And Soon the Darkness

Originaltitel: And Soon the Darkness (USA/Argentinien/Frankreich 2010)
Regie: Marcos Efron
Drehbuch: Jennifer Derwingson u. Marcos Efron
Kamera: Gabriel Beristain
Schnitt: Todd E. Miller
Musik: tomandandy (= Tom Hajdu u. Andy Milburn)
Darsteller: Amber Heard (Stephanie), Karl Urban (Michael), Odette Yustman (Ellie), Gia Mantegna (Camila), Adriana Barraza (Rosamaria), César Vianco (Calvo), Michel Noher (Chucho), Luis Sabatini (Luca) u. a.
Label/Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 22.03.2011 (Leih-DVD/Blu-ray) bzw. 05.05.2011 (Kauf-DVD/Blu-ray)
EAN: 4006680051338 (DVD) bzw. 4006680051345 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min. (Blu-ray: 91 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Stephanie und Ellie, jung, sehr hübsch und aus den USA, unternehmen eine Zwei-Mädchen-Radtour durch Argentinien. Es zieht sie bevorzugt in abgeschiedene Landstriche, die sie tagsüber textilknapp beradeln, um sich abends in die örtliche Kneipenszene zu stürzen, wo sie sich betrinken, die Dorfjugend aufreizen und sich anschließend wundern, wenn diese aufdringlich wird. Um das Ferienvergnügen zu steigern, bleibt das Handy abgeschaltet; niemand weiß, wo sich unsere Schönheiten jeweils aufhalten.

Aktuell zieht das Duo sein Programm in einem besonders einsamen Nest nahe der Grenze zum Nachbarstaat Paraguay durch. Ohne den überall hängenden „Gesucht!“-Plakaten mit den Gesichtern spurlos verschwundener Frauen Beachtung zu schenken, machen sie sich zum Ausnüchtern und Sonnenbaden zu einem Wasserfall in der Wildnis auf. Dort geraten sie in einen Streit, und die zornige Stephanie lässt die schmollende Freundin allein zurück. Ellie wird kurz darauf vom Schurken Chucho gefangen, der sein Glück kaum fassen kann: Er beliefert einen Menschenhändler mit Sex-Sklavinnen. Die ‚Ware‘ wird in einer nahen Geisterstadt zwischengelagert und nachts über die Grenze geschafft.

Auch die Lebensgefährtin des Touristen Michael wurde verschleppt. Auf eigene Faust sucht er sie seither überall. Die verzweifelte Stephanie tut sich mit ihm zusammen, nachdem sie feststellen muss, dass sie im faulen Dorfpolizisten Calvo keine Hilfe finden wird. Doch kann sie sie dem Landsmann trauen? Kann sie überhaupt jemandem trauen? Die zunächst freundliche Dorfbevölkerung zeigt ihr plötzlich die kalte Schulter, Michael benimmt sich verdächtig. Ohne einen Gedanken an die Tatsache zu verschwenden, dass auch sie perfekt in das Beuteraster eines Mädchenjägers passt, setzt Stephanie ihre Nachforschungen im Alleingang durch. Schließlich wird sie fündig – und muss buchstäblich am eigenen Leib erfahren, wie es Ellie ergangen ist …

Chica- und Zuschauerleid zum Quadrat

„Chica“ ist mit „attraktives Mädchen“ zu übersetzen und damit ein grundsätzlich positiv besetzter Ausdruck. Filmen wie „And Soon the Darkness“ befördern jedoch das Missverständnis, dass „chica“ mit dem US-amerikanischen „chick“, also „Hühnchen“, gleichzusetzen ist, denn Stephanie und Ellie sind ebenso hübsche wie strohdumme Hühner, was die Bedeutungsverschmelzung geradezu erzwingt.

In einer besseren Welt wäre es sicherlich möglich, dass zwei junge und ansehnliche Frauen allein, ohne Kontakt zur Außenwelt sowie in fröhlicher Missachtung regionaler Sitten und Bräuche durch ein Land radeln, das nicht unbedingt für seine Vorreiterstellung in Sachen Gleichberechtigung Ansehen genießt. Dort dürften sie dem heißen Klima noch kleidungsschwächer trotzen, beim Sonnen womöglich gänzlich auf den Bikini verzichten oder fröhlich-sexy & unbekümmert eine ganze Kneipe voller kräftiger Jungkerls anmachen, ohne dass kollektiv das Blut in Köpfen & Gemächten bedrohlich aufwallt.

