Las Bandidas

Originaltitel: Solo quiero caminar
Produktion: Spanien, Mexiko 2008
Premierendatum: Oktober 2008 (Spanien)
Regie und Drehbuch: Agustin Diaz Yanes
Darsteller: Diego Luna, Victoria Abril, Ariadna Gil, Elena Anaya, Dogaberto Gama

Spieldauer: 122 Minuten
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Format: Dolby, DTS, PAL, Widescreen
Sprache: Spanisch (Dolby Digital 5.1), Deutsch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Region: Region 2
Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
Studio: SUNFILM Entertainment

„Drei Engel für Charlie trifft auf Tarantino“ – was für ein Blödsinn!

Laut Cover fiel der Satz wohl auf dem Fantasy Filmfest 2009. Wer das gesagt hat, muss einen anderen Film gesehen haben oder hält alle Filme mit weiblichen Hauptrollen für „Drei Engel für Charlie“ und jeden Film in dem jemand erschossen wird für einen Tarantino. „Las Bandidas“ besitzt nun keine Tugend, die dieses Statement rechtfertigt. Vielleicht wurde das Zitat auch aus dem Kontext gerissen, weil es so schön auf das Cover passt.

Der Streifen „Las Bandidas“ handelt von vier Spanierinnen, die sich ihren Lebensunterhalt mittels Kriminalität sichern. Bei ihrem letzten Bruch werden sie erwischt. Bis auf Aurora (Ariadna Gil) können die anderen fliehen. Während Paloma (Pilar López de Ayala) und Gloria (Victoria Abril) zurückbleiben, um ihrer Freundin zu helfen (Oralsex für eine kürzere Haftzeit), geht Auroras Schwester Ana (Elena Anaya) nach Mexiko und heiratet dort den Gangsterboss Felix (José María Yazpik).

Es kommt zum Krach zwischen den beiden und kurz darauf landet Ana im Krankenhaus. Paloma holt Aurora aus dem Knast (Sex für eine frühe Haftentlassung) und schon bald befindet sich das Trio in Mexiko, bereit es Felix heimzuzahlen – und zwar mit weiblichem Charme und viel krimineller Energie …

So viel zur Handlung, die noch etliche Punkte mehr umfasst. Aber das sind Detailfragen, passen nur dürftig in den Rahmen und bauschen den Film zum Ende hin unnötig auf. „Las Bandidas“ ist ein Streifen mit viel Potenzial, das er reichlich verschenkt. Regisseur Agustin Diaz Yanes hat viel gewollt und nur wenig erreicht. Eine Straffung des Stoffs und mehr Konzentration auf das Wesentliche hätten mehr Spannung erzeugt. So geraten einige der Passagen langweilig und wirken einschläfernd. Dabei können sich die Figuren sehen lassen.

Das gilt für die herben südländischen Schönheiten, wie für die Charaktere selbst. Die Figuren sind gut erdacht und wirken anfangs griffig. Die Charaktere sind verletzlich, obwohl Yanes die Männer in starke Positionen setzt und Frauen als weiche Lustobjekte erscheinen. Dennoch setzen sie sich durch und wissen zurückzuschlagen. Mehr im übertragenen, als im tatsächlichen Sinne.

Cover und Covertext suggerieren dem Zuschauer nämlich einen Actionfilm. Aber das ist schlichtweg falsch. Zwar gibt es kleinere Schießereien, wird geprügelt und auch der ein oder andere Mensch erschossen, aber eine ausgeklügelte Actionchoreographie oder gar Schusssequenzen sucht der Zuschauer vergebens. Die Action ist eher handfest und unspektakulär. „Las Bandidas“ ist ein Drama, alle anderen Behauptungen nur eine Illusion.

Und vom dramatischen Gesichtspunkt aus kann der Film punkten. Die Hauptfiguren haben alle ihr Päckchen zu tragen, lassen sich erniedrigen, verfolgen niedere Motive oder versuchen einfach durchs Leben zu kommen. Unter normalen Umständen schon ein Problem, aber für diese vier Frauen aus Spanien eine beinahe unüberwindbare Hürde. Kein Wunder, dass die Eine nach kaltem Sex ohne Bindung giert, die Andere sich dem Alkohol ergibt. Schlussendlich sind sie alle auf einer Straße in den Abgrund – ohne Möglichkeit zu bremsen.

