Ein küstennaher und unterirdisch angelegter Supermarkt wird durch einen Tsunami geflutet; mit den Überlebenden im Wasser schwimmen auch zwei gewaltige und hungrige Weiße Haie … – Der Witz beschränkt sich auf die groteske Ausgangssituation, ansonsten schleppt sich die Handlung voller Klischees von Biss zu Biss; 2D-flach gezeichnete Figuren und hüftsteife Digital-Haie sorgen für zusätzlichen Verdruss: von der Werbung behaupteter ‚Kultfilm‘.

Das geschieht:

Seit ihm ein Weißer Hai seinen Kumpel und Beinahe-Schwager Rory buchstäblich aus den Händen biss, ist Ex-Rettungsschwimmer Josh wasser- und menschenscheu. Die schöne Braut Tina hat er verlassen, und wenn er nicht auf ihr Bild starrt, arbeitet er in einem unterirdisch angelegten Supermarkt, wo ihn der fiese Geschäftsführer Jessup schurigelt.

Der Tiefpunkt ist erreicht, als Tina und ihr neuer Lebensgefährte Steven ihn so sehen. Für Ablenkung sorgt ein schieflaufender Überfall, dem eine Tsunami-Flutwelle folgt. Sie fegt strandnah alles nieder und füllt anschließend nicht nur den Supermarkt, sondern auch das darunter gelegene Parkhaus. Die meisten Einkäufer sowie Einparker ertrinken, das Wasser steigt bis beinahe unter die Decken, weshalb sich die Überlebenden im Supermarkt auf die Regale und im Parkhaus auf die Dächer ihrer Autos flüchten.

Alle Ausgänge sind blockiert, die Handys funktionieren nicht, in dem allgemeinen Chaos ist an Hilfe von außen kaum zu denken. Die Eingeschlossenen müssen sich selbst retten. Dass sie vor allem streiten oder gerade jetzt uralte Familienprobleme besprechen müssen, ist dabei weniger kontraproduktiv als die Erkenntnis, dass die Flutwelle je einen Weißen Hai zwischen die Regale (oben) sowie zwischen die Autos (unten) gespült hat. Nachdem die Raubfische ihre Verblüffung überwunden haben, gehen sie an genannten Orten ihrem Lebensunterhalt nach.

Als immer mehr Pechvögel unter der schmutzigen Wasseroberfläche verschwinden, begreifen die Überlebenden das wahre Ausmaß ihres Dilemmas. Flucht ist nur durch das Wasser möglich, in dem die Haie ihre Bahnen ziehen. Einigung und Einfallsreichtum werden lebenswichtig, eventuelle Fehler umgehend und endgültig durch zuschnappende Kiefer aufgedeckt …

Dumm & blutig = trashig & spaßig?

Spätestens „Piranha 3D“ ließ 2010 die letzten Dämme brechen: Horrorfilme benötigen keine plausible Handlung oder glaubwürdigen Figuren, sondern nur einen dünnen Ereignisfaden, der eine Bluttat mit der nächsten verbindet, sowie möglichst viele und möglichst nackte Jungdarsteller/innen als Kanonen- bzw. Fischfutter. Mit „Piranha 3DD“ wurde dieses Erfolgsrezept 2012 im Detail verfeinert. Mögliche Reste klassisch entwickelter Unterhaltung fielen endgültig dem lautstark zur Tat schreitenden Metzel-Klamauk zum Opfer.

Da Haie immer noch bedrohlicher wirken als Piranhas, wurden natürlich auch die ohnehin geschmähten Großfische den genannten Plumpereien ausgesetzt. „Shark Night 3D“ beschämte 2011 sogar die kleinhirnige Fraktion des anvisierten Publikums. Über die dreisten Beutelschneidereien diverser Billig-Filmer („Mega Shark vs. Crocosaurus“, 2010; „Sharktopus“, 2010; „Two-Headed Shark Attack“, 2012 uva.) sollte endgültig kein Wort verloren werden.

