Mitte des 17. Jahrhunderts zwingt der Glücksritter O’Neil den Notar Whitehead und zwei fahnenflüchtige Soldaten, an einer obskuren Schatzsuche mitzutun; aufgrund des ausgiebigen Genusses berauschender Pilze findet das Unternehmen ein blutiges Ende … – Sehr kurioses, Arthouse-verdächtiges Garn, das ohne stringente Handlung aber in eindrucksvollen (schwarzweißen) Bildern – vielleicht – von der Absurdität des Krieges erzählt: buchstäblich ein Sturm vieldeutiger (oder nichtssagender) Ereignisse.

Das geschieht:

Zwischen 1642 und 1649 tobt in England der Bürgerkrieg. Dem König verpflichtete „Cavaliers“ und parlamentstreue „Roundheads“ tragen einen erbitterten Kampf um die Macht im Staate aus, der gleichzeitig ein Ringen um die religiöse Vorherrschaft ist. Klare Fronten gibt es nicht, und da im Grunde Briten gegen Briten kämpfen, verschwimmen die Grenzen zwischen Freunden und Feinden.

Von seinem Herrn, einem berühmten Alchimisten, wurde Notar Whitehead beauftragt, seinen ehemaligen Arbeitskollegen O’Neil festzunehmen, der die Schriften seines Meisters geplündert hat. Da sich O’Neil außerdem den royalistischen Truppen anschloss und den „Rundköpfen“ großen Schaden zufügte, jagt ihn auch Commander Trower. Ungeschickterweise hat Whitehead behauptet, den Aufenthaltsort des Gesuchten zu kennen. Weil sich dies als Übertreibung herausstellt, will ihn der cholerische Trower gerade zum Teufel jagen, als ein Scharmützel ausbricht.

Whitehead setzt sich ab. Ihm gleich tun es die Soldaten Jacob und Friend. Sie treffen den ebenfalls kampfesmüden Cutler, der angeblich ein Wirtshaus in der Nähe kennt. Zuvor lädt er die drei neuen Freunde zu einer Mahlzeit ein, in die er reichlich Pilze mischt, die den Widerstandsgeist lähmen: Cutler ist O’Neils Scherge und wurde von diesem ausgeschickt, nach Dummköpfen zu suchen, die ihm bei der Suche und Bergung eines Schatzes helfen sollen, der angeblich in einem bestimmten Feld vergraben wurde.

Dass ihm Cutler gerade Whitehead bringt, freut O’Neil besonders. Durch brutale Gewalt zwingt er ihn, den Ort des Schatzes alchimistisch zu bestimmen. Dann lässt O’Neil graben. Doch die Situation entgleitet ihm, denn die Wirkung der Pilze fördert das irrationale Verhalten seiner Gefangenen. Die Grenzen zwischen Realität und Wahn verschmelzen und sorgen dafür, dass ein grotesker Sturm grausamer Gewalttaten losbricht …

„Apokalypse“ – nicht „Now“, sondern „Then“

Sobald lange genug Frieden herrscht, gilt der Krieg selbst denen, die einst mit großem Elan teilgenommen haben, als „Hölle“ und „Wahnsinn“. Zwar wünscht man sich, dass den Betroffenen dies deutlich früher zu Bewusstsein gekommen wäre, doch gehört es zu den Eigentümlichkeiten jenes höllischen Wahnsinns Krieg, dass er völlig logisch erscheint, wenn er gerade tobt.

Dieser Widerspruch reizt natürlich Künstler. Gerade der Film kann ihn einleuchtend weil bildhaft kommentieren – und gerät dabei nicht selten selbst in die Falle: Aus dem geplanten Anti-Kriegsfilm wird ein buntes Abenteuer, das die ehrenhafte Absicht Lügen straft. Nur selten gelingt es, die Absurdität in überzeugende Bilder zu verwandeln. Regisseure wie Stanley Kubrick – „Paths of Glory“ (1957; dt. „Umwege zum Ruhm“) –, Francis Ford Coppola – „Apokalypse Now“ (1979) – oder Terrence Malick – „The Thin Red Line“ (1998; dt. „Der schmale Grat”) – gelten als erfolgreich.

Zu ihnen möchte sich Ben Wheatley gesellen. Sein Versuch, dem Krieg die Faszination auszutreiben, ist nicht neu aber riskant: Er bricht mit der Handlungslogik ebenso wie mit der Chronologie und bemüht sich, den Krieg ersatzweise als menschlichen Ausnahmezustand erkennbar zu machen, der Körper und Geist gleichermaßen zerstört.

Der Irrsinn wird Alltag

Das titelgebende Feld in England wird zum Mikrokosmos, in dem fünf Männer stellvertretend für den Rest der (kriegführenden) Welt den Verlust der Menschlichkeit er- aber selten überleben. Dafür könnte beinahe jeder Krieg der Geschichte Pate stehen, doch Wheatley stieß auf ein Theaterstück der Autorin Amy Jump, das sein Interesse auf den Englischen Bürgerkrieg lenkte. (Dies geschah nicht zufällig, da beide miteinander verheiratet sind.)

