downloading-nancyDownloading Nancy

Originaltitel: Downloading Nancy (USA 2008)
Regie: Johan Renck
Drehbuch: Pamela Cumings u. Lee Ross
Kamera: Christopher Doyle
Schnitt: Henrik Hanson u. Johan Söderberg
Musik: Krister Linder
Darsteller: Maria Bello (Nancy Stockwell), Jason Patric (Louis Farwell), Rufus Sewell (Albert Stockwell), Amy Brenneman (Carol), David Brown (Billy Ringel), Michael Nyqvist (Stan) u. a.
Label: Senator Home Entertainment
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 16.12.2009 (Leih-DVD) bzw. 15.01.2010 (Kauf-DVD)
EAN: 4013575566693 (Leih-DVD) bzw. 0886974374695 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 98 min.
FSK: 18

Das geschieht:

Nancy Stockwell ist eine schöne Frau, die mit ihrem beruflich erfolgreichen Gatten Albert ein wohlhabendes Leben führt. Hinter dieser Fassade tun sich jedoch Abgründe auf. Albert ist ein gefühlskalter, auf das Golfspiel fixierter Reinlichkeitsfanatiker, der nicht erkennt bzw. nicht erkennen will, wie unglücklich Nancy ist. Nicht einmal das Wissen um ihre zahlreichen Sitzungen mit der Psychologin Carol nimmt Albert zum Anlass, sich mit seiner Ehefrau auszusprechen, die sich mit Rasierklingen schneidet, um überhaupt noch etwas zu fühlen.

Längst hat sich Nancy so tief ins seelische Aus gesteuert, dass sie den spektakulären Ausstieg aus einem ihr unerträglich gewordenen Leben plant. Über das Internet, das ihre einzige Verbindung mit der Außenwelt darstellt, hat sie Louis kennengelernt, der in einschlägigen Chatrooms als „Schmerzensmann“ auftritt. Mit ihm schließt Nancy einen Pakt. Sie liefert sich Louis und seinen sadistischen Neigungen aus, um sich schließlich von ihm umbringen zu lassen.

Eines Tages ist es soweit. Nancy verlässt Albert, der ratlos und von der Situation überfordert zurückbleibt. Sie wird nicht zurückkehren, aber auch für Louis sind nach der Begegnung mit der zutiefst verstörten Frau die Tage als „Schmerzensmann“ vorüber: Die Realität holt ihn ein, sodass er sich Nancy letztem Wunsch nicht verschließen kann und Albert mit einer Botschaft in seinem leeren Haus aufsucht …

Keine Hoffnung, kein Ausweg

Für die Randbereiche der menschlichen Psyche gibt es im Kino seit jeher zwei  Darstellungsweisen. Da haben wir einerseits den Horror, der offen, d. h. blutig und dabei unterhaltsam das Wirken & Würgen geisteskranker Serienkiller, durchgeknallter Wissenschaftler oder anderweitig irrer Metzelbolde in Szene setzt, wobei gleichzeitiger Popcorn-Verzehr, Getränkegenuss und freudiges Gejohle durchaus nicht fehl am Platze wirken.

Auf der anderen Seite stehen Filme wie „Downloading Nancy“, die sich dem Phänomen der (Selbst-) Zerstörung ernsthaft und quasi dokumentarisch widmen. Auch hier wird gelitten und gestorben, aber das zu beobachten ist nicht vergnüglich, sondern weckt das Unbehagen des Zuschauers, der sich wie ein Voyeur vorkommt. Man könnte sagen, dass diese Filme in Form und Inhalt der Realität ein wenig zu nahe kommen.

„Nach einer wahren Begebenheit“ heißt es auch im Nachspann von „Downloading Nancy“. Was in der Regel nur ein Trick ist, um billige Zusatz-Werbung für einen Film zu machen, wirkt hier authentisch, weil in den letzten Jahren tatsächlich Fälle belegt sind, in denen verzweifelte Menschen ihren Mörder per Internet suchten – und fanden.

