Armee der Frankensteins

Originaltitel: Army of Frankensteins (USA 2014)
Regie u. Drehbuch: Ryan Bellgardt
Kamera: Josh McKamie
Schnitt: Andy Swanson
Musik: David Hamilton
Darsteller: Jordan Farris (Alan Jones), Christian Bellgardt (Igor), Rett Terrell (Solomon Jones), Raychelle McDonald (Virginia), Eric Gesecus (Monster), Lucas Ross (Herbert Henry Swanson), Thomas Cunningham (Robert E. Walton), William Bean (Rebellen-Mutant), Shellie Sterling (Maggie), Jami Harris (Ashley), Donald Taylor (Abraham Lincoln), Christopher Robinson (John Wilkes Booth), John Ferguson (Dr. Tanner Finski), Laurie Cummings (Mrs. Henderson), u. a.
Label: Castle View Film
Vertrieb: Alive
Erscheinungsdatum: 12.06.2015
EAN: 4042564158601 (DVD)/4042564158618 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch), Dolby Digital 2.0 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 108 min.
FSK: 18

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Das geschieht:

Dem verrückten aber genialen Dr. Finski gelingt es, aus Leichenteilen ein modernes Frankenstein-Monster zu basteln. Als letztes Bauteil fehlt ein Auge, weshalb Igor, Finskis kindlicher Gehilfe, den tumben Ladenschwengel Alan Jones entführt, dem besagtes Sehorgan kurzerhand aus einer Schädelhöhle gerissen wird. Bei seinem Fluchtversuch stößt Alan an einen Hebel, der nicht nur einen Stromstoß durch den Monsterkörper jagt, sondern auch ein Loch in Raum und Zeit reißt: Die Kreatur wird lebendig, während hundert Gegenstücke aus parallelen Universen purzeln, um dann in die Vergangenheit des Jahres 1865 geschleudert zu werden.

Auch Alan, Igor und Finski – der dies nicht lange überlebt – geraten in den Sog der Zeit. Man landet auf einem Schlachtfeld des Amerikanischen Bürgerkrieges. Dort sorgen die Monster aufgrund ihrer Unverwundbarkeit für Entsetzen und Leichen, wobei es den blauen Unionssoldaten ebenso übel wie den grauen Südstaaten-Rebellen ergeht.

Dummerweise kommt Igor eine Injektionspistole abhanden, deren Inhalt nicht nur Tote wecken, sondern auch lebende Wesen in grässliche, superstarke Ungeheuer verwandeln kann. Dies macht sich Südstaaten-Offizier Walton zunutze, der einen Untergebenen zwingt, sich das Serum zu spritzen. Dieser mutiert zu einer tumorig entstellten Kampfmaschine, die den Yankees mächtig zu schaffen macht.

Verzweifelt versuchen Alan und Igor die Veränderung der Zeitlinie rückgängig zu machen. Ihnen zur Seite steht Alans Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater Solomon, der gerade um jene Frau wirbt, die auch für Alans Existenz unentbehrlich sein wird. Virginia kann die Armee der Frankensteins auf die Seite des Nordens ziehen. Die monströs vervielfachte Kampfkraft seiner Truppen bleibt Präsident Abraham Lincoln nicht verborgen, weshalb er die Zeitreisenden ins Weiße Haus zitiert. Undercover ebenfalls in Washington sind Walton und sein Mord-Mutant, die ein Attentat auf Lincoln organisieren sollen. Im Ford-Theater treffen die Beteiligten mit spektakulären Folgen aufeinander …

Dilettantismus auf höchstem Niveau

Wer regelmäßig die Filmbesprechungen dieses Rezensenten liest, kennt das oft und vor allem im Zusammenhang mit dem Horrorfilm gesungene Klagelied: Wieso müssen Unschuldige – gemeint sind wir Zuschauer – leiden, weil Stümper sich berufen fühlen, uns Geschichten zu erzählen, die weder interessant sind noch Schauwerte aufweisen? Der Zyniker mag sich über arme Wichte (und Wichtinnen), die sich gleichermaßen produzieren wie blamieren, erhaben fühlen und ihre Faxen schadenfroh als Trash belachen, doch funktioniert dies in der Regel nur, wenn die Unfähigkeit versehentlich ins unterhaltsam Groteske abgleitet. „Armee der Frankensteins“ soll jedoch eine Horror-Komödie sein, weshalb die permanenten Ofenschüsse als Gags angelegt sind und umgesetzt werden.

Will sich dann nicht einmal ein müdes Grinsen einstellen, ergibt sich ein fundamentales Problem. Zwar darf sich Regisseur und Drehbuchautor Ryan Bellgardt darauf verlassen, dass nicht die Humorfreiheit inmitten der zahllosen Baustellen, die dieser Film faktisch darstellt, primär in Auge & Ohr sticht, doch stellt die Tatsache, dass „Armee der Frankensteins“ in jeder Hinsicht ein Desaster ist, natürlich keinen Trost für das fassungslose, zunehmend grimmiger gestimmte Publikum dar.

