AltarMit ihrer Familie zieht Olivia in ein altes, einsames Landhaus, das sie renovieren soll. Da der verstorbene Bauherr Alchimist war, spukt es in dem Gemäuer; Olivia soll auf dem geheimen Hausaltar landen, um die Seele der geliebten Isabella aufzunehmen … – Auch die vehemente Kamera kann nicht vertuschen, dass hier ein jederzeit bekanntes Garn gesponnen wird. Gute Schauspieler bieten erstaunlich schlechte Leistungen. Ebenfalls auf der Strecke bleibt lange vor dem Finale die Logik: Dutzendware.

Das geschieht:

Familie Hamilton zieht aus London ins beschauliche bzw. einsame Sumpfland der britischen Grafschaft Yorkshire um – notgedrungen, denn da Vater Alec, ein begabter aber vor allem brotloser Künstler, zum Lebensunterhalt wenig beiträgt, lastet diese Aufgabe allein auf Meg. Sie ist erfolgreich als Architektin, die sich auf die Sanierung und Restaurierung baufälliger aber erhaltungswürdiger Bauwerke spezialisiert hat.

Beide Kriterien erfüllt Radcliffe House definitiv. Vor allem Tochter Penny und Sohn Harper sind wenig begeistert vom Zustand des alten Gemäuers. Während Alec sich umgehend in ein Nebengebäude verkriecht, um dort seiner Kunst nachzugehen, stellt Meg bei näherer Untersuchung des Hauses diverse Seltsamkeiten fest. An der Spitze rangiert ein geheimer Raum, dessen Boden von einem schönen aber inhaltsbedenklichen Ornament bedeckt ist: Hausherr Radcliffe war ein Alchimist und Geheimbündler, der in seinem Haus offensichtlich Schwarze Messen abhielt. Dabei ging zuletzt etwas schief; Gattin Isabella starb einen hässlichen Tod, und ihr untröstlicher Gatte stürzte sich aus einem Fenster.

Doch wie tot kann jemand sein, der sich mit dem Teufel eingelassen hat? Penny ist die erste, die nächtlichen Besuch der ungebetenen Art bekommt: Eine Geisterfrau mit tiefen Schnittwunden an beiden Armen sucht sie heim. Mutter Meg mag solche Gruselgeschichten nicht hören. Sie ist mit der Arbeit überfordert und sorgt sich außerdem um Alec, der sich in seinem Atelier förmlich verbarrikadiert und ansonsten ein merkwürdiges Verhalten an den Tag legt. Penny ruft einen Ghostbuster zu Hilfe, der unter Hinterlassung unverständlicher Warnungen jedoch die Flucht ergreift.

Immer toller treiben es die Geister von Radcliffe House. Irgendwann erscheinen sie auch Meg, die mit ihrer Familie die Flucht ergreifen will. Allerdings hegt der Spuk andere Pläne: Isabella und ihr Gatte wollen in frischen Körpern wiederauferstehen. Sie lassen nicht zu, dass ihre Wunschkandidaten sich davonmachen …

Der schmale Grat des exquisiten Schreckens

England – Moorlandschaft – altes, leeres Landhaus mit Geisterbefall: Die Kulisse ist sowohl bekannt als auch beliebt; sie verheißt gediegenen Schrecken, der sacht einsetzt, sich langsam steigert aber selbst auf seinem Höhepunkt ohne abgerissene Köpfe u. a. Schlachthauseffekte auskommt. Wer dieses Genre beherrscht, fesselt damit zuverlässig sogar ein Publikum, das den Horror normalerweise meidet.

Wie wir bald erkennen, gehört Nick Willing nicht zu denen, die uns diese Freude bereiten können. Dafür trägt er als Regisseur und Drehbuchautor die doppelte Verantwortung, kann aber einen Teil der Schuld auf seinen Kameramann abwälzen, über den deshalb noch zu sprechen sein wird. Bleiben wir bei Mr. Willing, der durchaus kein Anfänger, sondern bereits seit den 1990er im Film- bzw. Fernsehgeschäft ist. Dort heuerte man ihn vor allem für die Realisierung von Mini-Serien an. Mit dem Budget wird dabei nicht geknausert, sodass ein Rahmen entsteht, in dem es sich arbeiten lässt: Die Ergebnisse sind ansehnlich.

