Vier Vampire lassen ihren WG-Alltag dokumentieren und decken damit unfreiwillig ein gar nicht würdevolles ‚Leben‘ auf, das von profanen Tücken, peinlichen Zwischenfällen und allgemeiner Planlosigkeit gekennzeichnet ist … – Perfekt imitierte ‚Dokumentation‘ aus Neuseeland, die manchmal albern, oft ideenstark und immer wieder zum Schreien komisch Horror- und Informationsfernseh-Klischees karikiert: eine auch in den Extras zum Hauptfilm gelungene Komödie!

Das geschieht:

Vlago, Vladislav und Deacon sind drei Vampire, die es aus Europa auf die ferne Insel Neuseeland verschlagen hat. In Wellington, der Hauptstadt, haben sie sich gefunden und beschlossen, eine Wohngemeinschaft zu gründen. Zu ihr gehört noch Petyr, der aufgrund seines stolzen Alters – 8000 Jahre – und seiner steinzeitlichen (Un-) Sitten meist im Keller haust.

Obwohl ihnen das 21. Jahrhundert fremd geblieben ist, erklärt sich das Quartett bereit, eine menschliche TV-Crew in ihr Haus zu lassen. Sie soll das auf die Nacht beschränkte ‚Leben‘ der Vampire dokumentieren, die durchaus eitel sowie stolz sind, auf diese Weise wahrgenommen zu werden.

Gewisse Nachteile stellen sich erst im Laufe der Dreharbeiten heraus. So sind unsere Vampire zwar unsterblich und mit gewissen magischen Kräften begabt, geistig jedoch eher unterbelichtet. Unbarmherzig hält die Kamera deshalb fest, wenn sich Vlago bei einer der regelmäßig einberufenen WG-Sitzungen über die Schlampigkeit seiner Mitbewohner beschwert oder das Blutsaugen wieder einmal in ein Gemetzel ausartet, dessen blutige Folgen Deacons nörglerische Dienerin Jackie aufwischen muss.

Frisches Blut kommt in die Runde, als Petyr den lebensfrohen (und noch dümmeren) Nick in einen Vampir verwandelt. Er führt sie in das moderne Nachtleben von Wellington ein. Außerdem bringt er seinen Kumpel Stu ins Haus. Da dieser die faszinierten Vampire mit PC, Internet und Smartphone vertraut macht und auch sonst ein netter Kerl ist, schließen sie ihn in ihr Herz und lassen ihn leben.

Als der „Unheilige Maskenball“ – DAS Fest für Vampire, Werwölfe und Zombies – vor der Tür steht, gerät die Situation aus dem Lot. Der wütende Vladislav muss erfahren, dass sein Todfeind – das „Biest“ – als Ehrengast gelistet ist, und Nick nimmt ausgerechnet den quicklebendigen Stu auf die Party der Untoten mit …

Humor und Hirntod: ein Doppelstern

Humor ist eine Herausforderung: Die Mehrheit derer, die ihn für sich gepachtet zu haben glauben, besitzen ihn ganz sicher nicht bzw. verwechseln ihn mit Klamauk und Grimassenschneiden. Soll das Grinsen auch noch mit dem Grausen gemischt werden, wird es nicht selten kriminell. Die Filmgeschichte ist deshalb ein Friedhof entsetzlich unkomischer Grusel-Komödien, die weder die Regeln des einen noch die des anderen Genres respektieren.

Humor ist eben doch nicht, wenn wer trotzdem lacht; das Humorverständnis mancher Mitmenschen daher so primitiv wie ihr Gefühl für Takt oder Körperhygiene. Als Zielpublikum können sie sich glücklich schätzen, denn für sie wird es in der Filmwelt immer etwas zu lachen geben! Wer jedoch Ansprüche stellt – so bescheiden diese auch sein mögen -, muss sich auf harte Geduldsproben und Wartezeiten gefasst machen.

Hin und wieder gibt es Lichtblicke – Komödien, die nicht einmal subtil oder originell sein müssen, sondern faktisch bekannte Ideen oder gar Klischees auf den Kopf stellen und dabei echten Witz sprühen lassen. (Da praktisch jede/r Zuschauer/in diesbezüglich unterschiedlich urteilt, werden Beispiele ausdrücklich nicht genannt.) Den beiden neuseeländischen Autoren, Regisseuren und Schauspielern Taika Waititi u. Jemaine Clement ist dieses Kunststück geglückt – dies muss in diesem Fall besonders deutlich hervorgehoben werden, weil deutlich weniger humorbegabte, eher harthölzerne Köpfe ihrem Film hierzulande mit dem Anti-Titel „5 Zimmer Küche Sarg“ gebrandmarkt haben und damit sogar die ultimative Katastrophe – eine in Deutschland gedrehte bzw. mit deutschen Darstellern besetzte Komödie! – nahelegen.