Die Kritik an „Bait“ entzündet sich weder an der lachhaften Ausgangssituation oder den haarsträubenden Verstößen gegen die Logik (sowie allerlei Naturgesetze): Dies ist ein Horrorfilm, der unterhalten und nicht belehren soll. Dieser Zweck heiligt generell die Mittel. Das Maß ist allerdings dann voll, wenn nicht einmal die selbst definierten Grenzen eingehalten und die Zuschauer eindeutig für dumm verkauft werden.

Irgendwie über die Runden kommen

Hier ein Beispiel: Wir regen uns nicht darüber auf, dass gleich zwei großkalibrige Weiße Haie in Supermarkt und Parkhaus geschwemmt werden, obwohl zumindest letzterer, ein wirklich dickbäuchiger Fisch, im autodachniedrigen Wasser eigentlich auf Rädern über den Betonboden schnurren müsste. (Wenn man ihn unter Wasser sieht, hat er trotzdem ein, zwei Meter Wasser unterm Kiel.)

Dagegen ärgert man sich über Dämlichkeiten wie diese: In einem Seitenraum des Supermarktes muss ein Hebel umgelegt werden, um den Strom abzuschalten, der das Wasser zu elektrifizieren droht. Schwimmt jemand dorthin? Nein, ein Genie bastelt aus Einkaufskörben eine Rüstung und steckt sich das Ende eines Gartenschlauches in den Mund, um so UNTER Wasser den Auftrag zu erfüllen. Liegt es an der Schwachsinnigkeit dieses ‚Plans‘, dass der Hai – der natürlich umso besser an besagtes Genie herankommt – es nur peinlich berührt mit der Schnauze stuppst? (Das Genie verendet übrigens wenig später, weil ihm die Luft ausgeht.)

Dabei wartet der Zuschauer zu diesem Zeitpunkt längst sehnsüchtig auf Action-Szenen. Wenn nicht gerade geflüchtet und gestorben wird, sprechen die Supermarkt-Brüchigen nämlich miteinander und verbreiten Langeweile & Verdruss. Wen haben wir da? Einen Cop, der in der Ladendiebin, die er verhaften soll, das ihm nach dem tragischen Tod der Gattin entfremdete Töchterlein erkennt; einen Räuber, der den Supermarkt nur überfällt, um seinen bei Drogendealern verschuldeten Bruder zu retten; eine hohlbirnige Blondine, die sich um ihren Chihuahua stärker sorgt als vor dem Hai fürchtet; einen feigen Widerling, der seine finstere Identität genau dann enthüllt, als Teamwork gefragt ist; eine Verkäuferin, die sich in den Räuber verliebt usw.

„Tragisch“ heißt eigentlich nicht „schaurig“

Zu schlechter Letzt sind da noch Josh und Tina, die sich selbstverständlich immer noch lieben, was sogar Neu-Freund Steven als edler Verlierer problemlos akzeptiert. Diese Hintergrundstory ist ebenso peinlich wie überflüssig; die Haie könnten auch so im Supermarkt ihr Unwesen treiben. Aber selbst ein Trash-Film benötigt offenbar eine Love-Story, auch wenn er & sie letztlich ebensolche Idioten sind wie die übrigen Überlebenden, deren Vorgeschichten wir nicht kennen.

Überhaupt werden Gefühle kleisterdick zelebriert, was einen vagen Verdacht aufsteigen lässt, der sich rasch zur Gewissheit verdichtet: „Bait“ ist eine der modern gewordenen Co-Produktionen mit dem asiatischen Kino. Zwar wurde in Queensland gedreht, und die meisten Darsteller sind Australier. Doch die für den Asia-Film typische Gefühlsduseligkeit wurde für den Geld zuschießenden Partner strikt berücksichtigt. Qi Yuwu gibt als Steven in einer offensichtlich eigens aufgepolsterten Nebenrolle nicht nur das weiter oben genannte Genie, sondern auch einen tragischen Helden. Er stirbt end- und spannungslos, während der Soundtrack schwülstig zum Requiem anschwillt: Joe Ng und Alex Oh sorgen auch sonst für eine vor allem peinliche Untermalung.