Aber wir leben in einer Realität, die dieser Film wenigstens in einem Punkt akkurat abbildet: Wer sich so dämlich benimmt, muss mit Konsequenzen rechnen. Da „And Soon the Darkness“ ein sehr konventioneller Streifen ist und darüber hinaus mit US-Geld gedreht wurde, läuft dies unter reichlicher Anwendung körperlicher Gewalt ab und beinhaltet gleichzeitig eine Lektion: Sei stets misstrauisch dort, wo man nicht deine Sprache (= Englisch) spricht! „Fremd“ = „gefährlich“! Bleib am besten zu Haus!

Schlafen oder ärgern?

Wenn diese Mahnung bloß nicht so stumpf in Szene gesetzt wäre! Überhaupt ist die Story weder neu noch originell, dafür aber so simpel, dass sie schon unzähligen Filmen als funktionstüchtige Grundlage diente, die nicht über das Budget oder die Darsteller verfügten, mit dem oder denen Marcos Efron arbeiten konnte, die aber dennoch deutlich unterhaltsamer gerieten. Die Filmgeschichte ermöglicht sogar einen direkten Vergleich: 1970 drehte Regisseur Robert Fuest eine ebenfalls „And Soon the Darkness“ (dt. „Tödliche Ferien“) betitelte Vorlage für Efrons überflüssiges Remake.

Fuest reduzierte die Story auf wenige Elemente, die er wesentlich fester im Griff behielt als Efron. Brian Clemens und Terry Nation, die Autoren des Drehbuchs von 1970, stellen ihre beiden Hauptfiguren, die nicht in Südamerika, sondern in Frankreich in Lebensgefahr gerieten, zwar ebenfalls als Opfer dar, aber nie als Trottel bloß. Fuest inszenierte seinen Film verhalten und zog stetig die Spannungsschraube an. Mehrere kurze aber drastische Momente bereiteten den dramatischen Höhepunkt vor.

Efron übernimmt den ‚sanften‘ Einstieg in eine Handlung, deren Ablaufmechanik an einem defekten Getriebe leidet. Sie nimmt nicht allmählich Fahrt auf, sondern ruckt und ruckelt, zerdehnt die ruhigen Szenen, ergeht sich in überflüssigen Exkursen, springt zu Gewalt und Action, verliert erneut an Tempo, wird wieder hektisch – und verendet in einem Finale, das den Zuschauer völlig verblüfft; nicht, weil es endlich spannend wird, sondern weil es zuvor deutlich turbulentere Szenen gab. Wenn Efron das Klischee vom unkaputtbaren Schurken, der gleich mehrfach umgelegt werden muss, konterkarieren wollte, ging dieser Schuss mächtig nach hinten los: „And Soon the Darkness“ geht nicht mit Getöse durchs Ziel, sondern bleibt mit leeren Story-Tank am Straßenrand stehen.

Gegend ist nicht alles

Efron hat sich für sein Langfilm-Debüt ehrgeizige Ziele gesteckt. ‚Nur‘ einen Thriller wollte er offenbar nicht drehen. Vom handwerklichen Standpunkt kann sich sein Werk jederzeit sehen lassen. „And Soon the Darkness“ entstand vor Ort in Südamerika. Argentinien ist ein weites und schönes Land. Beide Aspekte werden mit der Kamera ausgiebig gewürdigt. Dabei wird die Realität (mehr oder weniger) unauffällig und wirkungsvoll ‚unterstützt‘. Das beschränkt sich meist auf die Verwendung diverser Filter, die dem Bild je nach evozierter Stimmung Farben und Licht entziehen.

Generell lassen Bild und Ton nichts zu wünschen übrig. Hier verfügte jemand, der seinen Job versteht, über die finanziellen Mittel, seine Visionen adäquat umzusetzen. Einmal zieht Efron tricktechnisch sogar voll und eindrucksvoll vom Leder: Der (den Höhepunkt ungeschickt vorwegnehmende) Kampf mit dem Schurken Chucho findet in einer Geisterstadt statt. Sie liegt dort am Ufer des Atlantiks, wo vor einigen Jahren ein (fiktiver) Tsunami wütete. Diese Kulisse ist grandios – eine grau-weiße, schwammig-schimmelige, von toten Bäumen und morschen Ruinen dominierte Zivilisations-Wüste, die nicht von dieser Welt zu sein scheint.