Das dramatische Quartett bekommt zudem Zuwachs durch die Figur des Gabriel (Diego Luna), bester Freund und rechte Hand des Gangsters. Er schafft Klarheiten, ist ebenfalls psychisch gestört und fängt eine Affäre mit Aurora an, anstatt sie aus dem Weg zu räumen. Wenigstens in einer kleinen Ecke der Einsamkeit, scheinen sich zwei gefunden zu haben. Aber schlussendlich hat auch diese Liebe keine Zukunft.

Diese feine Charakterzeichnung ist schlussendlich auch das Dilemma des Films. Anstatt sich auf die Figuren zu konzentrieren, wagt Agustin Diaz Yanes den Versuch, stärker auf die Action einzugehen. Und das ist ein Fehler, denn in „Las Bandidas“ mangelt es ihm am passenden Gespür. Bei bestimmten Szenen kommt unweigerlich die Frage auf, wie dumm jemand sein kann und vor allem, wie dieser Jemand das auch noch überlebt. So ist Gangsterboss Felix eine harte Nuss und legt Leute ohne zu zögern um, lässt sich aber dann einfach Geld stehlen und bricht der Diebin nur die Finger. Danach kann sie munter weiter bei der Bande arbeiten, hat sogar eine Putzstelle im Sicherheitsbereich. Nur ein Beispiel. Das nächste Beispiel wäre, dass sich die Leute am Ende abstechen lassen, anstatt einfach einen Arzt zu suchen. Und die Freunde gucken einfach zu. Das sind schon starke Stücke und lassen den Verdacht aufkommen, der Regisseur hätte sich verzettelt oder keine Lust mehr gehabt. Da Yanes auch das Drehbuch schrieb, kann er niemandem die Schuld in die Schuhe schieben.

Handwerklich gesehen ist der Film ohne Tadel. Die Kulissen sind gut gewählt und kommen mit frischen, unbekannten Motiven daher. Die Kamera ist gut und liefert schöne Bilder und Einstellungen, die auf das Wesentliche im Film eingehen. Die Gesichter der Schauspieler sind oft im Zentrum, dadurch entfaltet sich hervorragend das Augenspiel der Mimen. Erstklassige Arbeit! Auch bei der Musik kommt „Las Bandidas“ solide daher. Der Score ist kein Kracher, kann sich aber hören lassen.

Vom Etikettenschwindel abgesehen und die Längen des Films ignorierend, ist „Las Badidas“ ein feiner Streifen. Um einige Minuten gekürzt und straffer organisiert, wäre er sicherlich ein überzeugendes Drama. So bleibt es leider nur beim Durchschnitt.

Die Las-Bandidas-DVD ist schön aufgemacht, die DVD selbst im Stil des Covers bedruckt. Das liegt als Wendecover vor und so kann der hässliche blaue FSK-16-Aufdruck nach Innen verschwinden. Als Bonusmaterial wurde ein Making-of und ein Interview mit Agustin Diaz Yanes draufgepackt. Eine nette Sache, aber ziemlich gewöhnlich.

Das Bildformat der DVD ist 16:9, die Qualität in Ordnung und zum Thema passend. Manchmal wirken die Szenen etwas zu dunkel und lassen kleine Details verschwinden. Das stört aber kaum. Der Ton liegt in Spanisch und Deutsch Dolby Digital 5.1 vor. Da es keine großartigen Actionsequenzen mit viel Ballerei und heftigen Explosionen gibt, werden die Lautsprecher kaum beansprucht. Der Ton ist sauber und kommt gut herüber. Die deutsche Synchronisation ist ordentlich gemacht und unterhält. Somit fährt auch die DVD-Fassung des Films – wie der Streifen selbst – eine  durchschnittliche Note ein.

Copyright © 2010 by Günther Lietz

„Las Bandidas“ als DVD bei Libri.de
„Las Bandidas“ als Blu-ray bei Libri.de