All the Boys Love Mandy Lane

Originaltitel: All the Boys Love Mandy Lane (USA 2006)
Regie: Jonathan Levine
Drehbuch: Jacob Forman
Kamera: Darren Genet
Schnitt: Josh Noyes
Musik: Mark Schulz
Darsteller: Amber Heard (Mandy Lane), Anson Mount (Garth), Whitney Able (Chloe), Michael Welch (Emmet), Edwin Hodge (Bird), Aaron Himelstein (Red), Luke Grimes (Jake), Melissa Price (Marlin), Adam Powell (Dylan), Peyton Hayslip (Tante Jo), Brooke Bloom (Jen), Robert Earl Keen (hilfsbereiter Trottel) u. a.
Label: Senator Home Entertainment (www.dvd.senator.de)
Vertrieb: Universum Film (www.universumfilm.de)
Erscheinungsdatum: 07.01.2009 (Leih-DVD) bzw. 09.02.2009 (Kauf-DVD u. Blu-ray)
EAN: 4013575541294 (Leih-DVD) bzw. 0886971661095 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1   anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min.
FSK: keine Jugendfreigabe

Das geschieht:

Irgendwo an einer Highschool in Texas: Ausgerechnet Emmett, der allseits unbeliebte und gemobbte Schul-Freak, hat sich mit der wunderschönen Mandy Lane angefreundet. Sie ist das Ziel der sexuellen Sehnsüchte aller männlichen Schüler. Doch bisher konnte noch niemand Mandy erobern, und die Freundschaft mit Emmett endet, nachdem dieser den angetrunkenen Football-Hengst Dylan in eine schlau gestellte und tödliche Falle tappen ließ, als dieser ihn wieder einmal öffentlich demütigte.

Neun Monate später versucht Mandy offenbar Anschluss an die angesagte Clique ihrer Schule zu bekommen. Dort hat man schon auf sie gewartet. Kiffer Red, Sohn reicher Eltern, lädt sie und seine Freunde Chloe, Bird, Jake und Marlin auf die elterliche Farm im texanischen Hinterland ein. Dort will er sie endlich „knacken“. Auch Bird und Jake hegen entsprechende Pläne, die von Chloe und Marlin – denen es ebenso erging – gebilligt und unterstützt werden.

Aber Mandy ziert sich weiterhin, was ihre Bewunderer allmählich wütend werden lässt. Bevor sie drastische Maßnahmen ergreifen können, taucht in der Nacht indes ein Killer auf: Es ist Emmett, der die Trennung von Mandy nicht ertragen kann. Er läuft Amok und plant Red und seine verhasste Clique auszurotten, um sich anschließend selbst umzubringen.

Einige Leichen später werden die jungen Leute auf die Bedrohung aufmerksam. Ihnen zur Seite steht Verwalter Garth, ein Ex-Marine, der freilich dem listigen Emmett nicht gewachsen ist. Die rapide an Zahl abnehmende Clique muss sich ihrem irren Verfolger stellen, der mit Flinte, Machete und anderen Mordinstrumenten in der Dunkelheit lauert …

Die Schöne und die Biester

Wenn es eine Hölle auf Erden gibt, so ist dies womöglich die Highschool US-amerikanischer Prägung. Zumindest im Hollywood-Film erweist sie sich als Stätte einer erbarmungslosen sozialdarwinistischen Auslese, auf deren Gewinner quasi königliche Privilegien warten, während die Verlierer im gesellschaftlichen Abseits enden – oder im Wahnsinn, was aufgrund der laxen Waffen-‚Gesetze‘ im „land of the free“ katastrophal enden kann.

„All the Boys Love Mandy Lane“ stellt zeitgemäß keinen überlebensgroßen, unbesiegbaren, grotesk maskierten Schlitzer vom Schlage eines Jason Vorhees oder Michael Myers in die Schurkenrolle. Schon nach kurzer Zeit enthüllt Regisseur Jonathan Levine das Gesicht des Mörders: Zum Vorschein kommt keine Fratze, sondern ein junger Mann – Emmett, der sich in einen jener Amokläufer verwandelt hat, die spätestens seit dem Columbine-Massaker von 1999 nicht nur in den USA den realen Schrecken des modernen Alltags zugesellt haben.

Als solcher tötet Emmett nicht, weil ihm eine jenseitige Macht dies gebietet. Der Ursprung seines Ingrimms ist überaus irdisch: Er konnte dem höllischen Druck seines Milieus nicht standhalten. Wie sollte ihm dies auch gelingen, wo selbst diejenigen, die an der Spitze der Highschool-Nahrungskette stehen, ihren Preis zahlen müssen?