Der Untod ist mindestens so hart wie das Leben

Anders als echte Dokumentationen, die Sorgfalt in der Vorbereitung und Aufwand in der Umsetzung erfordern, gehört die Mehrzahl der aktuellen TV-‚Dokus‘ ins Schattenreich des Infotainments. Ihre Verursacher verwirbeln manchmal sogar zutreffende Fakten mit Spekulationen und visualisieren das Ergebnis mit „Spielszenen“, in denen unterbeschäftigte Schauspieler oder überschätzte Laien historische oder auch nur vorgestellte Ereignisse aufleben lassen. Ganze Senderketten haben sich darauf spezialisiert, ihr Publikum mit diesem billigen, bunten Humbug zu unterhalten sowie es in der Illusion zu wiegen, etwas gelernt zu haben.

Daraus hat sich ein Trash-Genre eigenen mit Regeln und Konventionen entwickelt. Schon ein Abend DMAX- oder N24-Konsum genügt um herauszufinden, wie dieser schlappe Hase läuft. Deshalb ist es relativ simpel, solche ‚Dokus‘ zu parodieren, gleichzeitig aber schwierig den Witz nicht ins Leere laufen zu lassen, da viele dieser ‚Dokus‘ im Grunde ihre eigenen Parodien sind.

Welcher Dummdumm-Sender das Leben einer Vampir-WG dokumentieren möchte, lassen Waititi und Clement unerwähnt; es ist absolut unwichtig. Tatsächlich geht es darum, mit den Mitteln des (fiktiven) Dokumentarfilms („mockumentary“) einen definitiv realitätsfernen Alltag darzustellen. Die beiden Drehbuchautoren und Regisseure (sowie Hauptdarsteller!) setzen voraus, dass Vampire existieren. Faktisch spielen sie einfach durch, wie solche Wesen sich in der Welt des 21. Jahrhunderts behaupten könnten. Die Komik entwickelt sich aus dem betont ‚sachlichen‘ Art, in der dieses ‚Leben‘ gleichzeitig überspitzt aber kommentarlos aufgezeichnet und gezeigt wird.

Legende und Wahrheit

Vampire sind Geschöpfe eines ebenso unheimlichen wie faszinierenden Zwischenreiches. Sie altern nicht, verfügen über übermenschliche Kräfte und saugen Menschenblut, um sich zu ernähren. Da sie ihre Opfer zunächst umwerben und locken müssen, wohnt ihrem Wesen ein starker sexueller Aspekt inne. Vampire sind deshalb ebenso gefürchtet wie (heimlich) geliebt. Graf Dracula war die Apotheose dieses Vampirs – attraktiv, böse und über die profanen Bedürfnissen des lebenden Menschen erhaben: die ideale Projektionsfigur für Träume vom selbstbewussten Alpha-Sauger oder tollen Liebhaber, der ganz sicher nicht seiner anvisierten Dame in Socken und Unterhose gegenübertreten wird!

Allerdings degenerierte der Vampir auf dieser Schiene inzwischen zum „Edward“ bzw. zur „Bella“: Traumgestalten für Jungmädchen, die sich (noch) nicht trauen, sondern der romantischen Liebe ohne Sex hinterherschmachten. Von diesem Schlag hat sich der Vampir noch nicht erholt. Umso dankbarer muss man Waititi und Clement sein, dass sie diese traurige Sackgasse der Vampir-Interpretation ignorieren und sich auf den ‚klassischen‘ Blutsauger konzentrieren.

In der Tat ist es völlig ausreichend, den übernatürlichen Blutsauger mit dem harten Alltag zu konfrontieren. Waititi und Clement zeigen vor allem, was der ‚normale‘ Vampirfilm ausblendet. Der daraus entstehende Kontrast ist ungemein komisch: Aus dem mächtigen Blutsauger wird ein erstaunlich alltäglicher Zeitgenosse, der mit Problemen zu kämpfen hat, die den lebenden Menschen überraschen und erheitern. Gesteigert wird dies durch die Tatsache, dass viele Einschränkungen – die Angst vor Sonnenlicht oder Kruzifix, die Notwendigkeit, vom Opfer ins Haus gebeten zu werden oder die Problematik, blutleere Leichen spurenlos verschwinden zu lassen – aus unzähligen Büchern, Filmen und TV-Serien bekannt sind. Waititi und Clement drehen die Schraube einige Umdrehungen weiter und legen dar, welches Chaos-Potenzial die daraus folgenden Aktionen besitzen.

Tote sind auch nur Menschen

Die Komik entsteht nicht nur aus einer einfachen aber guten Idee, sondern vor allem aus einer vorbildlichen Umsetzung. Waititi und Clement sind in ihren Rollen fabelhaft, aber das kann man von den übrigen Darstellern ebenfalls behaupten. Oft wurde improvisiert, während die Kamera lief, bis die Schauspieler mit ihren Rollen verschmolzen und tatsächlich zu ‚echten‘ Menschen, Vampiren, Werwölfen oder Zombies wurden.

