Helden von Hill 60

Originaltitel: Beneath Hill 60 (Australien 2010)
Regie: Jeremy Sims
Drehbuch: David Roach
Kamera: Toby Oliver
Schnitt: Dany Cooper
Musik: Cezary Skubiszewski
Darsteller: Brendan Cowell (Captain Oliver Woodward), Harrison Gilbertson (Frank Tiffin), Steve Le Marquand (Sergeant Bill Fraser), Gyton Grantley (Norman Morris), Alex Thompson (Walter Sneddon), Alan Dukes (Jim Sneddon), Duncan Young (Tom Dwyer), Mark Coles Smith (Billy „Speckie“ Bacon), Warwick Young (Percy Marsden), Anthony Hayes (Captain William McBride), Leon Ford (Lieutenant Robert Clayton), Chris Haywood (Colonel Wilson Rutledge), Kenneth Spiteri (Karl Babek), Gerald Lepkowski (William Waddell), Jacqueline McKenzie (Emma Waddell), Isabella Heathcote (Marjorie Waddell) uva.
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 02.12.2010 (DVD/Blu-ray)
EAN: 7613059901414 (DVD) bzw. 7613059401419 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 117 min. (Blu-ray: 123 min.)
FSK: 16

Titel bei Libri.de (DVD)
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Das geschieht:

Im Kriegsjahr 1916 ist die Front vom Ärmelkanal bis zu den Alpen auf gesamter Länge erstarrt. Die Alliierten auf der einen und die Deutschen auf der anderen Seite haben sich tief eingegraben. Ein ausgeklügeltes System von Schützengräben sorgt dafür, dass keine Seite Boden gutmachen kann und Angriffe in blutigen Gemetzeln enden.

Verzweifelt versucht man sogar, den Gegner von unten zu attackieren. Für die britische Armee rekrutiert man im Commonwealth erfahrene Bergmänner und Ingenieure, die unterirdische Tunnel bis zu den feindlichen Linien graben und mit Sprengstoff füllen, um die deutschen Stellungen buchstäblich in die Luft zu jagen.

Auch der Australier Oliver Woodward meldet sich an die Front – ein Himmelfahrtskommando, denn im schlammigen Boden drohen die Tunnel immer wieder einzustürzen. Außerdem haben die Deutschen von der Kriegslist erfahren und mit eigenen Mineur-Truppen nachgezogen. Tief unter der Erde ist in der Dunkelheit längst ein eigener, grausamer Krieg ausgebrochen.

Woodward und seinen Männern gelingt es, ein deutsches Maschinengewehrnest auszuschalten. Durch diesen Erfolg empfehlt sich die 1st Australian Tunneling Division für ein streng geheimes Unternehmen in Belgien: Auf einem „Hügel 60“ genannten Bahndamm haben sich die Deutschen uneinnehmbar verschanzt. Seit Monaten wird deshalb an einem gewaltiges Tunnel gebaut, der unter dem Hügel enden und mit 56 Tonnen Sprengstoff gefüllt werden soll. Gelingt der Streich, wird die deutsche Grabenfestung in der größten von Menschen jemals ausgelösten Explosion vernichtet.

Doch auf der Gegenseite ist der deutsche Mineur Babek auf die Aktivitäten der Woodward-Truppe aufmerksam geworden. Er setzt zu einer unterirdischen Gegenattacke an, die den alliierten Plan zunichte zu machen droht …

Krieg in der dritten Dimension

Viele kluge Köpfe wurden schon über der Frage zerbrochen, wieso der Mensch gerade im Bösen so gründlich ist. Der Stellungskrieg des I. Weltkriegs gleicht einer endlosen Liste möglicher Grausamkeiten. Die Kämpfe unter der Erde bilden eine bisher recht unbekannte Episode. Dabei war der Einsatz der Mineure die bizarre aber durchaus logische Konsequenz einer vollständig aus dem Ruder gelaufenen bzw. hoffnungslos festgefahrenen Kriegsmaschine. Seit sie zum Stehen gekommen war, bildete die deutsche Westfront über hunderte von Kilometern eine wahnwitzige und stabile ‚Grenze‘. Weder die eine noch die andere Seite kam voran, jeder Angriff brach im Feuer aus gut ausgebauten Schützengräben und Stellungen zusammen. Selbst aus der Luft waren diese Befestigungen nicht zu knacken.

