Kaliber 9

Originaltitel: Calibre 9 (Frankreich 2011)
Regie: Jean-Christian Tassy
Drehbuch: Eric Cherrière u. Jean-Christian Tassy
Kamera: Chloé Robert
Schnitt: Raphaël Piccin, Isabelle Proust u. Jean-Christian Tassy
Musik: Fabien Auguy, Jonathan Latorre u. Jonathan Verie-Massot
Darsteller: Laurent Collombert (Yann Moreau), Nathalie Hauwelle (Sarah), Phillippe Burel (Richard Wolfhound), Philippe Bussière (Bürgermeister), Jean-Jacques Lelté (Frank), Christophe Lafargue (Frédéric Pontamousseau), Frédéric Menuet (Assistent von Pontamousseau) uva.
Label/Vertrieb: Al!ve
Erscheinungsdatum: 19.07.2013
EAN: 4260336460107 (DVD)/4260336460114 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Französisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 80 min. (Blu-ray: 82 min)
FSK: 18

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Das geschieht:

In einer ungenannt bleibenden französischen Stadt übt seit 15 Jahren der ungenannt bleibende Bürgermeister sein korruptes Schreckensregime aus. Justiz und Polizei hat er gut geschmiert auf seiner Seite, er ist der beste Freund zwielichtiger Geschäftsleute, und im Rathaus spuren die Mitarbeiter.

Auch Stadtplaner Yann Moreau hat eventuelle Ambitionen verraten & verkauft. Missachtete Arbeitsrechte, ignorierte Umweltschäden, gekaufte Gutachten: Müde winkt er nur noch durch, was er von Rechts wegen verhindern müsste. Dazu gehört auch die Genehmigung für das schlampig geplante Chemiewerk des skrupellosen Industriellen Pontamousseau.

An anderer Stelle der Stadt gerät Hure Sarah mit ihrem Zuhälter Frank aneinander. Sie will aussteigen. Als Frank ihr dafür verstecktes Geld findet, versucht sie ihn umzubringen. Doch Frank behält die Oberhand und schießt ihr eine Kugel in den Leib. Sterbend rafft sich Sarah noch einmal auf und tötet Frank.

Im Nebenzimmer hat Sarahs letzter ‚Kunde‘ unbemerkt den tödlichen Streit belauscht. Der Zaubermeister aus dem Senegal lässt Sarahs Geist in die Pistole fahren, die sie umbrachte. Sarah weiht später den alten und totkranken Polizist Richard Wolfhound ein. Gemeinsam schmiedet man diesen Plan: Sarah, die Pistole, erwählt einen Mann aus dem Umfeld des Bürgermeisters und zwingt ihm ihren Willen auf.

Es trifft den ahnungslosen Yann, der plötzlich eine Pistole in der Hand hält, die sich nicht abschütteln lässt und ihn zwingt, auf die Strolche zu feuern, die mit ihren Handlangern die Geschicke der Stadt lenken. Nachdem Yann Pontamousseau und seine Söldner spektakulär zur Hölle geschickt hat, soll er den Bürgermeister und seine Bande auslöschen. Dieser ist allerdings chronisch misstrauisch und fordert von Yann einen mörderischen Vertrauensbeweis, bevor er ihn an sich heranlässt …

Der Traum von radikaler Gerechtigkeit

Politikverdrossenheit ist kein Phänomen der Gegenwart. Seit jeher sind die meisten Bürger sowie zuvor die Untertanen unzufrieden mit denen, die an der Hierarchiespitze das Sagen haben. Nicht gerade selten gibt es gute Gründe dafür, denn Macht scheint irgendwann automatisch zu korrumpieren: Wer eigentlich für das Wohl jener sorgen sollte, die ihn oder sie gewählt haben, nutzt die geliehenen Privilegien, um sich die eigenen Taschen zu füllen.

Natürlich bleibt so etwas nicht ewig verborgen, wofür zuverlässig die Gier des Menschen sorgt, der jede Zurückhaltung verliert, wenn ihm nicht nachdrücklich auf die Finger geklopft wird. Mit den richtigen Verbündeten können Machthunger und Unterschlagung einem Volk, das zu dumm oder zu gleichgültig ist, um die Angeblichkeit solcher Entscheidungen zu durchschauen, als rechtmäßig und notwendig verkauft werden.