Hier erfüllte sich offenkundig ein Mann seinen Traum. Wie Ed Wood selig dürfte Bellgardt sein Untalent entweder ignoriert oder ausgeblendet haben. Davon profitierten vor und hinter der Kamera Männer und Frauen, die ähnlich verblendet waren und dank ihres Anführers damit durchkamen. Niemand registrierte die Warnzeichen oder griff ein, als das Verhängnis – die Dreharbeiten – seinen Lauf nahm. Das Ergebnis ist zweifellos (oder immerhin) eines der grottenschlechtesten Machwerke aller Zeiten!

Kamera läuft! Action! (Was ist ein ‚Drehbuch‘?)

Nicht der Plot ist die Klippe, an der dieses Projekt zerschellt. Man hat schon deutlich dämlichere Ideen unterhaltsam in Szene gesetzt; dafür wurde der Film schließlich erfunden. Zu einer Komödie gehört Übertreibung, sodass Bellgardt sich auch in diesem Punkt auf sicherem Terrain bewegt. Selbst die Tatsache, dass sich das Budget nicht auf Dollars, sondern höchstens auf Cents belief, kann nicht als Ausschluss-Argument gelten: Mit guten Ideen lässt sich Geldmangel allemal ausgleichen. Herrscht auch in dieser Hinsicht Ebbe, ist das Fiasko vorgezeichnet. (Schenkt man einem Artikel im „Bartlesville Examiner-Enterprise“ vom 3. Februar 2013 Glauben, standen Bellgardt gerade einmal 50000 Dollar – nein, es fehlt keine Null! – zur Verfügung.)

Gab es überhaupt ein Drehbuch? Oder wurde gedreht, was den Beteiligten vor Ort spontan einfiel? Die totale Abwesenheit von Rhythmus und Timing sprechen jedenfalls dafür, dass irgendwie fertiggestellte Szenen im Endschnitt einfach in chronologischer Reihenfolge aneinandergeklebt wurden. Mal geht es drunter und drüber, dann folgt eine endlose, zähe Peinlichkeit, die sich in der Regel um Gefühle dreht. Liebe, Rache, Freundschaft, Tod: Man könnte beinahe Talent dort vermuten, wo solche und andere Emotionen durchweg konterkariert und dadaistisch ins Bizarre verzerrt werden.

Als Leitstern diente Bellgardt augenscheinlich die tatsächlich klassische Zeitreise-Komödie „Zurück in die Zukunft“. Was ihm dort gefiel, kombinierte er mit dem Frankenstein-Thema, wie er es aus den „Universal“-Filmen der 1930er- und 40er-Jahren kennen- und fatalerweise lieben gelernt hatte. Man kann dies u. a. daran festmachen, dass Bellgardts Monster wie Boris Karloff geschminkt und gekleidet ist, obwohl dies im Rahmen der Handlung ohne Belang bleibt und selbst als Zitat vor allem irritiert.

Filmwunder aus der Mottenkiste

Ryan Bellgardt ist ein Bürger des US-Staates Oklahoma. Dort drehte er auch seinen Film. Echte Schauspieler konnte er nicht in die örtliche Wildnis locken (oder bezahlen), sondern musste auf lokale Laien zurückgreifen. Sie gehörten in ihrer Mehrzahl wahrscheinlich einem jener Historienvereine an, die ihre Freizeit damit verbringen, sich als Soldaten zu verkleiden und den Bürgerkrieg nachzuspielen. (Monster-Darsteller Eric Gesecus verkauft übrigens Versicherungen.) Diese Zeitgenossen verfügen zudem privat über nachgeschneiderte Uniformen, Waffen und Ausrüstung, was wichtig ist, wenn auch für Kostüme und Kulissen keine Mittel vorhanden sind. Trotzdem hielt sich die Zahl der Mitwirkenden in Grenzen, was einen eher stilisierten Bürgerkrieg bedingt: Gewaltige Entscheidungsschlachten werden von ca. 10 Kriegern ausgefochten, die mit einer einzigen Kanone ins Feld ziehen. Auf anscheinend immer derselben Waldlichtung werden ein halbes Dutzend Zelte aufgeschlagen, die das jeweilige Feldlager der Blauen oder der Grauen andeuten.

In diesem Umfeld musste Bellgarth auch im Detail Kompromisse eingehen, was u. a. dazu führt, dass die meisten der auftretenden ‚Soldaten‘ entweder recht beleibt oder erstaunlich alt – oft sogar beides – sind. Da sich ihre gemimten Metzeleien auf die Wochenenden beschränken, gehen sie nur oberflächlich in ihren Rollen auf, was Bellgardt auf ganz spezielle Weise auszugleichen versuchte. Nachdem er zumindest flüchtige Blicke auf zeitgenössische Fotos geworfen hatte, erstand er Pinsel und Staubwedel, aus denen zeitgenössische ‚Bärte‘ gebastelt wurden. Selbst angemalt wären die Haarprachten überzeugender, wobei ‚überzeugend‘ ohnehin kein Wort ist, das für diesen Films geprägt wurde.

