100 Feet – Wenn selbst der Tod nicht scheidet

Originaltitel: 100 Feet (USA 2008)
Regie u. Drehbuch: Eric Red
Kamera: Ken Kelsch
Schnitt: Anthony Redman
Musik: John Frizzell
Darsteller: Famke Janssen (Marnie Watson), Bobby Cannavale (Shanks), Ed Westwick (Joey), Michael Paré (Mike Watson), John Fallon (Jimmy), Patricia Charbonneau (Frances), Kevin Geer (Pater Pritchet), Ken Kelsch (Müllmann), Tibor Pálffy (Obdachloser) u. a.
Label: Ufa Home Entertainment
Vertrieb: Universum Film (www.universumfilm.de)
Erscheinungsdatum: 13.03.2009 (Kauf-DVD)
EAN: 0886973678190 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1   anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 92 min.
FSK: 16

Das geschieht:

Drei Jahre musste Marnie Watson im Gefängnis verbringen, nachdem sie in Notwehr ihren Gatten erstach. Von seinen Kollegen immer wieder gedeckt, hatte Polizist Mike Wut und Frustration prügelnd an seiner Ehefrau ausgelassen. Das letzte Jahr ihrer Strafe darf Marnie in dem Haus verbringen, das nun ihr allein gehört. Eine elektronische Fußfessel gestattet ihr die freie Bewegung in einem Radius von 30 Metern (= 100 Fuß), bevor ein Alarm ertönt und die Polizei auf den Plan ruft.

Dass genau dies geschieht und Marnies Hausarrest wieder ins Gefängnis muss, ist die Hoffnung des Polizisten Shanks. Einst Mikes Partner und ein enger Freund der Familie, hat er Marnie ihre Tat nie verziehen. Ausgerechnet er ist nun der für sie zuständige Überwachungsbeamte. Vom Groll zerfressen, postiert sich Shanks in seinem Wagen auf der Straße vor Marnies Haus und überwacht sie, um sie bei einem Verstoß gegen die Auflagen zu ertappen.

Einsamkeit, die Last der Erinnerungen und die offene Ablehnung der Nachbarn, die früher ihre Freunde waren, machen Marnie zusätzlich zu schaffen. Ihr schlimmster Albtraum manifestiert sich indes in der Nacht: Mike mag tot sein, doch sein Geist ist quicklebendig. Er hat voller Wut auf Marnie gewartet, denn er gedenkt zu vollenden, was ihm zu Lebzeiten nicht gelang. Fortan wird Marnies Leben zum Albtraum, denn immer wieder fällt Mike prügelnd über sie her. Flucht ist unmöglich, und sie will auch gar nicht weglaufen: Marnie nimmt erneut den Kampf gegen ihren Peiniger auf.

Doch wie vertreibt man ein Gespenst? Marnie muss alle Güter des Toten aus dem Haus entfernen. Dessen Mauern bergen allerdings ein Geheimnis, das Marnie erst lüften muss. Außerdem schaut Mike ihren Bemühungen nicht tatenlos zu. Immer heftiger werden seine Übergriffe, und Marnies Widerstand steigert seine Wut …

Bis dass sein Tod euch wieder vereint

Geisterrache aus dem Jenseits: Der Horrorfilm könnte ohne dieses Motiv definitiv nicht existieren. Dabei liegt es in der Natur der Sache – gemeint ist die Unterhaltung -, dass es selten die im Leben zu kurz Gekommenen sind, die nach dem Tod jene piesacken, denen sie ihre diesseitigen Leiden ‚verdanken‘. Der gute Mensch wird offenbar auch nach seinem Tod nicht zum Rächer, sondern bleibt Bittsteller, der um Erlösung bitten muss. Allerdings sind die Bösewichter ohnehin die interessanteren Zeitgenossen. Ob tot oder lebendig: Zumindest auf Leinwand und Bildschirm müssen wir sie nicht fürchten, sondern können beobachten, wie sie einfallsreich über Pechvögel wie die arme Marnie kommen.

Wobei das Prädikat „einfallsreich“ nur schwer mit einem Film wie „100 Feet“ in Einklang zu bringen ist. Regisseur und Drehbuchautor Eric Red gehört zu jenen Filmschaffenden, die das Beste wollten und nur knapp oberhalb des Schlechten bruchlandeten. „100 Feet“ ist ein Film der verschenkten Möglichkeiten. Wer die Hauptschuld trägt, bleibt für den Zuschauer schwer durchschaubar. Red deutet dunkel Differenzen mit dem Studio an, das einen konventionellen, problemlos zu vermarktenden Horrorfilm verlangte und diesen durchsetzte. Solche unterstellten Machenschaften bieten freilich auch ein Schlupfloch für ambitionierte Künstler mit beschränktem Talent.

