Zwei abenteuerlustige Schwestern beobachten aus einem Unterwasserkäfig hungrige Haie, als das Haltekabel reißt. 47 Meter tiefer schlägt der Käfig auf dem Meeresboden auf. Mit schwindendem Luftvorrat und umkreist von besagten Haien sitzen die Schwestern in der Dunkelheit fest und müssen sich etwas einfallen lassen, um wieder an die Oberfläche zu kommen … – Dies zu beobachten ist dank der Steine, die den Pechvögeln von den Drehbuchautoren auf dem Weg dorthin gelegt werden, oft spannend, obwohl Logik und Naturgesetze arg strapaziert werden und zu viel Zeit für gegenseitiges Herzausschütten bleibt: handwerklich solide Unterhaltung.

Das geschieht:

Weil ihr Freund sie erst als „langweilig“ bezeichnet und dann verlassen hat, muss Lisa den schon gebuchten Mexiko-Urlaub stattdessen mit ihrer jüngeren Schwester Kate antreten, was ihre Stimmung nicht hebt: Schon immer fühlte sich Lisa von der quirligen Kate abgehängt, und auch jetzt ist es die Jüngere, die für eine Ablenkung sorgen will, die Kate garantiert aus ihrer Niedergeschlagenheit reißen wird.

Zwei Jungmänner schwärmen vor den beiden Frauen bei einigen nächtlichen Drinks von einem Trip mit Captain Taylor. Der steuert seinen Rostkahn dorthin vor die Küste, wo das Wasser tiefer wird und sich zuverlässig große Haie versammeln, weil Taylor und sein mürrischer Bootshelfer Javier Fischköder und Blut ins Wasser schütten, in das wenig später ein Stahlkäfig abgelassen wird: Darin sitzen wagemutige Touristen, die den gewaltigen Raubfischen in die Augen schauen und Fotos schießen können, mit denen man daheim mächtig angeben kann.

Zwar zögert Lisa, als sie auf See (sowie wieder nüchtern) ist, aber kneifen will sie auch nicht, weshalb sie mit Kate in den Käfig klettert. Tatsächlich sind die Schwestern fasziniert, als sich tatsächlich Haie zeigen, doch die Begeisterung löst sich genauso abrupt in Nichts auf wie die Decksverankerung des Krans, an dem der Käfig hängt: Plötzlich geht es haltlos hinab, bis der Käfig mit seinen entsetzten Insassinnen 47 Meter tiefer auf dem Meeresboden aufschlägt.

Zwar sind die Frauen nur leicht verletzt, aber sie sitzen fest. Zur Oberfläche aufsteigen ist wenig ratsam, denn die Haie sind weiterhin präsent. Außerdem ist der defekte Kran auf den Käfig gestürzt und blockiert den Ausstieg. Das Wasser ist dunkel, die Funkverbindung zum Boot abgerissen, in den Stahlflaschen wird die Atemluft knapp: Kate und Lisa müssen sich etwas einfallen lassen – und das ganz schnell …

Faszination eines feindlichen Elementes

Zwar besteht der menschliche Körper überwiegend aus Wasser, und wir können erstaunlich lange hungern, wenn wir dabei genug trinken. Dennoch ist Wasser ein Element, dem man sich außerhalb des heimischen Badezimmers mehrheitlich fernhalten sollte. Man ist von der lebenswichtigen Atemluft abgeschnitten, sobald man sich unter die Oberfläche begibt, was angesichts mächtiger Sturmwogen oder tückischer Klippen schnell und unfreiwillig geschehen kann. Zudem hausen in den Tiefen der Meere Kreaturen, die deutlich größer als der Mensch sind, dem sie nicht mit Misstrauen oder Angst, sondern voller Hunger und Angriffslust begegnen.

Schwestern über Wasser

Das hat den Menschen nie davon abgehalten, sein Glück auf und unter dem Meer zu suchen, denn dort gibt es vieles, das sich essen oder als begehrte Ware verkaufen lässt. Hinzu kommt der Fortschritt einer Technik, die selbst Nichtschwimmern die Existenz unter Wasser ermöglicht. In unserem Film hat Lisa nie zuvor einen Taucheranzug getragen, doch da sie nur in einen Käfig steigt, ist das kein Hindernis.

Der moderne Tourismus hat längst die Ozeane erreicht. Schiffe karren Couch-Kartoffeln problemlos dorthin, wo sie zwischen zwei Buffet-Besuchen Pinguine in ihrem natürlichen Lebensraum belästigen. Unter Wasser können sich mutige (oder betrunkene) Männer und Frauen stahlkäfiggeschützt unter Haifische wagen, die sich beinahe hundertprozentig gut benehmen bzw. vor den Käfigstangen kapitulieren. Unfälle kommen freilich vor …

Übermut tut (jedenfalls im Film) niemals gut

Hai und Mensch: In gewisser Weise ist dies ein Verhältnis, das ähnlich eng ist wie das zwischen Hund und Mensch. Natürlich gibt es einen gravierenden Unterschied, denn der Mensch fürchtet den Hai und hasst ihn sogar, weil er ihn – obwohl doch Krone der Schöpfung – schnöde frisst, wenn ihm danach ist. Zwar gelten Haie inzwischen zu Recht als faszinierende Wesen, aber wenn Lisa und Kate in den Käfig steigen, WOLLEN sie sich gruseln – ein Gefühl, das man durchaus schätzt, wenn man die Gefahr in sicherer Entfernung weiß.

