Journalistin Anne recherchiert im Fall eines unter mysteriösen Umständen verschwundenen Freundes; sie findet nicht nur Belege für vertuschte CIA-Schweinereien, sondern gerät auch ins Visier fremddimensionaler Kreaturen, die ihr im Diesseits hartnäckig folgen … – Nach einer klassischen Horrorstory entstandener Mystery-Thriller, der eine bizarre Idee spannend umsetzt, aber sichtlich mit begrenztem Budget entstand: trotzdem sehenswert.

Das geschieht:

Während des Studiums waren Anne und James beste Freunde, doch später trennten sich ihre Wege. Während Anne sich als Online-Journalistin durchschlägt, wurde James ein bekannter Schriftsteller, der sich auf abseitige Themen konzentrierte. Zuletzt beschäftigte er sich intensiv mit dem berüchtigten Projekt „MK-Ultra“: Während des Kalten Krieges experimentierte der US-Geheimdienst mit obskuren Drogen, die den menschlichen Geist lenkbar machen sollten. Dabei wurden auch ahnungslose Freiwillige als Versuchskaninchen missbraucht, was oft schreckliche Folgen hatte.

Aus einer trüben Quelle konnte sich James eine der damals verwendeten Drogen beschaffen. Sein Selbstversuch mit diesem „Dimethyltryptamin“ endete tragisch: James verschwand spurlos, nachdem er seltsame Stimmen und Musik zu hören begonnen und eine unheimliche Kreatur sich ihm angeblich an die Fersen geheftet hatte.

Anne sichtet die hinterlassenen Unterlagen. Es gelingt ihr, den Ursprung der Droge zu ermitteln: Der Skandal-Schriftsteller und selbsternannte Freigeist Thomas Blackburn hatte sie ihm verschafft. Unter falschem Namen verschafft sich Anne Zugang, doch Blackburn durchschaut ihre Tarnung und trickst sie aus, indem er ihr heimlich eine Dosis des Mittels verabreicht.

Doch dieser Schuss geht nach hinten los, denn was Anne wie James aus einer fremden Dimension zu verfolgen beginnt, will auch Blackburn an den Kragen. Journalistin und Schriftsteller bilden eine Notgemeinschaft und ergreifen die Flucht. Die Wesen aus den Schatten lassen allerdings nicht mehr locker. Mehrfach können Anne und Blackburn ihnen gerade noch entwischen. Es gibt nur eine Möglichkeit, sich zu retten: Das Ursprungsportal in die andere Welt muss verschlossen werden. Es wurde einst unwissentlich in einem geheimen CIA-Bunker geöffnet. Dort treffen Diesseits und Jenseits aufeinander – und Anne findet endlich heraus, welches Schicksal Freund James erlitten hat …

Unsichtbar aber womöglich real

Bereits 1920 schrieb der US-amerikanische Schriftsteller Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) eine Story, die erst vierzehn Jahre später veröffentlicht wurde. „From Beyond“ erzählt die Geschichte des Forschers Tillinghart, der eine Maschine erfindet, die ihm den Blick in fremde Dimensionen ermöglicht. Normalerweise bleiben diese dem Menschen verschlossen, was gut so ist, denn die fremden Welten sind von seltsamen, erschreckend anzusehenden Kreaturen bevölkert. Als diese den Besucher bemerken, ist es um Tillinghart geschehen; sie folgen ihm durch das maschinengeschaffene Portal und bekommen ihn schließlich zu fassen.

Lovecraft war weder der erste noch der einzige Autor, der sich mit der Idee ‚paralleler‘ Realitätsebenen beschäftigte, die sich einerseits überlappen, während sie andererseits so voneinander getrennt sind, dass ihre potenziellen Bewohner einander niemals zu Gesicht bekommen. In „From Beyond“ griff Lovecraft diese Theorie auf und spann sie mit der ihm eigenen Imaginationskraft aus. Er griff dabei auf aktuelle naturwissenschaftliche Erkenntnisse zurück. Lovecraft war fasziniert davon, was Albert Einstein und andere Forscher erkannt hatte: Die scheinbar so wohlgeordnete Realität ist nur die Spitze eines kosmischen Eisberges, auf dem sich der Mensch als Krone der Schöpfung fühlt, ohne es womöglich zu sein.

Seither hat die Wissenschaft eindrucksvolle Fortschritte gemacht. Parallele Welten, Wurmlöcher, Dimensionen, die sich höchstens mathematisch erahnen lassen: Die Forschung holt rasant auf, was einmal der Science Fiction vorbehalten war. Auf diese Weise entsteht neuer Input für die Populärkultur, die ideenreich (und ohne der Realität verpflichtet zu sein) ahnungslose Erdmenschen in Kontakt mit hypothetischen Welten treten lässt.