Als Beweis genügt ein Blick auf ‚Washington‘, wie es von sicherlich leistungswilligen aber entweder fachlich ratlosen oder unterbezahlten und daher rachsüchtigen ‚Tricktechnikern‘ realisiert wurde. Sollte es so etwas wie analoge Digitaltechnik geben, weiß man nun, wie diese aussehen würde. Auch sonst ließen sich die engagierten (oder zur Mitarbeit erpressten) Spezialisten primär von PC-Games der 1990er Jahre inspirieren. Marginal besser gelangen handgemachte Effekte; besonders der Fachmann für abgerissene Arme kam deshalb mehrfach zum Einsatz.

Bauerntheater – US-Style

Wer nunmehr glaubt, dass es schlimmer nicht kommen könnte, hat verdrängt, wen Bellgardt vor die Kameralinse getrieben hat. Im Interview gab er preis, aus Kostengründen auch für die Hauptrollen Laien angeheuert zu haben. Offenbar mussten diese eine Vereinbarung unterzeichnen, die ihnen bei schrecklicher Strafe untersagte, schauspielerische Qualitäten zu entfalten. Niemand ist vertragsbrüchig geworden, wie dieser Rezensent seinen Lesern notfalls eidesstattlich versichern kann!

In seiner Bedrängnis scheint der Regisseur sogar einen jugendlichen Verwandten rekrutiert zu haben; Christian Bellgardt spielt als Igor sämtliche Kolleginnen und Kollegen krachend an die Wand, ohne mit schauspielerischem Talent gesegnet zu sein: Er gibt einfach seinem Spieltrieb nach und tut instinktiv das Richtige in einem Heer chargierender Anti-Mimen. Eine besondere Erwähnung verdient unter ihnen zweifellos Donald Taylor als ‚Abraham Lincoln‘ – man muss den Namen des Präsidenten in Anführungsstriche setzen, um zu vermeiden, von seinem erzürnten Geist heimgesucht zu werden. Mit jener Mischung aus aufgeweichtem Zeitungspapier und Lebensmittelfarbe, die in diesem Film echte Masken ersetzen muss, manifestiert sich ein Lincoln, der fatal an die Mumie des ägyptischen Pharaos Ramses II. erinnert und den Taylor ebenso unfreiwillig wie wirkungsvoll mit lächerlichem Leben füllt.

Bellgardts Geheimnis bleibt es, wieso er die beiden weiblichen Hauptrollen ausgerechnet an Afroamerikanerinnen vergab, die man Anno 1865 auch in den Lazarettzelten der Nordstaatler sicherlich vergeblich gesucht hätte. Immerhin fand Bellgardt mit Raychelle McDonald und Shellie Sterling zwei Darstellerinnen, die sich nahtlos in das harthölzerne Ensemble einfügten.

Nachdem sich das Opus zu allem Überfluss schändlich in die Länge zieht, weil sich Bellgardt und Cutter Andy Swanson von keiner gedrehten Szene trennen konnten, gipfelt es in einem dreifachen Finale, das verdächtig an Sam Raimis „Army of Dead“ (1992; dt. „Armee der Finsternis“) erinnert, wie überhaupt die Figur Alan Jones eine Kopie des S-Mart-Geisterjägers Ash (alias Bruce Campbell) ist. Die Schlusstitel laufen an und lenken die Aufmerksamkeit des zuvor vom surrealen Geschehen abgelenkten Zuschauers auf die Filmmusik, was den Abschied ungemein erleichtert und das Gesamturteil unterstreicht: „Army of Frankensteins“ ist ein Home Movie, das vor Mitspielern, Verwandten und Fans auf ein im Keller des Regisseurs aufgespanntes Bettlaken projiziert werden sollte aber keinesfalls auf eine professionelle Leinwand gehört.

DVD-Features

Dass man auf der Suche nach einem Verkaufserfolg mit „Army of Frankensteins“ keinen Schatz gehoben, sondern ins sprichwörtliche Klo gegriffen hatte – und das bis zur Schulter! -, dürfte dem deutschen Label bewusst gewesen sein. Weil selbst unverfrorene Rosstäuscherei – gern „Werbung“ genannt – in diesem Fall wenig gefruchtet hätte, hielt man die Kosten möglichst niedrig, verzichtete auf Untertitel oder Extras und sprach wegen der Synchronisierung vermeintlich inklusionsbereit den örtlichen Verein für Kehlkopfgeschädigte an.

Auf Facebook gibt es diese Adresse.

Kurzinfo für Ungeduldige: Ein verrückter Wissenschaftler schickt versehentlich 100 wiederbelebte Frankenstein-Monster in das Jahr 1865 zurück, wo sie im US-Bürgerkrieg für Verwirrung sorgen, die einige Hinterher-Zeitreisende zu korrigieren versuchen … – Inhaltlich wie formal nicht nur krude, sondern in jeder Hinsicht misslungene Horror-‚Komödie‘, die höchstens aufgrund der mimisch inkompetenten Darsteller erheitert: eine komplette, von Dilettanten dreist zusammengeschusterte sowie plump synchronisierte Katastrophe!

[md]

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