzt die Musik als Werkzeug ein, um  El Capitán zu beeinflussen. Das Spiel der Violine verbindet hier zwei Männer, die sehr unterschiedlich sind. Doch in der Musik finden sie eine gemeinsame Basis, können Umgang miteinander pflegen. Aber gleichzeitig ist die Kluft zu tief und die Brücke zu fragil, als dass die Musik für eine dauerhafte Bindung sorgen könnte. Der Bruch ist somit nur eine Frage der Zeit, die gemeinsame Basis eine Farce, um schlussendlich die eigenen Ziele zu erreichen. Und somit ist auch die Violine nur ein profanes Werkzeug, das zwar verzaubern kann, aber schlussendlich mit Dreck beworfen wird und der Gewalt weicht.

Die atmosphärischen Bilder und die drastische Handlung muss man Revue passieren lassen, benötigen Zeit zur Reflektion. „El Violin“ ein sehr nachdenklich stimmender Film, in dem sich mehr als eine Botschaft verbirgt. Was davon Quevedos Absicht war und was durch Zufall entstand, sei dahingestellt und dem Regisseur gegönnt. Die vielen Auszeichnungen legen ebenfalls Zeugnis darüber ab, wie der Film national und international aufs Publikum wirkt. Mehr als dreißig Preise konnte „El Violin“ international auf sich vereinen. Unter anderem war der Film 2007 auch Gewinner der „Perspektive“, des Nürnberger Filmfestivals der Menschenrechte. Bedauerlich ist allerdings, dass Frauen nur schwach oder schlussendlich als Opfer vorkommen – die Männer dominieren alleine die Handlung. Schade.

Die deutsche Umsetzung von „El Violin“ ist gelungen. Es wurde auf eine Synchronisation verzichtet. Stattdessen liegt die Originaltonspur mit deutschem Untertitel vor. Wahlweise gibt es auch Spanisch ohne Untertitel. Da der Film mit wenig Dialog auskommt, gibt es auch entsprechend wenig Text. Auffallend ist dabei, dass im Untertitel stets von der Geige gesprochen wird. Das ist auf den ersten Blick richtig, doch der Begriff Violine wäre sicherlich präziser gewesen, denn bereits Wolfgang Amadeus Mozarts Vater Leopold sagte seinerzeit: „(…) Aus diesem erhelt, daß das Wort Geige ein allgemeines Wort ist, welches alle Arten von Geiginstrumenten in sich einschließet; und daß es folglich nur von einem Mißbrauche herrühret, wenn man die Violin platterdings die Geige nennet. (…)“.

Die auf der DVD vorhanden Features sind keine echten Dreingaben, sondern vielmehr ein Trailer und Werbung in eigener Sache. Die Texttafeln zu Francisco Vargas Quevedo sind zwar halbwegs informativ, bieten aber tatsächlich keine Neuheiten und sind in ihrer Darbietung eindeutig veraltet.

Im Ganzen betrachtet ist „El Violin“ ein gelungener und tiefsinniger Film aus Mexiko, der vor allem in seiner künstlerischen Darstellung zu überzeugen weiß. Abseits von Action- und Geldkino eine Oase der Filmkunst und Nachdenklichkeit. Sehr empfehlenswert!

Copyright © 2009 by Günther Lietz

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