Uncertain Guest – Du bist nicht allein

Originaltitel: El habitante incierto (Spanien 2004)
Regie u. Drehbuch: Guillem Morales
Kamera: Sergi Bartrolí
Schnitt: Joan Manel Vilaseca
Musik: Marc Vaíllo
Darsteller: Andoni Gracia (Félix), Mónica López (Claudia/Vera), Francesc Garrido (Bruno), Agustí Villaronga (Martín), Minnie Marx (Senora Mueller), Pablo Derqui, Violeta Llueca, Xavier Capdet (Polizeibeamte) u. a.
Label/Vertrieb: Koch Media
Erscheinungsdatum: 06.10.2006
EAN: 4020628987947
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 2.0 (Spanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 109 min.
FSK: 16

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Das geschieht:

Gerade haben sich Félix und seine Lebensgefährtin Vera getrennt. In seinem riesigen Haus lebt der erfolgreiche aber neurotische Architekt nun allein. Die Einsamkeit geht ihm auf die Nerven, zumal er eines Abends eine Dummheit begeht: Er öffnet einem Fremden die Haustür und lässt ihn telefonieren. Als Félix nach einiger Zeit nach ihm schaut, ist der Mann verschwunden.

Aber hat er wirklich das Haus verlassen? Félix zweifelt, denn schon in der folgenden Nacht beunruhigen ihn seltsame Geräusche: Es klingt, als würde jemand verstohlen durch die Räume wandern Zwar kann Félix niemanden finden, doch er gerät zunehmend in Aufregung und alarmiert sogar die Polizei, die allerdings ebenfalls erfolglos sucht.

In seiner Angst sucht Félix erneut die Nähe zu Vera. Da sie ihn durchaus vermisst, geht sie auf seine Avancen ein. Doch als Félix eines Nachts durchdreht, sie beschuldigt, mit dem Eindringling gemeinsame Sache zu machen, und sie versehentlich verletzt, ergreift Vera die Flucht.

Félix verfällt endgültig in Paranoia und Panik. Er beschafft sich eine Waffe. Als er tatsächlich einen Fremden im Haus stellt, schießt er und schließt ihn verletzt auf dem Dachboden ein. Anschließend gibt Félix sein Haus auf und lebt zunächst in seinem Wagen, bis er zufällig die Identität des Eindringlings in Erfahrung bringt: Offenbar handelt es sich um den Archäologen Martín, einen Félix unbekannten Nachbarn. Félix verschafft sich Einlass in dessen Haus. Dort lebt die gelähmte Claudia, die Vera wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Sie vermisst ihren Gatten, der seit einigen Tagen nicht mehr heimgekehrt ist. Fasziniert nistet sich Félix in Claudias Heim ein. Er wird zum unsichtbaren Gast, der sich immer stärker in den Wahn steigert, dass Claudia (zu) ihm gehört …

Die Kunst der unterhaltsamen Überraschung

So selten sind für den altgedienten Filmfreund jene Momente, in denen er überrascht und erstaunt einen Film verfolgt, der ihm etwas Neues bieten kann, dass sie einer Offenbarung gleichkommen. „The Uncertain Guest“ versetzte zumindest diesen Rezensenten in eine beinahe euphorische Stimmung, was doppelt schwierig ist, da er ein Freund stringenter und schlüssiger Handlungen ist.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Guillem Morales zwar eine bizarre Geschichte erzählt, die er jedoch völlig plausibel entwickelt. Dies führt zu der angenehmen Enttäuschung, mit einem Film konfrontiert zu werden, dessen Handlung man nach einer Weile vorauszusagen zu können glaubt, um sich wenig später mit Wendungen konfrontiert zu sehen, mit denen so einfach nicht zu rechnen war.

Zur inhaltlichen Qualität kommt eine formale Umsetzung, die der Geschichte noch im kleinsten Detail zuarbeitet. Das Haus des Architekten Félix ist eine großartige Kulisse und gleichzeitig Spiegelbild seines komplexen und instabilen Charakters. Es gibt unzählige Räume, die viel zu ordentlich eingerichtet sind. Scheinbar solide Wände lassen sich bewegen, was die Übersichtlichkeit Lügen straft, und in der Nacht sorgt die Designer-Beleuchtung nicht für klare Sicht, sondern erzeugt unheimliche Schatten, aus denen sich undefinierbare Geräusche umso deutlicher herausschälen.

Wahnsinn kennt keine Grenzen

Wie ernst kann man eine Geschichte nehmen, die um „Wohnraum-Parasitismus“ kreist – ein Begriff, den Félix selbst in einem Moment rationaler Selbstreflexion prägt? Es stellt sich heraus, dass dies nicht der Punkt ist: Morales erteilt uns eine Lektion über die Tiefen des menschlichen Geistes, in denen sich erschreckende Kreaturen verbergen können.

Wahnsinn ist ein gern eingesetztes Film-Element. In der Regel kommt er freilich plakativ daher; dem Irren steht entweder buchstäblich der Schaum vorm Mund, oder er gibt den genialischen Serienkiller oder Weltenzerstörer. Tatsächlich ist Wahnsinn ein Phänomen, dessen eigentlichen Schrecken ebenfalls Félix in Worte fasst: Das eigene Gehirn lässt ihn im Stich. Es registriert und entschlüsselt nicht, was geschieht, sondern folgt eingebildeten Reizen. Auf diese Weise gehen Realität und Fiktion ineinander über, sie lassen sich nicht mehr differenzieren.