Fakt ist: „100 Feet“ beginnt als psychologisches Drama einer verhärmten, vom Leben gebeutelten Frau, die nur scheinbar frei ist, sondern perfide an den Schauplatz ihres Verbrechens gekettet wird. Red ist zu diesem frühen Zeitpunkt gekonnt bei der Sache, und eine wunderbare Famke Janssen (dazu weiter unten mehr) vermag diese Rolle jederzeit glaubhaft mit Leben zu füllen; sogar ohne Geisterbefall sind wir neugierig, wie es ihr ergehen wird.

Die Stimmung ist gedrückt und verheißt Unerfreuliches. Der erfahrene Zuschauer erwartet nun das allmähliche „Hallo!“ näher rückender Spukgestalten. Genau hier wirft Red das Steuer herum: Geister-Mike betritt die Szene mit einem Donnerschlag. Von Zurückhaltung keine Spur, und gleich rutscht ihm die Hand wieder aus.

Red erklärt dies zum Stilmittel. Mike soll kein überirdisches Wesen, sondern auch als Geist das durchaus materielle Spiegelbild eines prügelnden Ehemanns sein. Warum nicht, als Idee ist das durchaus interessant, zumal Red Marnie schlüssig reagieren lässt: Sie hält sich nicht lang mit Zweifeln auf, sondern akzeptiert die Heimsuchung als Tatsache und stellt sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten auf Gegenwehr ein, ist kein hysterisches Opfer, sondern wird eine aktive Gegnerin.

Unlogik ist schlimmer als Geisterspuk

Das nachzuvollziehen ist aufgrund des in der zweiten Filmhälfte zunehmend zerfahrener wirkenden Drehbuchs leider kaum möglich. Wie geht man gegen einen Geist vor? Marnie leiht in der Bibliothek Bücher über Geister aus. Siehe da, schon in Band 1 stößt sie auf eine ausführliche Beschreibung für Do-It-Ourself-Exorzisten, der sie treulich Folge leistet. Glaubt sie tatsächlich, damit Erfolg zu haben? Der Zuschauer weiß es besser, und das liegt nicht nur an der Lachhaftigkeit des Rituals.

Fragen, Fragen … und selten eine gute Antwort. Wieso wirft Marnie ihren Ehering in den Abfall-Häcksler, der definitiv kein Metall zerkleinern kann? Weil sie das Drehbuch zwingt, ihre Hand in das Gerät zu stecken, um den Ring wieder herauszufischen, was Mike die Gelegenheit verschafft, den „An“-Schalter zu drücken. Wieso kann Shanks Tage und Nächte damit verbringen, als Aufpasser vor Marnies Wohnung zu hocken? Gibt es keinen Dienstplan, an den er sich zu halten hat? Wie realistisch ist es, dass ausgerechnet Mikes Polizei-Partner die Aufgabe übertragen bekommt, Marnie zu überwachen? Shanks argwöhnt, dass Mikes eigentlicher Mörder nachts in Marnies Haus schleicht, um sie zu bedrohen und zu schlagen: Warum passt er nicht besser auf? Oder noch besser: Wieso verlegt er seinen Wachposten nicht IN das Haus? Sollte Marnie etwas gegen Hilfe bei der Geisterjagd haben?

Die korrekten Antworten hätten allerdings das sofortige Filmende zur Folge. Deshalb schleppt sich die Handlung von einer Unwahrscheinlichkeit zur nächsten. Faule Tricks strecken das Geschehen: Dass Marnie Mikes Geheimversteck entdeckt, ist absolut unerheblich. Die Erkundung sorgt lediglich für das scheinbar spannende Verstreichen diverser Filmminuten.

Womit die zentrale Frage noch gar nicht angesprochen wurde: Was treibt Mike eigentlich in seinem Haus? Nutzt er sein Polizei-Wissen und weiß, wann Marnie wieder auftauchen wird? Wie hat er sich die Zeit in den drei Jahren vertrieben, in denen er ektoplasmatische Däumchen drehen musste? Als er endlich zur rächenden Tat schreiten kann, benimmt er sich reichlich dämlich: Als er alle Welt glauben machen konnte, dass Marnie einen weiteren Mord begangen hat, bricht er plötzlich aus der Wand und gibt Shanks Saures, der seinen Unglauben in Sachen Geisterspuk schlagartig ablegt.

Eine Lektion im Verheizen guter Schauspieler

Die Liste der Klagen über verschenkte oder versaubeutelte Möglichkeiten könnte viel, viel länger sein. Sie wirkt umso eindrucksvoller, wenn man berücksichtigt, wen Eric Red vor die Kamera holen konnte: Famke Janssen, Bobby Cannavale oder Michael Parè sind nicht nur Profis, sondern richtig gute Darsteller. „100 Feet“ ist denkbar weit entfernt von jeglicher Teenie-Dämlichkeit des modernen Mainstream-Horrorfilms.

