BaskinFünf Polizisten geraten während einer Nachtstreife in die Gewalt eines höllischen Kultes, dessen Anführer sie bereits erwartet und grässliche Vorkehrungen für ihren ‚Empfang‘ getroffen hat … – „Baskin“ kann mit keiner stringenten Story dienen, sondern ist eine metaphysisch anmutende Höllenfahrt, die den Zuschauer durch stimmungsvolle Bilder fesseln, durch selten gelöste Rätsel aber ebenso verärgern kann: Retro-Horror im Stil Mario Bavas, Dario Argentos u. ä. Kino-Mystiker, wobei es vor der Kamera zeitweise denkbar drastisch zur (blutigen) Sache geht.

Das geschieht:

Fünf auch privat befreundete Polizisten schlagen irgendwo im türkischen Hinterland die Nachtzeit tot; sie müssen die Friedhofsschicht schieben, die sie nach einem guten Abendessen normalerweise schlafend in ihrem versteckten Wagen verbringen. In dieser Nacht läuft schon früh einiges schief. Um den frisch zur Truppe gestoßenen Arda zu beeindrucken, erzählt der reizbare Yavuz von haarsträubenden Sexkapaden. Als ein zufällig anwesender Tellerwäscher darüber lacht, wird er verprügelt. Kollege Seyfi verliert in der Toilette kurz den Verstand. Arda erzählt seinem Vorgesetzten Remzi von einem Traum, der ihn seit der Kindheit quält. Remzi ‚sieht‘ ein Kapuzen-Phantom, das ihn schon lange verfolgt.

Ein Notruf befiehlt das Quintett in die verrufene Stadt Inceagac. Dort soll es umgehen, was natürlich kein Grund ist, den Einsatz zu verweigern. Die Fahrt durch die Nacht nimmt ein böses Ende. Fahrer Seyfi übersieht und überrollt einen urplötzlich auf der Fahrbahn auftauchenden Mann. Der Wagen bricht aus, landet in einem Fluss und ist fahruntüchtig. Die Funkverbindung zur Zentrale ist gestört. Von dem Unfallopfer findet sich keine Spur. Irritiert befiehlt Remzi, die kurze Strecke nach Inceagac zu Fuß zurückzulegen.

Am Ziel entdecken sie vor einer uralten, längst verlassenen Polizeistation aus der Zeit des Osmanischen Reiches einen leeren Streifenwagen. Im Inneren finden sie Blut und andere Körperflüssigkeiten, Augäpfel sowie einen Polizeikollegen, dem es vor Schreck die Sprache verschlagen hat. Deshalb kann er die Neuankömmlinge nicht warnen, dass sich im Keller der Station ein mörderischer Kult niedergelassen hat, der seine Opfer unter der Leitung des „Vaters“ grausam foltert und umbringt. Kurz darauf geraten auch Remzi und seine Leute in Gefangenschaft. Nicht der drohende Tod sorgt für den wahren Schrecken, sondern die Erkenntnis, dass man womöglich ein Portal zur Hölle aufgestoßen hat …

Gesucht – gefunden: Alternativ-Horror

Der Horror-Freund ist stets auf der Suche nach frischer Gruselware. Das bringt das Genre mit sich, denn es ist ein Sammelbecken für jene, die der festen Überzeugung sind, dass sie dem Publikum möglichst originalähnliche Kopien bewährten Schreckens präsentieren sollen. So stellt sich das Ergebnis erwartungsgemäß und vor allem im Film dar: Qualitätsabstinentes Klon-Kino sorgt für Verdruss, Gähnen und geistige Abwesenheit dort, wo Wut und Vergeltungsmaßnahmen angeraten wären.

Je öfter man mit solchem Ausschuss gequält wurde, desto stärker wächst das Bedürfnis nach Originalität. Eine positive Folge ist die Bereitschaft, über den Tellerrand ins Unbekannte zu blicken. Wer würde sonst einem türkischen Horrorfilm eine Chance geben? Was normalerweise an Genrekost aus diesem Land dringt, erreicht eher selten ein breites bzw. denkfähiges Publikum, das sich darüber durchaus glücklich schätzen kann. Noch schlimmer trifft es jene, die sich dem aussetzen, was das deutsche Kino und Fernsehen auf ihre Opfer loslassen: Man darf zwischen Dumpfdöner-Klamauk oder politisch korrekter, lehrreicher Betroffenheit ‚wählen‘, was in keinem Fall die Bereitschaft weckt, die Türkei als Filmland zu entdecken.