So wurden Soldaten viele Jahrzehnte vor dem Vietnamkrieg zu „Tunnelratten“, die in engen, dunklen, sauerstoffarmen, immer von Einstürzen bedrohten Gängen die Entscheidung zu erzwingen versuchten. Wie „Helden von Hill 60“ verdeutlicht, glich dieser Kampf dem U-Boot-Krieg: Mit primitiven Horchgeräten versuchte man den unsichtbaren aber ebenfalls emsig grabenden Feind zu orten, während man selbst möglichst still und ungehört zu Werke ging. Trafen die Tunnel aufeinander, brach in der Finsternis ein Gemetzel aus, das es an Grausamkeit mit den oberirdischen Grabenkämpfen problemlos aufnehmen konnte.

Die Idee, einen ganzen Hügel förmlich auszuradieren, ist definitiv ein reizvoller Ansatz für eine Kriegsgeschichte. Das Problem mag sein, dass diese so absurd klingt. Dabei ist der unterirdische Sturm auf Hügel 60 tatsächlich erfolgt. Am 7. Juni 1917 gipfelte er in einer Explosion, die noch in London deutlich gehört wurde.

Krieg auf (finanziell) engstem Raum

Für eine Filmproduktion, die zwar über den Willen, dieses Geschehen aufzugreifen, aber nur über ein schmales Budget verfügte, wurden die räumlichen Beschränkungen zur Herausforderung. Sie erleichterten gleichzeitig die Dreharbeiten. 8 oder 9 Mio. (australische) Dollar – die Angaben schwanken je nach Quelle zwischen diesen Werten – standen zur Verfügung; keine große Summe, weshalb sich der oberirdische Krieg auf sorgfältig gewählte Ausschnitte beschränkt: Für eine Gesamtdarstellung des Frontalltags war kein Geld dar.

Aus der Not machten Drehbuchautor und Regisseur eine Tugend. Sie fokussieren das Geschehen und stellen den einfachen Soldaten, dem ebenfalls der Überblick fehlt, in dessen Zentrum. Niemand setzt ihn in Kenntnis, ihm werden Befehle gegeben, die er in keinen Zusammenhang bringen kann. Der Blick nach ‚draußen‘ über die Grabenkante bleibt kurz und möglichst flach über dem Boden, denn die Scharfschützen des Gegners lauern auf allzu neugierige Soldaten.

Obwohl die Tunnelkulissen die klaustrophobische Enge der Originalbauten adäquat wiedergeben, wurden sie aus Sicherheitsgründen oberirdisch errichtet. So konnte der Regisseur Schlamm, Wasser und künstliche Trümmern auf seine Schauspieler und den Kameramann niedergehen lassen, ohne deren Namen auf eine eigene Verlustliste setzen zu müssen.

Krieg ist – Überraschung! – die Hölle

Gäbe es eine solche, müsste Drehbuchautor David Roach an erster Stelle verzeichnet stehen. Ihm ‚verdanken‘ wir es, dass „Helden von Hill 60“ nur abschnittsweise unterhaltsam geraten ist. Statt sich auf die Story zu konzentrieren, scheint Roach eine Sammlung einschlägiger Kriegsfilm-Klischees beabsichtigt zu haben. Das Genre – es spricht von sich politisch korrekt lieber als „Antikriegsfilm“ – ist ebenso bekannt wie berüchtigt für seine Methoden, die Emotionen des Publikums zu manipulieren.

Krieg ist die Hölle – diese Binsenweisheit will anscheinend immer neu unter Beweis gestellt werden. Auch Regisseur Sims kann nicht widerstehen, den Grabenkrieg noch schlammiger, schmutziger und rattenverseuchter darzustellen als seine unzähligen Vorgänger. Wiederum war nur das Budget die Grenze, sodass wir auf Flöhe, Soldatenfleischfetzen & faulige Leichen (weitgehend) verzichten müssen.

Roach arbeitet ihm mit Schablonen zu. „Helden von Hill 60“ läuft stolze zwei Stunden. Davon ließe sich ein Viertel problemlos und zum Nutzen des Werkes eliminieren. Ein umständlicher Handlungsstrang zeigt den späteren Captain Woodward, der in der australischen Heimat um seine Gattin freit. Wenn er später in einem Schlammloch hockt, schweift seine Erinnerung gern dorthin zurück, während der Zuschauer leidvoll seufzt: Wir wissen längst, dass Woodward ein Gemütsmensch ist. Wieso reibt man uns dies immer wieder neu unter die Nase?