Ein Bürgerkrieg treibt den Wahnsinn Krieg auf die Spitze: Für unterschiedliche Überzeugungen bekämpfen sich Menschen, die womöglich bisher Nachbarn waren. Auch Wheatley arbeitet mit der Absurdität, dass sich die Gegner ohne Feldzeichen nicht einmal erkennen können: Sie sprechen dieselbe Sprache, kommen womöglich aus demselben Dorf, kennen dieselben Menschen. Nun trennen sie abstrakte Werte aus eher alltagsfernen Sphären. Meist sind es Politik und Religion, oft beides.

Bürger- oder Bruderkriege toben mit besonderer Wut. Als der Englische Bürgerkrieg ausbrach, lag in Europa der Dreißigjährige Krieg in den letzten Zügen – nicht, weil die den Krieg auslösenden Probleme endlich gelöst waren, sondern weil die Parteien erschöpft und der Kontinent zerstört und buchstäblich ausgeblutet war. Gelernt hatte man in England offensichtlich nichts daraus.

Kammerspiel des Krieges

Besonders kriegslüstern sind bekanntlich jene, die sich der vordersten Front fern halten und aus sicherer Entfernung Befehle geben können. Auch Befehlshaber wie Trower oder O’Neil lassen lieber Untergebene die Drecksarbeit erledigen oder zum Sterben antreten. Die Oberschicht wahrt die Form, während die gemeinen Soldaten die Suche nach einem Sinn dieses Krieges längst aufgegeben haben. Für Jacob, Friend und Cutler ist der Krieg vor allem ein Job. Abenteuerlust und Beutegier haben sie aus einem vor allem beschwerlichen Vorleben gelockt. So hat Friend Holzfässer hergestellt, Cutler Knöpfe. Die Vorstellung, der Krieg könne ihr Leben zum Besseren wenden, haben sie längst aufgegeben. Deshalb haben sie kein Problem damit, dem Schlachtfeld den Rücken zu wenden, um irgendwo ein kühles Bier zu trinken.

Komplizierter ist die Lage für Whitehead. Er ist gebildet aber das Kind armer Eltern. Deshalb schwebt er quasi im gesellschaftlichen Vakuum: Ohne Stand und Geld ist er nicht besser dran als der gewöhnliche Soldat. Die Freiheit erschreckt ihn, er benötigt einen „Meister“, der ihm Befehle gibt. Das ersehnte Forscherleben wird Whitehead nie führen können.

O’Neil hat sich von diesen Zwängen befreit. Der Krieg bot ihm die Chance, er hat sie ergriffen. Nun setzt er seine Energie skrupellos zum eigenen Nutzen ein. O’Neil sieht im Krieg ein Vakuum, das die traditionellen Machtverhältnisse zeitweilig außer Kraft gesetzt hat. Ihm sind die Parolen beider Seiten gleichgültig. Inmitten des Kampfes sucht O’Neil nach einem Schatz. Kann er ihn heben, wird er England verlassen und auf dem Kontinent ein neues, sorgenfreies Leben als reicher Edelmann führen.

Der Verlust der Kontrolle

Krieg bedeutet Stress, Stress fordert Entspannung. Im Schützengraben ist diese verständlicherweise schwer zu finden. Die Ruhe im Sturm wird deshalb schon immer durch den Einsatz von Rauschmitteln gesucht: Zwar ändert sich nichts am Kriegsgeschehen selbst, doch dem Kämpfer machen die Angst, der Hunger oder der Schmutz weniger zu schaffen, wenn er sein Hirn betäubt.

Das klassische Mittel ist der Alkohol. Doch bereits vor dem Vietnamkrieg waren Drogen durchaus bekannt. Der Genuss halluzinogener Pilze ist für die Zeit des Englischen Bürgerkriegs belegt. Die Nebenwirkungen waren beträchtlich, was die müden Krieger aber nicht abschreckte. Wheatley bringt es in einer Szene auf den Punkt: Whitehead, der auch ärztliche Kenntnisse besitzt, untersucht den leidenden Jacob und stellt fest, dass dieser unter einer endlosen Reihe eigentlich tödlicher Krankheiten leidet. Jacob nimmt es  gelassen, denn wirklich gesund ist in der Unterschicht niemand.

Der Pilzrausch lässt die letzten Hemmungen schwinden. Selbst nackte Gewalt kann dem Irrsinn nicht mehr Einhalt gebieten. O’Neils Herrschaft schwindet dort, wo sich für Whitehead, Jacob und Friend Realität und drogenbedingter Einbildung vermischen. In einer langen, von stroboskopischen Lichtblitzen und schrillen Tönen begleiteten Einstellung löst sich die Welt buchstäblich auf. Aus dem Himmel senkt sich ein nachtschwarzer Wirbel über das Feld, das selbst zu ‚leben‘ beginnt und eine eigene Stimme bekommt.

