Drei bewaffnete Männer dringen in ein Haus in Hongkong ein. Sie richten ein Blutbad an, dass nur die aus Frankreich stammende Ehefrau (Sylvie Testud) schwer verletzt überlebt. Ihr Vater reist aus Europa an, der Restaurantbesitzer Francis Costello (Johnny Hallyday). Am Krankenbett seiner Tochter angekommen, verlangt die nur eins von ihm: Rache!

Ausgestattet mit einer dürftigen Personenbeschreibung zieht Costello los, um den Wunsch seiner Tochter zu erfüllen. Dabei wirkt er beinahe emotionslos, eiskalt. Wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt, liegt das in seiner immer schneller werdenden Vergesslichkeit. Eine Kugel in Costellos Kopf löscht sein Gedächtnis aus. Somit wird Costellos Rachefeldzug auch ein Wettlauf gegen die Zeit.

Durch Zufall lernt der Franzose die Triaden-Killer Kwai, Chu und Fat Lok kennen (Anthony Wong, Lam Ka Tung, Lam Suet). Er macht ihnen ein gutes Angebot und heuert die Männer an. Mehr noch, bald entwickelt sich eine echte Freundschaft, die so manches Feuergefecht zu überstehen hat. Mit Hilfe der Killer kommt Costello den gesuchten Mördern auf die Spur  …

Mit „Vengeance“ hat Kultregisseur und Produzent Johnnie To einen Actionfilm geschaffen, der voller Zwiespalte steckt. To arbeitet mit sehr vielen verstörenden Stilelementen und meidet weitgehend geltende Genrekonversionen. Im Gegenteil, er missachtet sie stellenweise und platziert ausgeklügelte Kugelaction – die kinetische Spannung einem eleganten Tanz gleich darbietet – neben disharmonischen Schießereien auf einer Müllhalde. Das sorgt für einen starken Kontrast und ist künstlerisch anspruchsvoll – allerdings kein Massengeschmack. Johnnie To entzieht sich dem Mainstreamkino. Und das ist gut so.

In der Hauptrolle agiert der französische Sänger und Schauspieler Johnny Hallyday als Francis Costello. Jetzt Restaurantbesitzer und Koch, einst ein großartiger Killer. Der Hintergrund der Rolle macht neugierig, doch droht die Figur zu verblassen, ist zu ruhig, zu still, in einem beinahe überzeichnetem Reigen. Diese Spiel liegt jedoch in der Zurückhaltung Costellos begründet, der die Erinnerung verliert und stets dagegen ankämpft. Und mit den Erinnerungen verliert er alle Emotionen. Er funktioniert nur noch, weil er funktionieren muss, funktionieren will. Dieses Vergessen, dieses Gros an mangelnden Emotionen, dieser unbändige Wille zu funktionieren, das Alles transportiert Hallyday hervorragend – und genau dadurch wirkt die Rolle des Costello langweilig und verblasst im bunten Strudel der Ereignisse, anders als die Figur des Leonard aus „Memento“ (2000)

Und die eben angesprochenen Ereignisse haben es in sich. To scheucht seine Darsteller durch einen farbigen Zirkus an Kulissen und Geschehnissen. Die Action ist auf den Punkt genau inszeniert und es gelingt dem Regisseur jeder Sequenz ihren ganz eigenen Charme zu geben. Das ist sehr spannend, wenn auch oft verstörend. Tos Stil ist Geschmackssache – und in „Vengeance“ ganz besonders. Hier wird ein Essen unter Killern ebenso stark inszeniert, wie die nächtliche Schießerei nach einer Grillparty oder das Treffen mit einem Hehler auf der Müllkippe. Da gibt es laute und leise, nachvollziehbare und irreale Augenblicke. Johnnie To weiß zu inszenieren, weiß zu überraschen – auch, und erst recht, gegen den Massengeschmack. Und trotz der kinetischen Action, trotz den vielen hervorragenden Ideen, gelingt es den Figuren zu wachsen, ja, gar über sich hinauszuwachsen. Und eben jene Komponente macht den Film zu etwas Besonderem.

„Vengeance“ ist ein etwas anderer Actionfilm, der seiner Action und der Gewalt wegen natürlich mit einer Altersfreigabe von 18 daherkommt. Das ist durchaus gerechtfertigt. Zu beachten ist jedoch, dass die Gewalt stilistisches Mittel ist und zur Erzählung beiträgt, keinesfalls um ihrer selber willen in den Film einfließt. Eine weitere Besonderheit an Tos Arbeit. Ein etwas anderer, aber dennoch gelungener Actionfilm für Freunde eines etwas anderen Stils.

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Vengeance
Originaltitel: Vengeance

Produktionsland: Frankreich, Hongkong (2009)
Länge: 105 Minuten
Altersfreigabe: FSK 18

Regie: Johnnie To
Drehbuch: Wai Ka-Fai
Produktion: Johnnie To, Michèle Petin, Laurent Petin, Wai Ka-Fai, John Chong, Peter Lam
Musik: Lo Tayu
Kamera: Cheng Siu-Keung
Schnitt: David M. Richarson

Besetzung: Johnny Hallyday (Francis Costello), Anthony Wong (Kwai), Lam Ka Tung (Chu), Lam Suet (Fat Lok), Simon Yam (George Fung), Michelle Ye (Schwangere Frau), Sylvie Testud (Irene Thompson)