Toxic

Originaltitel: Toxic (USA 2008)
Regie: Alan Pao
Drehbuch: Alan Pao u. Kyle Kramer (nach einer Story von Corey Large)
Kamera: Roger Chingirian
Schnitt: Chris Levitus
Musik: Scott Glasgow
Darsteller: Susan Ward (Michelle), Corey Large (Sid), Charity Shea (Lucille), Dominique Swain (Nadia), Costas Mandylor (Steve), Master P (Angel), Paul Johansson (Gus), Kitana Baker (Crystal), Mitchell Baker (Simon), C. Thomas Howell (Joe), Tom Sizemore (Van Sant), Bai Ling (Lena), Danny Trejo (Antoine), Dominique Vandenberg (Stone), Cerina Vincent (Malvi) u. v. a.
Label: Splendid Entertainment
Vertrieb: WVG Medien GmbH
Erscheinungsdatum: 29.05.2009
EAN: 4260034632288 (DVD)/4260034634633 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min. (Blu-ray: 92 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Gangsterboss Van Sant hasst und fürchtet seine Tochter Lucille, die schon für den Tod des Bruders verantwortlich war und nun womöglich den Vater ins Visier nimmt. Grund genug hätte sie, denn Van Sant hat die tatsächlich geisteskranke Lucille in eine Nervenheilanstalt abgeschoben. Dort machte ihr Heilungsprozess keine Fortschritte. Noch immer ‚übernimmt‘ Lucille die Persönlichkeiten ihr wichtiger Mitmenschen und ‚verschmilzt‘ mit ihnen, während das Lucille-Ego in einen Hirnwinkel abgeschoben wird. Auch Lucilles Hang zur Gewalt konnten die Ärzte nie unter Kontrolle bekommen.

Nach Jahren hinter Gittern ist Lucille nun die Flucht gelungen. Van Sant setzt seine Killer Antoine und Sid auf ihre Fährte, die Lucille allerdings so gut verwischen konnte, dass sie mehr als ein Jahr verschwunden bleibt – kein Wunder, lebt sie doch inzwischen als Sid weiter, nachdem dieser sie schließlich gefunden hatte: Zu diesem Zeitpunkt tobte ein regelrechter Gangsterkrieg um Lucille, den der echte Sid und die Mehrheit der übrigen Kontrahenten nicht überlebten.

‚Sid‘ konnte deshalb unbehelligt ein neues Leben beginnen. ‚Seine‘ ahnungslose neue Freundin, die Barkeeperin Michelle, verschaffte ‚ihm‘ einen Job im Stripclub „Toxic“. Als fleißiges Mädchen für alles konnte ‚Sid‘ sogar an Eigentümer Steves Herz rühren, obwohl dieser seine weiblichen Angestellten normalerweise nicht nur tanzen, sondern auch anschaffen lässt.

Doch der Frieden ist trügerisch und ‚Sids‘ Hirn in Aufruhr. Nachts erscheint ihm Alter Ego Lucille, die ‚er‘ für ein Gespenst hält. ‚Sid‘ versucht herauszufinden, was der Spuk von ihm will. ‚Er‘ vermutet, dass Steve für Lucilles Tod verantwortlich ist und der Geist seine Bestrafung fordert, um Frieden zu finden. ‚Sids‘ Argwohn verstärkt sich, als sich auch Michelle in Steves Hurenriege einreiht. ‚Er‘ fürchtet, dass Michelle, in die ‚er‘ sich verliebt hat, Steves nächstes Opfer wird. Dem will ‚Sid‘ einen Riegel vorschieben – notfalls mit Waffengewalt …

Neue Kleider für den Kaiser

Immer wieder bemühen sich ehrgeizige Drehbuchautoren und Regisseure, das Thriller-Rad neu zu erfinden. Möglichst „tricky“ soll die Geschichte sein, d. h. sich drehen und winden wie ein Aal, der dem Zuschauer immer wieder durch die Finger schlüpft und ihm dadurch neue Überraschungen beschert. Da das Auge alles andere als unbestechlich ist, sondern sich ausgezeichnet täuschen lässt, kann die unterhaltsame Verwirrung im Film gesteigert werden: Was man sieht, muss keineswegs dem tatsächlichen Geschehen entsprechen, sondern kann gänzlich anders interpretiert werden.

