autumnAutumn of the Living Dead

Originaltitel: Autumn (Kanada 2009)
Regie: Steven Rumbelow
Drehbuch: David Moody u. Steven Rumbelow
Kamera: Stephen Crone
Schnitt: Steven Rumbelow u.  Anthony Valenti
Musik: Craig McConnell
Darsteller: Dexter Fletcher (Michael), Dickon Tolson (Carl), Lana Kamenov (Emma), Anton Brejak (Kyle), David Carradine (Philip), Tricia McMurtry (Kate), Jody Willis (Jeffries), Marisa Zaza (Jenny), André Bharti (Ralph), Leanne Dixon (Sandra), Jay Ould (Clown), Diane Salema (Philips Mutter) uva.
Label: Savoy Film
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 16.10.2009 (Kauf-DVD)
EAN: 4041658500432
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1; anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 2.0 (Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min.
FSK: 16

Das geschieht:

Es geschieht (wie üblich) von einer Sekunde auf die andere: Vermutlich ein Virus fällt über die gesamte Menschheit her. Männer, Frauen und Kinder gehen blutspuckend zu Boden und hauchen ihr Leben aus. Geschockte Überlebende irren verloren zwischen den Leichen umher.

Lehrer Michael, Medizinstudent Carl und die junge Emma gehören zu denen, die sich verängstigt im Gemeindesaal ihrer nun toten Stadt versammeln, wo sie auf Hilfe warten, die indes nicht kommt. Als Michael dies begreift, ruft er dazu auf, aktiv zu werden und sich auf dem Land eine Unterkunft zu suchen, die nicht durch Millionen verrottender Leichen in Mitleidenschaft gezogen wird.

Zunächst will sich ihm niemand anschließen. Das ändert sich, als sich in der Nacht die Toten plötzlich zu rühren beginnen und wenig später durch die Straßen taumeln. Sie haben keinen Puls, können nicht sprechen oder zeigen überhaupt Anzeichen von Intelligenz. Noch während sie auf den Beinen stehen, beginnen sie zu verwesen.

Michael, Carl und Emma verlassen die Stadt. In einer abgeschiedenen Waldregion finden sie ihr neues Heim auf einer alten Farm. Sie richten sich ein, aber nachdem die unmittelbare Gefahr vorüber ist, brechen interne Konflikte aus. Carl ist nach dem Verlust seiner Familie depressiv, Emma leidet unter panischer Zukunftsangst, Michael ist ein Choleriker, der auf seiner Anführer-Rolle besteht.

Als die Vorräte ausgehen, muss das Trio zurück in die Stadt. Dort legen die wandelnden Leichen plötzlich eine ungute Munterkeit an den Tag. Sie sind sehr schnell geworden und nehmen die Lebenden nun durchaus zur Kenntnis, denn sie sind hungrig und gieren nach Fleisch. Obwohl Michael, Carl und Emma ihre Farm wie eine Festung ausbauen, tauchen auch hier bald Zombies in wachsender Zahl auf …

Wie apokalypsentauglich ist der Mensch?

An Anfang war die Idee – keine originelle zunächst, aber eine bewährte, die leicht variiert eigentlich immer zieht: Plötzlich bricht die Zivilisation zusammen. Durch nunmehr leere und nutzlose Städte ziehen wenige Überlebende, die sich einerseits den Problemen ihrer materiellen Fortexistenz stellen und andererseits mit der Katastrophe psychisch fertigwerden müssen.

Weil das in der Regel nicht gerade spannend anzusehen ist, werden die meisten „Post-Doomsday“-Geschichten durch eine äußere Bedrohung aufgewertet. Hier sind es die durch eine mysteriöse Seuche umgekommenen Menschen, die als Zombies wieder zu einer Art Leben erwachen. Ihr genreübliches Verhalten – Wanken, Grunzen, Faulen – wird sacht modifiziert; die Untoten sind zunächst hirnleer und erwerben allmählich die Kontrolle über ihre Sinne und ihre Bewegungsfreiheit zurück; ein kluger Einfall, denn die Gefährlichkeit der Zombies steigert sich kontinuierlich. Tauchen sie einige Zeit nicht auf, weiß der Zuschauer wie unsere Überlebenden nicht, wie sie dieses Mal reagieren werden.

