Irgendwo in Mittelamerika geraten Schatzsucher erst unter ‚Wilde‘ und dann in die Gewalt einer laufstarken Mörder-Wurzel, die ihre Opfer zu Blumenerde verarbeitet … – Real-Grauen aus dem Dunstkreis des TV-Senders „Syfy“, das eine strohdumme ‚Story‘ bietet, in der erfolgsarme Darsteller ihr Schlechtestes geben: Das Ergebnis erzeugt 90 Minuten Langeweile sowie diverse Momente trashgeborenen Hohngelächters.

Das geschieht:

Konzern-Mogul und Kotzbrocken Harry Vargas sieht sich in der Tradition großer Vorfahren. Vor allem jener Ahne, der vor 500 Jahren als spanischer Konquistador Mittelamerika in Angst und Schrecken versetzte, hat es ihm angetan, war dieser doch genauso gierig und skrupellos wie er. Um sich ein Andenken an den verehrten Indianer-Schlächter zu verschaffen, schickt Vargas diverse Expeditionen aus. Sie sollen einen in alten Familienpapieren erwähnten, unermesslich wertvollen Dolch bergen. Das ist mit Schwierigkeiten verbunden: Der Ur-Ur-etc.-Opa hatte den Hals nicht vollbekommen und war eines Tages in das Territorium der streitbaren Yamballi-Indios eingefallen. Sie haben ihm und seinen Soldaten im „Wald der Knochen“ ein übles Ende bereitet.

Sogar die Rebellen der Neuzeit fürchten diese Region. Expeditionsmitglied Santiago Zavala erzählt, dass die Yamballi der Sage nach den Wald selbst zum Leben erweckten, um die Eindringlinge zu vernichten; eine Kunde, die vom Expeditionsteam mit Spott quittiert wird. Vor allem Söldner McCall, ein ehemaliger Elitesoldat, gedenkt nicht auf die hohe Erfolgsprämie zu verzichten.

Also zieht man in die Wildnis. Dank einer alten Karte findet die Gruppe tatsächlich den Friedhof der inzwischen verschwundenen Yamballi. Auch der böse Konquistador wird entdeckt und der Dolch aus seinem Grab gezogen. Dies löst freilich einen uralten Bann, der das einst von den Indianern beschworene Waldungeheuer in einen Tiefschlaf versetzt hatte. Dieses Erwachen bleibt den Schatzsuchern zunächst verborgen, denn aus dem Unterholz springen zeitgleich die besten Krieger der keineswegs ausgestorbenen Yamballi.

Eine wilde Flucht trennt die Gruppe, die Versprengten wehren sich erbittert gegen die erbosten Kämpfer. Geldgeber Vargas interpretiert den Abriss der Kommunikation falsch; er glaubt, man wolle ihm den Dolch stehlen und macht sich selbst mit einigen Söldnern dorthin auf, wo sich inzwischen die große Grusel-Wurzel den Restschlaf aus den gelben Glotzaugen gerieben hat …

Murks in beinahe perfekter Vollendung

Der Moloch der Gegenwart ist das Fernsehen: Es frisst Talente und spuckt Abfall aus. 99 von 100 TV-Erzeugnissen sollen in erster Linie Sendezeit füllen. Sie werden möglichst kostensparend realisiert und weggestrahlt. Angeborene oder antrainierte Lethargie lässt die berieselten Massen dies hinnehmen; erzürnte Proteste gehen senderseitig in einem melassezähen Meer von Ignoranz unter: Dies ist das wabbelige Fundament, dem wir Machwerke wie „Alraune“ verdanken.

Praktisch jede Szene kündet von Budget-Armut und Gleichgültigkeit. Es beginnt bereits mit dem Schauplatz. Irgendwo in Mittelamerika soll unsere Wurzel ihr Unwesen treiben. Gedreht wurde allerdings ‚daheim‘ in den USA – in bzw. um Shrevesport im Südstaat Louisiana. Die „Alraune“-Produzenten dachten offenbar, die Zuschauer würden Dschungel und Sumpf gleichsetzen. Da irren sie, denn die Unterschiede sind so gewaltig, dass sich das Publikum schlicht auf den Arm genommen fühlen darf. Immerhin lernen wir, dass US-Schmutz nicht haftet; dies beweist uns Betsy Russell, die in ihrer Rolle als Felicia ständig weiß gekleidet in den Schlamm stürzt und schmuddelfrei wieder aufersteht.