Auch „Baskin“ dürfte keine kollektive Begeisterung wecken. Zu fremd i. S. von abgedreht kommt dieser Film inhaltlich wie formal daher. Zudem kann man ihn auch objektiv nicht als gelungen bezeichnen. Allerdings bietet Regisseur und Drehbuch-Mitautor Can Evrenol Kino-Horror außerhalb der Norm, was keineswegs seiner Herkunft geschuldet ist: „Baskin“ dürfte auch die meisten türkischen Zuschauer ratlos zurücklassen.

Höllenfahrt plus Zeitschleife

Die Geschichte spielt zwar in der Türkei, könnte sich aber an jedem anderen Ort der Welt ereignen; ein Vorteil, weil Evrenol primär ein Gruselgarn spinnen will, statt seinem Heimatland ein cineastisches Denkmal zu setzen. Für seinen ersten Spielfilm – der auf einer gleichnamigen Kurzfilm-Vorlage von 2013 basiert – orientiert er sich offenkundig am europäischen Horrorkino der 1970er Jahre und hier vor allem am italienischen Grusel à la Mario Bava oder Dario Argento: Die Stimmung ist wichtiger als die Story, die keineswegs stringent entwickelt wird. Wie Quentin Tarantino in „Pulp Fiction“ bricht Evrenol gern mit der Chronologie, springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her und investiert viel Zeit in faktisch irrelevante Nebenstränge; so können wir unsere fünf Polizisten lange Minuten dabei beobachten, wie sie einen türkischen Rap-Song interpretieren.

Obwohl wir Remzi, Yavuz, Arda, Apo und Seyfi in der ersten Filmhälfte ausgiebig bei ihren Plänkeleien, Unterhaltungen und Macho-Spielchen beobachten können, bleiben sie uns fremd. Über ihre sozialen und familiären Hintergründe erfahren wir nichts – ein Kunstgriff, den Evrenol generell einsetzt: In welcher Stadt arbeiten die Männer? Wo liegt Inceagac? Alles bleibt ungewiss. Fremde und Isolation werden durch die permanente Dunkelheit verstärkt. „Baskin“ wurde ausschließlich nachts gedreht. Die fünf Polizisten wirken oft wie die einzigen Menschen auf einer verlassenen Erde. Sie scheinen viel Zeit miteinander und in ihrem rostigen Polizei-Bus zu verbringen, den sie ungern verlassen, um ihrem Job nachzugehen.

Worum geht es in dieser Geschichte? Evrenol spart nicht mit Hinweisen, liebt jedoch das Rätselhafte, weshalb viele Andeutungen ins Leere laufen. Darüber hinaus wird man den Verdacht nicht los, dass zahlreiche Erklärungslücken einem Drehbuch geschuldet sind, das sich ein wenig zu nonchalant über jede Logik hinwegsetzt. Der Zuschauer soll sich vieles zusammenreimen, wird dabei jedoch irgendwann scheitern. Dann muss er (oder sie) selbst entscheiden, ob beunruhigende oder surreale Bilder zufriedenstellenden Ersatz bieten.

Hölle auf Erden

Optisch liefert „Baskin“ Beachtliches. Das Budget soll bei gerade 350000 Euro gelegen haben, was man dem Film nicht ansieht. Kameramann Alp Korfali ringt seinem Arbeitsinstrument auch und gerade in der allgegenwärtigen Düsternis großartige Bilder ab. Das Grauen wird, als es sich endlich manifestiert, ungemein nachdrücklich in Szene gesetzt. Wieder mag der Zuschauer entscheiden, ob es unsere Polizisten mit ‚echten‘ Dämonen aus der Hölle oder mit zwar weltlichen aber völlig durchgeknallten Kultisten zu tun bekommen: Was sich da tief unter der Erde zerschunden, verstümmelt und blutig aber ekstatisch aus der Dunkelheit schält, sieht jedenfalls buchstäblich zum Fürchten aus. Offenbar kennt und schätzt Evrenol auch Clive Barkers „Hellraiser“.

Wenn man sich auf das Geschehen konzentriert, lässt sich zudem ein thematischer Zusammenhang zwischen diversen Szenen herstellen, mit denen der Regisseur uns zuvor wie willkürlich konfrontiert hatte. Zur Höllenfahrt gesellt sich eine Zeitschleife, das Ende ist für sämtliche Beteiligten unerfreulich. Auf der Strecke bleibt im letzten Drittel indes die Mystik. Weil man nicht weiß, wieso „Vater“ und seine Brut die gefangenen Polizisten foltern und töten, zieht sich dies selbst unter Voraussetzung eines ‚Sinns‘ tortureporngleich in die Länge.

