Matrioshki – Mädchenhändler – Staffel 1

Belgien (2005)
Regie: Guy Goossens, Mark Punt
Drehbuch: Guy Goossens, Mark Punt

Disks: 3
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0 Stereo)
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
FSK: Freigegeben ab 18 Jahren
Studio: Edel Germany GmbH
Spieldauer: 450 Minuten

Darsteller: Peter Van den Begin, Axel Daeseleire, Evgeniya Khirivskaya, Tom Van Dyck, Zemyna Asmontaite, Manou Kersting, Luk Wyns

„Matrioshki – Mädchenhändler“ ist eine gefeierte Serie, für ihre Authentizität gerühmt und wird von Amnesty International zu Aufklärungszwecken eingesetzt – stellt sich die Frage: Warum?

Der Nachtclubbesitzer und Mädchenhändler Raymond „Ray“ van Mechelen und seine Leute reisen regelmäßig in den Ostblock, um dort junge Frauen für angebliche Tanzshows zu rekrutieren. Tatsächlich werden die jungen und attraktiven Dinger nach Belgien verschleppt, dort zur Prostitution gezwungen und gewinnbringend weiterverkauft.

Doch die letzte Fuhre Mädchen ist ziemlich widerspenstig. Lustlos, ohne Motivation und mit dem Gedanken an Flucht (wer könnte es ihnen verdenken), bereiten sie Ray und seinen Freunden nur Probleme. Zu allem Übel ist ihnen auch die Polizei auf den Fersen. Glücklicherweise ist einer der Beamten korrupt und sorgt für etwas Entspannung. Aber leider gibt es auch interne Streitigkeiten und die Presse ist den Mädchenhändlern auf den Fersen …

Die erste Staffel der Serie umfasst insgesamt zehn Episoden auf drei DVDs. Auf der Hülle prangt auffällig der Aufdruck „FSK ab 18“ und auch die Inhaltsbeschreibung lässt starken Tobak erwarten. Tatsächlich versteckt sich aber hinter der knallharten Fassade eine weichgespülte Serie in dürftiger Lokalisierung.

Das FSK-Siegel scheint ein Werbegag zu sein und suggeriert einen schwer verdaulichen Inhalt. Tatsächlich weist nur die erste DVD ein FSK von 18 auf, die beiden anderen DVDs haben eine FSK von 16. Warum es überhaupt eine 18er-Freigabe gibt, ist fraglich. Tatsächlich ist der Inhalt um einiges harmloser, als jede Episode von „CSI“. Vielleicht liegt die Einstufung auch an moralischen Sittenwächtern, die Probleme mit zu viel nackter Haut haben. Aber selbst da bietet das TV mehr.

Die Geschichte selbst ist sehr brisant und zeigt die Niederungen der menschlichen Gesellschaft auf. Angeblich schonungslos und authentisch, doch auch hier ist es mehr Augenwischerei als Tatsache. Erst einmal bedient sich die Geschichte hemmungslos sämtlicher Klischees, die sich der Zuschauer für das Milieu ausmalen kann. Das wirkt einfach platt und kommt nur an den Rand der Wahrheit, ohne diese wirklich zu erreichen. Das Böse und Abartige lauert jenseits der Klischees, wohnt in scheinbar normalen Menschen inne. Diese Normalität und das Grauen dahinter, das fehlt „Matrioshki – Mädchenhändler“. Jede wichtige (männliche) Figur hat eine extreme Macke, ist überzeichnet.

Auch der Begriff organisiertes Verbrechen und Mädchenhändlerring werden überstrapaziert. Schon bald wird nämlich klar, dass hier ein belgischer Nachtclubbesitzer Frauen anlockt und in seinem Nachtclub tanzen lässt. Werden Anfangs noch Zeugen brutal aus dem Weg geräumt und den Mädchen wahllose Gewalt vorgeführt, verkommt der Stoff langsam zur Seifenoper. Es mangelt den Regisseuren Guy Goossens und Mark Punt einfach an Konsequenz und Kompetenz.

