Beneath Abstieg in die FinsternisAls eine Kohlenmine einstürzt, werden tief unter Tage Bergleute verschüttet. Sie müssen auf Rettung warten und stellen dabei fest, dass sie nicht allein in der Dunkelheit sind … – Etwas unschlüssig zwischen Psycho-Drama und klassischer Geistergeschichte schlingernder Film, der trotz beschränkten Budgets sehr gute Kulissen und Effekte bietet sowie eine beachtliche Gruselstimmung aufbaut, die sich in der Auflösung leider verflüchtigt.

Das geschieht:

Drei Jahrzehnte hat George Marsh stolz unter Tage in der Kohlenmine seiner kleinen Heimatstadt im US-Staat Pennsylvania geschuftet. Beschert hat ihm dies den Respekt der Kumpels sowie eine Staublunge, weshalb Gattin Judith und Tochter Samantha ihn endlich überreden konnten in Pension zu gehen. An seinem letzten Arbeitstag wird Samantha George in die Tiefe begleiten; sie studiert Umweltrecht und will die Gelegenheit nutzen, eines jener Bergwerke zu besichtigen, die sie später als ökologische Schädlinge verklagen wird; eine Tatsache, die für viel böses Blut zwischen Vater und Tochter sorgt.

Wie es Schicksal und Drehbuch wollen, steht genau dieser letzte Tag unter einem Unstern. Erst bohren zwei Kumpel mit dem Kohlenfräser einen alten, längst in Vergessenheit geratenen Schacht an, dann stürzen große Teile der Mine ein. Die Trümmer töten oder verletzen einige Männer und schließen die anderen und Samantha ein. Rettung wird kommen – aber erst in drei Tagen. Solange muss die Gruppe in der Tiefe ausharren. Immerhin gibt es einen Rettungscontainer mit separater Sauerstoffversorgung, was wichtig ist, da ohne Lüftung Kohlenstaub und giftige Gase durch die Minenschächte wabern.

Deshalb glauben die Überlebenden erst an Halluzinationen, als es außerhalb des Containers umzugehend beginnt. Seltsame Geräusche ertönen, es klopft von außen an die Wände, dann fliegen Steine. Einige mutige Männer begeben sich auf die Suche nach der Ursache, und Samantha schließt sich ihnen an. Man findet nichts, stattdessen verschwinden weitere Kumpel. Samantha stößt in einem besonders düsteren Gang auf einen Bergmann mit Moder-Fratze und Mordlust in den milchigen Augen. Der Container verwandelt sich in eine Festung, die von gruseligen Kreaturen belagert wird. Drinnen möchte man die Bedrohung aussitzen, doch leider sind die lebensnotwendigen Sauerstoffflaschen außen angeschlossen, was den Minen-Zombies nicht verborgen bleibt …

Klaustrophobie + Dunkelheit = Druck

Der Mensch ist ein überaus anpassungsfähiges Lebewesen. Wenn es sich lohnt, ist er auch dort zu finden, wohin er auf natürlichen Wegen niemals gelangen oder überleben würde. Wissensdurst und Gier sind die üblichen Auslöser, die ihn in lebensfeindliche Regionen führen. Auf diese Weise hat der Mensch die höchsten Berge erstiegen und ist in die tiefsten Meere getaucht.

Außerdem hat er früh herausgefunden, dass unter der Erdoberfläche Wertvolles lagert, mit denen sich Geld verdienen lässt. Die Förderung ist allerdings kompliziert und gefährlich, denn es reicht nicht aus, bloß ein Loch in die Erde zu graben, um auf diese Weise dem jeweils begehrten Bodenschatz zu folgen. Je tiefer ist hinuntergeht, desto größer werden die Gefahren. Zudem hat der Mensch zwar einst gern in Höhlen gewohnt, ist aber damals tunlichst dort geblieben, wo Tageslicht durch den Eingang fiel.

Dunkelheit ist ein Faktor, den der Mensch instinktiv fürchtet: Er kann nicht sehen, ob und wer sich ihm nähert. Außerdem schätzt er seinen Freiraum, der ihm ermöglicht, sich in jede Richtung zu bewegen. Minenschächte sind dagegen eng und fördern Klaustrophobie: das Gefühl, dass sich ohnehin massive Wände nähern und jene zermalmen, die zwischen ihnen gefangenstecken. Hinzu kommen sehr reale Gefahren, da selbst scheinbar stabile Gänge einstürzen können oder Gase freisetzen, die schon ein Funke entzünden kann. Unter Tage ist eine Flucht vor solchen Katastrophen schwierig bis unmöglich, weshalb der Bergbau auch im 21. Jahrhundert eine riskante Tätigkeit geblieben ist.