Dass man sich nicht nur auf die gelungenen Metzeleffekte konzentrieren muss, um die Langeweile fernzuhalten, liegt vor allem an der Figur des „Vaters“, dem Mehmet Cerrahoglu seine unvergleichliche Präsenz verleiht. Der hauptberufliche Parkplatzwächter setzt in seinem Filmdebüt ein, was ihm die Natur gegeben bzw. aufgeladen hat: Cerrahoglu leidet unter einem Gendefekt, der ihm eine Physiognomie und Hautstruktur verleiht, die kein Maskenbildner so glaubhaft nachschöpfen könnte: Dieser bizarre „Vater“ ist ‚echt“ und deshalb umso furchteinflößender, weil er keinen schäumenden Irren gibt, sondern in Blut und Gewalt ruhig und überlegt vorgeht. (Cerrahoglu erinnert in seinem Erscheinungsbild an den ebenfalls gengeprägten US-Schauspieler Michael Berryman, der seit Jahrzehnten zahlreiche ansonsten meist vergessene Horrorfilme als Mutant, Teufel oder Monster aufwertet.)

Männer unter sich

Außerhalb des türkischen Kulturkreises fällt es schwer, jene oft unterschwelligen Beziehungen zu interpretieren, die zwischen den fünf Polizisten bestehen. Sie sind Arbeitskollegen und Freunde, wobei dies von einem Moment zum nächsten wechseln kann. Zwischen Remzi und Arda scheinen verwandtschaftliche Bande zu bestehen – oder ist es nur ein Mentor-Schüler-Verhältnis?

Die fünf Männer stehen ständig unter Spannung. Immer wieder brechen Streitigkeiten aus. Außenstehende haben erst recht nichts zu lachen, denn sie werden unter Beugung bürgerlicher Rechte verprügelt oder anderweitig drangsaliert. Mehr oder weniger andeutungsweise erfährt man von Geheimnissen, die jeder der Fünf lieber für sich behält. „Vater“ kennt sie offensichtlich und bestraft sie, doch als Zuschauer ist man wieder auf Vermutungen angewiesen.

Hierzulande kennt niemand die Schauspieler, die deshalb erst recht mit ihren Rollen verschmelzen. Dies sind keine Klischee-Türken, sondern Männer, die Unerklärliches und Schreckliches erleben. Das teilt sich dem Zuschauer sehr deutlich mit. „Baskin“ ist kein rundes, d. h. gelungenes Werk, da wie gesagt zu viele Fragen bleiben. Dennoch kann man diesem Film über weite Strecken eine beinahe hypnotische Wirkung nicht absprechen: ‚Anders‘ ist „Baskin“ auf jeden Fall.

DVD-Features

Wieder einmal bleibt der DVD-Kunde ohne Extras. Wer die Blu-ray erwirbt, kann nicht nur den Hauptfilm, sondern auch die Kurzfilm-Vorlage von 2013 anschauen. Hinzu kommen ein 18-minütiges „Making of“, der Trailer und ein Booklet. Für hartgesottene Sammler gibt es eine „Limited Collector’s Edition”, die sowohl die Blu-ray als auch die DVD enthält.

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Baskin – Willkommen in der Hölle
Originaltitel: Baskin (Türkei 2015)
Regie: Can Evrenol
Drehbuch: Can Evrenol, Cem Özüduru, Erçin Sadıkoğlu u. Eren Akay
Kamera: Alp Korfali
Schnitt: Erkan Özekan
Musik: JF (Ulas Pakkan u. Volkan Akaalp)
Darsteller: Ergun Kuyucu (Remzi), Muharrem Bayrak (Yavuz), Gorkem Kasal (Arda), Fatih Dokgöz (Apo), Sabahattin Yakut (Seyfi), Mehmet Cerrahoglu (Vater), Sevket Suha Tezel (Vaters Helfer), Zafer Talibas (Wirt), Mehmet Akif Budak (Tellerwäscher), Serhat Mustafa Kiliç (Polizist), Seyithan Özdemir, Sevinc Kaya, Mümin Kaar (Froschfänger) u. a.
Label: Capelight Pictures
Vertrieb: Alive AG
Erscheinungsdatum: 29.04.2016
EAN: 4042564165258 (DVD)/4042564165265 (Blu-ray)/4042564165272 (2-Disc Limited Collector’s Edition)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Türkisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 93 min. (Blu-ray: 97 min.)
FSK: 18

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