In diesem Punkt verlässt Levine endlich einmal ausgefahrene Geleise. Red und seine Clique sind alles andere als eine harmonische Gruppe. Sie, die Schönen und Reichen, herrschen über ‚ihre‘ Highschool, was ihnen jedoch genug Zeit lässt sich selbst zu zerfleischen. Dabei geht es erbarmungslos zu; jeder kommt an die Reihe. Freundschaft geht nahtlos in Konkurrenzkampf über. Sex ist kein Vergnügen, sondern Mittel zum Zweck und Waffe. Chloe und Mandy sind sich nicht zu schade, sich bei der Jagd auf Mandy instrumentalisieren zu lassen; die Anwesenheit der ‚Freundinnen‘ soll sie in Sicherheit wiegen, während ihre Entjungferung längst beschlossene Sache ist und Mandy, die Überirdische, endlich zu einer von ihnen herabwürdigen soll. Das Spiel um Macht, das sie am Leben halten, hat die Clique ganz und gar vereinnahmt. Manchmal lässt Levine die Maske verrutschen. Dahinter kommt echtes Elend zum Vorschein: Nicht grundlos flüchten sich Red und Chloe in Drogenkonsum oder nehmen Beruhigungsmittel, während die anderen Mitglieder der Clique Alkohol vorziehen.

Fast eine Dreiviertelstunde nimmt der Film sich Zeit, diese Konstellationen vorzustellen und durchzuspielen. Das ist viel Aufwand, der sich nur bedingt lohnt: Was Levine deutlich machen möchte, hat der Zuschauer bald begriffen, und dann wird’s langweilig, weil es sich zu wiederholen beginnt. Endlich beginnt das Morden, das als überfällige Abwechslung begrüßt wird. Leider fällt Levine in Sachen Splatter rein gar nichts Neues ein. Halbherzige Brutalitäten werden die Freunde des plakativen Meuchelns enttäuschen, während es für die Vertreter der psychologischen Spielart des Grauens, das sich eher im Kopf abspielt, zu rabiat zugehen dürfte.

Das reine Objekt der Begierde

„All the Boys Love Mandy Lane“ steht und fällt mit der Titelrolle, um sie kreist das Figurensystem dieses Films. Mandy Lane muss als perfekte Highschool-Schönheit ‚funktionieren‘, die glaubhaft die Gedankenwelt ihrer Mitschüler – und zwar die beiderlei Geschlechts – dominiert. Mit Amber Heard fand Regisseur Levine glücklicherweise eine Darstellerin, die diesbezüglich überzeugt: Mandy Lane ist süß und liebenswert aber gleichzeitig zurückhaltend, ohne deshalb als frigide Spielverderberin abgestempelt zu werden. Ihre reservierte, dabei freundliche Art macht zu nur beliebter bzw. begehrenswerter.

Dabei bleibt den Mitschülern das wahre Wesen der Mandy Lane verborgen, weil sie, gefangen in ihren Rollen und auf sich selbst fixiert, außerstande sind ihren Charakter zu erfassen: Mandy will gar nicht ‚mitspielen‘ im Highschool-Theater, dem sie sich aber nicht entziehen kann, weil so viele Interessenten um sie buhlen. In jungen Jahren hat sie beide Eltern verloren und wächst bei einer Tante auf. Welche seelischen Spuren dies hinterlassen hat, verbirgt Mandy sorgfältig. In der Highschool will davon ohnehin niemand etwas wissen. Würde man sie in Ruhe lassen, wäre Mandy zufrieden. Das allerdings ist unmöglich: Die soziale Maschine Highschool hat sich längst verselbstständigt. Wer in ihr Mahlwerk gerät, muss die ihm zugewiesene Rolle spielen. Mandy soll die Königin sein. Dass sie diesen Rang ablehnt, muss sie auf drastische Weise verdeutlichen.

Amber Heard vermag beide Seiten der Mandy Lane darzustellen. Groß ist die Herausforderung eigentlich nicht, denn das eindimensionale Drehbuch lässt die Fassade im Finale allzu abrupt bröckeln. Das sorgfältig austarierte Spiel geht in ungelenk inszenierter Action verloren. Ohnehin ist Mandys „Outing“ für die Handlung eher kontraproduktiv. Als Katalysator für den alltäglichen Wahnsinn, dem sie sich ausgesetzt sieht, war sie weitaus überzeugender.

Stimmung kontra Spannungsbogen

Anfang des 21. Jahrhunderts steht der Horrorfilm wieder einmal ratlos da. Die Geschichten, die das Genre zu bieten hat, sind schon lange erzählt. Sie können höchstens entstaubt und auf den aktuellen Stand gebracht werden. Levine versucht sich an einer Erneuerung des Splatters, wie er in den 1980er Jahren seine große Zeit mit „Freitag, der 13te“, „Halloween“ oder „Nightmare on Elm Street“ hatte (bevor ihm die Zeit und Wes Craven mit „Scream“ den Garaus machten bzw. eine neue Richtung vorgaben: den ironisch selbstreflexiven Horrorfilm).