Überhaupt lässt die Story von „Autumn“ einen gewissen Anspruch erkennen. Hier sollte (und konnte) nicht der übliche Zombie-Reißer entstehen, der wackere Helden ständig in Metzel-Gefechte mit schauerlichen Kannibalen-Leichen verwickelt. Autor David Moody interessiert sich viel stärker für die Befindlichkeit derer, die der Katastrophe scheinbar entkamen.

Vom Buch zum Film

„Autumn“, der Film – den für unentschlossene (oder dämliche) Zuschauer in Deutschland angehängten Zusatz „… of the Living Dead“ vergessen wir schnell – geht auf das gleichnamige Buch (dt: „Herbst – Beginn“) zurück, mit dem Drehbuchautor David Moody 2002 seine mehrteilige „Autumn“-Serie begann, die sich bald einer zahlenstarken Leserschaft erfreute.

So etwas verspricht einen Synergie-Effekt, von dem vor allem die Filmwirtschaft gern profitiert. „Autumn“, der Roman, entstand in England und spielt auch dort. Der Film entstand und spielt allerdings in und bei Hamilton in der Provinz Ontario: Auch für das europäische Kino kann es aus Kostengründen interessant sein, nach Kanada zu gehen.

Denn Geld war allzu offensichtlich ein Problem. „Autumn“ ist eine Low-Bugdet-Produktion. Für eine Geschichte, die nichts Geringeres als den Untergang der Menschheit thematisiert, ist jedoch ein gewisser Aufwand auch dann wichtig, wenn sich der Blick auf eine kleine Gruppe konzentriert. „Autumn“ spielt nicht ausschließlich auf dem Land, sondern auch in städtischer Kulisse. Das „Ende der Welt“ beschränkt sich hier auf wenige hundert Meter eines offenbar aufgegebenen Güterbahnhofs, dessen einziger Schienenstrang von Straßen gesäumt wird. In diese ‚Kulisse‘ wurden einige vom Schrottplatz geholte Pkw, Busse und Lastwagen gerollt. Weil er immer wieder genutzt wird, lernen wir diesen Schauplatz sehr gut kennen.

Not macht – in Maßen – erfinderisch

Bei den Gruselfreunden kam der Versuch eines philosophischen Zombie-Kammerspiels schlecht an. Dieses Publikum ist entweder nicht willens, auf  Splatter-Orgien zu verzichten, oder das Genre selbst ist ungeeignet für eher feine Tonlagen. Zombies sind so schrecklich (und) interessant, dass darüber die Querelen noch lebender Zeitgenossen zur Nebensache werden. Wären die Menschen einfach tot umgefallen und geblieben, hätten Regisseur Rumbelow und Autor Moody ein gewichtiges Problem vermieden.

Obwohl das Drehbuch nicht so schlecht ist, wie es allgemein gemacht wurde – dazu weiter unten mehr -, wirkt die forcierte Konzentration auf drei lebende Figuren angesichts der globalen Katastrophe vor allem wie eine Notlösung: Wenn Michael, Carl und Emma sich in ihrem neuen Alltag zurechtzufinden versuchen, ist dies filmisch kostengünstig weil ohne Spezialeffekte und Zombie-Make-up umzusetzen.

Trotzdem hat sich das Trick-Team wacker geschlagen. Die Zombie-Masken sind vermutlich ebenfalls Notlösungen, aber sie tragen der Genre-Konvention Rechnung: Diese Untoten verrotten sichtlich. Hier werden nicht nur Statistengesichter grau und schwarz angemalt. Masken und künstliche (= angenagte) Körperteile kommen zum Einsatz. Der Blick in diese Fratzen erzeugt deshalb zuverlässig die fanseits eingeforderte Übelkeit. (Unkenntlich in der Schar seiner Geschöpfe: Autor David Moody in einem sehr speziellen ‚Gastauftritt‘.)

Konsequenz kann manchmal nicht schaden

Leider vertrauen Rumbelow und Moody nicht auf ihr Konzept. Sie versuchen stattdessen den Spagat. „Autumn“ soll Psycho-Thriller und Horrorfilm sein, und das funktioniert nicht. Ausgefeilte Szenensequenzen beschäftigen sich mit der seelischen Verfassung unserer drei Hauptfiguren. Plötzlich springt die Handlung um und zeigt Zombiesmen, die wir nicht nur aus diversen Romero-Gruslern kennen.

