Across the River

Originaltitel: Oltre il guado (Italien 2013)
Regie u. Schnitt: Lorenzo Bianchini
Drehbuch: Lorenzo Bianchini u. Michela Bianchini
Kamera: Daniele Trani
Musik: Stefano Sciascia
Darsteller: Marco Marchese (Marco Contrada), Renzo Gariup (Pietro), Lidia Zabrieszach (Pietros Frau), Fiorella Petrozzi, Marzia Ancora (Zwillingsschwestern), Alessio Bertoni, Lucio Zannella, Lorenzo Bianchini, Edo Basso, Alex Ordiner, Andrea Berra, Giuliano Giacomelli, Stefano Tell (Suchtrupp), Erika Balus (Radiomoderatorin)
Label: Marctropolis Filmentertainment
Vertrieb: Al!ve-AG
Erscheinungsdatum: 17.07.2014
EAN: 4042564151749 (DVD)/4042564151756 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Italienisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min. (Blu-ray: 92 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Verhaltensforscher Marco Contrada zählt Wildtiere in der nordostitalienischen Provinz Udine. Die Gegend ist rau und gebirgig, die Wälder sind dicht, ständig regnet es, und da Contrada im Dezember unterwegs ist, leidet er außerdem unter der Kälte. Zudem ist diese Region nahe der Grenze zu Slowenien nahezu verlassen, sodass Contrada weitgehend auf sich gestellt und auf sein Wohnmobil angewiesen ist.

Aktuell erregt eine Anomalie sein Interesse: Immer wieder findet Contrada die Kadaver von Wildschweinen und anderen Tieren, die buchstäblich in Stücke gerissen wurden. Sind vom Balkan Wölfe eingewandert? Contrada beschließt, tiefer in die Wildnis vorzustoßen. Er überquert einen Fluss und folgt einer alten Straße, die ihn in ein vor Jahren offensichtlich überstürzt verlassenes Dorf führt. In den allmählich verfallenden Häusern blieb sogar die Einrichtung zurück.

Contrada schlägt sein Lager in dem Dorf auf, denn hier scheinen die ‚Wölfe‘ zu hausen. Als in der folgenden Nacht das Wohnmobil verschwindet, muss er seine Theorie überdenken. Eine Rückkehr in die Zivilisation ist unmöglich, denn nach Wolkenbrüchen ist der Fluss zum reißenden Strom angeschwollen. Contrada sitzt fest. Zu Hunger und Kälte kommt Angst, denn was sich bisher verborgen hielt, gibt die Zurückhaltung allmählich auf.

Weit entfernt und diesseits des Flusses hört der alte Pietro unheimliche aber bekannte Schreie. Er ahnt zumindest, was in dem alten Dorf sein Unwesen treibt: Vor mehr als sieben Jahrzehnten fand man im Wald zwei seltsame Schwestern, die nicht sprachen, nicht wuchsen und übermenschlich stark waren. Die verängstigten Dörfler beschlossen, sich der Schwestern gewaltsam zu entledigen. Doch sie kehrten zurück – verwandelt, schrecklich entstellt und bösartig. Das Dorf wurde aufgegeben, die Schwestern blieben und warten – auf seltene Besucher wie Marco Contrada …

Wenn Legenden wahr werden

Noch gar nicht so lange liegt jene Zeit zurück, da die Menschen außerhalb der großen Städte glaubten, es gäbe menschenähnliche aber unmenschliche Wesen, die gut verborgen in tiefen Wäldern ihr eigenes, geheimnisvolles Leben führten. Dieses „kleine Volk“ wurde furchtsam verniedlicht, denn es galt als feindselig, wenn man ihm zu nahe kam. Schlimmer noch: Manchmal kamen diese Kreaturen in der Nacht und stahlen ein Menschenkind, um es gegen einen „Wechselbalg“ auszutauschen – die hässliche, böse Karikatur eines Kindes, das tunlichst getötet werden sollte: eine Praxis, die zahlreichen missgestaltet geborenen aber natürlich menschlichen Kinder das Leben kostete.

Die Ära der mystischen Naturgeister hielt sich in abgelegenen Regionen hartnäckig. In „Across the River“ verkörpern Pietro und seine Frau die letzte Generation, die noch an die Existenz solcher Wesen glaubt. Der moderne Mensch – hier dargestellt von den Mitgliedern des Suchtrupps – lacht über diesen „Aberglauben“. Doch was wäre, wenn es die Parallelwelt des „kleinen Volkes“ tatsächlich gäbe? Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde sich die Geschichte so entwickeln, wie Lorenzo und seine Schwester Michela Bianchini sie sich ausgedacht haben: Aus Unglauben wird Neugier, die exakt zu jener Nähe führt, die man in diesem Fall lieber meiden sollte. Die Ahnungslosigkeit im Umgang mit den Kreaturen aus dem Wald gipfelt erwartungsgemäß in einer Tragödie.

