Among the Living – Das Böse ist hier

Originaltitel: Aux yeux des vivants (Frankreich 2014)
Regie u. Drehbuch: Alexandre Bustillo u. Julien Maury
Kamera: Antoine Sanier
Schnitt: Sébastien de Sainte-Croix
Musik: Raphaël Gesqua
Darsteller: Theo Fernandez (Victor), Zacharie Chasseriaud (Tom), Damien Ferdel (Dan), Anne Marivin (Julia), Francis Renaud (Isaac Faucheur), Fabien Jegoudez (Klarence), Nicolas Giraud (Nathan), Sidwell Weber (Louise), Béatrice Dalle (Jeanne Faucheur), Chloé Coulloud (Mila), Dominique Frot (Madame Duroche) u. a.
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 05.03.2015
EAN: 4041658228473 (DVD)/4041658298476 (Blu-ray)/4041658278478 (3D-Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Französisch), Dolby Digital 2.0 (Deutsch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 81 min. (Blu-ray: 84 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Victor, Tom und Dan sind nicht nur beste Freunde, sondern auch die größten Unruhestifter ihrer kleinen Landschule. Glücklicherweise beginnen die Sommerferien, die zünftig eingeleitet werden sollen: Tom will die Feldscheune eines verhassten Verwandten in Brand stecken. Das Trio wird erwischt und flüchtet zu den Ruinen des vor Jahren aufgegebenen „Blackwood“-Filmstudios.

Dort haben sich im Keller eines stehengebliebenen Kulissenhauses Isaac und sein Sohn Klarence eingenistet. Bei einem Auslandseinsatz war Ex-Soldat Isaac mit giftigen Kampfstoffen in Berührung gekommen, die für Tumult in seiner DNS gesorgt haben. Klarence kam als haarloser Albino zur Welt, der in rasender Geschwindigkeit zu einem bärenstarken Riesen heranwuchs. Im Kopf ist Klarence jedoch Kind geblieben und wird wohl auch nie heranreifen.

Um seinen Sohn vor der neugierigen Öffentlichkeit zu schützen, ist der inzwischen dem Irrsinn verfallene Isaac mit Klarence untergetaucht. Er will eine neue ‚Familie‘ gründen und lässt Klarence Frauen entführen und in ihren Unterschlupf verschleppen. Als Klarence gerade ein neues Opfer bringt, betreten Victor und seine Freunde die Szene. Gerade noch gelingt ihnen die Flucht. Die Polizei glaubt ihrer Schilderung ebenso wenig wie ihre Eltern, da alle wütend über die Brandstiftung sind.

Isaac findet heraus, woher die drei Eindringlinge stammen. Da er nicht weiß, dass niemand kommen und nach der Frau suchen wird, setzt er Klarence auf ihre Spur. Er soll die lästigen Zeugen finden und buchstäblich mundtot machen. Schon in der folgenden Nacht beginnt Klarence mit der Jagd. Dass ihm dabei Familienangehörige oder Babysitter in die Quere kommen, hält ihn nicht auf. Eine breite Blutspur hinterlassend, taucht Klarence schließlich vor dem Haus auf, in dem Mutter Julia, Stiefvater Nathan, Victor und seine beiden kleinen Schwestern ahnungslos in tiefem Schlaf liegen …

Ein unvergesslicher Sommer

Stephen King hat früher solche Geschichten erzählt, die das abrupt und unschön einsetzende Ende der Kindheit beschreiben. Meist sind es verschworene Freunde und gleichzeitig gesellschaftliche Außenseiter, die in eine Situation geraten, in der sie auf lebensgefährliche Weise mit den hässlichen Seiten des Lebens konfrontiert werden.

King wird mit Bedacht an dieser Stelle erwähnt, denn ihn wollen Alexandre Bustillo und Julien Maury, die für „Among the Living“ nicht nur das Drehbuch schrieben, sondern den Film auch inszenierten, offensichtlich zitieren. Gelungen ist ihnen höchstens eine gute Kopie mit vielen Schwachstellen sowie ein Film, der unnötig viel verspricht, ohne es halten zu können.

