Absentia

Originaltitel: Absentia (USA 2011)
Regie, Drehbuch, Schnitt: Mike Flanagan
Kamera: Rustin Cerveny
Musik: Ryan David Leack
Darsteller: Katie Parker (Callie), Courtney Bell (Tricia), Morgan Peter Brown (Daniel Riley), Dave Levine (Detective Ryan Mallory), Justin Gordon (Detective Lonergan), James Flanagan (Jamie Lambert), Scott Graham (Dr. Elliott), Doug Jones (Walter Lambert), Ian Gregory (Mitch), Connie Ventress (Ruth) u. a.
Label: Great Movies
Vertrieb: dtp Entertainment
Erscheinungsdatum: 22.11.2012
EAN: 4051238012712 (DVD)/4051238012729 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 83 min. (Blu-ray: 87 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Vor sieben Jahren verschwand Daniel Riley ebenso plötzlich wie spurlos. Er hinterließ die verzweifelte Gattin Tricia sowie eine ratlose Polizei, die ihn nie finden konnte. Viele Jahre hat Tricia auf Dan gewartet. Nun versucht sie den Neuanfang und lässt Dan „in absentia“ – in Abwesenheit – für tot erklären. Diesen Entschluss fasst sie auch deshalb, weil sie dem besonders eifrig ermittelnden Detective Ryan Mallory inzwischen privat nahekam: Tricia ist hochschwanger mit seinem Kind.

Um ihr in dieser schweren Zeit und beim anstehenden Umzug in eine neue Wohnung beizustehen, zieht die jüngere Schwester Callie bei Tricia ein. Sie ist das Sorgenkind der Familie und zog lange drogensüchtig unstet durch die USA. Weiterhin hängt sie an der Nadel, was sie vor Tricia zu verbergen sucht.

Dies gelingt zunächst auch deshalb, weil Dan wieder vor der Tür steht. Er trägt dieselben Kleider wie bei seinem Verschwinden, ist geistig verwirrt und kann nicht sagen, was ihm zugestoßen ist. Er sei „unter der Erde“ gewesen, so seine vage Auskunft, und was ihn einst packte, verberge sich „in den Wänden“ und sei immer noch hinter ihm her.

Callie beginnt zu recherchieren und stößt dabei auf einen Fußgängertunnel nahe dem Haus. Hier sind in den letzten Jahrzehnten immer wieder Anwohner verschwunden. In der Tat ist Callie einem Wesen auf die Spur gekommen, das Erdschichten oder Wände durchdringen kann. So erreicht die Kreatur ihre Opfer, die es mit sich in eine Art Dimensionsnische verschleppt.

Dass Dan entwischt, war nur Taktik. Das Wesen benutzt ihn als Köder. Bald geht es im Riley-Haus um. Dan wird vor Callies Augen erneut verschleppt. Weder Tricia noch die Polizei glauben ihr, weshalb die Kreatur ihr Treiben wie geplant fortsetzen und nun beide Schwestern ins Visier nehmen kann …

Dunkle Winkel in der modernen Welt

Wohin sind alle Geister, Dämonen, Fabelwesen u. a. Kreaturen einer vorzeitlichen Finsternis verschwunden, nachdem sie dem grellen Licht der Aufklärung weichen mussten? Da es sie nie gegeben habe, seien sie einfach verschwunden bzw. in die unterhaltende Literatur und später in andere Medien eingegangen, lautet die offizielle Antwort. Sie ist ebenso nüchtern wie unromantisch, weshalb immer wieder über ein Überleben spekuliert wird.

Mike Flanagan hat seine eigene Erklärung gefunden: Wie viele Wald- und Wiesentiere haben diese mythischen Geschöpfe Nischen in der sich ausbreitenden Menschenwelt gesucht und gefunden. Ein Fußgängertunnel mag ein prosaischer Lebensraum sein, doch es kommt auf den Standpunkt an: Nicht grundlos zeigt uns Flanagan den Tunnel und immer wieder eine kleine Spinne, die dort ihr Netz gebaut hat: Wer den Tunnel betritt, muss ihn durchqueren. Ein schlauer Jäger stellt seine Falle in der Mitte auf und hat sein Opfer sicher, denn eine Flucht ist unmöglich.

