American Mary

Originaltitel: American Mary (Kanada 2012)
Regie u. Drehbuch: The Soska Sisters (Jennifer u. Sylvia Soska)
Kamera: Brian Pearson
Schnitt: Bruce MacKinnon
Musik: Peter Allen
Darsteller: Katharine Isabelle [d. i. Katherine Isobel Murray] (Mary Mason), Antonio Cupo (Billy Barker), Tristan Risk (Beatress Johnson), David Lovgren (Dr. Grant), Paula Lindberg (Ruby Realgirl), Julia Maxwell (Tessa), Clay St. Thomas (Dr. Walsh), Nelson Wong (Dr. Black), Marius Soska (Dr. Janusz), John Emmet Tracy (Detective Dolor), Twan Holiday (Lance Delgreggo), Jen Soska, Sylvia Soska (Zwillinge) u. a.
Label/Vertrieb: Universal Pictures
Erscheinungsdatum: 28.03.2013
EAN: 5050582914146 (DVD)/5050582914160 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 98 min. (Blu-ray: 102 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Medizinstudentin Mary Mason ist ebenso talentiert wie ehrgeizig sowie völlig pleite. In ihrer Not bewirbt sie sich im schäbigen Strip-Schuppen des kleinen Gauners Billy Barker als Tänzerin. Als im Verlauf des ‚Vorstellungsgespräches‘ ein von Konkurrenzgangstern gefolterter Gefolgsmann hereingeschleppt wird, kann Mary ihr Talent als Ärztin unter Beweis stellen. Sie rettet den Mann und wird gut dafür bezahlt.

Die Tänzerin Beatress vermittelt ihr einen weiteren ‚Auftrag‘: „Ruby Realgirl“ möchte zur asexuellen Puppe umoperiert werden. Mary Skrupel lösen sich endgültig in Luft auf, als ihr verehrter Dozent und Mentor Dr. Grant sie zu sich nach Haus einlädt, unter Drogen setzt, vergewaltigt und dabei filmt. Mary gibt das Studium auf und lässt von Billy, der sich insgeheim in sie verliebt hat, den perversen Grant entführen. Sie unterzieht ihn diversen Körpermodifikationen, die Grant in einen hilflosen Freak verwandeln.

Mary hat Geschmack an den ‚künstlerischen‘ Operationen gefunden. Außerdem gibt es einen lukrativen Markt dafür. Zwei deutsche Schwestern bringen sie ins Geschäft, Billy und sein Leibwächter Lance sorgen für den manchmal notwendigen Schutz. Mary implantiert künstliche Hörner, amputiert ungeliebte Gliedmaßen und schließt verhasste Körperöffnungen. Sie geht so sehr in ihrem Job auf, dass sogar die Unterwelt sie fürchtet.

Zum Problem wird Detective Dolor, denn die Polizei ermittelt im Fall des verschwundenen Dr. Grant. Der erfahrene Ermittler merkt, dass Mary ihm etwas verschweigt. Ohnehin beginnt die bisher so beherrschte Frau mehr und mehr die Kontrolle zu verlieren. Billy liebt sie, hat aber auch Angst vor ihr, während Mary, die diese Zuneigung durchaus erwidert, dies nicht ausdrücken kann. Die Situation eskaliert, als Ruby Realgirls Ehemann nach langer Dienstreise heimkehrt. Er kann sich für die groteske Veränderung seiner Gattin gar nicht begeistern und schwört der Verursacherin blutige Rache …

Die Schwierigkeiten mit dem Anderssein

Nur die guten Mädchen kommen bekanntlich in den Himmel, aber sie führen ein langweiliges Leben. So denken jedenfalls die Zwillingsschwestern Jennifer und Sophia Soska, die als „Soska Sistern“ die Produktionsfirma „Twisted Twins“ gründeten, um auf diese Weise die Welt mit schrägem Grusel zu bereichern. Das war ihnen bereits mit dem Spielfilm-Erstling „Dead Hooker in a Trunk“ (2009) zumindest theoretisch gelungen. Praktisch litt dieser Film unter seinem quasi nicht vorhandenen Budget und der Unerfahrenheit vor und hinter der Kamera.