Der Fremd-Faktor und seine Folgen

„Banshee Chapter“ ist eine Variation der Lovecraft-Story, die Stuart Gordon bereits 1986 unter ihrem ursprünglichen Titel leidlich werkgetreu verfilmt hatte. „From Beyond“ gilt als moderner Klassiker des Horrorfilms und schwelgte in kruden Effekten, bei denen dem Zuschauer Hören & Sehen vergehen sollte. Gordon bediente sich der Tricktechnik, um das Fremde aus der unklug bereisten anderen Dimension fassbar zu machen. Blair Erickson musste darauf schon aus finanziellen Gründen verzichten: In nur 28 Tagen und für knapp unter 1 Mio. Dollar entstand „Banshee Chapter“. Selbst CGI-Ungeheuer waren damit unerschwinglich.

Ohnehin geht Erickson das Thema anders an. „Fremd“ bedeutet für ihn: dem Menschengeist nicht wirklich begreiflich. Selbst Lovecraft, der sich große Mühe gab, die andere Dimension mit bizarren Kreaturen zu beleben, orientierte sich letztlich an Vorbildern, die – wie konnte es auch anders sein – fest in der menschlichen Vorstellung wurzelten. Als solche lassen sie sich erkennen und identifizieren. Sicher wirken sie furchteinflößend. Echten Schrecken verbreiten sie jedoch nicht.

Erickson macht aus der Geldnot eine Tugend. Die erwünschte Irritation stellt sich beim Publikum zuverlässig ein, weil dieses nur bruchstückhaft informiert wird. Selbst die handfesten Manifestationen der fremden Wesen bleiben unklar und unverständlich, weil sie keinen Sinn ergeben. Wirre Zahlenfolgen, ätherische Musik oder verzerrte Funksignale sind nur Begleiterscheinungen ihrer Präsenz, die womöglich für ganz andere Phänomene stehen. Der beschränkte Menschengeist versucht sich an einer ‚Übersetzung‘, die notgedrungen verfälscht, was seinen Verständnishorizont übersteigt.

Die Angst vor der Dunkelheit

Während der Mensch gelernt hat, die Schrecken der Dunkelheit durch künstliches Licht zu bannen, gibt es gegen Bedrohungen aus den Faltenwürfen der Realität keine Rettung. Anne Roland ist doppelt gehandicapt: Sie kennt ihre Gegner nicht und ist ihnen deshalb ausgeliefert, während diese sich inzwischen in dieser Welt eingelebt haben.

Das Portal zwischen den Dimensionen wurde ungewollt geöffnet. Während Lovecraft und Gordon noch den Übereifer des klassischen ‚besessenen‘ Forschers geltend machten, der allerlei Ungeheuer in und über diese Welt brachte, greift Erickson auf das banale Böse zurück.

Die USA standen einmal für die Freiheit ihrer Bürger, die sich nicht mehr von einer übermächtigen Regierung, dem Adel oder der Kirche gängeln lassen wollten. Längst hat sich dieses Ideal in Luft aufgelöst bzw. in sein Gegenteil verkehrt. Nie wurde diese Freiheit im Namen der Freiheit übler missbraucht als heute.

Um den ‚Feind‘ zu bekämpfen, ist offensichtlich jedes Mittel recht. Vor allem die Geheimdienste brachen und brechen wissentlich Menschenrechte. „MK-Ultra“ ist keineswegs ein Drehbuch-Einfall, sondern eines jener Körnchen Wahrheit, die einem Film gern beigefügt werden, um die Glaubwürdigkeit zu steigern. Regierungsorgane haben in der Tat mit Drogen experimentiert, Testkandidaten über mögliche Nebenwirkungen belogen oder sich an Gefangenen vergriffen. Erickson beginnt seinen Film mit echten Dokumentaraufnahmen, in denen sich ehemals an solchen Experimenten beteiligte Geheimdienstler und Forscher wie Würmer vor der Kamera winden, weil sie zugeben müssen, wie gleichgültig ihnen die Gesundheit ihrer Opfer war.

Den Teufel irrtümlich am Schwanz gepackt

Natürlich wollte die CIA kein Dimensionsportal aufstoßen. Gehirnkontrolle war das Ziel. Deshalb beißt sich der „MK-Ultra“-Plot mit der Bedrohung von ‚drüben‘. Für die Geschichte wirklich notwendig und deshalb überzeugend ist er nicht, denn es fehlt eine elementare, daraus erwachsende Bedrohung: Zu keinem Zeitpunkt bekommt die inkriminierte Regierung Wind von den Ermittlungen. Also reagiert sie auch nie. Allein die Kreaturen aus dem Nichts sind hinter James und später Anne her.

