black-mountain-sideEinem archäologischen Eis-Fund entweichen nach dem Auftauen tödliche Krankheitserreger – oder ist es ein Alien oder gar Gott selbst, der die Wissenschaftler zunehmend bedrängt, in den Wahnsinn und schließlich zum Massenmord treibt …? – Die nicht gerade neue aber sichtlich ambitioniert und mainstreamfern sowie vor interessanter Kulisse erzählte Geschichte leidet unter deutlicher Budgetschwäche, diversen Längen und durchwachsenen Darstellerleistungen: „Unkonventionell“ bedeutet hier leider nicht „originell“.

Das geschieht:

Hoch im Norden Kanadas gräbt ein Archäologen-Team nach Relikten hier vor Äonen ansässiger Ureinwohner. Die aktuellen Funde sind so rätselhaft, dass man einen Spezialisten einfliegen lässt. Professor Piers Olsen ist wenig begeistert, in die polare Region gerufen zu werden. Der Winter bricht bereits an, der Tag dauert nur noch fünf Stunden, und die Temperatur erreichen zweistellige Minusgrade.

Olsens Enthusiasmus kehrt zurück, als man ihm zeigt, was womöglich eine Sensation darstellt: Im Dauerfrostboden steckt ein reich verziertes Bauwerk, das wohl vor 20000 Jahren entstanden ist! Der Forschung war bisher kein Volk aus dieser Vorzeit bekannt. Zudem scheint es sich bei dem Fund um eine Art Tempel zu handeln, in dem vor allem ein ‚Gott‘ in Rentiergestalt verehrt wurde.

Seltsame Ereignisse dämpfen die Entdeckerfreude. Die einheimischen Hilfskräfte verschwinden spurlos; offensichtlich sind sie mitten in der Nacht ohne Ausrüstung in den Norden und damit in den sicheren Tod aufgebrochen. Die Expeditionskatze wird zerstückelt vor dem ‚Tempel‘ gefunden. Der Funk fällt aus, und kein Nachschub erreicht das Camp.

Mehrere Mitglieder der Gruppe zeigen Symptome krankhaften Wahnsinns, die mit körperlichen Veränderungen einhergehen. Expeditionsarzt Dr. Andervs kommt zu dem Schluss, dass durch die Grabung bisher unterirdisch gefrorene Viren oder Bakterien ‚geweckt‘ wurden. Bald kommt es zu grotesken Gewaltausbrüchen, Selbstmorden und Morden. Die Theorie vom kollektiven Wahn, der infizierten Gehirnen entspringt, wird in Frage gestellt, als eine geisterhafte Gestalt, die einem auf zwei Beinen laufenden Rentier gleicht, die Männer heimsucht und sie in ihrem Irrsinn aufstachelt. Die korrekte Antwort wird lebensnotwendig, als sich der letzte, brutale Akt des Rätsels abzeichnet …

Alt aber frisch und sehr gefährlich

Kälte konserviert: Was nützlich ist, wenn man beispielsweise so viele Steaks erworben hat, dass man sie keinesfalls auf einmal verzehren kann, wird zum Problem, sobald man etwas endgültig verschwinden lassen will; folglich sollte man kein Mordopfer in einem Permafrostboden begraben.

Auch sonst kann es zu bösen Überraschungen kommen, wobei sich besonders die Unterhaltungsindustrie einfallsreich zeigt. Unvergessen ist sicherlich „Das Ding aus einer anderen Welt“, das Autor John W. Campbell 1938 in einer Fliegenden Untertasse über der Antarktis abstürzen ließ; der robuste Insasse wurde von neugierigen Forschern aufgetaut und erwachte zu neuen, mörderischen Leben.