Diese Schauwerte helfen leider nicht über die Eindimensionalität des Geschehens hinweg. „Wem kannst du trauen?“ Diese Frage gibt dem Film seinen Tenor. Dumm, dass die Antwort jederzeit bekannt ist. Jede Figur, der Stephanie und Ellie begegnen, ist nicht, wer sie zu sein vorgibt. Diese Zwielichtigkeit inszeniert Efron mit einem Ungeschick, für das man ihn rasch verflucht. Wie soll sich Spannung in einem Mikrokosmos aufbauen, in der ausnahmslos jede/r Dreck am Stecken hat?

Darsteller im Exil

Leid können einem die Schauspieler tun, die in dieser cineastischen Einöde auf verlorenem Posten stehen. Amber Heard, Odette Yustman und vor allem Karl Urban verkaufen sich deutlich unter Wert. Gegen das Drehbuch in seiner Mischung aus Klischee und Flachsinn haben sie keine Chance.

Heard reißt sich schier in Stücke, um ihrer Figur Tiefe zu verleihen. Stephanie wurde gerade von ihrem Freund verlassen, dem sie treu hinterher leidet. Anständig trotzt sie ihrer Furcht, um die verschwundenen Ellie zu suchen. In der Krise mutiert sie nicht zur Kampfmaschine, sondern kämpft einfach ihr Leben. Durch den Efron-Filter gepresst, gerinnt Stephanie freilich zur typischen Tugendfrau des Horrorfilms: Sie ist monogam, brav, langweilig (und blond), während die schwarzhaarige Ellie, kein Kind von Traurigkeit, für ihre allzu offensichtliche, sündhafte Lebenslust bestraft wird. (Bis es sowie ist, darf sich zumindest das männliche Publikum am Anblick des Yustmannschen Hinterteils erfreuen – eine Aufmunterung, die bereits 2009 der Regisseur der Horror-Gurke „The Unborn“ ausgiebig einsetzte.)

Den Darstellern lateinamerikanischer Herkunft bleibt einmal mehr die Darstellung meridionaler Verkommenheit: Da haben wir den korrupten Uniformträger, den geilen Handlanger oder den schmieriger Sklavenhändler, der zwar nach weißen Frauen giert, aber das Beschaffungsrisiko fürchtet, das – so eine weitere Lehre dieses Films – für südamerikanische Sklavinnen entfällt. In diversen Nebenrollen werden weitere billige Vorurteile bedient. „And Soon the Darkness“ ist als Film einfach nicht trivial genug, um solche Geschmacklosigkeiten als bloßes Stilmittel zu entschuldigen; hier wirken sie stattdessen niederträchtig.

Letztlich reiht sich „And Soon the Darkness“ in die lange und immer länger werdende Reihe der überflüssigen Remakes ein, zu denen die Horrorfilme der 1970er bis 1990er Jahre aktuell missbraucht werden. Einen kleinen, einfach nur unterhaltsamen Thriller wollte Efron offenbar zum Kunstwerk überhöhen. Entweder die Vorlage oder sein Talent waren dieser Herausforderung nicht gewachsen. Die Entscheidung mag der Zuschauer treffen. Es wird nicht die Leiden kurieren, die ihm anderthalb enttäuschende Stunden bereitet haben; es beantwortet nicht einmal die Frage, wie der bombastische Titel mit der seichten Handlung in Einklang zu bringen ist.

DVD-Features

Dass „And Soon the Darkness“ keine Billig-Produktion ist, die erwartungsarm  auf den Markt geworfen wird, belegt die Vielzahl der zum Hauptfilm aufgespielten Extras. Regisseur Marcos Efron, Cutter Todd Miller und Kameramann Gabriel Berstain haben einen Audiokommentar eingesprochen. Gezeigt werden außerdem geschnittene Szenen, Interviews, ein Videotagebuch, eine Storyboard-Galerie, der Trailer und „Common Practice“, ein Kurzfilm, den Marcos Efron 2005 gedreht hat. (Angesehen oder akustisch zur Kenntnis genommen habe ich dies alles nicht; wenn ich es richtig gemacht habe, dürfte die Begründung zwischen den Zeilen anklingen: Manchmal hat auch der langmütigste Rezensent einfach genug!)

Zum Film existiert diese Website.

Anmerkung: EINE gute Sache verdanken wir diesem Filmchen: In der Hoffnung, vom behaupteten Kultfaktor des Originals zu profitieren, wird auch die 1970er-Version von „And Soon the Darkness“ (nur auf DVD) veröffentlicht, was ohne die Existenz des Remakes sicherlich kaum geschehen wäre.

[md]

Titel bei Libri.de (DVD)
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