Auf dem Mond wird 1973 ein Spionage-Sender aufgestellt; vor Ort müssen die Astronauten erkennen, dass sie nicht allein sind und ‚man‘ sie nicht mehr gehen lassen will … – Im „Blair-Witch“-Stil gedrehte „Mockumentary“, die angeblich aus originalen Kamera- und Tonaufnahmen montiert wurde; während die Story typischen Genre-Vorgaben gehorcht, begeistert die nahtlose Kombination vierzig Jahre alten Original-Filmmaterials mit nachgestellten Szenen: ein unterhaltsames Vexierspiel, das auf Stimmung statt Action setzt.

Das geschieht:

Obwohl die USA ihre Raketenflüge zum Mond 1972 offiziell eingestellt haben, findet ein Jahr später eine streng geheime „Apollo 18“-Mission statt. Wissenschaftler haben eine Schnüffel-Station konstruiert, mit der sich die UdSSR – US-Amerikas zeitgenössischer Schurkenstaat Nr. 1 – ‚von oben‘ aushorchen lässt. Die finanziell klamme NASA erklärt sich bereit, das Gerät auf den Mond zu transportieren. Auch die Astronauten Benjamin Anderson, John Grey und Nathan Walker lassen sich nicht lange bitten, sondern vom Militär für die Mission rekrutieren.

Im Rahmen eines angeblich unbemannten Teststarts gehen die drei Männer auf große Fahrt. Sie haben die Order, mit transportablen Kameras ihre Arbeit zu dokumentieren. Der mehrtägige Flug zum Mond vergeht ohne technische Probleme. Im Orbit des Erdtrabanten eingetroffen, begeben sich Anderson und Walker gut gelaunt in die Landefähre, während Pilot Grey wehmütig in der Kommandokapsel zurückbleibt. Die Landung gelingt, das Peilgerät wird aufgestellt. Doch die Euphorie verfliegt, als seltsame Vorfälle die beiden Mondmänner beunruhigen. Die Funkverbindung zur Erde und zur Kommandokapsel fällt immer wieder aus. Stattdessen malträtieren schrille Störsignale ratlose Ohren. Steine scheinen ihren Platz zu verändern. Die stolz aufgestellt US-Flagge verschwindet.

Aus Sorge wird Furcht, als Anderson und Walker fremde Fußspuren entdecken. Sie folgen ihnen – und stoßen auf eine sowjetrussische Mondlandefähre! Ihr Inneres ist verwüstet und blutverschmiert, die Leiche des Piloten findet Anderson in einem nahen Krater. Aus Mondsteinen schlüpfen krabbenähnliche Kreaturen, die den Männern in die Landefähre folgen und Walker mit einer unbekannten Krankheit infizieren. Ihre Hilferufe werden ignoriert – die Männer erkennen, dass man auf der Erde sehr wohl weiß, dass es feindliches Leben auf dem Mond gibt, und sie als menschliche Versuchskaninchen missbraucht …

Was war dort oben wirklich los?

Sie tanzten nur drei Sommer lang: Nachdem die Astronauten Neil Armstrong und Edwin „Buzz“ Aldrin im Rahmen des Unternehmens „Apollo 11“ als erste Menschen den Mond betreten hatten (Juli 1969), folgten sechs weitere Mondfahrten, bevor das Programm mit Apollo 17 (Dezember 1972) aus Kostengründen abgebrochen wurde. Apollo 18 bis 20, obwohl bereits geplant, starteten nie; bis heute ist der Mensch nicht auf den Mond zurückgekehrt.

Schon die erste Mondlandung wurde zum Gottesgeschenk für misstrauische Verschwörungstheoretiker. Bis heute (und obwohl Ex-Astronaut Aldrin einem frechen Zweifler 2002 persönlich in den Hintern trat) wird ihre Realität angezweifelt. Halbwissen und die Verlockung, daraus resultierende Erkenntnislücken mit selbst gestrickten ‚Fakten‘ zu füllen, verbinden sich mit Anschauungen, nach denen der nur vorgeblich mündige aber tatsächlich vorsätzlich dumm gehaltene Bürger hilflos im Würgegriff notorisch komplottierender Politiker, Wirtschaftsführer und Kirchenfürsten zappelt.