Ratten im Labor – oder in der Falle

Damit sind gleich mehrere Faktoren gegeben, die das Bergwerk als Kulisse für unterhaltsame Geschichten prädestinieren. Jene, die dort nicht im Schweiße ihres Angesichts schuften müssen, lassen sich gern wohlige Schauer über die gemütlich in Kino- oder Fernsehsesseln gelagerten Körper jagen. Schon die Realität ist dramatisch genug, was aber kein Grund ist, vor Übertreibungen Halt zu machen. Folglich treiben auch oder gerade unter Tage Monster und Geister ihr Unwesen.

In der Regel und auch in unserem Fall liegt solchem Spuk vergangenes Unrecht zu Grunde. Hier sind es die „19“, die 1927 in einer eingestürzten Mine ihrem Schicksal und damit dem Tod überlassen wurden. Sie wollen sich rächen – und sorgen für ein erstes Fragezeichen, da sich der Zuschauer wundert, wieso sie sich so viel Zeit damit gelassen haben. Natürlich könnte man argumentieren, dass die Umhergeisterei auf kollektiver Einbildung beruht, die durch sinnverwirrende Gase hervorgerufen und verstärkt wird. Dann müsste man den Drehbuchautoren Patrick Doody und Chris Valenziano noch größere Vorwürfe machen: Sie erzählen nicht nur eine allzu bekannte Gruselgeschichte, sondern scheitern auch an der Herausforderung, dem Zuschauer die Entscheidung zu überlassen, ob es in unserer Kohlenmine nicht mit rechten Dingen zugeht.

Faktisch lassen sich die Ereignisse jedenfalls nicht gänzlich als Wahn-Visionen ‚erklären‘, die zudem dem Hirn der zunehmend panischen Samantha entspringen, welche demnach diejenige wäre, die einen gestandenen Bergmann nach dem anderen umlegt. Dafür geschehen zu viele seltsame Dinge dort, wo Samantha nachweislich gerade nicht in der Nähe ist. Nein, es tappen wohl wirklich Geister durch die Gänge, die in ihre Opfer fahren, um diese in willenlose Zombies zu verwandeln, die anschließend gewalttätig gegen ihre Kumpel vorgehen.

Im Schutz der Dunkelheit

Als sich dies als ‚Erklärung‘ herauskristallisiert, verfliegt ein Großteil der Spannung, die Regisseur Ben Ketai durchaus erzeugen konnte. Zusammen mit Kameramann Timothy Burton entlockt er den Kulissen beträchtliche Spannung. Licht und Dunkelheit werden geschickt eingesetzt, um Unsicherheit und Angst zu säen. Gleichzeitig verzichtet Ketai leider nicht auf obligatorische Buh!-Effekte: Wenn die Kamera ‚springt‘, darf man sicher sein, dass ruckartig etwas Gruseliges vor die Linse gerät. Um Publikumsschrecken zu garantieren, dröhnt dazu laute Musik. Es ist einer der ältesten Tricks überhaupt, um Emotionen dort zu erzwingen, wo Filmmenschen keine Lust oder Talent haben, sie durch Ideen heraufzubeschwören.

Obwohl alles ‚echt‘ wirkt, entstand „Beneath“ keineswegs in einer echten Mine. Warum sich mit den logistischen Problemen unter Tage herumschlagen und Schauspieler in Gefahr bringen, wenn man ein Bergwerk täuschend echt in einem sicheren Studio nachbauen kann? Die Illusion ist perfekt; hier wackeln keine Pappfelsen, weil unachtsame Darsteller dagegen stoßen. Es ist düster, staubig und eng, überall öffnen sich neue und alte Stollen, in denen Böses lauern könnte.

Leider wirkt dieses Böse wie bereits angesprochen weder besonders unheimlich noch geht es einfallsreich vor; hier hilft freilich die offensive Dämlichkeit der Bergmänner. Falls nicht ohnehin nur die geistig Armen ihrer Heimatstadt einfahren, schlägt sich der Kohlenstaub nicht nur auf die Lungen, sondern auch aufs Hirn nieder. Tagsüber wird malocht, abends in der Kneipe gesoffen. Dabei redet man nicht miteinander, sondern kommuniziert über Zoten und Beleidigungen, wie das unter echten Männern nach Ansicht der Drehbuchautoren üblich ist.

Was treibt die Frau unter Tage?

Selbstverständlich würde die simple Story auch ohne jene weibliche Beteiligung funktionieren, die (u. a.) für Zuschauerinnen sorgen soll. Ohnehin müssen sich Doody & Valenziano verrenken, um Samantha Marsh an den Ort des Grauens zu bringen. Sie koppeln das mit einem Vater-Tochter-Konflikt, der niemanden interessiert. Dabei winken Doody & Valenziano nicht nur mit dem Zaunpfahl, sondern schlagen damit um sich, wenn sie deutlich machen wollen, dass Streitigkeiten mit den Betroffenen reisen und sich am Zielort genau dann zu Wort melden, wenn sie gefährlich werden können.