Auch sonst tischt man uns auf:

– den ständig das Foto seiner geliebten Gattin herumzeigenden Kameraden, den es prompt als Ersten erwischt;
– den guten Vater, der gemeinsam mit seinem Sohn eingerückt ist, um auf ihn aufpassen zu können; ihn erwischt es als nächsten;
– den minderjährigen Patrioten, der im Schützengraben zum zynischen Veteranen altert;
– den feigen, in die Vorschriften vernarrten aber menschenverachtenden Vorgesetzten, der seine Männer rücksichtslos in den Tod jagt;
– den überforderten Jung-Soldaten, der von seinen älteren Kameraden väterlich behütet wird, bis es ihn im dramatischen Finale ebenfalls erwischt.

Die Liste kann deprimierend problemlos verlängert werden.

Kriegsschäden am Drehbuch?

Ernster sind einige Schläge, die Roach der Story selbst versetzt. Bis in die zweite Hälfte konzentriert er sich strikt auf Woodward und seine Leute. Plötzlich springt die Handlung in den deutschen Schützengraben. Wir lernen den Mineur Babek kennen, der offenbar Woodwards Spiegelbild darstellen soll. Babek leidet ebenfalls unter der Ignoranz seiner Offiziere, deren Horizont die neuen Methoden der Kriegführung übersteigen. Er ist so tüchtig wie sein australischer Gegner, dem er allmählich auf die Schliche kommt. Dies wird als Wettlauf wenig innovativ aber spannend inszeniert. Wird es Babek gelingen, die Sprengung von Hügel 60 zu verhindern? Der Zuschauer erwartet ein Scheitern in letzter Sekunde. Stattdessen eliminiert das Drehbuch Babeck als Bedrohung viele Minuten vor dem Finale und zerstört dadurch völlig nutzlos einen Spannungsbogen.

Ein weiterer Kapitalfehler: Die unerhörte, sich über Monate hinziehende Leistung, einen Tunnel über 30 Meter tief in wässrigen, haltlosen Lehm zu treiben, wirkt im Film wie ein Halbtagsjob für große Jungs, die sich gern schmutzig machen. Zwar werden die Ängste der Männer, die lebendig begraben werden, ersticken oder hinterrücks erstochen werden, mehrfach angesprochen, aber sie teilen sich dem Zuschauer nur ansatzweise unmittelbar mit. Selbst der allgegenwärtige Schlamm, die Nässe, der permanente Beschuss bleiben Kulisse. Sie wirken freilich immer noch überzeugender als die kümmerlichen CGI-Tricks; als Hügel 60 endlich in die Luft fliegt, macht dies den Eindruck, als schüttele jemand im Bildhintergrund eine alte Decke aus.

Krieg und Kriegshelden

Der reale Oliver Woodward (1885-1966) gilt in Australien als Volksheld. So wird er jederzeit von Brendan Cowell dargestellt: ein Offizier und Gentleman, gleichzeitig geborener Anführer und beliebter Kamerad. Nur vorsichtig wird angedeutet, dass auch Woodward Entscheidungen zu fällen hatte, die hart und brutal waren.

Die Jungs von der 1st Australian Tunneling Division stellen erwartungsgemäß die übliche bunte Truppe vorgeblicher Individualisten dar, die der neue Offizier freundschaftlich aber streng zum Team verschmilzt. Man hält zusammen, macht hinter dem Rücken des humorlosen Colonels Faxen, zeigt es den tumben Tommie-Kameraden beim Schlamm-Rugby, teilt (buchstäblich) Brot und Wein und leidet still aber leidenschaftlich, wenn wieder ein Kamerad tot im Dreck liegt.

Auf der Gegenseite lauert der böse „Hunne“, der sich bei näherem Hinsehen ebenfalls als Mensch entpuppt, der das Kriegsende herbeisehnt und heim zu Frau oder Mutter will. Unsichtbar bleibende Mächte ziehen hüben wie drüben an den Fäden der Soldaten-Marionetten, die sich gehorsam in den Tod schicken lassen.

Es liegt nicht nur am Grabenschmutz, dass sich die Darsteller schwer auseinander halten lassen. Sie sind Hülsen, wandelnde Klischees, an deren Schicksal der Zuschauer Anteil nehmen soll, was er aber verweigert, weil die Charaktere flach und behauptet bleiben. Wir verfolgen die Geschichte der „Helden von Hill 60“, aber wirklich nahe bringt sie uns dieser Film nie.

DVD-Features

In Australien ist man sehr stolz auf die realen Helden von Hügel 60. Dies wird im einstündigen „Making Of“ immer wieder betont. Die am Film vor und hinter der Kamera Beteiligten werden ausgiebig interviewt. Historische Informationen über die 1st Australian Tunneling Division und Australien im I. Weltkrieg fließen in die Dokumentation ein.

Zum Film gibt es diese Website.

[md]

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