Retro mit den Mitteln der Gegenwart: Neu ist das nicht. Die Remakes von „Texas Chainsaw Massacre“ (2003) oder „The Hills Have Eyes“ (2006) zeigen, dass es geht, oder besser: dass es gehen kann. Levine möchte dem eins draufsetzen. Er verlässt sich weder auf seine Geschichte noch auf seine Darsteller, sondern arbeitet intensiv mit dem Filmmaterial selbst. Es wird künstlich entfärbt, das Licht gefiltert. Künstlich grobkörnige Bilder wechseln mit digital kontrastreich gezeichneten Aufnahmen. Levine manipuliert den Zeitfluss, er bricht mit der Illusion der Realität, der er die Videoclip-Ästhetik im scheinbar jugendlichen MTV-Stil eindeutig vorzieht (aber ohne deren stroboskophafte Schnitt-Hektik zu übernehmen). Dies kann ebenso gut funktionieren wie anbiedernd wirken. Hier lässt es sich in der Regel ertragen oder als ironisches Stilmittel interpretieren, zumal der Zuschauer nie mit jener handwerklichen Unbedarfheit gestraft wird, die so viele Horrorfilme mit niedrigem Budget („All the Boys …“ wurde für 750.000 Dollar realisiert) ‚auszeichnet‘.

Positiv hervorzuheben ist der für einen Horrorfilm zurückhaltende und ausgefeilte Soundtrack. Die übliche Billig-Musik, die den gezeigten Schrecken akustisch untermalen soll oder überhaupt erst wecken muss, glänzt durch angenehme Abwesenheit. Vor allem der Titelsong – die Gruppe „Bedroom Walls“ spielt „In Anticipation of Your Suicide“ – passt nicht nur perfekt zur träumerischen aber trügerischen Atmosphäre des Films, sondern ist darüber hinaus ein echter Ohrwurm.

Fehlstart mit Hindernissen

Dass ein Film, der bereits 2006 entstand, erst jetzt veröffentlicht wird, weist auf Probleme hin. An der Qualität lag es nicht, wie die schauerliche ‚Qualität‘ anderer Gruselfilme belegt, die es bis ins Kino schafften. „All the Boys …“ geriet in den Strudel des „Grindhouse“-Desasters: Quentin Tarantino und Robert Rodriguez planten 2007 ein „Double-Feature“ aus zwei B-Movies, wie sie einst in den US-Autokinos gezeigt wurden. Das ehrgeizige Projekt wurde ein Misserfolg, „Grindhouse“ in seine ‚Einzelfilme‘ „Death Proof“ und „Planet Terror“ zerlegt, und die „Weinstein Company“, die auch „All the Boys …“ finanziert hatte, verzichtete tunlichst darauf, einen weiteren, womöglich ebenfalls erfolglosen Horrorfilm ins Kino zu bringen. Levine tourte mit seinem Film recht erfolgreich über diverse Film-Festivals. 2007 wurde „All the Boys …“ an „Senator Entertainment“ verkauft. Nachdem der Film sich einen gewissen Ruf erspielt hat, wurde er nicht nur als DVD und Blu-ray vermarktet, sondern kam zuvor (d. h. 2008) doch noch zum (kurzen) Kinoeinsatz.

DVD-Features

Das aufgespielte Zusatzmaterial ist – in jeder Hinsicht – überschaubar. Es besteht aus dem Kinotrailer, einem halbstündigen Interview mit der Hauptdarstellerin Amber Heard sowie einem Musikvideo: „Bedroom Walls“ spielt den Titelsong („In Anticipation of Your Suicide“) zum Film.

Einen Audiokommentar von Jonathan Levine gibt es leider nicht. Dabei wäre es interessant geworden zu erfahren, was er sich mit seinem Werk gedacht hat. Amber Heard gibt sich redlich Mühe, für ihren Regisseur zu sprechen, doch muss leider festgestellt werden, dass sie ihr (unsichtbar und unhörbar bleibender) Interview-Partner ein wenig zu lange bemüht hat.

Offenbar ging es ihm wie den Bewunderern von Mandy Lane: Er  verliebte sich anscheinend ein wenig in Amber Heard. Sie ist in der Tat eine Augenweide, die man gern betrachtet und der man gern zuhört, weil sie sich auszudrücken versteht, bis sie zunehmend zu faseln beginnt. Die Gelegenheit, sich über diesen Film, ihre Karriere überhaupt sowie über ihr Leben zu äußern, nutzt Heard mit einer Begeisterung, der eine nachträgliche Bearbeitung (= Kürzung) gut getan hätte.

Heards Interpretation des „Mandy“-Films ist verständlicherweise von einseitiger Begeisterung geprägt. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft ein Spalt, den sie entweder ignoriert oder nicht erkennt. Ihre Begeisterung ist freilich ansteckend, zumal sie mit Fortschreiten des Interviews die sorgfältig antrainierte Reserviertheit des Hollywood-Profis verliert und ‚authentischer‘ wirkt.

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All the Boys Love Mandy Lane