Das Geld war zwar auch dieses Mal knapp, doch die Schwestern haben in jeder Weise dazugelernt. „American Mary“ wirkt niemals wie ein Billig-B-Movie, obwohl sich die Soskas tüchtig nach der Decke strecken mussten: Zwei Wochen blieben ihnen für das Drehbuch, 15 Tage für die eigentlichen Dreharbeiten. Das Ergebnis kann sich trotzdem – oder gerade deshalb? – sehen lassen.

Schon das Milieu ist gut gewählt. Die Handlung dreht sich um das Phänomen „body modification“: Zumindest körperlich gesunde Menschen wünschen ihr Erscheinungsbild aufzuwerten, um sich von der grauen Masse abzuheben. Diese Eingriffe gehen über Tätowierungen und Piercings weit hinaus. Das Skalpell kommt zum Einsatz, um Zungen zu spalten, Genitalien umzugestalten oder Implantate unter die Haut zu platzieren. Die Gesundheit oder Gedanken an die Zukunft werden ausgeblendet. Stattdessen findet eine ‚Szene‘ zusammen, die gemeinsam in ihren ‚Modifikationen‘ schwelgt und sich zu immer neuen Verrücktheiten aufstachelt.

Da Ärzte sich normalerweise weigern, gesunde Menschen zu verunstalten, gibt es einen Bedarf an ausgebildeten Medizinern. Die Soska-Sisters lassen Mary zufällig in diese Underground-Welt rutschen. Zunächst ist sie entsetzt, später gewinnt die  Faszination an einer ausgezeichnet entlohnten Arbeit die Oberhand. Das Drehbuch arbeitet diese Entwicklung gut heraus, und Katharine Isabelle – für die es auch geschrieben wurde – setzt die Rolle gewohnt überzeugend um.

Feminin mit harten Bandagen

Die Soska-Schwestern sehen sich als (post-) moderne Frauen, die in einer weiterhin patriarchalisch geprägten Welt ihren Platz finden wollen. Zumindest spielerisch bzw. filmisch schrecken sie dabei vor jener Gewalt nicht zurück, mit der umgekehrt Frauen vor allem im Horrorfilm traktiert werden.

Zwar bilden „Rape-&-Revenge“-Filme sogar ein eigenes Subgenre, doch beschränken sich die abgebildeten Racheaktionen in der Regel auf die bloße und spekulative Widerspiegelung zuvor erlittener Gewalt. Auch Mary lässt den perversen Dr. Grant bitter büßen. Seine Tat war jedoch nur der Tropfen, der ein sich ohnehin bereits füllenden Fass überlaufen ließ: Als Mary vergewaltigt wird, ist sie längst auf den Geschmack gekommen. Grant beschleunigt ihren Start in die bizarre Welt der künstlich umgestalteten Körper. Mary lässt sich nicht auf die Opferrolle eingrenzen. Sie gewinnt eine neue Freiheit, Ansehen, Wohlstand und den Respekt der Unterwelt als moderner, weiblicher Frankenstein.

Dass sie dabei auf ein abschüssiges Gleis geraten ist, wird Mary zu spät deutlich. Die Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln. Die Polizei schnüffelt Mary nach, ihre geliebte Nana stirbt, Billy versucht immer nachdrücklicher ihre Aufmerksamkeit zu wecken, und schließlich steht jemand vor ihr, der sie für ihre Körperkunst radikal zur Rechenschaft zieht. Alles hat seinen Preis, doch aus dem Schlussbild geht hervor, dass Mary ihn letztlich zu zahlen bereit war. Spätestens Polizist Dolor (= „Schmerz“) hat ihr als körperlich materialisiertes Gewissen vor Augen geführt, dass sie ihren Verstand zu verlieren begann.

Die Realität schlägt den Spezialeffekt

„American Mary“ ist ein Film ohne digitale Effekte. Latex und Körperschminke kamen zum Einsatz. Außerdem heuerten die Soska-Schwestern ‚echte‘ Freaks an, die ihre modifizierten Körper vor der Kamera zur Schau stellten. Da durchaus erkennbar wird, dass diese Veränderungen real sind, ist der Eindruck umso nachdrücklicher. (Die Soska-Schwestern gönnen sich selbst einen Auftritt als inzestuös verstrickte Gothik-Zwillinge mit spitz zugefeilten Zähnen und dem Wunsch nach einer besonders grotesken, operativ unterstützten „Verbindung“.)