Dies trifft erst recht zu, wenn der Erzähler = Filmemacher zusätzlich beschließt, die Ereignis-Chronologie zu durchbrechen. „Toxic“ ist eine Story auf unterschiedlichen zeitlichen Ebenen. Gegenwart und Vergangenheit wechseln mehrfach und gern im raschen Wechsel. Die Wirkung lernen wir immer wieder vor der Ursache kennen, was zu intensiver Aufmerksamkeit auffordert, da wir aus den präsentierten Partikeln den tatsächlichen Ablauf des Geschehens nachträglich im Kopf rekonstruieren müssen.

Wer ein solches Vexier- und Verwirrspiel ablehnt, sollte die Finger von „Toxic“ lassen. Dabei funktioniert die Geschichte trotz berechtigter Kritik immerhin auf dieser Ebene ausgezeichnet. Wer sich „Toxic“ noch einmal und im Wissen um sämtliche Steinchen anschaut, wird bemerken, dass sie sich zu einem makelfreien Mosaik fügen. Allerdings stehen die Chancen schlecht: Nicht viele Zuschauer werden „Toxic“ einen zweiten Blick gönnen.

Was gibt die Wundertüte her?

Regisseur und Drehbuchautor Alan Pao zieht sämtliche Register, die sein Film inhaltlich wie formal hergibt – und übertreibt es dabei. Schon der Ansatz verrät eher Ehrgeiz als erzählerische Ökonomie. Pao sieht in sich offenbar Quentin Tarantino und Oliver Stone zusammenströmen. Das den Genannten innewohnende Talent geht ihm leider ab. Den Rest erledigt ein Budget, das es nicht einmal ermöglichte, eine simple Schießerei ordentlich in Szene zu setzen. Reißschwenks, Wischer, Zeitlupen u. a. Mätzchen sollen eine Dynamik vortäuschen, die niemals sicht- oder spürbar wird. Dass trotz eines beachtlichen Bodycounts so gut wie kein Tropfen Blut fließt, mag zusätzlich Paos künstlerischem Willen geschuldet sein. Offensichtlich schätzt er die Kunst der dramatischen Andeutung. Pech für ihn, dass sein Publikum dies anders sehen könnte. Wieso „Toxic“ hierzulande erst ab 18 Jahren freigegeben wurde, mehrt das Rätsel, auf welche Weise die FSK ihre Entscheidungen treffen mag.

Wichtigster Mann auf dem Set war sicherlich Kameramann Roger Chingirian. Er hat seinem Arbeitsinstrument alles abverlangt. Wenn er nicht gerade Paos Affen Zucker geben musste, gelangen ihm schöne Licht- und Schatteneffekte. Auch die Farbensprache ist dort beachtlich, wo sie angesichts trivialer aber tiefsinnig gemeinter Dialoge nicht in Vergessenheit gerät. Den Vogel schießen hier die Szenen mit den Gaststars Tom „Kein-B-Film-ohne-mich!“ Sizemore und Bai Ling ab, die man ausschließlich an und auf seinem Schreibtisch sitzen sieht, wo sie wie ein altes Ehepaar streiten und mächtig improvisieren, bis sie endlich (und mysteriös aus dem Off) einige Kugeln niederstrecken.

In die „Pulp-Fiction“-Fußstapfen von John Travolta und Samuel L. Jackson wollen hier Corey Large und Danny „Überhaupt-kein-Film-ohne-mich!“ Trejo treten. Während der eine auch in seiner Rolle als Lucille-Sid keine Akzente setzt, überrascht der andere durch die ansatzweise gelungene Vermittlung eines groben aber funktionierenden Humors. Den bemüht Pao auch sonst und gern im abrupten Wechsel mit dramatisch oder gar tragisch gemeinten Szenen, wodurch er entweder deplatziert ist oder peinlich verpufft.