Gewissheit ohne sicheren Hafen

Zwar lockt die Werbung mit dem Versprechen eines Mystery-Horror-Thrillers im historischen Gewand. Darauf sollte der potenzielle Zuschauer lieber nicht hereinfallen, denn das Ergebnis dürfte ein Verdruss sein, der sich gegen Wheatley und seinen Film wenden würde. Besser fährt man, wenn man sich auf einen Bilderrausch gefasst macht, der fasziniert, verstört, irritiert, ärgert. Fragen werden ausdrücklich selten beantwortet, der Zuschauer soll sich seine eigene Meinung bilden. Ohne Erklärung bleibt deshalb,

– weshalb O’Neil an einem endlosen Tau hängt und in die Handlung gezogen werden muss;
– Friend mehrfach eindeutig stirbt und wenig später gesund & munter am Geschehen teilnimmt;
– das Bild einfriert und die Darsteller ausgiebig in Posen zeigt, die an zeitgenössische Gemälde erinnern.

Solche Szenen sind zahlreich. Sie können für Halluzinationen, Visionen oder Allegorien stehen. Womöglich sind die Männer längst tot; sie wandern als Geister durch eine Zwischenwelt und sind zur ewigen Wiederholung ihrer Handlungen gezwungen. Sicher ist in diesem Feld in England jedenfalls nichts. Dem eigenen Auge traut man auch deshalb nicht, weil es ohne Farben auskommen muss. Wheatley hat intensiv den experimentellen Kunstfilm der 1960er und 70er Jahre studiert: Film kann auch ohne stringente Handlung, d. h. über Farben, Formen und Töne eine Geschichte erzählen

Der einst alltägliche Schwarzweiß-Film ist heute beinahe in Vergessenheit geraten. Er bietet deshalb die Möglichkeit, den Zuschauer zu täuschen und zu manipulieren. Wheatley macht ausgiebig Gebrauch davon. Auch den Ton verfremdet er; die Musik unterstreicht nicht nur Stimmungen, sondern bürstet sie an anderer Stelle gegen den Strich. Der Zuschauer darf sich nie sicher fühlen. Dafür sorgen auch manchmal drastische Effekte, die wieder einmal einen Anlass bieten, über die Arbeit der Freiwilligen Selbstkontrolle zu philosophieren: Wenn es in einem künstlerischen Umfeld geschieht, werden auch ein syphiliszerfressener Penis, ein zerschmettertes Bein oder ein schädelsprengender Kopfschuss in Großaufnahme problemlos ab 16 Jahren freigegeben.

Diesen Film kann man nicht konsumieren. Man muss sich auf ihn einlassen. Das ist harte Arbeit und soll es wohl auch sein. Der Lohn ist ein Filmerlebnis der anderen Art. Allzu oft braucht man eine solche Erfahrung vielleicht nicht. Manchmal ist es eine überraschende Bereicherung.

DVD-Features

„Ein Feld in England“ gehört zu den Filmen, die den Zuschauer neugierig machen. Hintergrundinformationen sind ausdrücklich erwünscht. Zwar liefert die DVD ein Interview mit sowie einen Audiokommentar von Ben Wheatley (der von Tonmann Martin Pavey und Produzent Andy Starke unterstützt wird). Leider wurden die Kosten für eine deutsche Untertitelung gescheut, was aufgrund der manchmal eigenwilligen Aussprache für Verständnisschwierigkeiten sorgt.

Aber zum Film gibt es eine großartige Website. Sie setzt fort, was im Juli 2013 begann, als „A Field in England“ simultan im Kino, im Fernsehen, als Video on Demand sowie auf DVD und Blu-ray gezeigt wurde: Film ist heute ein Medium von vielen, die gleichermaßen genutzt werden sollten. Um dafür zu werben, wurden die eigentlichen Extras auf die genannte Website verlagert. Gegliedert in die Kapitel Entwicklung, Vorproduktion, Dreharbeiten und Nachproduktion, wird der Weg von der Idee zum fertigen Film mit Texten, Fotos und Video-Features erläutert. Diese Informationen sind präzise und klar formuliert. Sie beleuchten die Schwierigkeiten einer Produktion, die binnen zwölf Tagen und für 300.000 Pfund abgedreht werden musste, was dank fabelhafter Schauspieler und eines engagierten Teams gelang.

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A Field in England
Originaltitel: A Field in England (GB 2013)
Regie: Ben Wheatley
Drehbuch u. Schnitt: Amy Jump u. Ben Wheatley
Kamera: Laurie Rose
Musik: James Williams
Darsteller: Reece Shearsmith (Whitehead), Michael Smiley (O’Neil), Richard Glover (Friend), Peter Ferdinando (Jacob), Ryan Pope (Cutler), Julian Barratt (Trower), Sarah Dee (Stimme des Feldes)
Label: MFA+ Film Distribution (www.mfa-film.de)
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 05.11.2013
EAN: 4048317370498 (DVD)/4048317470495 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min. (Blu-ray: 90 min.)
FSK: 16

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