Regisseur und Drehbuchautor Nick Szostakiwskyj geht die Sache ‚moderner‘ und (ein wenig) realistischer an. Dass die Erreger einst gefährlicher Krankheiten gefroren oder getrocknet erstaunlich lange Zeiten überstehen können, wurde spätestens bekannt, als der „Fluch der Pharaonen“ begann, jene Ägyptologen niederzustrecken, die in alten Mumiengräbern gewühlt hatten: Als „Fluch“ entpuppten sich aufgewirbelte Schimmelsporen, die in den Forscher-Lungen buchstäblich auflebten und undankbar ihre Wirte umbrachten.

Kennen wir das nicht?

Szostakiwskyj ist nicht der erste, der diese Idee umsetzt. Tatsächlich erinnert „Black Mountain Side“ fatal an einen Film von 2006. „The Last Winter“ basierte auf der Idee, dass die aktuelle Erderwärmung bisher arktisgefrorene Naturgeister freisetzt, die sich gegen die umweltzerstörenden Menschen wenden. Dies wurde deutlich mystischer und durchaus verschwurbelt dargestellte, doch „The Last Winter“ ist trotzdem der deutlich bessere Film.

So denken jedenfalls jene, die ihn bereits gesehen haben, denn dieser Film nimmt im Grunde alles vorweg, was Szostakiwskyj wieder aufgreift. Der gravierende Unterschied liegt darin, dass „Black Mountain Side“ eine ambitionierte aber mittelmäßig bis ungeschickt erzählte Geschichte bietet. Das ist nicht nur einem minimalen Budget geschuldet, obwohl sich diese Armut oft negativ bemerkbar macht. So werden mehrfach ausgiebig archäologische Artefakte beschrieben, die der Zuschauer nie zu Gesicht bekommt: Es war schlicht kein Geld dar, entsprechende Requisiten in kameratauglicher Qualität herzustellen.

Die eigentliche Crux liegt in einem Story-Faden, der vor allem in der ersten Hälfte deutlich straffer gezogen werden müsste. Szostakiwskyj will sich zur Entwicklung seiner Geschichte Zeit nehmen; „Black Mountain Side“ ist kein Mainstream-Action-Spektakel. Betont ruhig geht es vor der Kamera zu, bis sich die Ereignisse im Forschercamp zu überschlagen beginnen. Es gibt einige Szenen zu viel, in denen besessene Männer nächtlich in die Dunkelheit starren, wo etwas umzugehen scheint.

Fell und Bärte

„Black Mountain Side“ lebt auch von der Prämisse, dass unser Camp weitab jeglicher Zivilisation in der Wildnis liegt und nur aus der Luft erreicht bzw. versorgt werden kann. Die Isolation ist ein wichtiger Spannungsfaktor, weshalb es sich rächt, dass sich diese Einsamkeit dem Zuschauer nicht mitteilt. Zwar ist der Schnee echt und tief, doch tatsächlich gleicht das Camp einem Ferienlager. Die Hütten sind stattlich, es gibt Strom, und ein Funkspruch reicht aus, wenn Eier, Milch oder Zigaretten ausgehen.

Die acht Hauptfiguren – übrigens ausschließlich Männer; Szostakiwskyj macht auch in dieser Hinsicht keine Zugeständnisse an das ‚normale‘ Kino – orientieren sich in Schauspielkunst und -freude an der Außentemperatur; jedenfalls will uns niemand ans Herz wachsen. Das mag u. a. daran liegen, dass man die Protagonisten unter dicker Kleidung und hinter dichten Haarschöpfen oder Bärten schwer auseinanderhalten kann. Zwar lässt Szostakiwskyj einige biografische Hintergrunddaten einfließen, doch das sorgt weder im positiven oder negativen Sinn für charakterliche Kontraste; einig sind sich die Männer mehrheitlich nur darin, dass sie ihren Job wenig schätzen und primär auf die Ferien warten. Da denkt man mit ein wenig Wehmut an angeblich grobstrukturierte Filme, die es trotzdem besser machten: Das bereits erwähnte und 1951 bzw. 1982 verfilmte „Ding aus einer anderen Welt“ gehört dazu.