Da Lisa und Kate Figuren eines Spielfilms sind, besteht keinerlei Zweifel daran, dass unerfreuliche Zwischenfälle das Abenteuer-Event in grimmige ‚Realität‘ verwandeln werden. Die Anführungsstriche deuten dabei an, dass man diese Realität keinesfalls einer logischen Überprüfung unterziehen sollte. Zu intensiv wurden Logik und Naturgesetze verbogen und gebrochen, um eine Handlung zu ermöglichen, die schlicht unterhalten soll.

Zuvor eine Erinnerung (oder Warnung): Dieser Film heißt „47 Meters Down“! Das Wort „Hai“ kommt im Titel nicht vor, weshalb man Regisseur und Drehbuch-Mitautor Johannes Roberts keineswegs vorwerfen sollte, dass er seine Untiere ein wenig sparsam einsetzt. Faktisch haben es Lisa und Kate mit einer wahren Kette lebensbedrohlicher Probleme zu tun, in die sich die Haie einreihen müssen.

Sie stecken WIRKLICH in der Klemme!

„47 Meters Down“ fällt in die Kategorie der ‚Zwickmühlen‘-Filme. Die Autoren geben sich Mühe, die Protagonisten in eine Situation zu zwingen, die Flucht und ein Überleben eigentlich unmöglich macht, was die Regie bildstark zu unterstreichen versucht. Sobald die Mäuse in der Todesfalle stecken, folgen angestrengte Versuche, das Unmögliche eben doch zu schaffen. Dass dafür unkonventionelle Methoden gefunden und umgesetzt werden müssen, ist eine Quelle für jenes Vergnügen, das man den „MacGuyver-Effekt“ nennen könnte – benannt nach dem gleichnamigen TV-Agenten und Abenteurer, der aus einer Büroklammer, einem Cocktail-Spieß und einem Klecks Mayonnaise eine voll funktionstüchtige Mondrakete basteln konnte.

Schwestern unter Wasser

Dummerweise ist es einfacher, Todesfallen zu konstruieren, als ihnen zu entkommen, was logisch ist, da sich jeder Fallensteller verständlicherweise große Mühe gibt. Auch Kate und Lisa stecken in einer Bredouille, die realiter keine Rettung ermöglicht, weshalb der Zufall sowie die Hoffnung auf ein duldsames Publikum manchmal allzu deutlich das Geschehen bestimmen. Die Quantität der Verstöße wider Physik oder Biologie ist so gewaltig, dass hier nur einige besonders kaliberstarke Bockschüsse erwähnt werden können:

– In knapp 50 m Tiefe ist der Sauerstoff in jenen Flaschen, die Kate und Lisa bei sich tragen, auch ohne ihre hektischen, atemluftfressenden Rettungsversuche viel früher verbraucht, als es das Drehbuch vorsieht.
– Wenn ein Hai sein Opfer wirklich packen will, wird er es tun, wobei ihn unter Wasser rein gar nichts daran hindern kann, weshalb es eher peinlich wirkt, wenn sich Kate auf der ‚Flucht‘ vor einem Zahnfisch – dessen Höchstgeschwindigkeit bei ca. 60 km/h liegen dürfte – blutend und mit blasenblubberndem Atemgerät hinter einem Felsen duckt.
– Das Problem der Stickstoffübersättigung des Blutes bei zu raschem Aufstieg wird zwar erwähnt, dann jedoch je nach dramaturgischem Bedarf entweder ignoriert oder verfälscht.

Spannend soll es sein

Im Detail wird es noch kruder, was selbst dem Unterwasser-Laien irgendwann auffällt. Natürlich erhebt Roberts mit „47 Meters Down“ keinen dokumentarischen Anspruch. Man würde ihm die Fehler und Übertreibungen verzeihen, wenn sie dem eigentlichen Ziel nützten: Dieser Film soll unterhalten! Was angesichts des spektakulären Schauplatzes und der entfesselten Gefahren eine Selbstverständlichkeit sein sollte, bleibt oft leider vage und unentschlossen.