Die heute schier grenzenlosen Möglichkeiten, theoretisch beweiswürdiges Quellen- und Filmmaterial auch nachträglich technisch so zu bearbeiten, dass sich seine Aussagen ins Gegenteil verkehren, lassen nicht nur der Fehlinterpretation, sondern auch der Manipulation breiten Raum. Selbst ernannte ‚Fachleute‘ (= Bauernfänger und Spinner) richten sich in entsprechenden Nischen ein, schreiben selbst gezimmerte ‚Beweise‘ voneinander ab und kreieren ein Schattenreich monströser Munkeleien, das den denkenden Menschen, der zufällig in diesen bodenlosen Sumpf gerät, ob des zur Schau gestellten und fanatisch genährten Irrwitzes erschauern lässt.

‚Dokumentiert‘ und trotzdem nicht wahr

Wesentlich erfreulichere Ergebnisse zeitigen die Werke derer, die sich spielerisch in der Grauzone zwischen Wahrheit, Vermutung und Interpretation tummeln. „Apollo 18“ erzählt eine simple Gruselgeschichte. Viele im Genre erfahrene Zuschauer erkannten es und waren trotzdem erbost; offenbar hatten sie etwas erwartet, das ihnen dieser Film nicht geben konnte. War es ein raffinierter Plot, den sie vermissten, oder waren sie unterbewusst der Hoffnung gewesen, durch diese ‚Dokumentation‘ über sensationelle ‚Tatsachen‘ in Kenntnis gesetzt zu werden, die sie auf den eigentlich recht langweiligen Mond projiziert hatten?

Ungeachtet dessen liefern Regisseur Gonzalo López-Gallego und Drehbuchautor Brian Miller gute Arbeit ab. Dies gilt vor allem, wenn man das ehrgeizige Konzept bei gleichzeitig bescheidenem Budget berücksichtigt: „Apollo 18“ präsentiert nicht nur eine funktionierende Spukgeschichte, sondern bietet auch einen großartigen Rückblick auf eine bedeutende aber schon fast vergessene Raumfahrt-Ära.

Man muss sich die doppelte Herausforderung vor Augen führen: für „Apollo 18“ wurde nicht nur die Technik der Jahres 1973 nachgebaut. Diese Kulissen und Requisiten wurden außerdem in einen Film integriert, der optisch und stilistisch zeitgenössische Dokumentarfilme imitiert. Um die selbst gestellte Aufgabe um einen weiteren Grad zu verschärfen, wurden authentische Film- und Tonaufnahmen integriert – dies nicht, um Kosten zu sparen, sondern um den Realitätsfaktor zu unterstreichen: Das in der Regel bruchlose Verschmelzen von Alt und Neu belegt eine Mission, die anders als „Apollo 18“ im Film gelungen ist.

„Konzentration“ könnte ein Schimpfwort geworden sein

Richtet sich der Grimm enttäuschter Zuschauer auf eine Geschichte, die nicht im Hollywood-Stil der aktuellen Marvel-Spektakel, d. h. mit jener drastischen Eindeutigkeit, wie sie beispielsweise die Teletubbies an den Tag legen, aufgesagt wird? Ereignisarm sei „Apollo 18“, wird immer wieder geschimpft. Dabei nimmt sich López-Gallego nur die Zeit, einen Spannungsbogen aufzubauen, den er bereits in Betrieb nimmt, lange bevor die Mond-Krabben ihr Unwesen treiben. Kleine, beinahe unbemerkte Irritationen schleichen sich ein, die an Intensität zunehmen und für Gruselstimmung sorgen. (Für diejenigen im Publikum, deren Aufmerksamkeitsspanne dabei womöglich überschritten wird, richtet der Regisseur zwischendurch hilfreich laserpointerhafte Hinweisstrahlen dorthin, wo sich gerade ein tückischer Mondstein sonst womöglich unbemerkt die Beine ausschüttelt.)