Bittersüße Jugend, ein heißer Sommer, manchmal freundliche, oft gemeine, stets unverständige Erwachsene: King verstand es, diese Szenerie auf beinahe magische Weise mit Leben zu füllen. Bustillo & Maury haben den Meister studiert, durchaus verstanden und die genannte Konstellation sogar weiterentwickelt: Victor, Dan und vor allem Tom sind nicht nur bedauernswerte, weil vernachlässigte oder gar geschlagene Kinder, sondern latent gefährlich. Bevor die eigentliche Geschichte beginnt, haben sie bereits eine Scheune angezündet, beinahe den Besitzer erschlagen sowie ein Boot versenkt.

Vor allem Victors Motivation bleibt rätselhaft, da er in einer harmonischen Familie lebt. Dies ist einer der Brüche, mit denen Bustillo & Maury ihre Intentionen immer wieder selbst torpedieren. Dazu gehört auch eine ausführliche aber für die Handlung irrelevante Einleitung, die Isaacs und Klarences Vorgeschichte schildert und primär entstanden zu sein scheint, um Béatrice Dalle, dem in Vergessenheit geratenen Star des französischen Kultfilms „37,2 °C le matin“ (1986; dt. „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen) die Plattform für einen blutreichen Gastauftritt zu bieten.

Gipfeltreffen im Gruselschloss

Das aufwendige, oft betont stimmungsvolle aber jegliche Originalität quasi vorsätzlich aussparende Gestaltung wird ohnehin Nebensache, sobald Klarence seinen Mordlauf beginnt. Aus „Among the Living“ wird ein ganz normaler Slasher. Das Geschehen folgt gut bekannten Konventionen und wird mit einschlägigen Effekten aufgepeppt. Wenn nun scharfe Klingen in Körpern versenkt werden oder ein Polizisten-Unterkiefer unter Klarences Machete zu Boden fällt, jubiliert sicherlich der bis hierher sanft entschlafene Gorehound. Wer den Schrecken lieber als Andeutung genießt und in der ersten Filmhälfte gut bedient wurde, dürfte dagegen entsetzt sein, wenn im großen Finale geschnetzelt wird, als wäre schon wieder Freitag, der Dreizehnte.

Dazu passt das seltsame Clownskostüm, das Klarence offenbar in eine Reihe mit Killer-Legenden wie Jason Vorhees, Freddie Krueger oder Michael Myers stellen soll. Einmal mehr laufen Bustillo & Maury ins Leere, wenn sie Klarence die Maske irgendwann abnehmen und vergessen lassen. Dahinter verbirgt sich immerhin nicht eine Arbeitsprobe ehrgeiziger Maskenbildner, sondern eine Kreatur, die gerade so weit außerhalb menschlicher Normen steht, dass ihre Entstellungen erst recht erschrecken. Ansonsten bleibt Klarence eine geist- und seelenlose Marionette, die an den Fäden seines Vaters hängt. Wiederum ist dies von Bustillo & Maury so gewollt, doch haben sie einen Buhmann ohne Charisma geschaffen.

Klarence meuchelt wie eine Maschine. Selbst wenn er seine Opfer im wahrsten Sinn des Wortes auseinandernimmt, verzieht er keine Miene. Dies soll besonders grausig wirken, was allerdings nur funktioniert, wenn Klarence bzw. das Monster irgendwann und unerwartet menschliche Züge zeigen würde. Bustillo & Maury warten zu lange, um zu zeigen, dass Klarence seinerseits ein Opfer ist.

Was fürs Auge

Wo spielt diese Geschichte eigentlich? Grundsätzlich gibt es daran keinen Zweifel: in Frankreich! Nichtsdestotrotz werden die drei Freunde wie die Klischee-Schüler einer US-amerikanischen Junior High School ausstaffiert. Die Figuren tragen englische bzw. amerikanische Namen, das aufgelassene Filmstudio heißt „Blackwood“. Ist dies der unbeholfene Versuch, „Among the Living“ tauglich für einen noch immer von Hollywood dominierten Filmmarkt zu machen? (Andererseits: Zeigt nicht die Tatsache, dass einem französischen Film in Deutschland ein englisch/amerikanischer Titel verpasst wurde, die Notwendigkeit, mit diesen Wölfen zu heulen?)