Generell ist die Story vom Mittel, das dem Menschenhirn übernatürliche Sinne verleiht, dem klassischen Horror sogar noch näher als Lovecrafts Vorlage. Wo dieser auf Hightech setzt, wird bei Erickson der Wirkstoff aus den Zirbeldrüsen von Leichen gesogen. Dr. Kessel ist denn auch weniger der Apparatschik einer kriminell gewordenen Regierung, sondern eher ein moderner Dr. Frankenstein, der auf der Suche nach Wissen moralische Skrupel über Bord geworfen hat.

Ein weiterer Schwachpunkt ist die Motivation der Fremdwesen. Was wollen sie auf dieser Welt, die ihnen niemals Heimat werden kann? Welchen Sinn ergibt die offenkundig eingeleitete Invasion? Wie können sie jemals auf Erfolg hoffen, wenn sie so unorganisiert vorgehen? Neue Portale öffnen sich anscheinend nur, wenn jemand Dimethyltryptamin schluckt. Da kann man den Kreaturen nur wünschen, dass niemand das Rezept vergisst.

Eine Banshee ist nach keltisch-irischem Volksglauben ein (weiblicher) Geist, der das Jenseits mit dem Auftrag verlässt, den Menschen einen bevorstehenden Sterbefall anzukündigen. Ein „Banshee Chapter“ wollte James Hirsch seinem neuen Buch einfügen. Er bezog sich damit scherzhaft auf die Droge, die ihm sicherlich entsprechende Halluzinationen bescheren würde. Sie wollte James in einem Kapitel beschreiben, doch primär ging es ihm um das sehr diesseitige Projekt „MK-Ultra“.

Verloren in der Wirklichkeit

Wenn sich die Grenze zwischen den Dimensionen auflöst, ohne dass dies (s. o.) entsprechend visualisiert werden kann, müssen gute Drehbucheinfälle und ebensolche Schauspieler einspringen. Erickson arbeitet mit (der Abwesenheit von) Licht und Schatten. Hinzu kommen irritierende Geräuscheffekte und ein sorgfältig das Geschehen mittragender Musikscore. Was nur aus den Augenwinkeln ‚sichtbar‘ wird, ängstigt oft stärker als der direkte Anblick des Verfolgers. Dieser tritt nur einmal halbwegs deutlich ins Dämmerlicht – gut so, denn die Maske ist ärmlich.

„Banshee Chapter“ ist über weite Strecken ein Zwei-Personen-Stück. Es wird von zwei sehr unterschiedlichen Darstellern getragen. Ted Levine ist einer jener Veteranen, die praktisch jede Rolle spielen können. Als ausgebrannter, halb verrückter Blackburn orientiert er sich stark am Vorbild des Gonzo-Journalisten Hunter S. Thompson (1937-2005). Levine ist großartig in seiner heruntergekommenen Grandezza, hinter der eine verlorene Seele steckt, deren Geheimnis erst im Epilog gelüftet wird.

Die in Schweden geborene Katia Winter hält sich gut als zwar hübsche aber vor allem entschlossene Journalistin, die dem Macho Blackburn Paroli bietet und dort hartnäckig bleibt, wo dieser lieber die Flucht ergreifen möchte. Bemerkenswerterweise erspart Erickson sich und uns die auch im Horrorfilm allzu obligatorische Love-Story, und ihre Kleidung behält Winter ebenfalls an: Hier steht die Geschichte im Vordergrund.

„Banshee Chapter“ ist trotzdem kein rundum gelungener Film. Über altmodischen „Buh!“-Grusel ist Erickson keineswegs erhaben, das Finale samt ‚schockierendem‘ Schlusstwist wirkt sogar ziemlich abgedroschen. Der Abstand zwischen Anspruch und Filmwirklichkeit klafft nicht so breit wie bei anderen Werken, die echten Ehrgeiz deutlich machen. Erkennbar ist er aber doch, was den Effekt durchaus einschränkt. Allerdings ist dies ein Jammern auf vergleichsweise hohem Niveau; wer anderthalb Stunden „Annabelle“ durchlitten hat, wird wissen, was damit gemeint ist.

DVD-Features

Die Extras blieben auf das Nötigste beschränkt: Zum Blick hinter die Kulissen kommen ein „Making of“ sowie der Original Kinotrailer.

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