Flanagan drehte „Absentia“ in einem wahrlich abgelegenen Winkel der kalifornischen Vorstadt Glendale. Die Straßen sind rissig, sie werden von rostigen Alt-Autos gesäumt, die Gebäude sind heruntergekommen, die Anwohner ignorieren einander: Wenn man es nicht übertreibt, kann hier ein ‚Monster‘ problemlos inmitten der modernen Zivilisation gedeihen. Darüber hinaus gibt es sie ja gar nicht, und Menschen verschwinden halt manchmal. Solange keine Überreste gefunden werden, nimmt die Gesellschaft einen gewissen Schwund gelassen in Kauf. Selbst eine Symbiose ist möglich: Jamie Lambert tauscht leckere Kleintiere gegen Schmuck und Brieftaschen, die das Wesen bei nächtlichen Streifzügen durch die Häuser der Nachbarschaft an sich nimmt.

Wenn der Schleier fällt

Dieses seit Jahren stabile System bringt die labile Callie aus dem Gleichgewicht. Sie bringt das Netz der wahren Tunnel-Spinne zum Schwingen und signalisiert dadurch die Ankunft fetter Beute. Der Auslöser ist banal: Callie stößt unwissentlich auf eines der kurzfristig in die Real-Dimension zurückgefallenen Opfer. Sie hält es für einen Obdachlosen und bringt ihm mitleidig zu essen. Damit setzt Callie ahnungslos das Verderben in Gang: Sie hat der Kreatur einen Deal angeboten. Kurz darauf wird Daniel freigelassen. Dann findet Callie Uhren, Ringe und andere Wertgegenstände unter ihrem Kopfkissen. Der Vertrag ist geschlossen, weitere Tauschgänge werden erwartet – dumm, dass Callie davon nichts weiß. Die verprellte Kreatur leitet aus ihrem ‚Fehlverhalten‘ das Recht ab, sich anderweitig schadlos zu halten.

Wie wehrt man sich gegen einen Feind, die es nicht gibt? Vor allem in den USA, wo überall Psychiater lauern, kann es gefährlich werden, vom rationalen Weg abzuweichen. Callie schaltet sich durch ihre Drogensucht als glaubhafte Zeugin endgültig aus. Die Polizei verdächtigt lieber sie, statt einen Geist zu jagen. Misstrauen und Paranoia machen sich breit – ein von Flanagan glaubhaft in Szenen gesetzter Prozess, der das konsequent böse Finale einleitet.

Kleine Börse aber große Ideen

Schenkt man den Angaben der „International Movie Database“ Glauben, wurde „Absentia“ mit einem ‚Budget‘ von 70.000 Dollar realisiert. Endlose Namenskolonnen im Abspann weisen darauf hin, dass dieses Geld durch Crowdfunding aufgebracht wurde. Wenn die Darsteller nicht vor der Kamera aktiv waren, machten sie sich dahinter nützlich, denn eine ‚echte‘ Crew gab es aus Kostengründen nicht.

Unter den beschriebenen Umständen war die Präsenz einer gut sichtbaren Kreatur keine Option. Schon während er das Drehbuch schrieb, besann sich Regisseur Mike Flanagan der Kunst der Andeutung. Sie stellt in der Phantastik durchaus keinen billigen Ausweg für kapitalschwache Filmemacher dar, sondern ist ein bewährtes Stilmittel, das auch in der Literatur gebräuchlich ist. Die Kritik schätzt das nur schattenhaft oder gar nicht sichtbare Monster sogar stärker als die deutlich tobende Kreatur: Es gilt als intellektuelle Leistung, Schrecken nicht zu zeigen, sondern ihn im Hirn des Lesers oder Zuschauers entstehen zu lassen.

Der handfester gestrickte Gruselfreund mag dem höchstens leise zustimmen. Meist tragen vorsichtige Filmemacher, die es möglichst allen Zuschauern rechtmachen wollen, dem in einigen Szenen Rechnung. Sogar Flanagan zeigt deshalb, wie sein ansonsten nur umrisshaft sichtbares Wesen durch Steinwände kriechen kann; ungewollt aber deutlich demonstriert er dabei, wie klug es war, auf weitere ‚Spezialeffekte‘ zu verzichten.