Selbstverständlich bleibt Schnappatmung beim Zuschauer nicht aus. „47 Meters Down“ ist ein handwerklich gut umgesetzter Film mit gelungenen Effekten, denen jegliche „Sharknado“-Dümmlichkeit abgeht. Zudem werden alte, aber generell taugliche Schockeffekte wirksam variiert: So mag es schreckarm klingen, wenn das Licht einer gezündeten Unterwasserfackel in das weit geöffnete Maul eines im dunklen Wasser herangeschlichenen Gigant-Hais fällt, doch lässt die Wirksamkeit dieser Szene keineswegs zu wünschen übrig! 47 Meter unter der Oberfläche ist es wirklich dunkel, weshalb sich zur Angst vor dem Hai – der (obwohl digital) übrigens ungemein lebensecht wirkt – auch dessen ‚Unsichtbarkeit‘ addiert.

Aufregend ist es zu verfolgen, wie die Frauen aus dem Käfig kommen, dem Erstickungstod trotzen und die Funkverbindung mit der Oberfläche wiederherstellen, wobei ständige Rückschläge die Spannungskurve weiter emporschnellen lassen. Mehrfach scheint die Rettung zum Greifen nahe, doch dann geht wieder etwas schief, und Plan B muss um die Pläne C ff. erweitert werden.

Der menschliche Faktor in unmenschlicher Umgebung

Leider mag sich Roberts nicht auf die Flucht vor dem Tod beschränken. Wie so viele Autoren und Regisseure glaubt er auf ‚Zwischenmenschliches‘ nicht verzichten zu dürfen. Deshalb stellt er uns Lisa und Kate erst einmal ausführlich vor, wie sie an Land faulenzen, über die Männer schimpfen, am Strand tanzen oder schwesterliche Eintracht demonstrieren, bevor es endlich auf See geht. Müssen wir diese Vorgeschichte kennen? Die Antwort lautet angesichts der akuten Herausforderungen eindeutig „nein“, was Roberts keineswegs abhält, die schwesterliche Aussprache später auf dem Meeresgrund fortzusetzen. (In den Helmen gibt es Funk.) Die Haie halten sich solange rücksichtsvoll abseits, was sie außerdem davor schützt, sich die Phrasen anzuhören, die diese Diskussion bestimmen.

Hindernis auf dem Weg in die Freiheit

Ein echtes Identifikationsgefühl mag sich beim Zuschauer nicht einstellen. Lisa und Kate interessieren uns nicht als Schwestern mit emotionalen Altlasten, sondern nur als Menschen, die 47 Meter unter der Meeresoberfläche um ihre Leben kämpfen. Statt sich darauf zu konzentrieren, versaut Roberts seinen ‚schockierenden‘ Final-Twist, indem er ihn so oft ‚ganz nebenbei‘ ankündigt, dass im Grunde jede/r den Braten riecht.

Als Darstellerinnen bleiben Mandy Moore und Claire Holt blass, was auch daran liegt, dass sie in Taucheranzügen und -masken stecken. (Die schlanken Beine unter wohlgerundeten Hinterteilen bleiben freilich neoprenfrei.) Eigens für diesen Film haben sie das Gerätetauchen gelernt und viele Stunden unter Wasser gedreht = gelitten. Beinahe schmerzhaft anzusehen ist Matthew Modines Auftritt in einer beliebigen Nebenrolle. Er hat einst prominent in Filmen gespielt, die in die Filmgeschichte eingingen („Birdy“, 1984; „Full Metal Jacket“, 1987; „Die Mafiosi-Baut“, 1988), geriet aber irgendwann auf ein Nebengleis der Filmindustrie.

Für Johannes Roberts ging es seit „47 Meters Down“ dagegen aufwärts. Sein Film kostete 5,5 Mio. Dollar – gedreht wurde über dem Wasserspiegel in der Dominikanischen Republik sowie unterirdisch in einem Studio im heimischen London -, spielte aber weltweit mehr als das Zehnfache ein. So kam es, wie es kommen musste: Auf Wiedersehen in „48 Meters Down“ – dieses Mal vor der brasilianischen Küste spielend und mit wesentlich mehr appetitlichen Darstellerinnen bestückt!

DVD-Features

Auf Extras muss der Zuschauer verzichten, darf sich aber über richtige Synchronsprecher, ein auch in den dunklen Szenen mehrheitlich scharfes Bild sowie dezente, aber effekttaugliche Toneffekte freuen.

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47 Meters Down
Originaltitel: 47 Meters Down (GB 2016)
Regie: Johannes Roberts
Drehbuch: Johannes Roberts u. Ernest Riera
Kamera: Mark Silk
Schnitt: Martin Brinkler
Musik: tomandandy (= Tom Hajdu u. Andy Milburn)
Darsteller: Mandy Moore (Lisa), Claire Holt (Kate), Matthew Modine (Captain Taylor), Chris J. Johnson (Javier), Yani Gellman (Louis), Santiago Segura (Benjamin) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 01.12.2017
EAN: 0889854561994 (DVD)/0889854562090 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 97 min. (Blu-ray: 101 min.)
FSK: 16

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