Die moderne Technik ist ebenso nutzlos wie die großkalibrige Flinte, die Contrada mit sich führt: Die beiden Schwestern, die nie menschlich waren aber über Intelligenz verfügen, sind erschreckende Feinde. Sie kennen den Wald, den Fluss und das Dorf, sie können in der Dunkelheit sehen – und sie sind fähig zu planen. Als Contrada dies bewusst wird, verliert er den bisher gewahrten wissenschaftlichen Abstand. Nackte, im „Echsenteil“ des Gehirns wurzelnde Kollektivfurcht gewinnt die Oberhand: Unterbewusst ‚erinnert‘ sich der Mensch der Zeiten, als es nachts dunkel und gefährlich außerhalb geschützter Häuser, Hütten oder Höhlen war.

Die Macht der Natur

„Across the River“ ist grundsätzlich ein Kammerspiel, obwohl die Handlung in der freien Natur spielt. Die zeigt hier ausschließlich ihre abweisenden und feindlichen Seiten. Als Contrada die Furt („guado“) überquert, lässt er die ‚normale‘ Welt mit ihren Gesetzen und Regeln und mit ihrer Logik zurück. Direkt hinter ihm steigt das Wasser und verhindert einen Rückzug. Kurz zuvor hatte Contrada eine Warnung erhalten: Zwei Mädchenhemden trieben im Fluss. Zu diesem Zeitpunkt wusste der neugierige Reisende nicht zu deuten, was er dort sah. Erst später, als die Hemden an anderer Stelle erneut auftauchen, fällt das 10-Cent-Stück in seinem Hinterkopf.

Die Handlung spielt im norditalienischen Winter. Der Wald ist farblos, das Blattwerk tot, der Boden schlammig. Kein Schnee legt sich idyllisch über die Landschaft. Dauerregen weicht alles auf. Das alte Dorf ist nicht einfach eine Ansammlung von Ruinen, sondern ein Reich der Fäulnis, des Schimmels und des Ungeziefers. Hier hat der Mensch nichts mehr verloren, aber auch diese Botschaft erreicht Contrada zu spät. Stattdessen begeht er in seiner Not einen weiteren Fehler: Aus einem Schrank zieht er alte, trockene Kleidung, die ihn wärmen soll. Dadurch verwandelt er sich endgültig in einen der Dorfbewohner, die den Schwestern einst übel mitgespielt haben. Sie differenzieren nicht und scheinen kein Zeitgefühl zu besitzen, spüren Neugier, Hunger und Rache und ‚spielen‘ mit dem Neuankömmling.

Immer wieder zieht Contrada in der Nacht los. Kameramann Daniele Trani verdichtet die Dunkelheit, indem er sie notdürftig durch Contradas Taschenlampe, Laterne oder Nachtsichtgerät aufhellt: Außerhalb des geworfenen, oft blendenden Lichtkegels wirkt die Umgebung erst recht bodenlos finster.

Wo die Augen versagen, springen die Ohren ein. „Across the River“ sorgt durch ominöses, wirkungsvoll eingesetztes Scharren, Krachen oder Poltern dafür, dass der Zuschauer Contradas Furcht nachvollziehen kann: Da ist jemand, den die Finsternis nicht behindert und der sich nicht zeigt: ein eindeutiger Beleg für böse Absichten.

Die Geduld der Spinne

Für diejenigen Zuschauer, die den lauten, aktionsreichen, blutigen Horror lieben, ist „Across the River“ sicherlich der falsche Film. Bianchini springt in eine Handlung, die lange nicht erklärt wird. Wir müssen selbst herausfinden, wer Marco Contrada ist und was er im Wald treibt. Es ist schade, dass Bianchini dieser Mut irgendwann verlässt: Plötzlich springt das Geschehen in ein diesseits des Flusses gelegenes Dorf. Dort hört der alte Pietro im Radio vom vermissten Verhaltensforscher, für den eine Suchaktion gestartet wurde.

Später steigt Pietro auf den Dachboden. Dort liegt eine uralte Filmrolle: In den 1940er Jahren hatte man die Schwestern gefilmt. Im Gespräch Pietros mit seiner Frau und den zur Filmsichtung eingeladenen Suchkräften der Bürgerwehr wird der Zuschauer über die Geschichte der Schwestern informiert – keine gelungene oder gar elegante Lösung, da sich Pietros Funktion für diesen Film auf diesem Vortrag beschränkt. Dabei benötigen wir diese Hintergrundinformationen gar nicht. Die Schwestern sind ohne (Halb-) Wissen um ihre Herkunft wesentlich unheimlicher. Glücklicherweise werden sie bis auf wenige Ausnahme-Momente nicht wirklich sichtbar. Dabei ist die Maske eindrucksvoll: Diese Kreaturen sehen wahrhaft fremd und gruselig aus!