Ohnehin irritiert die stilistische Unausgewogenheit dieses Films. Mit Steven Rumbelow saß ein Veteran des Unterhaltungsgewerbes im Regiestuhl. Zwar hat er wenige Spielfilme inszeniert, doch verzeichnet seine lange Arbeitsliste u. a. 150 Theaterproduktionen. In Kanada ist seine Produktionsfirma „Renegade Motion Pictures“ ansässig, was die Dreharbeiten in diesem Land mitbegründete.

Aufgrund seiner Meriten sollte man meinen, dass Rumbelow eine an sich einfache Geschichte effektvoll erzählen könnte. Tatsächlich ist „Autumn“ eine recht wirre Mischung aus Gelungenem, Missratenem und Rätselhaften; in die letzte Kategorie fallen u. a. Kamera-Effekte der Kategorie „L’art pour l’art“ und artifizielle Rätsel-Szenen, die davon künden, dass Rumbelow auch zahlreiche Musikvideo-Clips gedreht hat.

Alle Professionalität nützt freilich wenig, wenn grundsätzliche filmhandwerkwerkliche Regeln – notgedrungen oder gewollt – missachtet werden. „Autumn“ soll vermutlich bereits in den Filmbildern herbstliche Untergangsstimmung vermitteln. Tatsächlich ist das Bild nur kontrastarm, flau und verwaschen. Weder für den Dreh noch für die Nachbearbeitung scheint hochwertiges Equipment verfügbar gewesen zu sein. „Autumn“ ist deshalb eine Tortur für die Augen.

Der Mensch lernt nur mühsam dazu

In einem Punkt haben Rumbelow und Moody glückliche Händchen gehabt: Nicht nur für die drei Titelrollen, sondern auch für die meisten Nebenrollen konnten sie Schauspieler gewinnen, deren Leistungen dieser Berufsbezeichnung Ehre machen. Natürlich sind Dexter Fletcher und Dickon Tolson keine ‚Stars‘ im (ohnehin überstrapazierten) Sinn dieses Wortes, aber der aufmerksame Zuschauer wird ihre Gesichter aus vielen TV-Serien und Kinofilmen erkennen, wo sie meist in tragenden Nebenrollen mitwirken. Lana Kamenov ist der Neuling an ihrer Seite, aber sie hält mit.

Michael, Carl und Emma verkörpern alles andere als Stereotypen. Sie rappeln sich nicht hollywoodtypisch prompt auf und raufen sich zusammen, um dem Schrecken gemeinsam die Stirn zu bieten. Für eine Lovestory ist ebenfalls kein Raum. Diese drei aus der Bahn geworfenen Menschen sind ganz wie im richtigen Leben geschockt, streitsüchtig und selten einig. Das lässt ihr oft logikfreies Verhalten durchaus verständlich wirken.

Für eine kurze aber wirkungsvolle Szene konnte Rumbelow David Carradine in einer seiner letzten Rollen vor dem ebenso tragischen wie lächerlichen Tod im Juni 2009 anheuern. Gegen sein Klischee besetzt, bietet Carradine eine überzeugende, durchaus ergreifende Darstellung als verstörter Philip, dessen Wahnsinn sich erst nach und nach offenbart.

„Autumn“ endet offen. Während der Roman eine Fortsetzung erfuhr, ist das für den Film unwahrscheinlich. Zu vernichtend fielen die Kritiken aus. Grundsätzlich benötigt die Geschichte aber kein Ende. Der Zuschauer hat genug Anhaltspunkte, um sich das weitere Geschehen selbst auszumalen. Als Film ist „Autumn“ zwar nicht das formale und inhaltliche Desaster, als das er verpönt wird, wird aber trotzdem höchstens als interessantes, jedoch gescheitertes Experiment in die Filmhistorie eingehen.

DVD-Features

Niemand fühlte sich offensichtlich aufgerufen, die Dreharbeiten in einem „Making of“ festzuhalten. Schade eigentlich, denn wie man als Filmemacher aus der Geldnot (fast) eine Tugend macht, wäre sicherlich interessant anzuschauen. David Moody, der stolze Autor der Romanvorlage sowie Drehbuch-Mitautor, hat seine Impressionen vom Filmdreh aber ausführlich auf seiner Website geschildert.

Darüber hinaus gibt es eine Website zum Film.

[md]

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