Wer so konsequent ist wie Regisseur Johan Renck, der sich streng auf das Drama dreier verlorener Menschen konzentriert, ohne Konzessionen an ein Publikum zu machen, das in Mainstream-Dramen mit im Drehbuch eigens vorgesehenen Momenten der Entspannung rechnen kann, darf auf einen Blockbuster nicht hoffen. Tatsächlich ertrugen nicht einmal das sich gern intellektuell gebende Publikum des „Sundance Film Festivals“ die Uraufführung von „Downloading Nancy“; Hauptdarsteller Rufus Sewell beobachtete, wie die Zuschauer scharenweise den Kinosaal verließen.

Jenseits des Punktes der Wiederkehr

In der Tat ist „Downloading Nancy“ kein vergnügliches Erlebnis. Dabei gibt es keinerlei Brutalitäten zu besichtigen. Es sind Darstellerkunst und inszenatorisches Geschick, die den Rasierklingenschnitt in ein Bein oder einen Arm zum blanken, weil wiederum realistischen Horror anschwellen lassen. Auch sonst spiegelt jede Szene nur Verlassenheit, Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit wider. Die Bilder sind ausgewaschen und entbehren jeglicher Farbigkeit. Dazu spielt die Handlung im neuenglischen Winter, der besonders düster, eisig und unwirtlich wirkt.

Gemütlichkeit ist auch innerhalb bewohnter Mauern ein Fremdwort. Das Sprechzimmer der Psychiaterin ist eine schäbig möblierte, enge, fensterlose Kammer. Feiern finden in gesichtslosen Hotelkavernen statt. Das Haus der Stockwells ist kein Heim, sondern ein Gefängnis, dessen männlicher Bewohner jegliche ‚Beschädigung‘ durch Schmutz oder Knautschflecken vermeidet. Scheußlich gemusterte, unbequeme Polstermöbel werden mit glatten, kalten Plastikbezügen ‚geschützt‘. Die Depression nimmt Gestalt an.

Die Menschen fügen sich nahtlos in diese Umgebungen ein. Wenn Albert auflebt, dann nur in seinem zum Golfclub umgebauten Keller, in dem er meist völlig allein ist. Wenn seine ‚Freunde‘ Billy und Stan auftauchen, verödet die Unterhaltung in Allgemeinplätzen, denn zu sagen hat man sich im Grunde nichts.

Des Dreiecks mörderische Seite

Doch wo nicht mehr gesprochen wird, kann die Dunkelheit einziehen. Albert sieht genau, dass Nancy sich quält. Er lässt es geschehen. Damit wird er mitschuldig bzw. hauptverantwortlich für ihren Tod. Das ist die Lektion, die ihm Nancy sehr erfolgreich zu erteilen vermag. Ähnlich wird es vermutlich Carol geschehen. Renck ist abermals kompromisslos: Die Therapiegespräche mit Nancy werden zum pagageienhaften Nachplappern angelernten Fachwissens, das immer hektischer wird, je mehr Carol bewusst wird, dass sie Nancys Verzweiflung nichts entgegenzusetzen hat. Anders als Albert will Carol helfen, doch sie kann es nicht, denn über diesen Punkt ist Nancy hinaus: für eine Psychologin eine unerträgliche Erkenntnis und das Eingeständnis einer Niederlage.

Nachdem sie selbst, ihr Partner und die Medizin versagt haben, sieht Nancy nur im Tod eine Erlösung. Den will sie sich aber nicht selbst geben: Sie möchte schmerzvoll sterben, denn Schmerz ist das einzige Gefühl, das sie noch spürt. Das bringt Louis ins Spiel. Er könnte als Figur der Bösewicht dieses Dramas werden, aber diese simple Charakterisierung gestattet Renck nicht. Louis ist keineswegs der kontrollierte, eiskalte „Schmerzensmann“, zum dem er sich stilisiert. Stück für Stück zerbricht diese Fassade im Zusammensein mit Nancy und offenbart einen Menschen, den das Leben mindestens ebenso verletzt hat wie sein ‚Opfer‘, das Louis‘ Liebesbekundungen brutal zurückweist und auf ‚Vertragserfüllung‘ besteht.

Denn Nancy ist in ihrer erbarmungslosen Selbstzerstörung ein gefährlicher Mensch. Carol erlebt es, als ihre Patientin sie attackiert, aber Louis, der ihr länger ausgesetzt ist, wird von Nancy zerstört. Selbst im Tod manipuliert sie ihn weiter und bringt ihn dazu, sich Albert auszuliefern, um ihm ihre letzte Botschaft auszurichten.