Das gut organisierte Verbrechen entpuppt sich als eine Handvoll überforderter Möchtegerngangster unter der Führung eines angelnden und seines Jobs überdrüssigen alten Mannes. Bei den angeblichen und gut geschmierten Polizisten handelt es sich um genau eine einzige Person. Und die Rolle ist zudem noch mies umgesetzt. Überhaupt wirkt die ganze Polizeiarbeit dilettantisch, scheinbar in dem Versuch den staatlichen Apparat keineswegs in Misskredit zu bringen und trotzdem eine Erklärung zu finden, warum sich die Mädchenhändler so lange Zeit austoben dürfen. Der eine Polizist hat keine Lust zu arbeiten, der nächste spricht kein Englisch und wieder einer glaubt den Beteuerungen des aktenkundigen Gauners. Da haben die Bösewichter aber nochmals Glück gehabt – jedenfalls in der Serie. In der Realität verlässt sich das Verbrechen weniger auf Glück, als auf Bestechung, Erpressung und Mord. Das fällt hier geflissentlich unter den Tisch oder wird nur kurz angerissen.

Kaum in Belgien angekommen, müssen die Girls in einem Nachtclub arbeiten. Und spätestens hier verkommt die Serie zur Lachnummer. Die Verbrecher sind allzu menschlich. Die Frauen behalten ihre Handys, können den Geschlechtsakt verweigern und haben alle Zeit der Welt, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Einzig ein einziges Mal wird die wahre Brutalität solcher Verbrecher offenkundig, als eines der Mädchen zum Hauptgewinn einer Tombola wird. Allerdings vergewaltigt „nur“ der Freier die Kleine, die Gauner halten sich da gemütlich raus. Diese beschweren sich nur darüber, wie lustlos die Frauen sind und keinen Spaß an der Sache haben. Echte Repressalien gibt es selten. Diese werden von Guy Goossens und Mark Punt nur spärlich eingesetzt. Manchmal gibt es Augenblicke, in dem tatsächlich die Brutalität der wahren Mädchenhändler durchblitzt, dann schaltet die Serie aber wieder schnell in den Weichspülgang runter.

Die Qualität der Darsteller ist durchwachsen und zeigt ein starkes Gefälle bei den Geschlechtern – und legt den Verdacht nahe, dass hier tatsächlich Frauen ausgenutzt werden. Die weiblichen Darsteller (Veerle De Jonghe, Ailika Kremer, Eugenia Hirivskaya, Indre Jaraite, Mila Lipner, Zemyna Asmontaite, Vilma Raubaite, Lubov Tolkalina, Saartje Vandendriessche, Svetlana Vladimirovna, Natalya Reva, Sveta Abolenkina und Zorina Tanasova) zeigen durchweg eine gute bis hervorragende Leistung. Ihre Figuren wirken authentisch, transportieren Emotionen und ziehen die Zuschauer in ihren Bann.

Die Riege der Männer wirkt dagegen amateurhaft. Sie legt besonders großen Wert auf betont lässige Auftritte und Macken, sind überzeichnet und dennoch langweilig. Die männlichen Rollen wirken zu keinem Zeitpunkt durchdacht oder real, sie verkommen zu klischeehaften Abziehbildern, die im Schatten der starken Frauen bleiben. Und der Lohn der ganzen Sache?

Während die Schauspielerinnen aus sich herausgehen, ihre Gefühle und ihren Körper bloßstellen, bekommen die Schauspieler die ganze Aufmerksamkeit. Auf dem Cover der DVD-Box und auf den DVDs selbst sind nur die Männer zu sehen – in betont lässigen Posen. Nur wenn die DVDs entnommen werden, gibt es etwas Platz für die weiblichen Darsteller. Das ist für einen Film mit solcher Thematik tatsächlich ziemlich perfide.

Ziemlich misslungen ist übrigens die deutschsprachige Lokalisierung. Die Synchronisation ist ziemlich blass und langweilig. Glücklicherweise wurden viele fremdsprachigen Texte im Original belassen und untertitelt. Dadurch wirkt die Serie etwas realer. Leider liegt nur die deutsche Tonspur vor und auch nur in Dolby Digital 2.0. Das ist etwas schwach. Das gilt auch für das Bild. Die Kameraarbeit ist nach Lehrbuch klassisch schlicht, das Bild der DVD lässt ein wenig an Schärfe und Farbe fehlen.

Trotz allem ist „Matrioshki – Mädchenhändler – Staffel 1“ eine unterhaltsame Serie, agiert aber keinesfalls auf dem ihr unterstellten hohen Niveau. Es ist einfache TV-Kost mit einer überzogenen Altersfreigabe, in der die Frauen die ganze Arbeit leisten und die Männer den Beifall bekommen. Wirklich ärgerlich ist, dass hier nur an der Oberfläche des Themas gekratzt wird.

Copyright © 2010 by Günther Lietz

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