Das ist Hollywood-Psychologie, die hier zudem routiniert bis einfallslos durchexerziert wird. Auch sonst legen sich Doody & Valenziano mächtig ins Zeug, weil sie belegen wollen, dass Streit Monster gebiert, die sich unter Umständen mörderisch manifestieren können. Darüber hinaus verwandeln sich langjährige Arbeitskollegen und Freunde von einem Moment zum nächsten in Streithähne, Feiglinge oder Verrückte, die einander durch die halbverfallene Mine jagen und Panik eher parodieren als verkörpern.

Im Mittelpunkt steht Samantha, die als „Jonas“ verflucht wird, weil es angeblich Unglück nach sich zieht, wenn eine Frau mit unter Tage geht. Kelly Noonan müht sich wacker, eine bodenständige Bergmannstochter zu mimen. Dabei steht ihr einerseits das Drehbuch und andererseits die Gunst des Schicksals im Weg: Noonan ist selbst unter einer dicken Schicht Ruß einfach zu schön, um als irrsinnig gewordene Geisterbraut durchzugehen! Makellos glänzen ebenmäßige Zähne, darüber leuchten die Augen, und selbst unter dem Kohlenstaub glänzt das Blondhaar wie Weizen, was sich schwer ignorieren lässt, weil das Publikum sich langweilt und nach Ablenkungen sucht, statt sich auf die Handlung zu konzentrieren. Ein Punkt für Ketai und die Autoren: Die befürchtete Love-Story findet nicht statt.

Ein Ende ohne besondere Schrecken

Noonan hat Glück im Unglück, denn keiner ihre Schauspielerkollegen stiehlt ihr die Schau. Jeff Fahey gibt auf Autopilot den brummigen aber liebenden Vater, Mark L. Young den heimlich in die hübsche Samantha verliebten Grubbs. Die übrigen Kumpel-Darsteller erfüllen in diversen Abstufungen Working-Hero-Routinen und Macho-Klischees. Unter dem Dreck kann man sie ohnehin schwer auseinanderhalten.

Nach anderthalb Stunden endet diese Geschichte ohne Höhepunkt oder Sinn. Weder Doody & Valenziano noch Ketai hatten offenkundig eine entsprechende Idee. Also drücken sie sich um eine Auflösung und geben sich stattdessen mysteriös, was jedoch schiefgeht und in einem platten Final-Gag gipfelt, der nicht erschreckt, sondern das Publikum endgültig verärgert.

Auf diese Weise reiht sich „Beneath“ in die lange Reihe vielversprechend gestarteter Filme ein, deren Handlung irgendwann ins Stolpern gerät und sich bis zu den Schlusstiteln nicht mehr fangen kann. Das ist doppelt ärgerlich, weil vor und hinter der Kamera zumindest handwerklich solide Arbeit geleistet wird. Doch was nützt es, wenn das Fundament nichts taugt? Spannung und Erwartung zerbröseln gleichermaßen wie allzu heftig gepresste Kohle, der Story geht die Luft deutlich vor den Bergleuten aus.

DVD-Features

Die Extras wirken interessant und zahlreich, doch der Eindruck trügt. Präsentiert werden die üblichen ‚Interviews‘, die vor allem der Tatsache geschuldet sind, dass die Filmwelt klein ist und man sich als Arbeitgeber und Arbeitnehmer zukünftig erneut begegnen könnte; es äußern sich Ben Ketai, Kelly Noonan, Jeff Fahey, Joey Kern, David Shackelford, Eric Etebari, Kurt Caceres, Mark L. Young, Rene Rivera sowie die Produzenten Kelly Wagner und Nick Phillips.

Kurz bleiben rudimentär informative Impressionen von den Dreharbeiten, eine Pseudo-Dokumentation über das Grubenunglück von 1927 und den Mythos der „19“ sowie eine ebenso gefakte Nachrichtensendung, in der über die aktuelle Katastrophe ‚berichtet‘ wird. Hinzu kommt ein Teaser.

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Beneath – Abstieg in die Finsternis
Originaltitel: Beneath (USA 2013)
Regie: Ben Ketai
Drehbuch: Patrick Doody u. Chris Valenziano
Kamera: Timothy A. Burton
Schnitt: Toby Wilkins
Musik: Andres Boulton
Darsteller: Jeff Fahey (George Marsh), Kelly Noonan (Samantha Marsh), Brent Briscoe (Mundy), Kurt Caceres (Torres), Eric Etebari (Masek), Joey Kern (Randy), Ashway Lawver (Shannon), Rene Rivera (Strode), David Shackelford (Van Horn), Mark L. Young (Grubbs), Molly Hagan (Judith Marsh) u. a.
Label: Meteor Film
Vertrieb: Alive AG
Erscheinungsdatum: 24.10.2014
EAN: 4042564154368 (DVD)/4042564154375 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min. (Blu-ray: 90 min.)
FSK: 16

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