Schon als filmische Reise in den Wahnsinn ist „Uncertain Guest“ ein böser Trip. Doch Morales sorgt für ein zusätzliches Element der Unsicherheit: Versteckt sich womöglich doch ein ‚Untermieter‘ in dem Haus, wo er parallel zu Félix unsichtbar sein Dasein fristet? Die gegenteiligen ‚Erklärungen‘ überzeugen die Polizei oder die ungläubige Vera, aber der Zuschauer zweifelt ebenso wie Félix.

Wahnsinn ist ansteckend

Während wir endlich eine Erklärung für die seltsamen Ereignisse gefunden haben und darauf warten, dass Morales sie in die entsprechende Handlung umsetzt, schlägt diese plötzlich eine völlig neue Richtung ein. Félix tritt die Flucht nach vorn an. Er schaltet seinen unheimlichen Peiniger aus – und verliert darüber endgültig den Verstand. In einem genial eingefädelten Handlungsfaden verwandelt sich Félix in das Pendant seines Verfolgers. Er schleicht sich in das Haus von Martín und Claudia ein und wird selbst zum Wohnraum-Parasiten!

Als solcher verbreitet er Angst und Schrecken wie sein anonymes Gegenstück – und er genießt es. Plötzlich erleben wir aus der Perspektive des Täters mit, was das Opfer vormals erdulden musste, wobei Opfer und Täter nun identisch sind. Die zweite Filmhälfte spiegelt die Ereignisse der ersten wider, was dadurch unterstützt wird, dass sowohl Vera als auch Claudia von Mónica López dargestellt werden.

Wahnsinn steckt voller Überraschungen

Wie kann eine solche Geschichte aufgelöst werden? Morales gelingt das Kunststück. Das letzte Viertel inszeniert er als Kette unerwarteter Twists, die sich keineswegs in spektakulären Effekten und reiner Unterhaltung erschöpfen, sondern subtil eine groteske aber in sich ruhende Story plausibel abrunden.

Dieses Finale soll hier natürlich nicht aufgedeckt werden, zumal man ohnehin sehen muss, um glauben zu können, wie aberwitzig endet, was sieben Menschen das Leben gekostet hat, nachdem Félix erneut zum Opfer der von ihm bedrängten Pechvögel wurde, die ihre eigenen düsteren Geheimnisse hüten. Niemand spielt in diesem Film mit offenen Karten, und Wohnraum-Parasitismus ist offenbar stärker verbreitet als man geahnt hätte …

Für seinen Spielfilm-Erstling wurde Guillem Morales gern mit David Lynch verglichen. „Uncertain Guest“ ist jedoch kein Arthouse-Film, sondern bleibt primär der Unterhaltung verpflichtet. Macht man sich von der Erwartung frei, dass hinter dem merkwürdigen Verhalten der Protagonisten ein ‚Sinn‘ stecken muss, bleiben bei genauer Beobachtung keine Fragen, wenn die Schlusstitel einsetzen. Bis es soweit ist, überlässt Morales nichts dem Zufall, weshalb man sich „Uncertain Guest“ sehr sorgfältig und womöglich mehrfach anschauen sollte. Nebensächliche Handlungen, sinnfreies Reden, sogar Einrichtungsgegenstände im Bildhintergrund ergeben nachträglich einen Sinn bzw. Hinweise auf das eigentliche Geschehen. Da die Figuren nicht schlauer sind als der Zuschauer, wird auch ihnen dies zu spät klar.

Kammerspiel in zwei verwinkelten Häusern

„Uncertain Guest“ ist eine Herausforderung für die Darsteller, die in kleiner Besetzung eine komplexe Handlung stimmig tragen müssen. Die meiste Zeit sehen wir Andoni Gracia als Félix und Mónica López zusammenspielen, an die in ihrer Doppelrolle besondere Ansprüche gestellt werden.

Gracia ist zunächst erschütternd überzeugend als Opfer einer tatsächlichen oder eingebildeten Heimsuchung, während er später erschreckend glaubhaft in der Rolle des Stalkers wirkt. Der psychische Verfall wird nur selten durch entsprechende Ausbrüche ‚verdeutlicht‘, sondern teilt sich in Félix‘ Verhalten und Äußerungen mit, die Paranoia und Misstrauen in einem verhängnisvollen Aufschaukeln zeigen: Der Wahnsinn wohnt – die Realität zeigt es – gern und lange unbemerkt hinter unauffälligen Gesichtszügen.

Das Spiel der Nebenfiguren fügt sich noch in den kleinsten Rollen harmonisch und mit katastrophalen Folgen in das Geschehen ein. Mitleid will sich beim Zuschauer nur selten einstellen. Die Figuren fordern ihr Schicksal durchaus selbst mit heraus. Allerdings schlägt es in der Realität kaum so konsequent und erbarmungslos wie unter Morales‘ Anleitung zu.

An einer ähnlich verwickelten und abrupt kehrtwendenden Geschichte versuchte sich Morales 2010 in „Los ojos de Julia“ (‚dt.‘ „Julia’s Eyes“). Wiederum waren Inszenierung und Schauspiel erlesen, doch dieses Mal zerfiel der Film zu deutlich in zwei Abschnitte. „Uncertain Guest“ bleibt in jeder Hinsicht das bessere Werk.

DVD-Features

Die Extras zum nur als DVD veröffentlichten Film sind karg, doch das knapp viertelstündige „Making-of“ wird der Zuschauer dankbar zur Kenntnis nehmen, werden hier doch wichtige und interessante Hintergrundinformationen gegeben. (Leider fehlt die Antwort auf die Frage, wieso „El habitante incierto“ – „Der ungewisse Gast“ – in Deutschland mit „Uncertain Guest“ ‚übersetzt‘ wird.) Weniger wichtig sind der Trailer zum Film und eine Bildergalerie (ca. 100 Fotos), die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit niemand ansehen wird.

[md]

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