Dies trifft auch auf „Altar“ zu. Radcliffe House ist hübsch-hässlich, d. h. malerisch verrottet, als Handlungsort wird es großräumig benutzt, zwischendurch geht es sogar ins Freie und dort in die moorige Weite von Yorkshire. Die Spezialeffekte sind zwar rar, doch sie wurden sorgfältig realisiert, und im Genre Geistergeschichte setzt man ohnehin lieber auf Andeutungen.

In Yorkshire nichts Neues

Leider ist Willing nicht wirklich etwas eingefallen, das einer ansonsten typischen Spuk-Mär inhaltlich ein wenig Eigenleben einhauchen würde. Gleichzeitig erweisen sich die wenigen Ideen, die er tatsächlich einfließen ließ, als kontraproduktiv. Zu schlechter Letzt muss sich Willing fragen lassen, ob er die gewaltigen Logiklücken, die sich aneinanderreihen, bis sie sich final zu einem Abgrund öffnen, tatsächlich nicht bemerkt hat. Will man ihn nicht für eine cineastische Null halten, muss man ihm Absicht und damit die Geringschätzung seines Publikums unterstellen. Beides wäre hässlich.

Man gruselt sich vor allem, weil man so dreist und offensichtlich manipuliert werden soll. Nahender Spuk äußert sich bei Willing durch schweres Atmen, Stöhnen oder Finger, die sich von hinten durch eine Tapete drücken. Als sich Isabella manifestiert, schlägt die Stunde für Kameramann Jan Richter-Friis: Er lässt den Fokus vor- und zurückpoppen, schraubt seinem Arbeitsinstrument eine Froschlinse vor, hebt es über die Köpfe der Darsteller und treibt auch sonst allerlei Effekt-Unfug, der einerseits die tatsächliche Statik des Geschehens bemänteln und andererseits an ältere und klassische englische Horrorfilme der 1960er Jahre erinnern soll; vor allem möchten Willing und Richter-Friis wohl an die Werke der Produktionsfirma „Hammer“ erinnern.

Die genannte Ära ist freilich schon lange Geschichte, Filme dreht man heute anders, und Reminiszenzen sollten nicht pseudo-nostalgischer Selbstzweck sein, sondern einen Sinn erfüllen. Gutmütig könnte man den im Bemühen um mögliche Einbildung und echten Schrecken suchen, würde ihn aber nur selten finden. Der Tatbestand des faulen Tricks ist ebenso erfüllt wie die Diktatur des Jump-scares: Wenn sich irgendwo etwas Unheimliches rührt, ignoriert es die Kamera, bis es plötzlich – unterstützt von lautstark anschwellender Musik – in den Bildausschnitt springt. Faktisch könnte auch ein wuscheliges Kaninchen dies tun und für Erschrecken sorgen, denn selbstverständlich lässt unverhofftes Erscheinen uns zusammenzucken.

Was geschieht eigentlich?

Was ohnehin ideenschwach dahinplätschert, sorgt durch Leerlauf und nie beantwortete Fragen für zusätzliche Irritationen. So stellt sich zwischendurch ein weiterer Geist höflich an der Haustür vor, erläutert Meg die Bedeutung des zutage gebrachten Altar-Ornaments – und verschwindet folgenlos aus dem Geschehen. Charles Kendrick Walker kehrt ebenso wenig zurück wie Geisterjäger Nigel Lean, der stattdessen ebenfalls einige Handlungsminuten totschlägt, die Willing dem Filmende näherbringen.

Was will Isabella als Geist erreichen? Sie ist bei einem fehlgeschlagenen Opferritual zu Tode gekommen und sollte den dafür verantwortlichen Gatten eigentlich tüchtig piesacken, statt ihn dabei zu unterstützen, sie wiederaufstehen zu lassen. Dazugelernt hat der übrigens nicht: Er benutzt denselben maroden Deckenhaken, der sich schon einst löste, woraufhin die daran fixierte Blutschale der Gattin den Schädel einschlug.

Wieso tränkt der besessene Alec Ton mit seinem Blut, um daraus eine Skulptur der verblichenen Isabella zu basteln, die er dann in einem unbegründeten Wutanfall zerstört? Warum ‚funktioniert‘ der Altar, bevor Meg das beschädigte Ornament repariert hat? Wieso schreit Harper plötzlich aus dem Keller um Hilfe? Wer hat ihn dorthin verschleppt? Warum verlässt er den Keller nicht durch die ihm durchaus bekannte Tür, statt hinter einer zugemauerten Pforte zu lamentieren? Wer entführt Penny und Harper unsichtbar am Steuer des Familienautos? Ist es Radcliffe, der als Geist den Führerschein gemacht hat?