Vor allem Janssen ist wie schon angesprochen hervorragend. Fast in jeder Sequenz steht sie im Mittelpunkt. Sie muss schwierige emotionale Szenen meistern, und das gelingt ihr mit einer Überzeugungskraft, die ein lohnendere Werk verdient hätte. Rührend wirkt es beispielsweise, wenn sie nach drei Jahren vor ihrem Schrank steht und alle Kleider ausprobiert: Diese Frau hat im Gefängnis gelitten. Zwar spricht sie dies später auch aus, aber in der beschriebenen Szene vermittelt es Janssen ohne zusätzliche Bestätigung für die im Geiste arme Fraktion des Publikums.

Nicht einmal die Bettszene mit dem halb so alten Joey wirkt peinlich. Marnie sehnt sich verzweifelt nach menschlicher Nähe. Als Joey sie ihr bietet, greift sie zu – sie ist eine erwachsene Frau, die über fadenscheinige Ausflüchte längst hinaus ist. In diesem Punkt bietet Red der klischeehaften Hollywood-Bigotterie gleich mehrfach Paroli.

Cannavale bleibt Janssen als ebenfalls seelisch angeschlagener, reumütiger und deshalb umso niederträchtigerer Shanks nichts schuldig. Der Polizist und die Mörderin liefern sich einen erbitterten Zweikampf, in dem beide weder Gnade geben noch erwarten. Mikes Geist müsste dem eigentlich verdattert lauschen und sich für seine spukigen Kindereien (Tellerwerfen, Lover-Boxen) schämen.

Michael Paré ist ein Vollblutschauspieler, der nicht nur unerhört fleißig ist, sondern auch komplexe Rollen souverän meistert. Als dick mit Grusel-Schminke eingekleisteter Geist bleibt ihm wenig mimischer Spielraum. Die Maske wird zusätzlich durch CGI-Effekte verfremdet, was den Darsteller zusätzlich seiner Ausdrucksfähigkeit beraubt. Dennoch wird hin und wieder deutlich, dass Mike nicht einfach nur ‚böse‘, sondern sich seiner Grausamkeit durchaus reuevoll bewusst ist.

Zwischen Brooklyn und Budapest

Solche Momente machen schmerzlich das Potenzial dieses Films deutlich, dessen Produktion schwierig war. Nicht nur das Studio mischte sich ein. Das Budget war vor allem für einen Film mit zahlreichen Spezialeffekten unerhört niedrig: Kaum 10 Mio. Dollar standen Red zur Verfügung – zu wenig Geld, „100 Feet“ in der Stadt zu drehen, in der die Geschichte spielt. Nur ein Woche konnte in Brooklyn selbst gefilmt werden. Sämtliche Innenaufnahmen entstanden in Hollywoods Dritter Film-Welt: in Budapest, wo das Niveau der Kulissenbauer und Requisiteure hoch ist, während die Löhne niedrig bleiben.

Marnies schmales, tiefes und düsteres Reihenhaus wurde vom Keller bis zum ersten Stock komplett nachgebaut, was der Kamera alle Bewegungsmöglichkeiten gestattete. Auf CGI-Effekte verzichtete Red weitgehend; er macht allein künstlerische Gründe dafür geltend, da die klassischen Filmtricks besser zu der doch altmodischen Geistergeschichte passten, die er erzähle. Dem mag man Glauben schenken oder nicht …

Wenig Geld, Zeitdruck und Koordinationsprobleme können indes keine Entschuldigungen für das Scheitern von „100 Feet“ sein. Unter ähnlichen Beschränkungen entstanden schon richtig gute Filme. So einer hätte „100 Feet“ werden können; die notwendigen Zutaten sind vorhanden, aber weder Menge noch Mischung stimmen, sodass der Film schließlich zusammenfällt wie ein schlecht gebackener Soufflé.

DVD-Features

Kümmerlich in Form und Inhalt sind die Extras zum Hauptfilm. Der Trailer unterschlägt die Mehrschichtigkeit des Drehbuchs und kündigt ein konventionelles Horror-Spektakel der B-Kategorie an. Das 15-minütige „Making-of“ erschöpft sich in gegenseitiger Lobhudelei. Wohl er zufällig blitzen zwischendurch interessante Hintergrundinfos auf, wenn beispielsweise die rührend altmodische aber immer noch wirkungsvolle ‚Handarbeit‘ klassisch ausgebildeter Effekt-Spezialisten präsentiert wird.

Die nicht deutsch untertitelte Featurette ist ansonsten noch tauglich, den Zuschauer mit Famke Janssens eindrucksvoller Originalstimme vertraut zu machen, die einen (beinahe …) dazu verleiten könnte, sich „100 Feet“ noch einmal und dieses Mal im O-Ton anzutun.

[md]

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