Geschickt setzt López-Gallego die (kunstvoll nachgebildete) Fehlfunktionen einer komplizierten und störanfälligen Technik ein, um die zunehmende Isolierung sowie die daraus resultierenden Irritationen der Astronauten zu verschärfen: Man hat sie ausgebildet, bis sie jeden Schalter in ihrer Kapsel selbst im Tiefschlaf finden und bedienen konnten. Doch die darauf gründende Zuversicht verflüchtigt sich, wenn die Technik ihre Kraft verliert.

Der Schauplatz trägt seinen Teil zur Übertragung dieser Unsicherheit auf die Zuschauer bei. Sie wurden in perfekter Kino-Hightech schon auf unzählige fremde Planeten entführt. Hüpfende Mondsteine dürften sie deshalb nicht wirklich aufregen. Doch López-Gallego gelingt die Entwicklung eines Schreckens, der in der Feststellung wurzelt, dass sich dort, wo nach Auskunft sämtlicher relevanter Informationen kein Leben existiert, eindeutig etwas rührt. Diese Erkenntnis zielt direkt ins Unterbewusstsein. Es nimmt entsprechende Beobachtungen wesentlich aufgeschlossener zur Kenntnis, was allerdings von instinktiven, schwer zu kontrollierenden Ängsten begleitet wird.

Unbekannt/fremd – gefährlich: Panik!

Wenn man die Erzeugung einer entsprechenden Atmosphäre unbestimmten Terrors als López-Gallegos Primärziel erkennt, entfällt ein weiterer Kritikpunkt, der auf die seltene und nie wirklich deutliche Präsenz der kleinen aber fiesen Mond-Monster zielt: Sie dürfen gar nicht öfter zu sehen sein, da sie sonst eine Bedrohlichkeit verlören, die der Zuschauer primär im eigenen Hirn gestaltet. Mit diesem Kniff umgeht López-Gallego ein bekanntes Problem: Selbst das tricktechnisch perfekte Ungeheuer verliert seinen Schrecken, je häufiger und deutlicher es sich blicken lässt. Der Zuschauer arrangiert sich mit seinem Anblick und lernt seine Reaktionen einzuschätzen. Vor allem wird es als Kunstfigur erkennbar, während die Mondwesen und ihre Motive undurchschaubar bleiben.

Nicht jede Frage muss oder sollte beantwortet werden; die Irritation des Publikums ist – wird sie beherrscht – ein starkes Unterhaltungselement. (Wie man es überreizt und damit ein Logikloch gräbt, zeigt uns López-Gallego freilich ebenfalls: Er bzw. Autor Miller hätten wenigstens andeuten sollen, wie das auf dem Mond zurückgebliebene Filmmaterial zurück auf die Erde und dort ins Internet kam.)

Apropos Tricktechnik: Ein wenig Nachsicht sollte der Kritiker generell walten lassen. Natürlich sieht man mehrfach deutlich, dass „Apollo 18“ unter Erdschwerkraft gedreht wurde, selbstverständlich dürfte man im Vakuum des atmosphärelosen Mondes keine Außengeräusche hören. Dass López-Gallego das Phänomen der Schwerelosigkeit bzw. schwächeren Mondschwerkraft durchaus bewusst war, verdeutlicht er durch kurze Momentaufnahmen wie den aus vielen echten Weltall-Dokus berühmten, weil in der Luft schwebenden und kreisenden Kugelschreiber. ‚Verstöße‘ dienen hier der Dramaturgie oder sind dem Budget geschuldet. Wieso wird gerade „Apollo 18“ in dieser Hinsicht gezaust? Weil man eine ‚Dokumentation‘ sieht? Die ‚Fehler‘ sind problemfrei zu ignorieren, wenn man sich auf die Handlung eines Spielfilms konzentriert.