Unschuldig sind die Darsteller an einer Schmalspur-Synchronisierung, die einmal mehr die stark auf Stimmung setzende Handlung konterkariert bis sabotiert. Generell scheint das deutsche Label keine großen Hoffnungen in diesen Film zu setzen, der ohne Untertitel auskommen muss. Immerhin ist das Bild scharf und kontrastreich, weshalb die Arbeit von Kameramann Cameron Tremblay gewürdigt werden kann. Er drehte mit einer RED-ONE-Kamera, die auch bei relativ schwachem Licht gute Ergebnisse liefert. So konnte Tremblay das wintertrübe Tageslicht und in der Nacht die Innen- und Außenleuchten der Hütten nutzen. Die Kamera ist manchmal sehr beweglich, wobei man sich freilich nach dem Sinn fragt, da Statik ansonsten ein elementares Merkmal dieses Films ist.

Das Ding aus dem Eis – oder dem Hirn

Szostakiwskyj will sich nicht festlegen, was tatsächlich vorgeht. Halluzinieren die Männer aufgrund einer Infektion, oder wuselt wirklich ein aufgestörter ‚Gott‘ umher, der seine Opfer zum gegenseitigen Massenmord aufwiegelt? Erst hört man ihn, dann sieht man ihn auch – ein Fehler, denn abermals macht das Budget der gelungenen Illusion den Garaus: Selbst in der Dunkelheit sieht man der angeblich mythischen Kreatur ihre CGI-Herkunft an.

Dafür fallen einige Verstümmelungen und Schießereien erstaunlich drastisch aus. Die FSK scheint „Black Mountain Side“ entweder nur im Halbschlaf gemustert oder für ‚Kunst‘ gehalten zu haben; normalerweise sieht man hierzulande in einem „ab 16“ freigegebenen Film nicht so detailfreudig, wie ein Menschenschädel unter einem Gewehrkolben zerstampft wird. Die Gewalt ist jedoch nie Selbstzweck, sondern integraler Bestandteil des Geschehens und deshalb gerechtfertigt.

Im Finale geht es turbulent zu. Nachdem die Krise sich bisher langsam aufbaute und verstärkte, schlägt die Stimmung ein wenig zu plötzlich in die Katastrophe um. Das Ende ist faktisch offen; der Zuschauer muss aus dem Gesehenen selbst darauf schließen, was sich ereignet hat: ein Risiko vor allem dann, wenn nicht wirklich zufriedengestellt hat, was einem präsentiert wurde. Dies macht „Black Mountain Side“ zu einem jener Filme, die man entweder schätzt oder hasst, wobei die Gruppe derer, die letzterem zustimmen würden, eindeutig zahlenstärker ist. (Dieser Rezensent schließt sich an.) Obwohl man erkennt, was Nick Szostakiwskyj vorschwebte, ist er gescheitert – nicht nur wegen der schlaffen Budgetbörse, sondern auch, weil seine Idee entweder nur bedingt tauglich war oder er sie nicht adäquat umsetzen konnte.

DVD-Features

Zu sehen gibt es nur den Hauptfilm, Extras entfallen.

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Black Mountain Side – Das Ding aus dem Eis
Originaltitel: Black Mountain Side (Kanada 2014)
Regie u. Drehbuch: Nick Szostakiwskyj
Kamera: Cameron Tremblay
Schnitt: Matthew J. Barrett
Darsteller: Shane Twerdun (Jensen), Michael Dickson (Prof. Piers Olsen), Carl Toftfelt (Francis Månro), Marc Anthony Williams (Robert Michael Giles), Andrew Moxham (Dr. Richard Andervs), Timothy Lyle (Drew McNaughton), Steve Bradley (Steven Wells), Bryce McLaughlin (Ramis), Kelvin Bonneau (Navaron)
Label/Vertrieb: Lighthouse Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 23.09.2016
EAN: 4250128418447 (DVD)/4250128418454 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 95 min. (Blu-ray: 99 min.)
FSK: 16

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