Von besonderer Dreistigkeit ist die Anlage des ‚Basiscamps‘. Angeblich liegt es tief in nie erforschtem Gelände. Tatsächlich musste man die für die Dreharbeiten errichteten Zelte vermutlich nur abbrechen, damit nicht die wilden Yamballi, sondern die sonst hier den Golfschläger schwingenden Rentner in ihr angestammtes Revier zurückkehren konnten.

Von einer Alraune keine Spur

Muss eigens erwähnt werden, dass in dieser Geschichte nie eine Alraune auftaucht, wie sie mythologisch definiert wird? Wie sollte sie auch aus Europa, wo sie beheimatet ist, ausgerechnet nach Mittelamerika gelangt sein? Folgerichtig ist es nicht die wunderschöne aber böse Brut aus dem Samen eines Gehenkten und dem Schoß einer Prostituierten, die den Sumpf-Dschungel unsicher macht, sondern eine gänzlich einheimische und grottenhässliche Yamballi-Schöpfung. Der Titel „Alraune“ – im Original „Mandrake“ – ist reiner Dummenfang.

Faktisch ist das Waldmonster eine Art Ent, den es aus dem Fangorn-Forst Mittelerdes in den „Wald der Toten“ verschlagen zu haben scheint. Es wurde zum Schutz gegen die Konquistadoren ins Leben gerufen, erwies sich jedoch nach deren Austilgung als lupenreiner Dämon, der nun die Yamballi zu fressen begann und magieaufwändig gebannt werden musste.

Abermals kann sich Drehbuchautor David Ray nicht entscheiden: Ist die Kreatur nun außer Gefecht gesetzt und wird erst wieder ‚aktiviert‘, als der Zauberdolch aus dem Skelettleib von Vargas‘ Urahn gezogen wird? Wieso finden dann an einem Yamballi-Altar ständig Menschenopfer statt, die von separaten Mordwurzeln vollzogen werden?

Wir sollten Ray wohl nicht allzu heftig beuteln; können wir wirklich Qualität von ihm verlangen, der wie am Fließband Skripte für Mumpitz-Filmchen mit Titeln wie „Ice Quake“, „Mega Cyclone“ oder „Seattle Superstorm“ heraushaut? Dies gilt auch für Regisseur Tripp Reed; der neckische Spitzname verschleiert nicht, dass auch er die große, unersättliche TV-Maschine mit Grobschnitt wie den beiden „Walking-Tall“-Sequels füttert, in denen Trash-Indikator Kevin Sorbo 2007 nonstop Strolchen die Felle gerbte.

Gefangen im Bodensatz

Selbstverständlich bleibt die Figurenzeichnung passend zur Non-Story rudimentär. Wir haben hier: die schöne/schlaue Wissenschaftlerin, ihren zwar ebenfalls schlauen aber korrupten Forscherkollegen, den rauen/guten Söldner, den schleimigen/irren Boss, den ulkigen/einheimischen ‚Buddy‘ sowie jede Menge Fußvolk/Monsterfutter: noch mehr Söldner und ‚wilde‘ Krieger.

Die Darsteller mögen froh darüber gewesen sein, dass sie sich wenigstens daheim im Dreck wälzen durften und nicht für Dreharbeiten nach Osteuropa verschleppt wurden. Sie sind Kummer gewohnt, gehören sie doch sämtlich zu jenem Stamm ruhmloser Mimen, die höchstens darauf hoffen können, für geringe Gage einigermaßen regelmäßig beschäftigt zu sein. Dies bedeutet Nebenrollen-Dienst in kurzlebigen TV-Serien oder eben die Anwesenheit in Billig-Filmen wie „Alraune“.

