Midnight SwimNach dem mysteriösen Tauch-Tod der Mutter wollen ihre drei Töchter das Erbe regeln. Lange verdrängte Konflikte brechen dabei auf. Parallel dazu mehren sich merkwürdige Ereignisse. Offenbar rührt sich etwas tief in dem See, der den Körper der Mutter nicht freigibt, und drängt an die Oberfläche … – Als Mischung aus Mystery und Psycho-Drama nicht gänzlich gelungener Film, der die Atmosphäre stets vor die Handlungslogik stellt und viele aufgeworfene Fragen unbeantwortet lässt bzw. mehrfache Deutungen ermöglicht. Aufgrund der ausgezeichneten Schauspieler dennoch nie langweilig.

Das geschieht:

Ihr Leben hatte die Ökologin Dr. Amelia Brooks der Arbeit gewidmet. Vor allem am Lake Spirit im US-Staat Iowa hing ihr Herz; am Ufer dieses Sees steht ihr Haus, und hier tauchte sie immer wieder in die schlammige Tiefe, um Proben des Wassers und seiner Bewohner zu sammeln. Von ihrem letzten Tauchgang ist Dr. Brooks nicht zurückgekehrt. Der Lake Spirit ist berüchtigt; laut einer der lokalen Legenden, die sich um den See ranken, ist er buchstäblich bodenlos tief. Den Körper der Wissenschaftlerin gibt er jedenfalls nicht frei.

Privat war Dr. Brooks weniger erfolgreich. Von drei Männern hatte sie drei Töchter, zu denen der Kontakt seit längerer Zeit abgerissen war. Nun kommen Annie, die Älteste, und ihre Halbschwestern Isa und June zum ersten Mal gemeinsam in das Haus am See zurück, in dem sie aufgewachsen sind. Sie wollen das Erbe regeln und sich nach Käufern für den Brooks-Besitz suchen.

Alle kehren mit gemischten Gefühlen ‚heim‘. Die Erinnerungen an Kindheit und Jugend sind nur bedingt glücklich. Die Mutter war eine herrische, überforderte Frau, die ihre Frustration vor allem an Annie ausließ. June, die Jüngste, litt lange unter psychischen Problemen und ist labil geblieben. Sie scheut den direkten Kontakt mit ihren Mitmenschen, die sie lieber durch die Linse ihrer Kamera betrachtet. Auch jetzt nimmt sie auf, was im Haus und darum geschieht.

Somit dokumentiert June unfreiwillig, dass Seltsames vorgeht: Täglich liegt ein toter Vogel vor der Haustür. Jemand nimmt sich nachts Junes Kamera und filmt den See. Merkwürdige Geräusche ertönen. In den hinterlassenen Unterlagen der Mutter finden sich kryptische Andeutungen über Phänomene unter der Oberfläche des Lake Spirit. Die Schwestern fragen sich, ob sie versehentlich an Dingen gerührt haben, die sie besser hätten ruhen lassen – auf dem Grund des Sees …

Dilemma, Dilemma: Film mit Botschaft!

In der Regel hinterlässt ein angeschauter Film folgende Reaktionen: Er hat dem Zuschauer gefallen bzw. sein Missfallen erregt. Beides wird an der erzählten Geschichte, ihrer Umsetzung und den Leistungen Schauspielern gemessen. Selbst wenn sich Begeisterung oder Zorn in Grenzen halten, bleibt als gemeinsames Kriterium die rasche Beurteilung: Man weiß sofort, was man von dem Gesehenen gehalten hat. Seltener sind Filme, die ihr Publikum im Ungewissen lassen. Der frustrierte Zuschauer mag dies als Trick beklagen, doch tatsächlich ist Irritation durchaus ein Stilmittel. ‚Dank‘ der Schwemme aktueller „Marvel“-, „Transformers“ u. a. Dumm-Blockbuster mag dieser Fakt in den Hintergrund geraten sein. Dabei steht nirgendwo geschrieben, dass eine Geschichte in sämtlichen Details aufgelöst werden MUSS: Das eigentliche Ziel liegt darin, besagtes Publikum zu UNTERHALTEN. Auf welche Weise dies erreicht wird, bleibt dem Erzähler überlassen, der damit das Risiko trägt. Wenn er zwar verwirrt aber dabei langweilt, darf man ihn zu Recht mit faulen Tomaten bewerfen und aus der Stadt treiben; so wurde das jedenfalls früher gehandhabt, als Geschichtenerzähler ihrem Publikum noch persönlich gegenübertraten.