Der Effekt steigert sich, wenn wir zusammen mit Contrada begreifen, dass die Schwestern die Rollen vertauscht haben: Im alten Dorf sind plötzlich sie es, die den Eindringling beobachten, ihn reizen, ihn manipulieren. Contrada hat nie eine Chance. So steht das Ende bereits früh fest – und Contrada weiß es.

Leider lässt es  Bianchini damit nicht bewenden. Schließlich stößt der Suchtrupp über den Fluss bis zum Dorf vor. Contradas Schicksal wird gelüftet – und dann gehen die Schwestern zur Jagd auf die neuen Eindringlinge über. Das widerspricht einer sorgfältig aufgebauten Atmosphäre der Ungewissheit, in der die Kreaturen wie in alter Zeit ‚inoffiziell‘ neben den Menschen existieren. Womöglich wird man nun Wissenschaftler und Soldaten in den Wald schicken – oder „Across the River II“ drehen!

DVD-Features

Zu „Across the River“ werden nicht nur Werbetrailer, sondern wirklich interessante Extras aufgespielt. Falls das noch junge Label Marctropolis auf diese Weise Maßstäbe setzen möchte, kann man nur dazu gratulieren.

Wirklich eine Freude weil informativ und bar jeder Plump-Werbung ist das Making-of. Hier zeigt sich der Vorteil einer Produktion mit Minimalbudget und nur einem Hauptdarsteller: Es gibt kaum jemanden, den man ‚interviewen‘ bzw. zur Äußerung lügnerischen Filmjubels zwingen könnte. Regisseur Bianchini höchstpersönlich moderiert das Making-of. Statt zu schwadronieren, führt er in seinen Film ein, den er zwschen Dezember 2011 und April 2012 unter erheblichen Schwierigkeiten und mit Unterbrechungen drehte. Darüber hinaus bettet er „Across the River“ ist sein Gesamtwerk ein, das wir auf diese Weise ebenfalls kennenlernen.

„Across the River“ entstand in Topolò, einem zwar alten aber keineswegs verlassenen Dorf in der Landschaft Friuli – Venezia Giulia (Friaul-Julisch Venetien). Bianchini fand einige aufgegebene Häuser, aus denen er mit Hilfe seines Kameramanns, der Straßenlaternen, Satellitenschüsseln u. a. Zeugen eines modernen, lebendigen Dorflebens sorgfältig außerhalb des Bildrahmens hielt, geschickt eine Geisterstadt schuf. Viele Innenaufnahmen entstanden im alten Haus einer Tante, das in dem Winz-Nest Monteprato unweit der Strada Provinciale 38 steht; hier konnte (und musste) das Filmteam auch wohnen – unter abenteuerlicher Winterverhältnissen. Bianchini war es gewöhnt, denn er hatte Teile seiner Kindheit in diesem Haus verbracht.

2013 drehte Daniele Trani, Kameramann für „Across the River“, den Kurzfilm „Una serata tra amici“ (‚dt.‘ „A night with friends”). Nach einer Idee des “Crime-Noir”-Schriftstellers Joe R. Lansdale erzählt er in weniger als 20 Minuten die düstere Geschichte zweier ‚Freunde‘, die auf der Suche nach einem einsamen Platz durch die Nacht fahren und eine gefesselte Frau im Kofferraum transportieren.

Nur thematisch mit dem Hauptfilm zu tun hat der zweite, ebenfalls sehenswerte Kurzfilm. „Foxes“ entstand 2011 unter der Regie des Iren Lorcan Finnegan. Für die 16-minütige Geschichte einer Frau, die dem Einfluss (vielleicht mystischer) Füchse erliegt, wurde Finnegan 2013 auf dem 2. Cinestrange Filmfestival in Dresden mit einem Preis ausgezeichnet.

Zu „Across the River“ gibt es diese Website.

Kurzinfo für Ungeduldige: Ein italienischer Biologe stößt im Wald an der slowenischen Grenze auf seltsame Spuren, denen er in ein Ruinendorf folgt, das bei näherer Betrachtung nicht so verlassen ist, wie es schien … – Ruhiger Gruselfilm, der die karge, feuchtkalte Winternatur sowie zwei wirklich furchterregenden Geister wirkungsstark einsetzt, mit Visionen und Symbolen arbeitet und längst nicht alle Fragen klärt: gar nichts für die Freunde lauten, harten Horrors, aber spannend für jene, die es mysteriös lieben.

[md]

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