Doch die Rechnung ging auf: Während „Bait“ in Australien und auf den übrigen ‚klassischen‘ Kinomärkten jämmerlich versagte, spielte der Film im asiatischen Raum so viel Geld ein, dass „Bait II“ über uns kommen wird: Das nächste Mal erwischt eine haihaltige Flutwelle Los Angeles …

Bits & Baits

Wer wie dieser Rezensent neugierig die Namen derer studiert, die vor und hinter der Kamera gewirkt haben, wird stutzen, wenn er (oder sie) „Russell Mulcahy“ liest. Jawohl, es ist DER Mulcahy, der einst Filme wie „Highlander“ (1986) oder „Blue Ice“ (1992) drehte, bevor seine Karriere in B-Kino und Fernsehen verebbte. Angesichts dieser Mittäterschaft erklärt sich das „Bait“-Desaster: Mulcahy hat schließlich Gurken wie „Highlander II“ oder „Shadow und der Fluch des Khan“ (1994) inszeniert, die negative Filmgeschichte schrieben!

Etwa 20 Mio. Dollar sollen für und in „Bait“ geflossen sein. Wo ist das Geld geblieben? Der Supermarkt – die Hauptkulisse – sieht bereits über Wasser kläglich aus. Ansonsten wird eine Parkhausebene geflutet und mit Autowracks vom Schrotplatz dekoriert. Die Tsunami-Szenen haben höchstens TV-Niveau.

Was die Haie angeht, so macht der Zuschauer die betrübliche Erfahrung, dass sich in Sachen digitaler Hai-Belebung seit „Deep Blue Sea“ (1999) rein gar nichts getan hat. Selbst mühsam über den Wasserspiegel gehobene Gummischnauzen wirken bedrohlicher als jene bewegungssteifen, stets künstlichen Trickfische, die nie wirklich mit dem Wasser verschmelzen. Wenigstens die überall umher dümpelnden Leichen, Köpfe und Körperteile sind hübsch hässlich geraten. Auch Cariba Heines salzwasserfestes Waschbärenaugen-Make-up verdient eine lobende Anmerkung. Es hält bis ins ebenso turbulenten wie lahmen Finale.

Was wie ein Widerspruch klingt, klärt sich sofort, wenn man diese Szenen sieht: Männlein und Weiblein fallen sich wiedervereint in die Arme, und es folgt noch ein musikalisch würdevoll untermalter Blick auf die tsunamiverheerte Küste, bevor die einzige echte Überraschung nicht sicht-, sondern als Schlusstitel hörbar wird: eine richtig gute Rock-Version der „Moritat von Mackie Messer“ aus Kurt Weils & Bertold Brechts „Dreigroschenoper“ von 1928! („Und der Haifisch, der hat Zähne …“ bzw. hier „Oh, the shark, babe, has such teeth, dear“.) Der Regisseur, der auch Musiker ist, hat es höchstpersönlich mit einer Band namens „The Slice“ – sehr passend! – eingespielt.

DVD-Features

Passend zum Film kommen auch die Extras aus der Tüte: ein „Making of“ (= notdürftig verkappte Zusatzwerbung), Interviews mit Cast & Crew (= Lügen über die wunderbaren Erfahrungen, an diesem Meisterwerk mitgewirkt haben zu dürfen) sowie der Trailer.

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Bait – Haie im Supermarkt
Originaltitel: Bait (Australien/Republik Singapur 2011)
Regie: Kimble Rendall
Drehbuch: John Kim u. Russell Mulcahy
Kamera: Ross Emery
Schnitt: Rodrigo Balart
Musik: Joe Ng u. Alex Oh
Darsteller: Xavier Samuel (Josh), Sharni Vinson (Tina), Julian McMahon (Doyle), Phoebe Tonkin (Jaime), Dan Wyllie (Kirby), Alice Parkinson (Naomi), Damien Garvey (Colins), Lincoln Lewis (Kyle), Cariba Heine (Heather), Martin Sacks (Todd), Alex Russell (Ryan), Adrian Pang (Jessup), Qi Yuwu (Steven), Richard Brancatisano (Rory) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 19.07.2013 (Verkauf)
EAN: 0888837214599 (DVD)/0888837214698 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch (für Hörgeschädigte)
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min. (Blu-ray: 92 min.)
FSK: 16

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