Dass man anderthalb Stunden vor allem Bahnhof verstehen und sich trotzdem gut unterhalten fühlen kann, belegt Sarah Adina Smith mit ihrem Spielfilmdebüt. Sie hat es nicht nur inszeniert, sondern auch geschrieben sowie geschnitten. Geld stand ihr kaum zur Verfügung, stattdessen versuchte sie es mit Ideen – und siehe da: Es funktioniert! Diverse Festival-Preise hat Smith inzwischen eingeheimst, was sie hoffentlich damit versöhnt, dass an einer echten Kino-Auswertung offensichtlich niemand Interesse zeigte. „The Midnight Swim“ muss als DVD und Blu-ray oder „on demand“ den Weg zu seinen Zuschauern finden.

Urteilsfreiräume fördern die Kritik und schaden der Massentauglichkeit. Das schätzt man in der globalen Film- = Produktvermarktung nicht besonders. Natürlich ließe sich „The Midnight Swim“ als Filmkunst deklarieren. Doch zumindest das deutsche Label versucht lieber, potenzielle Kunden in die Irre zu führen. Die Inhaltsskizze scheint ein Mystery- oder gar Gruselgarn anzudeuten, das Cover bleibt gleichermaßen vage wie unheimlich. Um letzte Entscheidungsprobleme auszuräumen, fügt man dem Titel noch einen düsteren Untertitel an.

Traum oder Wirklichkeit?

Das sprichwörtliche Nachsehen haben jene Zuschauer, die eine genretypische „ghost story“ oder gar Schlimmeres erwarten. Gleichzeitig werden diejenigen abgeschreckt, die eine Antenne für dramatische Geschichten besitzen, in denen lebendige Menschen im Mittelpunkt stehen. Ihnen entgeht womöglich ein ruhiges, sensibles, ausgezeichnet gespieltes und umgesetztes Drama, in dem nach Action-Maßstäben rein gar nichts geschieht, während sich unter der Oberfläche Dramatisches ereignet.

Womöglich wäre Smith besser gefahren, hätte sie gänzlich auf den Mystery-Gehalt ihres Films verzichtet. Wie Annie, Isa und June miteinander umgehen, ist fesselnd genug. Doch Smith will mehr als eine Geschichte um Trauer und verdrängte Emotionen, die sich nicht mehr unterdrücken lassen wollen. „The Midnight Swim“ besitzt eine ‚übernatürliche‘ Ebene, die ungeachtet einer allzu intensiven Verrätselung ‚real‘ ist. Zwar gehen im und am Spirit Lake keine klassischen Gespenster um, doch er ist trotzdem ein Kristallisationspunkt für eigenartige und fantastische Ereignisse, die schon lange vor dem Verschwinden von Dr. Brooks ihren Anfang nahmen.

Ein wichtiger Kunstgriff ist es, dass Smith dem Fremden seine Unwirklichkeit lässt. Sie zeigt uns nur in Ausschnitten und kommentarlos, wie es sich manifestiert, und erklärt noch weniger. Wir müssen versuchen, uns selbst ein Bild zu machen und die Situation zu deuten. Das gelingt nicht immer und soll auch nicht gelingen, was u. a. dazu führt, dass bereits viele kluge Kritiker ausführlich ihre Interpretationen darlegten, die teilweise so stark differieren, dass der lesende Laie merkt: Sie haben auch keine Ahnung!