In dieses Umfeld passt das alte, verlassene Filmstudio, das nie abgerissen wurde und einfach in der Landschaft steht. Vor allem im US-Horrorfilm genießt der „fun park“, der sich in einen Ort des Grauens verwandelt, eine lange Tradition. Der Kontrast zwischen Vergnügen und Entsetzen würzt die obligatorische Haschereien von Gut & Böse. Allerdings spielt es für diese Geschichte nie eine Rolle, dass Isaac und Klarence sich in einem Filmstudio verstecken; es könnte jede beliebige Ruine sein.

Ebenfalls ohne Antwort bleibt diese Frage: Obwohl die Handlung nachweislich 2013 spielt – Grabsteininschriften belegen es – stammen die zum Einsatz kommenden Automobile aus den 1980er und 90er Jahren. Die Dorfpolizisten rattern in einem VW-Bus des Typs 3 umher, den man in Frankreich nicht für ein amtliches Dienstfahrzeug eingesetzt haben dürfte.

Darstellerisch kommt „Among the Living“ problemlos über die Runden. Dies gilt erst recht, wenn man diesen Film mit den Slashern vergleicht, denen er nacheifert. Eine glaubwürdige Besetzung von Kinderrollen ist schwierig. Bis auf die Tatsache, dass Zacharie Chasseriaud deutlich älter wirkt als seine angeblich ebenfalls vierzehnjährigen Freunde, nimmt man den drei noch jungen Darstellern ihre Rollen ab. Noch besser: Man schließt sie nicht unbedingt ins Herz. Womöglich zeigt sich an dieser Tatsache die europäische Herkunft des Film am deutlichsten: Kinder werden nicht zwangsläufig in Zucker eingelegt, sondern als Menschen wahrgenommen, die durchaus unschöne Seiten haben können.

Vollständiges aber unbefriedigendes Puzzle

Wenn die Geschichte erzählt ist, bleiben keine Fragen offen. Zwar könnte der Epilog eine Fortsetzung androhen, doch hier wurde über den Twist hinaus wohl nicht an eine Anknüpfung gedacht. Die Welt von Victor ist eingestürzt und gerade im Neuaufbau begriffen. Sollte eine Moral darin liegen, belästigen Bustillo & Maury ihr Publikum nicht damit.

„Among the Living“ ist ein holpriges Gesamtwerk, ein in der ersten Handlungshälfte mäandrierender Genre-Mischmasch, aber deshalb keineswegs misslungen sowie deutlich besser geraten als Bustillos & Maurys zwar formal ebenfalls interessantes aber inhaltlich gar zu krudes Vorgängerwerk „Livide“ (2011; „Livid – Das Blut der Ballerinas“). Im Gedächtnis haften bleibt aber eine Erwartungshaltung, die sich nachträglich als überzogen erweist und doch dem Autoren- und Regie-Duo angekreidet wird.

Um es zu wiederholen: „Among the Living“ mag ehrgeiziger konzipiert sein – „Hier trifft ‚Stand by Me‘ auf ‚The Hills Have Eyes‘“, liest man allen Ernstes auf dem Backcover -, ist aber letztlich ‚nur‘ ein Slasher, der filmkünstlerisch breitbeinig heranmarschiert, um sich schließlich in den Fußstapfen deutlich gewichtigerer Vorgänger zu verirren. In diesem Punkt enttäuschen und versagen Bustillo & Maury. Unterhalten können sie trotzdem.

DVD-Features

Die (vom Rezensenten nicht gesichteten und deshalb hier nur erwähnten) Extras bestehen aus einem „Making of“, einer Featurette über den Horror-Comic „Bedtime Stories“, den Victor mehrfach liest, einer Bildergalerie sowie dem deutschen und dem französischen Trailer.

Kurzinfo für Ungeduldige: Drei Freunde stoßen in den Sommerferien auf einen verrückten Mann, der sich mit seinem Mutanten-Sohn in einem verlassenen Filmstudio eingenistet hat und keine (lebenden) Zeugen duldet … – Es schließen sich Verfolgungsjagden und Metzeleien nach (allzu) bekannten Vorbildern an, die in ein „Coming-of-Age“-Drama verpackt werden, das zusätzlichen Klischees folgt: am besten als simpel gestrickten, solide gefilmten Buhmann-Horror zur Kenntnis nehmen.

[md]

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