Zwar kommen auch solche schlauen Finsterlinge letztlich zu Fall. Weil dies lange dauern kann, kommen jene, die unter ihnen leiden, oft auf den Gedanken, sich ihrer Peiniger mit Gewalt zu entledigen. Dies geht nicht nur schneller, sondern befriedigt auch den Rachedurst. Freilich – und glücklicherweise – bleiben entsprechende Pläne meist Wunschgedanken, die niemandem wehtun.

Die Fiktion kann ebenfalls gefahrlos für Leib & Leben aber anschaulicher in Filmbilder verwandelt werden. Zu sehen, wie die Drecksäcke, denen man realiter ausgeliefert ist, zumindest stellvertretend ein grausiges Ende nehmen, hat etwas Beruhigendes oder Versöhnliches. Deshalb laufen Yann, Sarah und Wolfhound in Dienst der sich geknechtet fühlenden Zuschauer Amok.

Die Angst des Schurken vor der Rechnung

Das Resultat ist ebenso unterhaltsam wie politisch unkorrekt. Gern gehen Tugendwächter und -bolde davon aus, dass Filme wie „Kaliber 9“ unzufriedene Zeitgenossen scharenweise zu den Waffen greifen lassen. Solche Behauptungen sind bequem und simpel. Sie rühren nicht an den eigentlichen Problemen, lassen sich aber multimedial gut verkaufen.

Da sich andererseits nicht wenige Menschen gern an vermeintlich oder tatsächlich verkrusteten Wertesystemen reiben, wundert es nicht, dass gegen das Tabu der sogenannten „Gewaltverherrlichung“ oft und mit rebellischer Wonne verstoßen wird. Was verboten wird, erregt erst recht Interesse und Neugier – ein Reflex, auf den sich auch Jean-Christian Tassy verlassen kann.

„Calibre 9“ ist der Regie-Erstling des ehemaligen Cutters. Auch am Drehbuch schrieb Tassy mit, und weil das Budget minimal war, fand er sich darüber hinaus als Produzent, hinter der Kamera und im Schneideraum wieder. Sozialkritisch sollte „Kaliber 9“ sein oder wenigstens so wirken, weil das jenen Teil der elitären Filmkritik anspricht, die sich für cineastische Bilderstürmereien à la „Mann beißt Hund“ oder „Baise-moi“ begeistert. Für das eher robuste Action vorziehende Publikum orientierte sich Tassy an B-Movies der coolen und schicken Art. Vermutlich nicht grundlos erinnert Laurent Collombert in seiner Rolle als Yann Moreau stark an Jason Statham in den „Transporter“-Filmen.

Dog Eats Dog

Frank Martin wird bereits als „tough guy“ eingeführt, Yann dagegen als Weichei charakterisiert, das jegliche Auseinandersetzung fürchtet. Deshalb wirkt die ansatzlose Mutation zur Kampfmaschine unlogisch. Plötzlich läuft Yann wie eine Gazelle, springt wie ein Tiger, rollt und schraubt sich durch die Luft und feuert dabei zielgenau die Geister-Pistole ab.

Immerhin sind diese Szenen rasant und knackig inszeniert. Hier fällt das Budget nicht ins Gewicht. Wo es an Ausstattung oder quasi künstlerischer Kampf-Choreografie hapert, schaffen schnelle Schnitte Abhilfe. Der enorme Bodycount bleibt in der Regel erkennbar Effekt. Zwar werden zahlreiche Schädel zerschossen, und später stanzt Wolfhound mit einer Schrotflinte riesige Löcher in Schurkenwänste, doch dies geschieht meist im Halbschatten. Wenn das Blut dabei in gewaltigen Kaskaden spritzt, wird seine digitale Herkunft jederzeit deutlich.

‚Richtige‘ Autoverfolgungsjagden mit Blechschäden und Explosionen müssen ausfallen. Man jagt einander primär zu Fuß und durch Industriebrachen oder für Dreharbeiten leicht abzusperrende Seitenstraßen. (Entstanden ist „Kaliber 9“ übrigens im südfranzösischen Toulouse.) Absurde Übertreibungen überspielen solche Engpässe, wie überhaupt das Comichafte die Handlung schließlich bestimmt.