Verliebt in eine Kulisse

Der in der Gegenwart spielende Handlungsstrang konzentriert sich auf den filmtitelgebenden Nachtclub „Toxic“. Den liebt Pao geradezu, denn er setzt die Story erst einmal aus und schwelgt in jener schweinigeligen Dekadenz, die typisch ist für US-amerikanische Ausflüge in derartige Gefilde. Schrecklich verworfen soll es im „Toxic“ zugehen, doch an der Stange tanzen die üblichen silikonbrüstigen Statistinnen, weshalb man froh ist, dass sie Chingirians Kamera höchstens sekundenbruchteilkurz ohne Oberteile zeigt.

Unter den lethargischen Zuschauern dieser erotikfreien Verrenkungen befinden sich allerlei in Vergessenheit geratene Kleinstars wie C. Thomas Howell. Sie bekommen ihre Auftritte im Rampenlicht, wobei es egal zu sein scheint, ob dies für die eigentliche Geschichte von Belang ist. Selbst schuld an seinem darstellerischen Untergang ist Percy Robert Miller alias „Master P“, einer jener Rapper, die meinen, als Schauspieler ihren Ruhm mehren zu können. Die Strafe ist gerecht aber hart: Master P wird lachhaft kostümiert ausgerechnet in die Klischee-Rolle des schwarzen „Pimps“ gesteckt, in welcher er sich herzlich zum Narren macht.

Weil er immer noch keine Lust hat, Lucilles Geschichte wieder aufzugreifen, erzählt uns Pao ausführlich vom traurigen Leben der netten Michelle. Die arbeitet zwar in einer Bar, ist aber trotzdem eine gute Mutter und auch sonst ebenso hilfsbereit wie langweilig. In dieser Eigenschaft ist sie immerhin konsequent, während der arme Costas Mandylor versuchen muss, das Schwein mit dem goldenen Herzen zu mimen.

Irgendwie tragisch zum Ende kommen

Als es dem Finale zugeht, kehrt endlich Lucille ins Geschehen zurück. Die Doppel-Identität Lucille-Sid wird umständlich aber zufriedenstellend geklärt, was Pao aber nicht dramatisch genug dünkte. Also lässt er aus fadenscheinigem Grund eine weitere Hauptfigur über die Klinge springen und dem einen nicht gerade überraschenden Twist folgen: Lucille flüchtet sich in eine weitere Persönlichkeit. Somit kann das irre muntere Treiben seine Fortsetzung nehmen. Glücklicherweise müssen wir dabei keine Zeugen mehr sein.

Mit seinem zweiten Spielfilm konnte Alan Pao weder die Filmkritik noch die Mehrheit seiner Zuschauer zufriedenstellen. Nach verhaltenen Reaktionen wurde „Toxic“ zwei Jahre nach Drehschluss „direct to DVD“ verklappt. Wiederum blieben Begeisterungsstürme aus. In Deutschland versuchte man das Publikum mit einem Fake-Cover zu locken: Eine leicht bekleidete Frau – die man im Film vergebens suchen wird – schwingt eine überdimensionale Handfeuerwaffe, die ebenfalls durch Abwesenheit glänzt. Ihrem Beispiel sollte der kluge Zuschauer folgen.

DVD-Features

Die ‚Extras‘ beschränken sich auf den Trailer zum Film.

Kurzinfo für Ungeduldige: Die persönlichkeitsgespaltene Tochter eines Gangsterbosses wird zum Zielobjekt für Killer, Zuhälter u. a. Strolche, über die sie ahnungslos Tod und Verderben bringt … – Viel Energie investiert der Regisseur in die totschicke Hochglanz-Optik seines Werkes, während die Figurenzeichnung kaum das Drehbuchpapier ritzt, weshalb die durchaus funktionierende Story gleichgültig lässt: ehrgeizig versiebter Psycho-Thriller.

[md]

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