Die Zeit heilt gar keine Wunden

Smith gelingt ein Film, der die Stimmung vor die Handlung stellt. Die Atmosphäre gleicht einem Traum, wobei natürlich schon der Name des Sees – Lake Spirit – symbolische Bedeutung besitzt. Metaphysik und Esoterik sind weitere Begriffe, die dem Betrachter durch den Kopf schießen. Vieles davon entpuppt sich als Projektion jener Gefühlsturbulenzen, die durch die Zusammenkunft der drei Schwestern aufkommen. (Smith verweigert nicht JEGLICHE Erklärung …) Weitere Verständnisebenen werden mehrfach in der Handlung verankert, was zu viel des Guten ist, da wir manche Symbolik durchaus beim ersten Mal begreifen. Einmal scheint der reine Spieltrieb mit Smith durchzugehen, als sie Annie, Isa und June in einem wilden Tanz und Karaoke-Gesang durch das Brooks-Haus toben lässt. Eventuell ist es die reine Fröhlichkeit, die zu Irritationen führt, weil die Handlung sonst einen Moll-Ton besitzt.

Mit ihren drei Hauptdarstellerinnen gelang Smith ein perfekter Glücksgriff. Jennifer Lafleur (Annie), Aleksa Palladino (Isa) und Lindsay Burdge (June) sehen nicht nur wie Schwestern aus, sondern benehmen sich völlig überzeugend als solche. Man erfährt nur Bruchstücke ihrer Vergangenheiten und kann sich aus dem Verhalten der Schwestern trotzdem zusammenreimen, wie sie aufgewachsen sind, sich getrennt und gelebt haben. Das Trio liebt und hasst sich, kann weder miteinander noch ohne sich und verdeutlicht, wieso Blut dicker als Wasser ist.

Unterm Strich entwickelt sich „The Midnight Swim“ – so man bereit ist, darauf einzulassen – zu einem Filmerlebnis der seltenen Art: Das zuschauerliche Hirn wird nicht einfach befüllt (und das Gesehene anschließend hoffentlich rückstandslos verklappt), sondern bekommt Input, der verarbeitet werden muss. Dafür nimmt man selbst die subjektive Kamera in Kauf: „The Midnight Swim“ ist zwar ein „Found-Footage“- bzw. POV-Film, was jedoch als weiterer ‚Filter‘ zwischen Vision und Wirklichkeit einen Sinn ergibt. Wie gesagt: Wenn es wie hier gelingt, lässt man sich gern aufs Glatteis führen!

DVD-Features

Wieder einmal muss der Zuschauer feststellen, dass er dort, wo Hintergrundinformationen sowohl nützlich als auch interessant wären, im Regen stehengelassen wird. Dieser Film war wohl zu ‚klein‘ und mainstreamfern, um ein Making-of zu finanzieren: Wenn die Publikumsschar allzu übersichtlich ist, lohnen auch keine als Interviews verkappte Werbetrailer.

Die Website bietet in dieser Hinsicht leider auch keine Hilfe.

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The Midnight Swim – Schwestern der Nacht
Originaltitel: The Midnight Swim (USA 2014)
Regie, Drehbuch u. Schnitt: Sarah Adina Smith
Kamera: Shaheen Seth
Darsteller: Jennifer Lafleur (Annie), Aleksa Palladino (Isa), Lindsay Burdge (June), Ross Partridge (Josh), Beth Grant (Amelia Brooks), Michelle Hutchison (Maklerin), Shirley Venard (Maggie Helms), Kaya Sakrak (Vater), Traci Dinwiddie (Mutter), Ebru Caparti (alte Frau) u. a.
Label: Maritime Pictures
Vertrieb: Alive AG
Erscheinungsdatum: 24.06.2016
EAN: 4042564167955 (DVD)/4042564167962 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 u. Dolby 2.0 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 84 min. (Blu-ray: 87 min.)
FSK: 16

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