Ruhe kann schädlich sein

Solange die Fetzen fliegen, ist alles gut. Das ändert sich, sobald es ruhiger wird. Tassy erzählt eine Geschichte, die Pausen schlecht verträgt, weil ihre Irrwitzigkeit leicht ins Lächerliche umschlägt. Schlecht umgesetzt und wohl auch nicht wirklich zu lösen ist vor allem das Problem, eine besessene Pistole glaubwürdig darzustellen. Dass Sarah nun eine Waffe beseelt, möchte uns Tassy verdeutlichen, indem er sie hin und wieder Gestalt annehmen lässt. Dies stellt er als Wunschvorstellungen des übermüdeten und geistig durch die Ereignisse derangierten Yann dar. Meist ‚spricht‘ Sarah jedoch als körperlose Stimme in Yanns Glatzkopf. Besaß sie zu Lebzeiten ein eher niedergeschlagenes Gemüt, gurrt sie nun sexy und macht sich über den armen Yann lustig.

Um die simple Story ein wenig raffinierter zu gestalten, erlaubt sich Tassy einige Handlungssprünge. So werden wir erst nachträglich darüber informiert, dass Wolfhound schon früh Bescheid weiß. Bis es soweit ist, wundern wir uns hauptsächlich über diese Figur, die sich betont geheimnisvoll am Rande der Ereignisse herumdrückt. Schon der Name suggeriert, dass wir es hier mit einem Cop zu tun haben, den nichts von seiner Fährte abbringen kann. Für das Geschehen ist er nicht wirklich von Bedeutung, wozu das ausdruckslose, auf einschlägige Stereotype reduzierte Schauspiel des Darstellers Phillippe Burel passt.

Generell bleiben die Figuren konturenschwach. Pseudo-bedeutungsschwangere Monologe aus dem Off machen aus Yann Moreau keine Figur, an deren Schicksal man Anteil nimmt. Auch Sarah kann so nachdenklich aus diversen Fenstern schauen, wie sie will: Sie bleibt Rolle und wird nie Person. Wenn jemand im zuschauerlichen Gedächtnis haftet, so ist es Philippe Bussière als einerseits distinguierter, sogar spießbürgerlicher und andererseits kapitalkrimineller, völlig durchgedrehter Bürgermeister.

Nur 80 Minuten läuft „Kaliber 9“ – eine kluge Entscheidung. (Tassy hat am eigenen Film mitgeschnitten.) Schon vor dem Finale geht dem dünnen Plot spürbar die Luft aus. Mehr als stylish inszenierte, aneinandergereihte Blutbäder gibt die Geschichte eigentlich nicht her. Doch „Kaliber 9“ soll ja mehr bieten als Actiongetümmel. Der eigene Anspruch bringt Tassy letztlich sowie unnötig zu Fall: Er vernachlässigt, was er gut beherrscht, und versucht sich vergeblich an einer Moral dort, wo er ‚nur‘ einen Comic bieten kann, der als solcher womöglich viel besser unterhalten hätte. So bleibt „Kaliber 9“ ein unmittelbar nach dem Sehen abgehaktes, weil unglückliches Flickwerk aus Wollen und Können.

DVD-Features

Hintergrund-Informationen bleiben uns vorenthalten; aufgespielt wurde (außer Werbung) nur der Trailer zum Hauptfilm.

Kurzinfo für Ungeduldige: Ex-Hure Sarah fährt als Geist in eine großkalibrige Pistole. Um sich produktiv für ihren Tod zu rächen, springt sie dem frustrierten Stadtplaner Yann in die Hand; gemeinsam tilgen sie korrupte Staatsdiener und Konzernbosse aus … – Kurzweilig, böse und schräg verbindet Regisseur Tassy vorgebliche Sozialkritik mit schick gefilmten Baller-Orgien; Überraschungen bleiben weitgehend aus, vieles wirkt (auch wegen des knappen Budgets) improvisiert. Dennoch in den Action-Sequenzen beachtlich.

[md]

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