Eine Geschichte zweier Schwestern

„Absentia“ ist unabhängig vom phantastischen Handlungsstrang ein Drama. Es zeigt Menschen in diversen Krisen: Tricia will sich endlich von Daniel lösen, dessen Verschwinden ihr Leben beinahe zum Stillstand brachte. Callie kämpft gegen die Drogen. Detective Mallory muss damit zurechtkommen, dass Daniel wieder auftaucht und vom Opfer zum Rivalen wird. Daniel wurde nicht nur für tot erklärt; er ist nun ein empfindlich störendes Ärgernis.

Diese in sich nie wirklich einige Gruppe ist kein Gegner für die unheimliche Bedrohung von außen. Bis sich das Wesen offenbart, werden seine Streifzüge durch das Haus ignoriert; die Bewohner haben mit sich selbst genug zu tun. Bevor Daniel tatsächlich heimkehrt, versucht er sich Tricia als Geist bemerkbar zu machen. Da Psychiater Dr. Elliot sie behandelt, kann er sie erfolgreich dazu bringen, diese Erscheinungen als Halluzinationen zu ignorieren.

Obwohl Tricia und Callie viel reden, sprechen sie nicht wirklich miteinander. Eine echte Verbindung und damit eine gemeinsame Front gegen die Bedrohung kommen nicht zustande. Flanagan lässt ironisch ausgerechnet die haltlos durch ihr Leben treibende Callie wenigstens ansatzweise erkennen, wer ihnen im Genick sitzt.

Menschen im Abseits

Ein Film wie „Absentia“ muss sich auf die Leistungen der Schauspieler stützen. Flanagan hatte Glück und fand Darsteller, die an sein Projekt glaubten und sich auch ohne (große) Gagen engagierten. Für die Mini-Rolle des Walter Lambert schaute sogar Hollywood-Prominenz vorbei: Doug Jones ist zumindest maskiert gut im Geschäft und mimte u. a. den Fischmann Abe Sapien in den beiden „Hellboy“-Filmen.

Obwohl sie sich nicht wirklich ähneln, wirken Katie Parker und Courtney Bell erstaunlich schwesterlich. Sie können und müssen ernsthaft schauspielern, da Flanagan sämtliche horrorfilmtypische Klischees der Figurenzeichnung außen vor lässt: Callie und Tricia sind jung aber keine hirnlosen Teenies. Die Oberbekleidung bleibt ungelüftet. Tricias Lover Ryan hat eine Glatze und bringt sicher eine dreistellige Kilogrammzahl auf die Waage. „Absentia“ spielt auch ohne Monster in einer Alltagswelt, die von bis zur Unsichtbarkeit unscheinbaren Durchschnittsmenschen bevölkert wird.

Flanagan beantwortet im Verlauf der Handlung keineswegs sämtliche Fragen. Darum geht es ihm nicht, und die daraus resultierende Unsicherheit verstärkt die nie wirklich verstandene Bedrohung. Die Effekte mögen schwächeln, doch die gewünschte Stimmung weiß Flanagan wirkungsstark heraufzubeschwören. Dass er die Kraft der (vorgeblichen) Ruhe als Stilelement beherrscht, erhebt „Absentia“ nicht zur filmischen Offenbarung. Interessant ist dieser Film auf jeden Fall anzuschauen. Nicht umsonst wurde Mike Flanagan auf zahlreichen obskuren US-Filmfestivals für „Absentia“ ausgezeichnet.

DVD-Features

„Absentia“ erscheint in der deutschen Fassung ohne Untertitel und Extras. Sträflich gespart wurde außerdem an der Synchronisierung. Zumindest Tricia kann eigentlich nur von einem Papagei mit Kehlkopfquetschung gesprochen worden sein.

Für das groteske Cover muss sich das deutsche Label nicht verantworten; es wurde von der US-Fassung übernommen. Dabei gibt es keine einzige Szene von derartiger Drastik – sie gehört nicht zum „Absentia“-Konzept. Deshalb ist auch die „FSK 18“-Freigabe ein Witz bzw. der üblich gewordene Missbrauch zwecks Täuschung argloser Käufer: Sie hoffen auf ‚harten‘ Horror, während die zensurlustige Staatsanwaltschaft still bleibt, weil ihr bekannt ist, dass nicht der Hauptfilm, sondern höchstens einer der Trailer FSK 18 eingestuft wurde.

[md]

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