Gefahr ist lunar, Paranoia sehr irdisch

Wer wie ich zumindest vor dem Fernseher ein Zeitgenosse der US-Raumfahrer war, erinnert sich vieler typischer Bilder. Stets im Programm war nach gelungener Landung der Blick auf die Astronauten, die jedoch nicht frei den Jubel genossen, sondern aus der Luke eines kleinen, dickwandigen, ungemütlich wirkenden Kastens winkten: Kaum aus der Landekapsel heraus, mussten sie in Quarantäne, denn wer wusste, was sie sich auf dem Mond eingefangen hatten!

Natürlich nichts, aber bevor man sich dessen sicher war, hatten die Astronauten diese unerfreuliche Prozedur über sich ergehen zu lassen. López-Gallego knüpft abermals an die Realität an und lässt eintreten, was man sich einst als Möglichkeit ausmalte. Die Furcht vor dem Tod aus dem All wird außerdem zum Auslöser eines finalen Gags, der ebenso schlicht wie gelungen ist.

Die wahren Monster hausen ohnehin wie üblich auf der Erde oder kommen von dort. In ihrer Landefähre zittern die beiden Astronauten, weil draußen womöglich ein böser Russe durch die Mondlandschaft schleicht und ihre Wagenburg belagert; der infizierte Walker steht in der Nacht unheilverkündend über dem ahnungslos schlafenden Anderson; schließlich werden die Astronauten von den eigenen Kameraden und von ihrem eigenen Land verraten, missbraucht und in den Tod geschickt: Ein wenig zu spät erinnern sie sich an die 1973 sehr aktuelle Watergate-Affäre, die den US-Präsidenten als Lügner und Verbrecher entlarvte.

So lassen sich hinter der scheinbar selbstgefälligen Spielerei einer „Mockumentary“ durchaus Zwischentöne finden, wenn man sie denn fordert. „Apollo 18“ unterhält aber auch ohne sie problemlos. Von der Seekrankheit erzeugenden Wackelkamera, die in „Cloverfield“ (2008) dem Filmgenuss abträglich war, ist dieses Subgenre inzwischen abgerückt. „Apollo 18“ macht Spaß; seltsam, dass ihn so viele Zuschauer (und Rezensenten) nicht finden konnten.

DVD-Features

Das Bonusmaterial wirkt auf den Überblick reichhaltig, bietet aber keine Überraschungen und wenig Informationen. Das „alternative Ende“ ist eine mehrfach leicht variierte Start- und Absturzsequenz der Mondfähre. Die „deleted scenes“ könnten zum Teil durchaus zum besseren Verständnis der Handlung beitragen. Der Audiokommentar von Regisseur López-Gallego und Cutter Patrick Lussier bezieht sich immer wieder auf einen angeblich nicht toll geratenen Erstschnitt und geht nahtlos in Loblieder auf diejenigen Crewmitglieder über, die für das viel besser geratene Endprodukt verantwortlich sind.

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Apollo 18
Originaltitel: Apollo 18 (USA 2011)
Regie: Gonzalo López-Gallego
Drehbuch: Brian Miller
Kamera: José David Montero
Schnitt: Patrick Lussier
Darsteller: Warren Christie (Captain Benjamin Anderson), Ryan Robbins (Lieutenant Colonel John Grey), Lloyd Owen (Commander Nathan Walker), Andrew Airlie (Mission Control – nur Stimme), Michael Kopsa (Deputy Secretary of Defense – nur Stimme), Ali Liebert (Nates Freundin)
Label: Senator Home Entertainment
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 16.03.2012
EAN: 0886919027297 (DVD) bzw. 0886919027495 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 83 min. (Blu-ray: 87 min.)
FSK: 16

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