Eine Dramaturgie im eigentlichen Sinn gibt es nicht. Die Handlung rankt sich lose um den „Unheiligen Maskenball“. Doch die Episodenhaftigkeit ist hier Teil des Konzepts. Immer wieder tischen uns Waititi und Clement neue Absurditäten auf – und wir wollen mehr! Dabei werden die witzigen Szenen mehrfach durch brutale oder tragische Ereignisse gebrochen – scheinbar, denn im Kontext sind auch diese Zwischenfälle komisch, weil ihr Ernst mit besonders grotesken Situationen außer Kraft gesetzt wird.

Obwohl „5 Zimmer …“ ein kostengünstig produzierter Film ist, wurde keineswegs am falschen Ende gespart. Hier treten Vampire, Werwölfe und andere Kreaturen auf, die über besondere Kräfte verfügen oder sich verwandeln können. Auch solche Szenen werden völlig selbstverständlich ‚dokumentiert‘. Sie müssen deshalb überzeugend wirken. Tatsächlich sind die entsprechenden Spezialeffekte erstaunlich gut.

Gibt es gar nichts zu bemängeln? Das müssen die Zuschauer über ihr individuelles Verständnis von Humor (s. o.) klären. Waititi und Clement haben jedenfalls gute Arbeit geleistet. Jenseits des dämlichen Titels gilt dies auch für die deutsche Fassung. Selbst die Synchronsprecher – viel zu oft eine Quelle akustischer Ärgernisse – unterstützen den Komödien-Effekt. Oder kurz zusammengefasst: „5 Zimmer …“ macht Spaß und ist ein Film, den man mehrfach sehen kann und dabei immer noch neue Gags entdecken dürfte.

DVD-Features

Zu einem gelungenen Hauptfilm kommt ein wahres Füllhorn interessanter Extras, die sich zu stolzen 135 Minuten addieren! Um den Dokumentationscharakter zu unterstreichen, ließen Waititi & Clement ihren Darstellern ungewöhnlich viel Raum für Improvisationen. Auf diese Weise kam Material für mehrere Filme zusammen, von dem vieles als versucht aber nicht gelungen aussortiert wurde.

Viele Szenen gerieten freilich witzig, passten jedoch nicht in den fertigen Film, der – hier bewiesen Waititi & Clement klugen Weitblick – nicht gar zu lange dauern durfte, um die Freude des Publikums nicht in Langeweile und Verdruss umschlagen zu lassen. Für diese kleinen Kabinettstücke bot sich der Feature-Teil der Video-Ausgabe an. So können wir uns deshalb u. a. an einer Langversion von Deacons markerschütternden ‚erotischen‘ Tanz erfreuen, erleben den im Hauptfilm nur angedeuteten Besuch beim Nacht-Zahnarzt oder müssen gute Miene zu Vladislavs Gesangs- und Malkünsten machen. Darüber hinaus gibt es ein Making-of sowie – besonders interessant – jenen (gleichnamigen) Kurzfilm, den Waititi & Clement 2006 drehten und in dem sie das Thema „Vampir-WG“ erstmals aufgriffen.

Ebenso interessant sind zwölf „deleted scenes“, die es schon in den Film geschafft hatten, jedoch vor der Premiere wieder gestrichen wurden. Dazu gehören Petyrs ‚feierliche‘ Bestattung, der Versuch einer Hypnose per Telefon sowie eine ganze Reihe von Szenen, die der Figur Stu breiteren Raum geben. In ihren Rollen lassen sich Deacon, Viago, Vladislav, die Polizisten O’Leary und Minogue, die Werwölfe sowie ein Zombie ‚interviewen‘. Sechs improvisierte Szenen zeigen, wie sich die Schauspieler in ihre Rollen einlebten und ein Gefühl für den ‚dokumentarischen‘ Charakter ihrer Darstellungen entwickelten. Abgerundet werden die Extras von einem Trailer, 50 (!) von Fans gestalteten Plakaten und einem Fotoalbum mit 36 Bildern aus den früheren Leben unserer Vampire.

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5 Zimmer Küche Sarg
Originaltitel: What We Do in the Shadows (Neuseeland 2014)
Regie u. Drehbuch: Taika Waititi u. Jemaine Clement
Kamera: Richard Bluck u. D. J. Stipsen
Schnitt: Tom Eagles, Yana Gorskaya u. Jonathan Woodford-Robinson
Musik: Plan 9 Music
Darsteller: Taika Waititi (Viago), Jemaine Clement (Vladislav), Jonathan Brugh (Deacon), Ben Fransham (Petyr), Jackie Van Beek (Jackie), Cori Gonzalez-Macuer (Nick), Stu Rutherford (Stu), Rhys Darby (Anton), Elena Stejko (Biest), Karen O’Leary (Officer O’Leary), Mike Minogue (Officer Minogue), Chelsie Preston Crayford (Josephine), Ethel Robinson (Katherine) u. a.
Label/Vertrieb: Universum
Erscheinungsdatum: 05.06.2015
EAN: 0888750831996 (DVD)/0888750832092 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch), Dolby Digital 2.0 (Englisch, Deutsch – Bonusmaterial)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 82 min. (Blu-ray: 85 min.)
FSK: 12

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