Der Herausforderung gewachsen sein

Johan Renck ist kein in den USA aufgewachsener und dort ins Filmgeschäft gekommener Regisseur. Er wurde in Schweden geboren und lebt noch heute in Stockholm. So kann Renck durchaus als ‚europäischer‘ Filmemacher gelten, was in der Kritikerwelt identisch ist mit dem Drang zur unbequemen und unzensierten, sprich: hollywoodfernen Filmkunst.

Zumindest an den Kinokassen konnte Renck diesem Ruf problemlos entsprechen: „Downloading Nancy“ spielte bei Produktionskosten von 3 Mio. Dollar praktisch keinen Cent ein. Der Stoff erwies sich für ein breites Publikum als zu starker Tobak. Zwar wird mancher von der Kritik heiß geliebter ‚Kunstfilm‘ für den Zuschauer mit Fug und Recht als Aufforderung zur Kinoflucht verstanden. Auf „Downloading Nancy“ trifft dies nicht zu, denn dieser Film ist das Werk eines Regisseurs, der sein Thema im Griff hat.

Das verdankt Renck einem ausgewogenen Drehbuch sowie Schauspielern, die ihre schwierigen Rollen außerordentlich überzeugend mit depressivem Leben erfüllen. Vor allen anderen ist natürlich Maria Bello zu nennen, die nicht zum ersten Mal in ihrer Karriere keineswegs davor zurückscheut, buchstäblich alles zu geben. Nie augenrollend & Schaum spuckend irrsinnig, sondern entweder erloschen oder blindwütig, oft beides im sekundenschnellen Wechsel, Mitleid erregend aber nie sympathisch, ist Nancy die Verkörperung des Lebensekels. Obwohl Bello selbst ohne Make-up, in schmuckloser Kleidung und gefilmt in fahlem Licht eine schöne Frau bleibt, ist sie selbst nackt kein erotischer Anblick – auch über diese Phase ist Nancy längst hinaus; sie sorgt lieber dafür, dass Louis im Baumarkt eine Hacke kauft, mit der er später ihre Leiche besser zerteilen kann.

Unterhaltung muss nicht unterhaltsam sein

Rufus Sewell gibt einen gleichermaßen abscheulichen wie jämmerlichen Albert. Vom seelischen Bankrott trennen ihn nur seine Obsession für Golf und eine Gefühlsarmut, die ihn problemfrei funktionieren lässt. Sewell gibt der undankbaren Rolle eine düstere Größe in seinem von Nancy über Louis in Gang gesetzten Erkenntnis- und Reifeprozess, den er womöglich nicht überstehen wird.

Auch Jason Patric ist fabelhaft als Sadist und Lustmörder, der sich seinen eigentlichen Bedürfnissen stellen muss. Menschen zu verletzen ist einfacher als sich mit ihnen zu verständigen. Als Louis dies vergisst, ist es um ihn geschehen. Patric meistert eine schwierige Doppelrolle, denn ist er zunächst Nancys Fährmann in den Tod, muss er später zum Neustarter für Alberts tief verschüttetes Gefühlsleben werden. Louis redet nicht, er handelt, und er geht dabei ähnlich rücksichtslos vor wie Nancy.

„Downloading Nancy“ bietet die Möglichkeit, sich einen Film nicht nur ‚anzuschauen‘, sondern sich auf ihn einzulassen. Auch die Gabe, das Leere und Niederschmetternde darzustellen und vorstellbar zu machen, verdient Anerkennung. Wie eigentlich immer sollte nur die Geschichte zählen, und die ist zwar traurig, wird aber wunderbar erzählt.

DVD-Features

„Downloading Nancy“ ist ein Film, für den ein „Making-Of“ als verkappter Werbe-Trailer eher kontraproduktiv wäre. Echte Hintergrundinfos – z. B. über die realen Ereignisse, die das Drehbuch inspirierten – wären hilfreich. Da dafür ein gewisser Aufwand getrieben werden müsste, der für Kassengift-Filme als nicht lohnend erachtet wird, fallen folgerichtig sämtliche Features ersatzlos weg.

[md]

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