Die Stimmung ist gleichermaßen düster wie heiter. Horror und Heiterkeit kommen gut miteinander aus, aber es ist eine Kunst, sie miteinander harmonisieren zu lassen. Den Soskas gelingt der Drahtseilakt. Sie unterstreichen die Absurdität des Geschehens, das sie nichtsdestotrotz ohne pseudo-komische Fratzenschneidereien oder Wortspiele präsentieren. Wieder ist es Katherine Isabelle, in deren scheinbar unbewegter Miene sich eine breite Palette oft widerstrebender Gefühle erkennen oder projizieren lässt.

Obwohl an drastischen Effekten nicht gespart wird, stehen sie nicht im Vordergrund oder ersetzen gar die Story. Die Atmosphäre stimmt, weshalb sich die Soskas oft darauf beschränken können, Gruseliges anzudeuten oder es in den Gesichtern der Darsteller widerzuspiegeln. Ähnlich wie der frühe David Cronenberg oder später Clive Barker stellen die Schwestern weder die ‚Freaks‘ noch die Gauner als Monster dar. Auch Außenseiter finden zueinander, denn selbst der gegen sich oder andere gewalttätige Mensch will nicht einsam sein.

Schauspiel als harte Arbeit

Filmemacher wie die Soska-Schwestern können ihren Schauspielern wenig zahlen oder Privilegien bieten. Im Interview spricht Katharine Isabelle die körperlichen Anforderungen an, die es ihr beispielsweise abforderten, beinahe nackt in einer schäbigen, eiskalten Ruine zu mimen, die als Billy Barkers Nachtclub ausstaffiert wurde. Doch die Schwestern konnten mit einem Ausgleich locken: „American Mary“ erzählt eine ungewöhnliche Geschichte, die einen echten Schauspieler herausfordern kann! Deshalb fanden die Soskas nicht nur eine außergewöhnliche Hauptdarstellerin, die vor allem den Gruselfreunden durch die „Ginger-Snaps“-Trilogie im Gedächtnis geblieben ist, sondern auch sonst engagierte Darsteller.

Die Filmkritik war denn auch ähnlich angetan wie das (zahlenmäßig freilich überschaubare) Publikum. Als störend wurden höchstens das allmähliche Ausfasern der Handlung in der zweiten Hälfte und vor allem das abrupte Ende moniert. Das eine ist sicher die Folge eines unter allzu großem Zeitdruck entstandenen Drehbuchs, das andere bei näherer Betrachtung durchaus konsequent oder sogar unausweichlich. Es komplettiert einen angenehm anderen, dabei jederzeit unterhaltsamen Film, den die Soska-Schwestern ihrem eigentlichen Idol Eli Roth gewidmet haben, den sie bereits jetzt hinter sich gelassen haben (was zugegeben keine allzu große Herausforderung war).

DVD-Features

„Hinter den Kulissen“ ging es gleichermaßen chaotisch wie zielstrebig zu. Improvisation und Motivation waren gefragt, um den Dollar möglichst oft einzusetzen, ohne ihn ausgeben zu müssen. Das ca. 17-minütige Feature vermittelt einen entsprechenden Eindruck.

Im August 2012 feierte „American Mary“ seine Welturaufführung auf dem „London FrightFest Film Festival“, was mit der Featurette „Eine American Mary in London” dokumentiert wird.

Zum Film (und zu den Soska-Schwestern) gibt es diese Website.

Kurzinfo für Ungeduldige: Medizinstudentin Mary wird aus der Bahn und in die Unterwelt geworfen. Sie spezialisiert sich auf illegale „body modifications“ und gerät in ein mörderisches Milieu, dem sie sich jedoch überraschend gut gewachsen zeigt … – Schräger, an David Cronenberg oder Clive Barker erinnernder, ebenso spannender wie schwarzhumoriger Thriller, der dank ausgezeichneter Darsteller und beachtlicher Kamera das Minimal-Budget nie durchscheinen lässt: ein kleines, schmutziges aber glänzendes Film-Juwel.

[md]

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