Niemand ragt darstellerisch aus der Masse heraus; wie sollte dies bei einem im Blick auf das Budget verfassten und ansonsten inspirationslosen Drehbuch auch möglich sein? Hinzu kommen Dialoge, die selbst den abgebrühten Trash-Freund schmerzvoll zusammenzucken lassen. Besonders angeschmiert sind einmal mehr jene Unglücksraben, die sich als „Yamballi“ verkleiden mussten. Sie sehen nicht einmal in der Dunkelheit wie einheimische Mittelamerikaner aus. Gutgenährte Statisten wurden mit bunten Streifen angemalt und in ‚authentische‘ Indianer-Kleidung aus der völkerkundlichen Abteilung der Universität von Hollywood gesteckt. Dazu müssen sie Steinzeit-Sprech radebrechen und finstere Mienen ziehen, was ihnen im Gedenken an ihren Lohnscheck leicht gefallen sein dürfte.

Was hinten ‚rauskommt zählt

Monster sind teuer. Dies gilt verständlicherweise gerade dann, wenn das Produktionsbudget ohnehin gering ist. Möchtegern-Phantastik kennt dafür zwei scheinheilige ‚Alternativen‘. In „Alraune“ kommen sie (natürlich) beide zum Einsatz: In erster Linie wird geredet. Den Figuren stehen die Münder selten still. Gern teilen sie uns mit, was wir ohnehin sehen oder uns im jeweiligen Zusammenhang keineswegs interessiert. Dass Söldner McCall eine Tochter hat – geschenkt! Wir wollen die Alraune wüten sehen!

Doch die lässt sich auch in den ‚Action‘-Szenen selten blicken. Im Rahmen von Geldspar-Trick Nr. 2 lässt sie sich vertreten: Unter billigen Plastik-Masken ‚unheimlich‘ unkenntlich gemachte Yamballi brechen durch das Unterholz! Ständig sieht man sie laufen & schnaufen, obwohl dem Zuschauer diese in jeder Hinsicht armen, lächerlichen Teufel absolut gleichgültig sind. Dies bessert sich nicht, nachdem wir dreimal derselben dümmlichen Opfer-Zeremonie zuschauen mussten!

Einziger Lichtblick des tumben Spektakels ist wider jedes Erwarten die Alraune. Obwohl sie den Namen ganz sicher nicht tragen sollte, ist sie tricktechnisch so gut geraten, dass sie in diesem Möchtegern-Horror eigentlich nichts verloren hat. Hier wollte sich wohl ein Jung-Studio ins Geschäft bringen. Man kann nur hoffen, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Ansonsten sollten ihre Schöpfer die Alraune noch einmal zum Leben erwecken und ins „Syfy“-Studio lotsen: Dort sollte sie Amok laufen – und sich anschließend über den Zaun zu den „A(s)sylum“-Pfuschern hinüberschwingen!

DVD-Features

Extras gibt es nicht; schließlich ist dies ursprünglich ein Fernsehfilm: Er wird gesendet, vergessen bzw. wiederholt. Nur im Ausland wurde er zunächst auf DVD und Blu-ray gepresst, bevor er auch dort landet, wohin er gehört: ins busenspotdominierte TV-Nachtprogramm chronisch zahlungsarmer Mini-Sender.

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Alraune – Wurzel des Grauens
Originaltitel: Mandrake (USA 2010)
Regie: Tripp Reed
Drehbuch: David Ray
Kamera: Ken Blakey
Musik: Jermaine Stegall
Darsteller: Max Martini (McCall), Betsy Russell (Felicia), Benito Martinez (Harry Vargas), Jon Mack (Carla Manning), Nick Gomez (Santiago Zavala), Wayne Pére (Lin), Wanetah Walmsley (Dr. Emma Kirpatrick), Monica Peña (Yamballi-Frau), J. LaRose (Schamane) u. a.
Label/Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 09.08.2012
EAN: 4041658225298 (DVD) bzw. 4041658295291 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 85 min. (Blu-ray: 89 min.)
FSK: 16

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