Auf diesem Niveau spielt die gesamte zweite Filmhälfte. Willing reißt systematisch ein, was er an Stimmung zuvor aufbauen konnte. Das Finale ist ein Witz und vorbei, bevor sich beim Zuschauer Verdatterung aufbauen kann. Selbstverständlich begeht Willing auch den letzten Fehler und hängt dem Geschehen einen ‚schockierenden‘ Epilog an, der allem widerspricht, was er bisher erzählt hat.

Gefangene des Drehbuchs

Für sein Schlappwerk konnte Willing Schauspieler ködern, die normalerweise gute Arbeit leisten. Sie arbeiten vor allem für das Fernsehen und können deshalb schnell aber überzeugend in ihre Rollen schlüpfen. Das funktioniert freilich nur, wenn man ihnen eine taugliche Vorlage bietet. Willings Drehbuch bot diesbezüglich keinen Halt. Dies scheint vor allem Matthew Modine getroffen zu haben. Er präsentiert uns kein Schau-, sondern ein Trauerspiel und definitiv eine der schlechtesten Leistungen seiner Karriere. Modine hat offenbar resigniert bzw. auf Autopilot geschaltet. Man kann es verstehen, da er als Alec schon bald nur noch durch Radcliffe House stapfen und besessen tun muss. Um diesen Eindruck erwecken zu können, hat sich Modine anscheinend vorgestellt, mit gestrichen vollen Hosen steifbeinig durch die Räume zu wanken, wobei ihm Jan Richter-Friis gern von schräg unten aufnimmt, um Bedrohlichkeit zu generieren. Dank Fusselbart und Zauselmähne sieht man Modines Gesicht kaum, weshalb sich sein Mienenspiel auf das Notwendigste beschränkt.

Über Antonia Clarke (Penny Hamilton) und besonders Adam Thomas Wright (Harper) darstellerische Leistungen wollen wir hier gnädig den Mantel des Schweigens breiten, soweit dies angesichts des zur Schau gestellten Untalents möglich ist. Den Karren aus dem Dreck ziehen muss deshalb Olivia Williams, die sich unstrittig alle Mühe gibt, d. h. einen heroischen und zunehmend schmerzlich anzuschauenden Kampf mit dem Drehbuch liefert. Williams wird von Willing, ihrem Autoren, stärker heimgesucht als von allen Geistern. Immer wieder gibt ihr Verhalten Rätsel auf, weil es einfach nie erklärt wird: Wieso haben sich Meg und Alec so nachhaltig auseinandergelebt? Warum erschreckt es sie zu erfahren, dass ihr Auftraggeber Radcliffe House nicht gekauft, sondern geerbt hat? Von welchem Dämon war Meg besessen, als sie sich die zur Schau gestellt Frisur verpassen ließ? Stand statt „Altar“ ursprünglich eine mit Frauen besetzte Wiedergeburt der „Three Stooges“ an, in der Olive Williams für die Rolle des Moe vorgesehen war?

Auf diese Weise poltert die Geschichte erst recht und ab der zweiten Hälfte schlecht ihrem Ziel entgegen. Die Enttäuschung resultiert auch daraus, dass man diese „ghost story“ gern mögen würde. Zudem ist die deutsche Fassung optisch und akustisch ansehens- bzw. hörenswert. Für die Synchronisierung wurden sogar echte Sprecher bemüht. Dennoch ist „Altar“ ein Film, der problemlos ungesehen bleiben kann.

DVD-Features

Weder DVD noch Blu-ray wurden Extras aufgespielt.

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Altar – Das Portal zur Hölle
Originaltitel: Altar (GB 2014)
Regie u. Drehbuch: Nick Willing
Kamera: Jan Richter-Friis
Schnitt: David Freeman
Musik: Simon Boswell
Darsteller: Olivia Williams (Meg Hamilton), Matthew Modine (Alec Hamilton), Antonia Clarke (Penny Hamilton), Adam Thomas Wright (Harper Hamilton), Jonathan Jaynes (Sean Donnelly), Rebecca Calder (Isabella), Steve Oram (Nigel Lean), Stephen Chance (Charles Kendrick Walker) u. a.
Label/Vertrieb: Koch Media
Erscheinungsdatum: 10.09.2015
EAN: 4020628843212 (DVD)/4020628843199 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 91 min. (Blu-ray: 95 min.)
FSK: 16

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